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Paisa

Italien, 1946

  • Originaltitel: Paisà
  • Alternativtitel:

    Von Anfang an war Liebe (AUT)

    Païsa (FRA)

    Paisan (GBR)

    Libertação (POR)

    Paisan (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 08. Oktober 1949
  • Regisseur: Roberto Rossellini
  • Kamera: Otello Martelli
  • Musik: Renzo Rossellini
  • Drehbuch: Sergio Amidei, Klaus Mann, Federico Fellini, Marcello Pagliero, Alfred Hayes, Roberto Rossellini, Rod E. Geiger, Vasco Pratolini
  • Inhalt:

    Anmerkung: Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit spoilere ich diesmal recht stark.

     

    PAISÀ besteht aus 6 Episoden, die alle zwischen der Landung der Allierten auf Sizilien im Juli 1943 und der Kapitulation Italiens Anfang 1944 spielen. Zuerst habe ich versucht die Inhalte der Episoden zu umreißen und nicht zu viel zu verraten, aber diese Beschreibungen erschienen mir zu nichtssagend und substanzlos. Daraufhin habe ich mich entschlossen die Episoden in ihrer Gesamtheit zu schildern, um die Stimmung des Films und seine darauf resultierenden Aussagen besser beschreiben zu können. Die wesentlichen Bilder des Films bestehen, außer bei der fünften Episode, aus Düsternis und Verzweiflung, und diese Stimmungen zu beschreiben ohne die Gründe dafür nennen zu können überstieg meine Fähigkeiten.

     

    Für diese Ungehörigkeit möchte ich mich entschuldigen und versichere, dass das nicht wieder vorkommen wird. PAISÀ hat einen sehr starken Eindruck bei mir hinterlassen, den ich gerne versuchen möchte mitzuteilen, in der Hoffnung auch andere für diesen Film begeistern zu können. Was mir aber ohne detaillierte Schilderung eben nicht möglich schien.

     

    Episode 1: Die Amerikaner landen auf Sizilien und dringen in ein kleines Dorf ein. Einer der Soldaten spricht italienisch und bringt die junge Carmela dazu ihnen den Weg nach Norden durch ein Minenfeld zu zeigen. Der Trupp zieht weiter, lässt aber einen der GIs mit dem Mädchen in einer Ruine zurück. Als ein paar deutsche Soldaten auftauchen erschießen diese den Amerikaner und (möglicherweise, das wird nicht so ganz klar) Carmela, anschließend verschwinden sie wieder. Der zurückkehrende Trupp betrauert den Tod des Kameraden und lässt das tote Mädchen als vermeintliche Mörderin tot am Strand liegen.

     

    Episode 2: Nach der Einnahme von Neapel zieht ein betrunkener Soldat durch die Stadt. Ein Straßenjunge liest ihn auf, wartet bis er eingeschlafen ist und stiehlt ihm dann seine Schuhe. Einige Zeit später findet der Soldat, der sich als Militärpolizist aus ärmlichen Verhältnissen entpuppt, den Jungen zufällig wieder und zwingt ihn, gemeinsam zum Wohnort und den Eltern des Jungen zu fahren. Als er sieht, dass der Junge in einer Höhle lebt und erfährt, dass die Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, packt ihn das Grauen. Er schenkt dem Jungen die Schuhe und flieht vor dem Elend.

     

    Episode 3: Einige Zeit nach der Befreiung Roms gabelt Francesca einen betrunkenen GI auf. Wie es nach dem Krieg so viele junge Mädchen in Rom tun (und nicht nur dort). Dieser GI erzählt ihr was für ein aufregendes Gefühl es war in Rom einzuziehen und sich in ein junges Mädchen zu verlieben. So ganz anders als die neben der er gerade liegt, die ist doch nur eine Hure. Der Name der bezaubernden Frau war Francesca. Das Mädchen erinnert sich an ihn und an ihre damalige spontane Liebe, doch beide haben sich so sehr verändert, dass sie einander nicht wieder erkennen. Francesca tut so als ob sie das Mädchen kennt und gibt ihm ihre eigene Adresse. Doch am nächsten Tag wirft der GI den Zettel fort und Francesca wartet vergeblich.

