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Das Phantom der Oper

Italien, 1998

  • Originaltitel: Il fantasma dell'opera
  • Alternativtitel:

    Um Vulto na Escuridão (BRA)

    El fantasma de la ópera (ESP)

    Le fantôme de l'Opéra (FRA)

    O Fantasma da Ópera (POR)

    The Phantom of the Opera

  • Deutsche Erstaufführung: 25. Februar 1999
  • Regisseur: Dario Argento
  • Kamera: Ronnie Taylor
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Gérard Brach, Dario Argento
  • Inhalt:

    Seit langer Zeit munkelt man, dass in den Katakomben des Pariser Opernhauses etwas existiert. Ein namenloses Phantom, welches dort mit den Ratten lebt und die Oberwelt hasst. Dieses Phantom gibt es tatsächlich, und es verfolgt alle die in seine Welt eindringen wollen, mit grausamer Härte. So wird ein glückloses Schatzsucherpärchen hingemetzelt, genauso wie ein Rattenfänger die Rache des Phantoms erleiden muss.

     

    Das Phantom verliebt sich in die erfolglose Opernsängerin Christine und legt ihr all seine edlen Gefühle und seine Zuneigung zu Füßen. Doch Christine wird auch noch von einem andern Mann geliebt, dem Baron Raoul de Chagny, und zwei Männer und eine schöne Frau, das kann nicht gut gehen. Vor allem dann nicht, wenn der eine der beiden Männer in der Schwärze lebt, und seine Seele von ebendieser Schwärze genährt wird. Als das Phantom Christine zum Ruhm bringen und dafür die erste Sopranistin ausschalten will, beginnt sich eine Katastrophe anzubahnen.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Es dämmert. Eine Gruppe von Menschen versammelt sich vor dem Feuer, und während die Nacht hereinbricht fängt einer an eine Geschichte zu erzählen. Eine dunkle Geschichte, in der düstere Männer um die Gunst schöner Frauen werben, und in der Leidenschaften und Gefühle die Menschen beherrschen und sie zu unfassbaren Taten zwingen.

     

    Nein, das hat jetzt nichts mit dem Film zu tun, aber dergestalt ist die Ausgangssituation von DAS PHANTOM DER OPER. Es geht um Liebe und um Leidenschaft. Es geht um Menschen die sich von ihren Gefühlen bis zum Äußersten leiten lassen. Es geht um dunkle Mächte, um finstere Gestalten die unerkannt in der ewigen Nacht sitzen und das Leben derer, die im Lichte leben, versuchen.

     

    Und wer jetzt gähnt und denkt „Was für ein altmodischer Scheiß“, der wird mit dem PHANTOM sicher nie etwas anfangen können, wird sich bei Sichtung des Film genau das oben angeführte denken und hinterher schlimmste Kommentare in den entsprechenden Foren posten. Wer aber ein Herz hat für schöne Frauen in edlen Gewändern, die vor unheimlichen Gestalten in wehenden Capes durch düstere Verliese flüchten, und wer ein Herz hat für tragische und sinistre Männer, die auf einem Boot durch die ewige Nacht staken um ihre Liebste vor dem Zugriff der Oberflächenwelt zu retten, der ist hier goldrichtig.

     

    Denn nichts anderes ist DAS PHANTOM DER OPER als ein gotischer Schauerroman, ein schwarzes und oft grausames Märchen für Erwachsene, in dem Gefühle wie Liebe und Hass noch so richtig altmodisch thematisiert und ausgelebt werden. Wer in die Welt des Phantoms, bestehend aus den düsteren Gängen unter der Pariser Oper, wer also in diese Welt eindringt, der stirbt einen grauenhaften Tod. Doch ist dieses Phantom kein ausschließlicher Unhold sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, und seine Zuneigung gehört der jungen Sängerin Christine. Das Phantom hat durchaus edle Gefühle und kann wahre Liebe geben, und die Liebesnacht im Kerzenschein in der Höhle des Phantoms ist so tiefromantisch wie man es sich nur vorstellen kann. Christine spürt diese wahre Liebe, aber sie spürt ebenfalls, dass das Phantom ein grausamer Sadist ist, der sich am Leiden anderer ergötzt. Wie wohltuend ist da doch, von Christines Standpunkt aus gesehen, die harmlose Flirterei mit dem jungen Baron Raoul de Chagny, der ihr rote Rosen in die Garderobe schickt, den Hof macht – und am Abend mit seinem älteren Bruder drogengeschwängerte und ziemlich geile Orgien feiert.

