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Pasolinis tolldreiste Geschichten

Frankreich | Italien, 1971

  • Originaltitel: I racconti di Canterbury
  • Alternativtitel:

    Os Contos de Canterbury (BRA)

    Os Contos de Canterbury (ESP)

    Les contes de Canterbury (FRA)

    The Canterbury Tales (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 12. Oktober 1972
  • Regisseur: Pier Paolo Pasolini
  • Kamera: Tonino Delli Colli
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Pier Paolo Pasolini
  • Inhalt:

    In einem englischen Landgasthof im Jahre 1368 werden Geschichten erzählt. Geschichten von Wollust und Gier, von Betrug und Hass. Lustige Geschichten, erotische Geschichten und philosophische Geschichten:

     

    Eine Frau muss heiraten und betrügt ihren Gatten in einem Garten in dem die Götter wohnen. Und diese spielen manchmal ganz gerne mit den ahnungslosen Menschen.

     

    Ein grausamer Büttel, der Geld damit verdient andere Menschen zu denunzieren, trifft den Teufel und schließt mit ihm Brüderschaft. Gemeinsam ziehen sie los die Menschen zu verderben und dabei so viel wie möglich für sich herauszuschlagen.

     

    Ein Tramp schlendert durch die Stadt, immer auf der Suche nach Essbarem und auf der Flucht vor der Polizei.

     

    Ein Student begehrt die Frau seines Zimmerwirts, woraufhin er einen großartigen Plan schmiedet um ihren Mann in ein Fass unter der Zimmerdecke zu stecken, während er seinen Spaß mit der Frau hat. Allerdings hat die Frau auch noch andere Verehrer.

     

    Eine Frau heiratet um regelmäßigen Sex zu haben. Allerdings ist sie so unersättlich, dass sie ihre Angebeteten regelmäßig in den Tod vögelt. Nur der jetzige Mann, der Auserwählte Nummer 5, wirkt seltsam desinteressiert.

     

    Zwei Studenten wollen Frau und Tochter eines betrügerischen Müllers ins Bett bekommen. Gemeinsam reiten sie los um einen schönen Tag ohne Professoren zu haben, Spaß zu haben mit den Frauen, und um dem Müller seine Schurkereien auszutreiben.

     

    DreiHalbstarke wollen den Tod kennenlernen. Von einem alten Mann werden sie an einen bestimmten Baum geschickt, wo sie einen Schatz finden.

     

    Und zu guter Letzt wird ein habgieriger Mönch in die Hölle geleitet und sieht, wo die Mönche dort ihren Platz haben.

     

    Und mittendrin immer wieder Pier Paolo Pasolini als Geoffrey Chaucer, wie er sich die Geschichten ausdenkt, darüber lacht und sie niederschreibt.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Ursprünglich habe ich mir die TOLLDREISTEN GESCHICHTEN aufgrund einer interessant klingenden Besprechung ausgeliehen, las aber nach dem Erhalt leider erstmal eine andere, sagen wir mal “wohlwollende“ Besprechung, woraufhin ich die Sichtung ewig vor mir hergeschoben habe. Ich dachte, der Film wäre ein typisches Kopfprodukt der 70-er Jahre – anspruchsvoll, dialoglastig, so schwer wie ein viel zu üppiges Abendessen. Pustekuchen, genau das Gegenteil ist der Fall! Wie bei einem Bauernspiegel greift Pasolini mitten ins pralle Leben und präsentiert leicht und voller Witz alles, was das Leben damals (und auch heute) eben so ausmachte, und zwar im mittelalterlichen Duktus. So war etwa Erotik im Mittelalter keine feinsinnige Sache. Die Minne in höheren Kreisen durchaus, aber im einfachen Volk war die Erotik deftig und kräftig - Spaß am Sex war das Motto. Und Pier Paolo Pasolini war sicher ein hoch gebildeter und feinsinniger Mann, aber er konnte der Versuchung widerstehen Chaucers Geschichten ohne künstlerische Verzärtelungen umzusetzen, sondern stattdessen sowohl die Erotik wie auch die Verkommenheit der Menschen ohne Umschweife zu zeigen. So prall wie ein dicker runder Arsch im Gesicht (und wer sich den Film anschaut wird wissen was ich damit meine).

