Die Rache der Camorra

Italien, 1974

  • Originaltitel: I Guappi
  • Alternativtitel:

    Blood Brothers (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 1981 (TV)
  • Regisseur: Pasquale Squitieri
  • Kamera: Eugenio Bentivoglio
  • Musik: Franco Campanino, Gigi Campanino
  • Drehbuch: Michele Prisco, Pasquale Squitieri, Ugo Pirro
  • Inhalt:

    Der junge Nicola Bellizzi (Franco Nero) kommt um 1890 nach Neapel und gerät schnell mit dem örtlichen „Guappi“ Don Gaetano Fungillo (Fabio Testi) aneinander. Denn ohne die Zustimmung der Camorra geschieht dort nichts – Geschäftseröffnungen, Hochzeiten, Fehden, alles bedarf der Zustimmung der Camorra. Doch gemeinsame Schwierigkeiten schweißen die Beiden zu einer ungewöhnlichen Freundschaft zusammen, die bis zur Blutsbrüderschaft und somit Bellizis Beitritt in die Gemeinschaft der Camorra führt. Denn Bellizzi gerät in Lebensgefahr und möchte zudem Rechtsanwalt in Neapel werden. Mit der Mafia als Rückendeckung muss er nicht mehr um sein Leben fürchten, und seine Zulassung als Anwalt erfolgt schon bald darauf. Don Gaetano droht dagegen Ungutes, denn der örtliche Polizeichef Aiossa (Raymond Pellegrin), selbst ein ehemaliger Gangster, dem die Camorra aber einst die Aufnahme verweigerte, möchte seiner habhaft werden. Hierzu benutzt er Don Gaetanos Geliebte Lucia Esposito (Claudia Cardinale). Nach einem Auftragsmord, ausgeführt von Gaetano, bestellt der Polizeichef Lucia zu sich. Er erpresst sie mithilfe von einem Beweisstück - Gaetanos Messer - zu sexuellen Handlungen, behält sie die ganze Nacht bei sich und übergibt ihr das Messer anschließend. Eine Falle, denn der Polizeichef weiß, Gaetano wird sich an ihm rächen wollen. Nachdem Gaetano verhaftet und gefoltert wurde, übernimmt sein Freund Bellizzi seine Verteidigung.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Pasquale Squitieris „I Guappi“ ist einer der großen Klassiker des Mafiafilms – natürlich kein B-Movie, sondern großes Kino.

     

    Im historischen Gewand eines Armenviertels Ende des 19. Jahrhunderts erzählt Squitieri die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft und zeigt zugleich die Gründe für die damalige Macht der Camorra, die von der Armut, fehlender Schulpflicht und somit fehlender Bildung und Zukunftsaussichten für den Großteil der Menschen, profitiert, und das schon seit dem 15. Jahrhundert. Es gibt feste Regeln, denn es geschieht so ziemlich gar nichts, wofür man nicht beim örtlichen Ober-„Guappi“ die Genehmigung einholen muss.

     

    Und als ebensolchen Guappi sehen wir Fabio Testi, geschniegelt und gebügelt, frisch frisiert, mit gestyltem Bärtchen aber trotzdem nie zu fein, Hand anzulegen. Und für den von der Filmkritik damals oft belächelten Testi dürfte „Die Rache der Camorra“ ein sehr wichtiger Film gewesen sein, denn hier darf er wirklich glänzen, neben einem auffallend zurückhaltend agierenden Franco Nero und Claudia Cardinale, die hier ebenso wie Nero, nur dann aufdrehen darf, wenn Testi nicht mit im Bild ist.

     

    Und was könnte stärker aneinander binden, als erst ein Rasiermesserkampf Mann gegen Mann, bei dem man bei Eintreffen der Polizei füreinander eintritt und anschließend ein gemeinsames Peitschenduell mit verfeindeten Guappis. Dieses Peitschenduell ist es auch, dass Franco Neros Figur Bellizzi in Schwierigkeiten bringt, denn nachdem sich die Verlierer an ihm rächen, indem sie ihn zusammenschlagen, sticht ein zehnjähriger Taschendieb einen der Angreifer unerkannt nieder. So ist Bellizzi gezwungen, sich Protektion zu ersuchen, wobei er Blutsbrüderschaft mit Don Gaetano in Beisein der oberen Camorra-Bosse schließt und Don Gaetano sich im Gegenzug für ihn mit seinem Leben verbürgt. Eine sehr gelungene und düstere Szene, die wohl auch die Erklärung für das spätere Verhalten der Figuren ist.