     

    Episode 4: Während die südlichen Stadtteile von Florenz bereits befreit sind, wird um die Stadtteile nördlich des Arno noch heftig gekämpft. Deutsche, Faschisten und Partisanen liefern sich erbitterte Straßenkämpfe, während die Briten zusehen und abwarten. Massimo will unbedingt in die umkämpften Viertel um nach seiner Familie zu sehen. Begleitet wird er von der amerikanischen Krankenschwester Harriet, die sich vor dem Krieg in einen Mann verliebt hatte der jetzt der Anführer der Partisanen ist. Je weiter sie in die Straßen vordringen, desto näher kommen auch die Kämpfe, und desto gefährlicher wird es für die beiden. In mitten der halb zerstörten Straßen stoßen sie auf einen Trupp Partisanen der bereit ist ihnen zu helfen. Ein junger Kämpfer wird schwer verwundet als er Massimo das Leben rettet. Er stirbt in den Armen Harriets, kann ihr aber vorher noch sagen, dass der Partisanenführer, der Mann ihrer Liebe, bereits tot ist.

     

    Episode 5: Drei Militärkaplane kommen an ein Franziskanerkloster in der Romagna und bitten um ein Lager für die Nacht. Die drei werden freudig aufgenommen und bedanken sich dafür mit dringend benötigten Lebensmitteln. Alle sind von den Neuankömmlingen begeistert, bis herauskommt, dass einer der drei ein Protestant ist, und einer ein Jude. Verlorene Seelen also, und die entsetzten Brüder fasten um die Seelen der Gäste zu retten. Der katholische Feldkaplan ist von dieser Frömmigkeit so überwältigt, dass er in Gegenwart seiner Freunde den Frieden der Mönche bewundert und gelobt ein besserer Katholik zu werden.

     

    Episode 6: In der Poebene tobt der Kampf zwischen der deutschen Wehrmacht und den Partisanen, welche dabei von Männern des OSS unterstützt werden. Es gibt keine klare Front, jeder Wassergraben kann ein Hinterhalt sein, jeder aufgerichtete Kopf ist eine Zielscheibe, und Gefangene werden überhaupt nicht gemacht. Die Partisanen warten händeringend auf Munition und Lebensmittel, doch die Deutschen verhindern eine Lieferung. Die Lage für die Widerstandskämpfer wird immer verzweifelter. Als ein Trupp Deutscher in die Kanäle vorstößt ist der ungleiche Kampf schnell beendet. Die amerikanischen Soldaten werden nach der Genfer Konvention behandelt, wohingegen die Partisanen als feindliche Kämpfer gefesselt und lebendig in den Fluss geworfen werden.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Neorealismus. Unter Neorealismus versteht der geneigte Filmfreund heute in erster Linie de Sicas FAHRRADDIEBE, also eine realistische Schilderung des ärmlichen Alltags im Italien der 40-er und 50-er Jahre, mit Zuneigung zu den kleinen Leuten und einem Funken Humor in Szene gesetzt. Tragikkomisch also, kann man sich mal anschauen, aber spannend ist anders. Thema beendet.

     

    Neorealismus kann aber auch etwas anderes sein, nämlich eine fast dokumentarische Darstellung des Elends und der Bitterkeit der Nachkriegszeit. Roberto Rossellini hat den Neorealismus mit seiner Trilogie über den Zweiten Weltkrieg wesentlich mitgeprägt: ROM, OFFENE STADT (1945) spielt im von den Deutschen besetzten Rom, DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL (1948) zeigt das Leben im zerstörten Nachkriegs-Berlin, und dazwischen liegt PAISÀ, die Befreiung Italiens von den faschistischen Monstren durch die Alliierten. Aber mit der Befreiung ist es halt noch nicht getan, danach beginnen erst die Probleme.

     

    Das zeigt sich bereits in der ersten Episode, in der die Amerikaner in ein sizilianisches Fischerdorf kommen, wo sie weder erwartet werden noch so richtig willkommen sind. Nur einer der GIs spricht italienisch, weil sein Vater aus einem Nachbardorf kam, und so schlägt den “Befreiern“ erstmal eine Mauer aus Unverständnis und Ablehnung entgegen. Joe und Carmela können trotz ihrer Sprachdifferenzen ihre eigenen Mauern ein klein wenig niederreißen, aber der Krieg lässt das nicht zu und baut sie wieder auf: Wenn die Amerikaner weiterziehen ist Carmela tot und wird als vermeintliche Mörderin geschmäht.