     

    Argento projiziert das ganz große Gefühlsspektakel in eine Zeit hinein in der Gefühle oft unterdrückt, und doch gleichzeitig, vor allem gerade die dunkel-romantischen, hemmungslos ausgelebt wurden, nämlich in den beginnenden Fin de Siécle, die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Elitäre Opernwelt hier, zügellose Orgien der Lust dort. Vornehme Prüderie hier, leidenschaftlicher Sex dort. Verspielte Ballettnovizinnen hier, unerbittlicher Kindesmissbrauch dort. Zwei Liebhaber dunkler Poesie, der eine bevorzugt Baudelaire und der andere Rimbaud, prügeln sich über den Diskurs der Wichtigkeit ihrer Idole. Die Welten die hier aufeinander prallen sind ähnlich wie im Mittelalter Welten voller Leidenschaft und werden entsprechend ausgelebt. Und wenn am Ende der halbtote und blutüberströmte Rattenfänger auf der Bühne der Hochkultur erscheint, dann hat dieser Zusammenprall die gleiche Schockwirkung wie ein besoffener Punk auf dem Sommerfest des Bundespräsidenten, und der Unterschied zwischen dem realen und leidenschaftlichem Leben und einem gefühlsfreien und hochgestochenen Kunstgebilde wird fast schmerzhaft deutlich gezeigt. Zwar wirken manche der eingearbeiteten Elemente gelegentlich etwas deplaziert, und den Rattenmäher, eine Steam-Punk-ähnliche Maschine zum automatisierten Abschlachten von Ratten, hätte ich so eher bei Terry Gilliams verortet als bei Dario Argento, aber die Stimmung die in diesen Szenen vorherrscht, wenn die beiden Rattenfänger in ihrem Kabuff hocken und den Ratten die Schwänze abschneiden und dabei halbirre lachen, diese Stimmung passt perfekt in das Gesamtbild. Diese Mischung aus gotischem Grusel und Skurrilität hat eine ganz eigene Atmosphäre, die aber wohl in erster Linie dafür zuständig sein dürfte dass die Meinungen über den Film so auseinandergehen. Vergleichbar wäre sie am Ehesten mit der Welt der Pariser Vampire aus Neil Jordans INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR, verfeinert mit einer Prise DELIKATESSEN …

     

    Zu diesem besonderen Flair passt ebenfalls, dass es bis auf eine kurze Kutschfahrt durch eine neblige Strasse keinerlei Außenaufnahmen gibt, abgesehen von einigen schaurigen Kamerafahrten über die Fassade des Budapester Opernhauses (dort wurde gedreht). Sprich, es wird eine künstliche Welt erzeugt mit einer künstlichen Stimmung, und in dieser Kunstwelt passieren unglaubliche Dinge, die in überwältigenden Bildern dargestellt und mit einer umwerfenden Musik untermalt werden. Aber halt immer alles auf Basis einer Parodie des wirklichen Lebens. Wobei die Gefühle immer und ausschließlich egoistisch und dem eigenen Trieb geschuldet sind, gleich ob es um das Erbitten sexueller Gefälligkeiten blutjunger Balletttänzerinnen mittels Schokolade geht, um das rücksichtslose Durchsetzen der eigenen Wünsche, oder um das Herz Christines (Das Phantom erklärt unumwunden dass es Christine besitzen (sic!) will, aber man kann sich bei dem gezeigten Lebenswandel des Barons denken, dass dieser ebenfalls nur auf das Wohlergehen seines eigenen Schwanzes achtet und auf sonst gar nichts). Menschenleben zählen nichts („Er stirbt.“ Heiter-lächelnde Antwort: „Nein nein, nur ein Malariaanfall, das ist in einer Minute vorbei.“, während der Tod tatsächlich bereits eingetreten ist) und Geld ist alles, und interessanterweise wird das Wort “Schatz“ in verschiedenen Bedeutungen sehr häufig bemüht. Eine schwarze Welt ist dies, und wie eine Spinne in ihrem Netz sitzt das Phantom in der Schwärze seiner unterirdischen Welt, und ist dabei doch nur ein Teil unserer eigenen Gedanken. Nämlich jener Teil, den wir meistens nicht zulassen wollen und verdrängen: Der Teil, der besitzen will und von dunklen und unaussprechlichen Gelüsten träumt. Die Selbstbefriedigungsszene mit Ratte empfand ich jedenfalls als ausgesprochen intensiv.