     

    Was dabei herauskommt ist ein Sittenbild der Menschheit, welches auch heute noch ziemlich aktuell ist. Lügen, Habgier, Mordlust, sexuelle Begierde, alles was vor 600 Jahren im Erdenkreis so los war und auch heute noch modern und beliebt ist. Manch ein Regisseur hätte daraus nun ein vor Moral und erhobenem Zeigefinger triefendes Trauerspiel mit höchstem künstlerischem Anspruch gemacht, aber nicht so Pasolini! Seine TOLLDREISTEN GESCHICHTEN machen Spaß, sind sexy, geben trotzdem Stoff zum Nachdenken, und unterhalten in fast jeder Minute. Zugegeben ist der Beginn etwas spröde, und ausgerechnet die erste Episode um den alten Mann, der die junge Frau heiratet, die aber viel lieber mit einem jungen Mann bumsen möchte, ausgerechnet diese Episode ist eine der schwächsten, da ein wenig der Esprit fehlt. Aber schon in der zweiten Episode wird es interessanter, wenn Franco Citti als Teufel auf einen hartherzigen Büttel trifft und die beiden einen Pakt aushandeln: Sie wollen Brüder sein, und der Teufel bekommt alles was die Menschen ihm freiwillig schenken. Der Büttel dachte er mache ein gutes Geschäft … In der dritten Episode wird das Eis dann endgültig gebrochen, wenn in einer wunderbaren Hommage an Charly Chaplin ein Tramp, komplett mit Stock und Hut, durch den Ort zieht, einem Kind das Naschwerk wegfuttert, vor der Polizei flüchtet, die Verfolger dann slapstick-artig in den Fluss fallen lässt, und einfach liebevoll-klamaukig das Mittelalter auf den Kopf stellt. Einer der Höhepunkte des Films ist der Traum des Tramps, in dem er bei einem Fest zu Gast ist auf dem ausschließlich nackte Frauen sind. Nackte Frauen tanzen, nackte Frauen musizieren, nackte Frauen essen. Und der Tramp freut sich und freut sich …

     

    Die meisten Geschichten sind frivol, derb und lustig, doch 2 Episoden sind ernster: Neben der sehr düsteren Erzählung um den Teufel und den Büttel, in der wir auch miterleben müssen wie ein Homosexueller wegen widernatürlicher Unzucht verbrannt wird, ist es vor allem die vorletzte Geschichte die nachdenklich macht und den Zuschauer trifft. 4 junge Burschen, die vom Aussehen und Benehmen her in jedem Fußballstadion zwischen Chelsea und Dresden zuhause sein könnten, benehmen sich als ob ihnen die Welt gehört. Im Hurenhaus pissen sie auf die anderen Gäste, und als dann einer von ihnen ermordet wird wollen die anderen 3 seinen Tod rächen. Sie rennen in die Welt hinaus und begegnen einem alten Mann, der ihnen ebenfalls vom Tod erzählt. Sie bedrohen den alten Mann mit dem Messer und wollen wissen, wo sie den Tod treffen können. Der alte Mann erklärt ihnen, dass er den Tod gerade gesehen hat, dort drüben, an einem Baum. Als sie zum Baum kommen finden sie einen Schatz. Nun ist es aber Tag, und sie wollen die Nacht abwarten um den Schatz an sich nehmen zu können. Doch so ein Schatz weckt Begehrlichkeiten, und wahrlich, sie treffen den Tod, genau dort wo der alte Mann es gesagt hat: Dort am Baum …

     

    Und dann ist da noch die letzte Folge, in der ein habgieriger Mönch in die Hölle geführt wird und lernt wo sein Platz ist: In gigantischen Einstellungen (filmisch und inhaltlich) sehen wir, wie die Teufel die Mönche in riesigen Fontänen ausscheißen. South Park’s Antwort auf die 120 Tage von Salò! Eine beeindruckende Darstellung der Dante’schen Hölle, folgerichtig zitiert hier der Engel auch aus Dantes Inferno. Diese Episode ist ein überdimensionierter Fußtritt des homosexuellen und kommunistischen Pasolini in das Gesicht der 1971 in Italien noch allmächtigen katholischen Kirche und des mit ihr eng verbandelten Staates. Ein Rundumschlag gegen jede Autorität die sich anmaßt moralische Regeln aufzustellen. Eine schreckliche Vision für jeden, dessen Macht auf Ausbeutung und Unterdrückung basiert. Große Kunst!!

     

    Sicher hat der Film auch so seine Tücken. Da wäre zum einen die Erzählstruktur: Alle Episoden gehen ineinander über, und auch die Rahmenhandlung um Geoffrey Chaucer ist von den Erzählungen nicht so sauber getrennt wie der moderne Zuschauer es kennt. Die Geschichten haben keinen klaren Anfang und kein klares Ende, sie beginnen und enden halt einfach, und der Zuschauer ist immer mittendrin. Zudem sind die meisten Darsteller Laiendarsteller, und auch wenn sie sich alle Mühe geben, es ist halt nicht immer Oscar-reif was da abgeliefert wird. Aber auf der anderen Seite haben alle Beteiligten sichtlich Spaß an der Darstellung, also was soll es? Erzählt uns doch der Film schließlich, wie wichtig es ist sich zu vergnügen und eben keine Rosinen zu picken. Aber als Zuschauer des 21. Jahrhunderts muss an sich da halt erst ein wenig hineinfinden in diese Welt, in der einem nicht alles haarklein vorgekaut wird.