     

    Durch alle Episoden hindurch zieht sich diese Mauer, gleich ob der MP, während er fast ein klein wenig wehmütig an seine Wellblechhütte denkt, meint dass der Straßenjunge ein geordnetes Zuhause hat, oder ob der Panzerfahrer alle italienischen Frauen als Huren verurteilt. In der fünften Episode wird diese Mauer konkretisiert wenn die Militärkaplane über die Mönche sagen “Wie wollen sie sich ein Urteil bilden, ohne die Welt zu kennen?“ Auf der einen Seite die weit herumgekommenen und aufgeklärten Amerikaner, auf der anderen Seite die in ihren Möglichkeiten eher eingeschränkteren Italiener. Miteinander sprechen ist sowieso nicht so einfach: “Woher kommt ihr Onkel? Vor dem zu Bett gehen gurgle ich immer …“ – Das hört Joe von der soeben befreiten Francesca, weil das halt so in ihrem Wörterbuch steht …

     

    Und diese Mauern können auch kaum überwunden werden. Woher soll Joe denn wissen dass Francesca sich wirklich nach Liebe sehnt? Wie sollen die soeben gelandeten GIs in ihrer von Gewalt beherrschten Welt begreifen dass Carmela ein einfaches Bauernmädchen ist, für das Begriffe wie “Befreiung“ oder “Verrat“ vollkommen abstrakt sind, im Gegensatz zur sehr realen Sorge um die Familie? Und die Unterschiede zwischen den Kaplanen und den Mönchen in der fünften Episode könnten kaum größer sein. Gerade hier, in der auf den ersten Blick befremdlichsten Folge, wird dies besonders deutlich: Für die Mönche hinter ihren hohen Klostermauern ist es undenkbar, dass ein Katholik sich mit einem Protestanten und einem Juden zusammentut. Um für deren verlorene Seelen zu beten fasten die Mönche, und geben somit auch ihrem Entsetzen über diese Sünde unbewusst Ausdruck. Andererseits sind die drei Kaplane Freunde, unabhängig von ihrer Religion, denn sie sind miteinander auf dem Schlachtfeld gewesen und haben gemeinsam Schlimmes erlebt. Das verbindet, aber die Mönche können das so natürlich nicht nachvollziehen. Wie auch? Dies ist die einzige Episode, die vordergründig nicht von Schmerz und Grauen handelt, und doch ist sie auf eine bestimmte Art schmerzhafter und bitterer, zeigt sie doch wie weit entfernt voneinander Menschen sein können, selbst wenn sie einem gemeinsamen Glauben anhängen, was ja im Allgemeinen eher verbindet als trennt.

     

    In der letzten Episode sind diese Mauern endlich gefallen, weswegen sie auch in der grenzenlos weiten und offenen Poebene spielt, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt. Amerikaner und Italiener kämpfen Seite an Seite gegen die Besatzer. Man teilt das wenige Essen, das Elend, die Gefahr und die Angst. Und trotzdem werden auch hier die Unterschiede wieder deutlich: Während die gefangenen Soldaten nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt werden (obwohl Angehörige des OSS, des Vorgängers der CIA, sicher keine regulären Soldaten waren), sind die Partisanen nur Dreck und werden von den Deutschen als ebensolcher behandelt, obwohl doch gerade sie für ihr eigenes Land und ihre eigene Freiheit kämpfen. (Im Rückblick übrigens ein interessanter Aspekt, dass die US-amerikanische Militärrechtsprechung heute ebenfalls zwischen Soldaten und sogenannten “Kombattanten“ unterscheidet und letztere wie Dreck behandelt …)

     

    Für mich ist diese Episode die schlimmste und grauenhafteste, denn hier hat der Krieg jeglichen Zweck verloren. Hier gibt es keine Befreiung vom faschistischen Joch mehr und keine heldenhaften Schlachten um Städte oder Festungen, sondern nur noch ein blutiges und rücksichtsloses Hauen und Stechen. Und wenn der Kampf irgendwann mal vorbei ist wird niemand jemals davon sprechen was hier passiert ist. Die Toten werden auf keinem Grabstein zu finden sein, treiben sie doch mit entwürdigenden Sprüchen versehen einfach nur den Po hinab und verschwinden. Diese Episode ist genauso wie die Landschaft: Sie beginnt mitten drin und sie endet mittendrin. Sie hat keinen Anfang und kein Ende, nur Angst und Grauen, weswegen eine gnädige Überstimme uns zum Schluss erzählt dass der Kampf in wenigen Monaten zu Ende sein wird. Wer wissen will wie Krieg wirklich ist, hier kann er es sehen …

