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Plagio

Frankreich | Italien, 1969

  • Originaltitel: Plagio
  • Alternativtitel:

    Un amour à trois (FRA)

  • Regisseur: Sergio Capogna
  • Kamera: Antonio Piazza
  • Drehbuch: Sergio Capogna
  • Inhalt:

    Wir befinden uns mitten in den Studentenunruhen der späten 1960er, die europaweit und damit auch in Italien um sich greifen. Massimo (Noury) und Angela (Medici) studieren und leben gemeinsam. Sie sind beide attraktiv und augenscheinlich sehr verliebt. Massimo steht kurz vor seinen letzten Prüfungen und büffelt konzentriert, während Angela das Leben ein wenig leichter nimmt. Um sie herum rumort es heftig, die Mitstudenten protestieren und demonstrieren. Dokumentaraufnahmen in Sepiafarben werden in den Film eingearbeitet: von Polizisten niedergeknüppelte Aufmärsche vermummter Demonstranten, fliegende Steine, Feuer. In diesem Aufruhr ist die harmonische Beziehung von Angela und Massimo eine Oase der Ruhe und der Zuversicht. — Eines Abends werden Massimo und Angela Zeugen, wie ein junger Mann von einer wilden Horde zusammengeschlagen wird. Massimo eilt zur Hilfe und rettet ihn. So lernt das junge Paar Guido (Lovelock) kennen, ein hübscher, trauriger und etwas entrückter Jüngling aus reichem Hause. Seine Eltern starben gemeinsam bei einem Autounfall: »Ich kam immer an zweiter Stelle, sogar vom Tod haben sie mich ausgeschlossen«, sagt er und deutet damit an, dass das Verhältnis zu seinen Eltern alles andere als einfach gewesen war. Nach und nach beginnt Guido, sich in die Beziehung seiner neuen Freunde einzuarbeiten, eine Art Beziehungs-Plagiat zu entwerfen: er schläft mit Angela und liebt Massimo. Dieser ist erschrocken und verwirrt, seine Liebste in den Armen seines neuen besten Freundes zu finden, und wählt zunächst die Flucht. Später dann, als Massimo sich seiner Gefühle für die beiden klarer ist, kommt es zu einer wunderschönen Liebesnacht für die drei Freunde.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Weiteres soll hier nicht verraten werden, aber die dunkle, melancholische Färbung des Films verheißt schon am Anfang nichts Gutes. Die Bäume sind bunt und werden langsam kahl, die toten Blätter wehen durch die Straßen. Die Bilder werden dominiert von weichen Brauntönen, einer herbstlichen Blässe. Dabei ist »Plagio« ein wunderschöner, ausgesprochen zarter und poetischer Film, dem der Zahn der Zeit erstaunlicherweise kein bisschen geschadet hat. Ein zeitloser Film, sehr sexy, sehr jugendlich.

     

    Trotz seiner unleugbaren Qualitäten ist »Plagio« außerhalb Italiens weitgehend unbekannt geblieben. Allerdings wurde er ausgerechnet in Japan zu einem heiß geliebten Kultfilm: Poster, Soundtrack, DVD — fast alles ist ausschließlich in Japan zu bekommen. Dort gibt es sogar einen Fanclub für den von Ray Lovelock gespielten Guido; er ist zerrissener als James Dean, er besticht durch eine fast weibliche Zerbrechlichkeit. Ob Lovelock ein guter Schauspieler ist oder nicht, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall war der damals 18jährige die perfekte Besetzung. Guidos Eltern liebten sich so sehr, dass er sich ausgeschlossen fühlte. Die mangelnde Liebe lastet wie ein Alp auf ihm, sie ist die von ihm zeitlebens zu tragende Bürde, der er sich nicht entziehen kann. Er glorifiziert seinen Vater (»ein feiner Kerl«) und entwertet seine Mutter (»eine moderne Frau, aber keine liebende Mutter«). (Es wird sogar angedeutet, dass er vielleicht seine Eltern getötet hat, weil er mit ihrer (scheinbaren) Ablehnung nicht mehr leben konnte.) Lovelock weint viel und schön, seine Schwermut ist sein ständiger Begleiter; selbst in den »verliebten« Szenen mit Massimo und Angela ist die Schwere allgegenwärtig. Zu seinem Eltern-Problem kommt noch erschwerend hinzu, dass Guido die Selbstakzeptanz fehlt. Eine durch und durch tragische Figur. Er ist (eher) homosexuell und schüchtern. In der Verbindung von Massimo und Angela erkennt er die Liebesbeziehung seiner Eltern wieder und bemüht sich, wie seinerzeit auch schon, sich einzufügen. Der Versuch, eine dauerhafte Partnerschaft zu dritt zu etablieren, kann jedoch nur scheitern, und eine partnerschaftliche Liebe kann die Liebe der Eltern auch nie und nimmer ersetzen. Guidos Fehlkonzeption des Geflechts von Liebe, Sex und Beziehung macht ihn letzten Endes liebes- und lebensunfähig.

     

    Als Gegenpol zu Lovelocks Zartheit ist der klassisch schöne, selbstbewusste Alain Noury als Massimo zu sehen. Der talentierte Franzose hatte hier seinen zweiten Leinwandauftritt. In den Siebzigern spielte er in einigen deutschen Simmel-Verfilmungen mit und wurde in ein paar Softsex-Filmchen verheizt, bevor er nach Jugoslawien ging und dort bis 1990 noch regelmäßig spielte. »Plagio« sollte sein schönster Film bleiben. Antonio Piazzas Kameraarbeit ist exquisit. Er scheut keine Experimente, bleibt ungebrochen spielerisch und frisch. Gerade bei Innenaufnahmen begibt er sich mit seiner Kamera in geradezu abenteuerliche Positionen: viele Vogel- und Froschperspektiven, die übergangslos von der Totalen in Groß- und Detailaufnahmen wechseln und sich am Spiel des Protagonisten-Trios förmlich weiden.

     

    Regisseur Capogna und sein Team hatten mit erheblichen Produktionsproblemen zu kämpfen. Gegen Ende des Drehs ging der Produktion das Geld aus, so dass fast das ganze Team kündigte. Am Schluss blieb nur noch ein gutes Dutzend Leute übrig, so dass Lovelock und Noury selbst die Klappe schlagen mussten. Für Sergio Capogna war »Plagio« der dritte von insgesamt nur vier Filmen, die er vor seinem frühen Tode 1977 im Alter von nur 50 Jahren realisieren konnte.

  • Autor: André Schneider
  • Veröffentlichungen:

    Der Film lief nie im deutschsprachigen Raum, aber die DVD ist als Import aus Italien ganz einfach zu beschaffen. »Plagio« ist mit seinen knapp 80 Minuten Lauflänge recht kurz, aber das ändert nichts an seiner Komplexität. Auf der DVD findet sich außerdem noch eine sehr informative Dokumentation über die Dreharbeiten.

  • Autor: André Schneider
  • Links

    OFDb
    IMDb

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