     

    Und doch, so spröde (ich erwähnte es) der Beginn ist, so sehr habe ich mir irgendwann gewünscht dass dieser Film niemals aufhören möge, und nach dieser Geschichte noch eine kommen möge und noch eine und noch eine. Es ist eine ganz wunderbare und leichte Stimmung die hier herrscht, geradezu magisch. Drei Dinge tragen dazu bei: Da ist einmal der Drehort – Alle Szenen wurden in Canterbury und Umgebung gedreht. Das heißt die Gebäude sind englisch, die Landschaft ist englisch, die Gesichter der Statisten und Nebendarsteller sind sehr englisch, und wer Südengland kennt weiß, dass dort Luft und Licht einfach ein klein wenig anders sind. Leichter, gewissermaßen. Um nicht zu sagen magisch … Das Flair passt einfach.

     

    Dann ist da die Musik. Fast ununterbrochen ist im Hintergrund Musik zu hören, meist nur leise, irgendwo spielt jemand auf einer Flöte oder einem Dudelsack. Dann sind wieder Geräusche zu hören: Ein Schmied hämmert das Eisen, Hühner gackern, Pferde laufen vorbei, Gänse schnattern, und darüber immer wieder diese Musik. Eine Stimmung wie auf einem Mittelaltermarkt, abends, wenn die Touristen fort sind und das Lagerleben beginnt. Eine leichte Stimmung, voller Tanz und Liebe, voller Musik und Wollust. Offiziell hat Ennio Morricone diese Musik geschrieben, ich bin mir aber bei einigen Stücken sicher, dass ich sie aus den Top Ten des Jahres 1348 kenne. Wahrscheinlich hat Morricone vorhandene mittelalterliche Stücke mit seiner eigenen Musikalität an den Film angepasst und modifiziert, und gegebenenfalls mit der einen oder anderen Eigenkomposition aufgefüllt. So oder so: Magisch …

     

    Die dritte wundervolle Zutat (also: Voller Wunder) sind die unglaublichen Bilder von Tonino delli Colli. Beim Erstellen der Screenshots für diesen Film bin ich bei der stolzen Anzahl von knapp 30 Bildern gelandet, und dabei habe ich mich noch zurückgehalten. Praktisch alle Einstellungen dieses Films sind Gemälde, sind lebendig gewordene Tableaus, und wenn das Mittelalter tatsächlich so ausgesehen haben sollte wie delli Colli es darstellt, dann müssen die Menschen damals ziemlich glücklich gewesen sein. (Was zu dem Schluss führt, dass es wohl anders ausgesehen haben muss …) Delli Colli illustriert die Geschichten und die Stimmungen wie ein Maler, der mit einem hauchzarten Pinselstrich ganze Wunderwelten erschaffen kann. Diese Gemälde sind ein guter Teil der Begeisterung, und die Kombination aus Musik, Bildern und Erzählung, die macht einfach nur süchtig.

     

    So sehr habe ich mir gewünscht dass dieser Film niemals enden möge, dass ich mir einen Tag später die anderen beiden Filme aus Pasolinis TRILOGIE DES LEBENS bestellt habe: DECAMERON als erster Film der Trilogie und EROTISCHE GESCHICHTEN AUS 1001 NACHT als letzter Film. Dies soll als Hinweis (oder als Warnung, je nachdem) verstanden werden, dass die TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, der mittlere Teil der Trilogie, sehr viel Lust auf Leben machen können, aber auch auf Film. Auf Filme, die leicht und wollüstig sind, die ernste Geschichten mit einem Augenzwinkern erzählen können, und die einem beibringen können nicht alles so furchtbar ernst zu nehmen. So wie man es im Leben auch tun sollte …

     

    Der katholische Filmdienst jedenfalls sah die TOLLDREISTEN GESCHICHTEN in der Ecke von Alois Brummer (das war der mit unter anderem den GRAF PORNO-Filmen), und somit ganz weit weg von jedwedem verkopftem Kino. Die Konsequenz kann also folgerichtig nur lauten: Empfehlenswert!

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde die deutsche Verleih-DVD von Legend, bei der das Bild an allen vier Seiten beschnitten wurde. Der deutsche Ton wirkt oft asynchron, was aber auch ein Problem der Synchronisation sein kann. Es scheint ein wenig, als ob die Fassung aus mehreren Mastern unterschiedlicher Qualität erstellt wurde, ohne allerdings das Material aneinander anzupassen. Vor allem in der zweiten Hälfte des Films sind dadurch deutliche Qualitätsschwankungen des Bildes zu sehen, leider vor allem nach unten.

     

    Als Extras gibt es neben einer Bildergalerie ein Interview mit dem Darsteller des Tramps, Nino Davoli, der sich an die Dreharbeiten und an seinen Freund Pasolini erinnert. Außerdem sind 3 Trailer des Films enthalten: Der US-amerikanische in der Originalfassung (mit nackter Haut), der jugendfreie US-Trailer (ohne nackte Haut), sowie der italienische Trailer (mit sehr viel nackter Haut).

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

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