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The Red Headed Corpse

Italien | Türkei, 1972

  • Originaltitel: La rossa dalla pelle che scotta
  • Alternativtitel:

    Sweet Spirits (USA)

    The Sensuous Doll (USA)

    La peau qui brûle (FRA)

  • Regisseur: Renzo Russo
  • Kamera: Luciano Trasatti
  • Musik: Sante Maria Romitelli
  • Drehbuch: Renzo Russo
  • Inhalt:

    Ein Hippie vermacht dem abgewrackten, an der Flasche hängenden Maler John eine alte, ramponierte Schaufensterpuppe. In seinem Atelier erwacht die Puppe scheinbar zum Leben und mit ihr die Erinnerungen an jene rothaarige Frau, die Johns Herz gebrochen und sein Leben zerstört hat...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    What the fuck? Kein schönes italienisches Murder Mystery, sondern ein Abgesang auf eine verlorene Liebe? Na ja, der Film würde nicht in diesem Rahmen besprochen werden, wenn´s so wäre. Es wäre sicherlich zu viel des Guten, wenn man diesem nahezu unbekannten Werk von Renzo Russo den fliegenden Wechsel vom Giallo (als der er ja gilt) ins dramatische Fach bescheinigen würde. Auch wenn Partnerschaftsdifferenzen, Eifersucht und Seitensprünge einen großen Teil der Handlung einnehmen, ist dies natürlich auf der Gefühlsebene wenig tiefschürend. In besagten Szenen ging es dem Regisseur mehr um die lasziv inszenierte Erika Blanc-Show, in welcher der andere Hauptdarsteller Farley Granger mehr oder weniger nur bedröppelt daneben stehen kann und mit ansehen muss, wie seine Filmgemahlin in bester Nymphomaninnenmanier wildfremden Männern schöne Augen macht.

     

    Doch bevor wir das Pferd weiter von hinten aufzäumen, kommen wir erst einmal zu den Rahmenbedingungen von LA ROSSA DALLA PELLE CHE SCOTTA aka THE RED HEADED CORPSE:

     

    Da hätten wir den wenig beachteten, doch schön obskuren Giallo aus dem Jahr 1971, der formal zwar alle Genrekonventionen erfüllt, aber versucht sich inhaltlich abzugrenzen. Das heißt: THE RED HEADED CORPSE bietet keine schwarzen Handschuhe auf, ja nicht einmal einen Killer im ureigensten Sinne des Genre. THE RED HEADED CORPSE ist viel mehr ein seltsam entrückter Film, dessen Regisseur es vorzieht - ähnlich wie Bazzoni in seinem SPUREN AUF DEM MOND -in den dunklen Seelentiefen des Hauptprotagonisten zu fischen. Natürlich dort, wo die Wasser am tiefsten und am unberechenbarsten sind; wo die Dinge schon mal Richtung Mord driften können - womit sich der Kreis zum Giallo wieder schließt.

     

    Da die Geschehnisse um den RED HEADED CORPSE nicht chronologisch, sondern mehr oder weniger in umgekehrter Reihenfolge erzählt werden, ist Farley Granger, der unseren Helden spielt, schon kurz nach dem Vorspann kaputt und alkoholkrank. Seine Zurechnungsfähigkeit hat sich in weiten Teilen bereits verabschiedet. Im ersten Filmdrittel darf also erst einmal der Wahnsinn dümpeln.

     

    Die Grenzen zwischen Realem und Irrationalem verwischen endgültig, wenn eine Schaufensterpuppe plötzlich zum Leben erwacht und dem Maler fortan eine roboterhafte, aber immer lächelnde "Vorzeigeehefrau" ist. Romitellis Musik und die etlichen von John genossenen Gläser Whisky säuseln dann alle Beteiligten (inklusive den Zuschauer) derart ins Delirium, dass nach zwanzig Minuten niemand mehr sagen kann, ob wir uns noch in der Wirklichkeit bewegen oder schon im siebten Höllenkreis der Säufer und gehörnten Ehemänner schmoren.

     

    Urplötzlich erscheint Erika Blanc auf der Bildfläche. Und jetzt führt uns die Handlung zurück zu den letzten glücklichen und geistig gesunden Tagen des Malers John. Gerade als Johns Kunst mit Akten von seiner Frau profitabel wird, entdeckt diese ihre nymphomanische Ader und wendet sich den Akten mit wildfremden Männern zu. Fortan regieren Seitensprünge und Eifersuchtsanfälle das Geschehen. Und die holde Weiblichkeit zeigt sich in der wunderschönen Gestalt der Blanc von ihrer teuflischsten Seite.

     

    Ohne die Blanc wäre der Film mit seiner Abkehr von den delikaten sur- bis irrealen Verwirrspielen des Startdrittels hin zu einem reinen, wenngleich sehr oberflächlich und unemotional gehaltenen Beziehungsdramas wahrscheinlich mit Pauken und Trompeten untergegangen. Aber Erika ist bei uns. Und wie!

     

    La Blanc - rot(haarig) wie die Sünde. Lasziv, unwiderstehlich, aber auch grausam und unersättlich. In THE RED HEADED CORPSE gibt sie schon einmal einen Vorgeschmack auf ihren legendär knackigen Auftritt als betörender Sukkubus in Brismees THE DEVIL´S NIGHTMARE. Sie wandelt sich von der netten Ehefrau in eine Teufelin, die mit den Männern spielt und ihren Partner am Ende in aller Öffentlichkeit und vor dessen Augen betrügt. Um dem vermeintlich starken Geschlecht den Kopf zu verdrehen, benötigt die Blanc weder explizite Sexszenen noch muss sie allzu viel nackte Haut zeigen. Allein mit erotischer Ausstrahlung setzt sie den Bildschirm ein ums andere Mal so sehr in Brand, so dass ihr auch das gelegentliche Abgleiten ins Overacting verziehen sei. Mit ihrem Sexappeal demütigt sie Farley Granger, verführt sie den alten Schwerenöter Venantino (EMANUELLE AND THE WHITE SLAVE TRADE) Venantini, junge wie alte Türken...

     

    Moment - Türken? Richtig gelesen! THE RED HEADED CORPSE ist eine italienisch-türkische Co-Produktion; gedreht wurde in Istanbul. Allerdings bleibt die für einen Giallo exotische Location und Produktionsbeteiligung eher unauffällig. Russos Inszenierung und Trasattis Kamera sind durch und durch italienisch. Und die Bühne gehört ohnehin Erika Blanc.

     

    Schade, dass Russo seinem letzten Regiewerk nur einen schwammigen Schluss gegönnt hat. So endet die sexy Blanc-Show zwar mit einem Mord oder im Wahnsinn, ganz sicher in Verwirrung, aber ohne gebührendes Feuerwerk. So sollten sich in erster Linie die (sicherlich zahlreich vorhandenen) Verehrer von Erika Blanc angesprochen fühlen. Und natürlich jene wackeren Fans, die auch vor atypischer, seltsamer Filmkost nicht zurückschrecken und nach den vielen schwarzen Handschuhen im Giallo, auch gerne mal wieder einen hätten, wo das andere ureigene Genreelement, nämlich die Schaufensterpuppe, eine bedeutende Rolle spielt.

     

    Prädikat: Eigentümlich.

  • Autor: Christian Ade
  • Links

    OFDb

    IMDb

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