     

    Die Episode, welche diese Mauern am wenigsten thematisiert, ist die 4. Episode, die in Florenz spielt. Hier ist die Liebe das vorherrschende Thema, und was Menschen auf sich nehmen um bei ihren Liebsten sein zu können. Zwar tauchen die Mauern auch hier immer wieder auf, etwa wenn Massimo Nachbarn über das Schicksal seiner Frau ausfragt, und nur auf Ablehnung und Unverständnis stößt. Aber auf dem langen und gefährlichen Weg in die Innenstadt treffen Massimo und Harriet immer wieder auch Menschen die ihnen helfen, selbst unter Einsatz des eigenen Lebens. Deswegen sind hier auch immer wieder zerstörte Mauern zu sehen, und geheime Wege können zwischen den Orten begangen werden um an andere, vermeintlich unerreichbare Ziele, zu kommen.

     

    Es sind übrigens nur zwei Episoden die Ruinen (und somit zerstörte, also durchlässige Mauern) zeigen, das ist neben der Florenzer Episode diejenige die in Neapel spielt. Der MP Joe und der kleine Pasquale könnten sich durchaus anfreunden, das wird deutlich gemacht. Zwar sind die Schuttberge hoch, die zwischen dem betrunkenen und heimwehkranken Soldaten und dem schwarzmarktgestähltem Überlebenskünstler liegen, aber Joe ist kein schlechter Kerl, das wird spätestens bei seinem Ankommen in der Höhlenstadt klar, und auch seine betrunkene Scharade auf dem Trümmerberg macht Pasquale sichtlich Spaß. Doch noch sind die Trümmer höher als die Mauern, und offensichtlich trennt das Elend die Protagonisten, anstatt dass es sie verbindet.

     

    Bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass Rossellini sich hier einer einfachen Happy-End-Lösung verweigert und auf traurige Art realistisch bleibt indem er den MP flüchten lässt vor der Armut und dem Elend. Diese Haltung verbindet auch alle Folgen, denn jede endet mit Schmerz und hinterlässt im Hals des Zuschauers oft einen dicken Kloß. Selbst die Kloster-Episode endet schmerzhaft, denn der katholische Kaplan erniedrigt sich selbst indem er seine Freunde verrät und sich den Mönchen öffnet. Obwohl er eigentlich ein weltoffener und dem Genuss aufgeschlossener Mensch ist, zieht er doch bereitwillig Mauern um sich. Ein bitteres Gleichnis, das einen direkten Bezug auf die Abendmahlsgeschichte hat. Und eine klare Aussage Rossellinis zu einer Welt, die sich hinter Mauern verschanzt um sich auszugrenzen und sich dabei für etwa Besseres hält.

     

    Letzten Endes handelt PAISÀ von den Begegnungen zwischen Menschen und ihrer Kommunikation, dem Aufeinanderprallen verschiedener Welten: Amerikaner und Italiener. Liebende und Kämpfende. Ordnungshüter und Schwarzmarkthändler. Angehörige unterschiedlicher Religionen. Menschen die gegeneinander geworfen werden, und miteinander sprechen müssten, aber nicht können. Entweder weil die Sprachen verschieden sind, oder die Denkweisen, weil aber immer Mauern zwischen ihnen stehen die da eigentlich nicht hingehören. Ein bitteres Dokument einer Zeit die hoffentlich niemals wiederkehren wird. Und ein großer Appell Mauern niederzureißen wo immer es möglich ist.

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    In Deutschland ist PAISÀ erscheinen innerhalb der 4-teiligen Roberto Rossellini-Box von Koch Media, zusammen mit ES WAR NACHT IN ROM, STROMBOLI und REISE IN ITALIEN. Der Film wurde angenehmerweise nicht synchronisiert, stattdessen ist das Sprachwirr aus deutsch, italienisch und englisch untertitelt worden um die Sprachlosigkeit der Figuren beizubehalten. Das Bild ist bei diesem alten Film nicht wirklich gut, ich vermute aber mal dass es nicht besser ging. Macht aber überhaupt nichts, viel wichtiger ist dass der Film überhaupt erhältlich ist.

     

    Der Box liegt ein 24-seitiges Booklet von Hans-Jürgen Panitz bei mit Anmerkungen zu Roberto Rossellini, seiner Rolle innerhalb des Neo-Realismus sowie einem Abriss dieses Genres im Allgemeinen.

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

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