     

    Trotzdem gibt es hier, wir reden ja immerhin von einem Märchen, auch edle und wahre Gefühle, wenngleich man sie auch suchen muss. Das Handeln des Phantoms gegen Ende, davon leben romantische Erzählungen seit Hunderten von Jahren, und die zart angedeutete Freundschaft zwischen Christine und Honorine ist ebenfalls schon immer Gegenstand dieser Erzählungen gewesen. Somit ist klar, dass wir hier von einer idealisierten und romantisierten Welt reden, die mit der Realität aber auch rein gar nichts zu tun hat, sondern viel eher verglichen werden sollte mit Erzählungen von Edgar Allan Poe, Arthur Machen oder Mary Shelley. Oder natürlich Gaston Leroux … Das Ende des Films ist dann purer Kitsch, vergleichbar mit einem Melodram aus Hollywoods großer Zeit. Und ich bin sicher dass es, mitsamt dem merkwürdigen Verhalten der Protagonisten und dem Aufheben zeitlicher Abhängigkeiten, auch genauso gemeint ist, nämlich als Liebeserklärung an das Kino per sé. Und an das Geschichtenerzählen.

     

    Man kann sich also, um den Kreis zu schließen, dem PHANTOM DER OPER auf zwei Wegen nähern. Man kann sich einreden dass dies ein Horrorfilm sei, und nach etwa der Hälfte wutentbrannt die DVD (oder wasauchimmer) aus dem Abspielgerät reißen und sie in den tiefsten Tiefen der Stapel mit ungesehenen Filmen entsorgen, denn mit Horror hat dieser Film rein gar nichts zu tun. Man kann aber auch mit unvoreingenommener Neugierde hergehen und sich eine dunkle und romantische Geschichte erzählen lassen, die Ausflüge in den Gore und die manchmal skurrilen Effekte als Kuriositäten ansehen, und sich dabei über die Fabulierkunst des Erzählers freuen. In diesem Fall wird man mit einer Geschichte belohnt, welche die Sinne mit Bildern, Tönen und Gefühlen intensiv verwöhnt. Und wenn man dann noch auf Motivsuche geht, dann kann man in diesem Film tatsächlich schwelgen. Beispiele? Julian Sands in Hose und schweren Stiefel, der mit einem riesigen Hammer eine Säule zerstört. Und noch mal Julian Sands, der im schwarzen Umhang, in einem Nachen stehend, über finstere Kanäle rudert. Schwarz-romantisch eben …

     

    Ich bin jederzeit bereit, DAS PHANTOM DER OPER zu verteidigen, hat der Film es doch aus dem Stand heraus zu meinem zweitliebsten Argento geschafft (das STENDHAL-SYNDROM ist immer noch unübertroffen). Meine Argumente werden allerdings die gleichen sein wie immer: Bei solch einem Meisterwerk der Erzählkunst brauche ich keine Logik, keine Realität und keine Kausalitäten! So ein Film nimmt mich mit auf eine Reise durch ungeahnte Landschaften, und in solch einen Film kann ich versinken und mich meinen Träumen hingeben. Was zur Hölle sollte ich da mit Logik oder realistischem Verhalten der Charaktere? Die Phantasie an die Macht …!

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde die abgespeckte Mediabook-Veröffentlichung von X-Rated (als ECC Nummer 20), und zwar die Blu-ray (wobei die vorliegenden Screenshots von der DVD sind). Das Bild ist perfekt, genau der richtige Grad an Körnung um Kinofeeling aufkommen zu lassen. Der Ton liegt in deutsch und italienisch mit deutschen und englischen Untertiteln vor. Zumindest die deutschen Untertitel scheinen an die deutsche Synchronisation angelegt zu sein, was beim Anschauen der italienschen Sprachversion auffällt – Hier tauchen in völlig stummen Szenen plötzlich UTs auf, und eine Übersetzung der italienischen oder französischen Wörter entfällt manchmal ersatzlos (“Merde“ …).

     

    Als Extras liegen auf der Disc vor: Ein Audiokommentar von Dr. Marcus Stiglegger und Kai Naumann, verschiedene Trailer und ein TV-Spot, ein knapp 11-minütiges Making-of mit dem Charakter einer B-Roll, ein kurzes Interview mit Julian Sands, verschiedene Werbematerialien, der englische Vor- und Abspann und ein wenig unbearbeitetes Material des Filmbeginns. Interessanter ist das Booklet des Mediabooks mit einem Abriss Kai Naumanns über die Geschichte des Phantoms der Oper von Gaston Leroux bis zu Dario Argento, sowie einem Interview mit dem Synchronsprecher Norbert Gastell.

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

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