     

    Denn Bellizzi übernimmt später Don Gaetanos Verteidigung in einem Mordprozess, und hier gelingt es Squitieri auch, das Dilemma einer Guappi-Geliebten zu vermitteln. Nur ihre Aussage über den erpresserischen Sex, erzwungen durch den Polizeichef, kann Gaetano retten, doch kann ein Guappi es sich leisten, noch mit einer Frau gesehen zu werden, nachdem die ganze Stadt vor Gericht hören konnte, dass seine Geliebte mit einem anderen zusammen war?

     

    Irgendwann muss Gaetano schließlich zu seiner Blutsbrüderschaft mit Bellizzi und der damit verbundenen Verantwortung für dessen Handlungsweisen stehen und Squitieri präsentiert eine spannende Verfolgsjagd mit Pferdekutschen. Bellizzi gewährte einem Mann Unterschlupf, den Gaetano hätte töten sollen.

     

    Franco Nero erhält seinen großen Auftritt in einem Gerichtsplädoyer, in dem er auf die Gründe für die Macht der Camorra hinweist, und Squitieri schlägt hier eine Brücke in die Gegenwart der Siebziger.

     

    Wie schon gesagt, „Die Rache der Camorra“ ist vor Allem ein Glanzauftritt für Fabio Testi, aber auch Raymond Pellegrin hat hier eine herrliche Drecksack-Rolle als Aiossa, einst selbst ein Gangster, der von der Camorra abgewiesen wurde, wovon auch eine Narbe zeugt, und der zur Polizei gegangen ist, um es der Camorra heimzuzahlen. Hier besonders schön, wie Franco Nero ihn vor Gericht vorführt und eine Reihe von Straftaten aufzählt und ihn bittet, dem Richter zu sagen, welche davon er, Aiossa, selbst schon einmal begangen hat, und er antwortet, „Alle...“

     

    Auch für Claudia Cardinale war es ein wichtiger Film, wenn auch nur in persönlicher Hinsicht. Hier traf sie erstmals Pasquale Squitieri, für den sie dann ihren Entdecker und Mentor Franco Cristaldi verließ. Mit Squitieri hat sie dann auch später eine Tochter, während Sohn Patrick, der nach Cardinales Autobiographie das Ergebnis einer Vergewaltigung während ihrer Jugendzeit in Tunesien war, von Cristaldi adoptiert wurde. Franco Cristaldi durfte sich dann ab 1983 bis zu seinem Tod 1992 mit Darstellerin Zeudi Araya trösten. Aber genug getratscht.

     

    Ein wenig zu unauffällig für meinen Geschmack war der Score von Gigi und Franco Campanino – Franco‘s erste und Gigi’s erste und letzte Filmarbeit – und man fragt sich schon, was hätte zum Beispiel Morricone hier daraus gemacht.

     

    Als Regieassistenz fällt der Name Roberto Pariante auf, der lt. ImdB an 57 Filmen beteiligt war, während das italienische Wikipedia die Zahl 110 angibt. Pariante starb 2009 und posthum erschien 2013 das sehr schwer erhältliche Buch „La Méta di un sogno“, in dem er über seine Karriere als Regieassistent schreibt.

     

    Fazit: ein A-Film unter den Mafiafilmen, sorgfältig inszeniert, mit guten Darstellern, glaubwürdiger und dramatischer Story, einigen emotionalen und visuellen Härten, mit dem reine Italo-Action-Fans aber eher weniger glücklich werden dürften.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Von Koch Media 2008 erstmals ungekürzt in Deutschland auf DVD veröffentlicht. Alte Videofassungen weisen ca. 10 Minuten Schnitte auf.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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