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Orientexpress

Frankreich | Deutschland | Italien, 1954

  • Originaltitel: Orient Express
  • Alternativtitel:

    Orient-Express (FRA)

    O Expresso do Oriente (POR)

  • Deutsche Erstaufführung: 06. Januar 1956
  • Regisseur: Carlo Ludovico Bragaglia
  • Kamera: Luciano Tonti
  • Musik: Renzo Rossellini
  • Drehbuch: Vitaliano Brancati, Aldo De Benedetti, Agenore Incrocci, Vittorio Nino Novarese
  • Inhalt:

    Vor Heiligabend muss der Orientexpress einen unplanmäßigen Stopp einlegen, da eine schwere Schneelawine die Gleise blockiert hat. Die Reisenden kommen in einem nahe gelegenen, kleinen Dorf unter. Mit den mondänen Fahrgästen und den provinziellen Dorfbewohnern treffen eigentlich Welten aufeinander, doch man hat schließlich mehr Gemeinsamkeiten, als gedacht. Auch Beatrice (Silvana Pampanini), die stets davon träumte, dass der Zug eines Tages anhalten, der Mann ihrer Träume aussteigen und sie mitnehmen würde, steht plötzlich vor der Erfüllung dieses Gedankens, da der Journalist Jacques (Henri Vidal) ihr den Hof macht, so dass sie die plumpen Annäherungsversuche des Bürgermeisters Dal Pozzo (Polco Lulli) für kurze Zeit vergessen kann. Unter den Gästen befinden sich außerdem die berühmte Sängerin Roxane (Eva Bartok), die sich nach der Ruhe und Idylle eben eines solchen Dorfes gesehnt hat, doch ihr Begleiter Baté (Curd Jürgens) übt auch in dieser Ausnahmesituation Druck auf sie aus. Alle Beteiligten können die Realität für kurze Zeit vergessen, doch was geschieht, wenn der Zug seinen Kurs wieder aufnimmt..?

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Der italienische Regisseur Carlo Ludovico Bragaglia inszenierte mit "Orientexpress" einen für damalige Verhältnisse europäisch, wenn nicht sogar international zugeschnittenen Ausstattungsfilm mit großer Starbesetzung, der auch nach über 60 Jahren einen gewissen Charme zu vermitteln weiß. Natürlich wird in diesem Beitrag über Traum und verkappte Realität ordentlich mit Klischees jongliert, sodass die mühsam konstruierten Reibungsflächen in eine empfundene Bedeutungslosigkeit abdriften, aber dennoch wird der geneigte Zuschauer viele Elemente finden, die einen unmissverständlich ansprechen werden. Die Regie setzt auf Sentimentalitäten und Tragik vom Silbertablett, die spürbare Melancholie und die damit verbundenen sehnsüchtigen Tendenzen wirken einfach, wenn auch überaus wirksam, denn man hatte die richtigen Akteure zur Verfügung. Außerdem wirkt die Inszenierung sehr aufwändig, die Schauplätze erscheinen auch heute noch wie geschaffen für einen derartigen Stoff, der die Träume beflügelt und trotz des Würgegriffes einer waschechten Schmonzette, bleiben sehr gute Momente in nachhaltiger Erinnerung.

     

    Was diesem, in seinem Verlauf vorprogrammiert wirkenden Spielfilm wirklich zugute kommt, ist, dass er sich deutlich von damals angesagten und populären Heimat- oder Liebesfilmen abheben kann und in zahlreichen Belangen tatsächlich ein wenig offener wirkt. Der Vorspann verteilt die Hauptrollen originellerweise nach den jeweiligen Produktionsländern, sodass jedes von ihnen sehr prominente Vertreter zu bieten hat. Die nominellen Hauptrollen wurden von Eva Bartok und Curd Jürgens übernommen, die ein Jahr später unter großem Medieninteresse heirateten. In der tatsächlichen Hauptrolle sieht man allerdings die schöne Italienerin Silvana Pampanini, die den Film mit ihrer aparten Erscheinung und ihrer durchdringenden Präsenz richtiggehend dominieren wird. Mit Henri Vidal oder Folco Lulli waren weitere namhafte Stars mit von der Partie, die den Eindruck mit verstärken können, dass es sich um einen klassischen Schauspielerfilm handelt, der zumindest in diesem Bereich spektakulär und anziehend auf den Zuschauer wirkt.

     

    Insbesondere Silvana Pampanini wird mithilfe einer Aneinanderreihung von Großaufnahmen, melancholischen Dialogen und ihrer eindeutigen Körpersprache zur Projektionsfläche für geheime Sehnsüchte und dem Traum von den großen Momenten im Leben. Konträr dazu sieht man eine feuerrote Eva Bartok, die erneut die Dame von Welt zum Besten gibt und dabei stets elegant durch die Kulissen schwebt. Diese beiden unterschiedlichen Frauen treffen sich allerdings am gleichen Punkt, da der Wunsch, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen, im Vordergrund steht. Überhaupt legte man hier die weiblichen Akteure als unübersehbare Sympathieträger fest und lediglich Folco Lulli und Curd Jürgens sind in zweifelhaften Rollen zu sehen, die dadurch aber auch für einen Ausgleich sorgen. Beide Darsteller hat man allerdings schon dutzendfach aussagekräftiger gesehen, und es bleibt generell zu sagen, dass die Charaktere wie Schablonen wirken, die nur ganz bestimmte Eindrücke transportieren. Sehnsucht, Integrität, Charme, aber auch Hinterhältigkeit, Gewissenlosigkeit und Naivität.

     

    Als der Zug gezwungenermaßen halten muss, erstrahlt der kleine Alpenort in einem ganz ungeahnten Glanz. Man rückt zusammen und träumt die Realität einfach weg, jeder scheint den anderen um das zu beneiden, was selbst nicht Teil des eigenen Lebens ist. Angesichts der Gewissheit, dass der "Orientexpress" schon bald wieder seinen Kurs aufnehmen wird, entsteht eine subtile Grundspannung. Werden Wünsche in Erfüllung gehen, werden Träume wie Seifenblasen zerplatzen? Das alles klärt selbstverständlich der melodramatisch angehauchte Verlauf. Punkten kann Bragaglias Beitrag schließlich durch die schöne Ausstattung vor beeindruckender Kulisse, wo die Zeit für kurze Intervalle still zu stehen scheint. Im Endeffekt entfaltet der Film seine gewünschte Wirkung und greift von Anfang bis Ende, allerdings muss man sich auch im Klaren sein, was man sehen, beziehungsweise eher nicht sehen will. Insgesamt gesehen handelt es sich bei "Orientexpress" um einen gelungenen Liebesfilm der edleren Sorte, der einen guten Weg zwischen seinem sentimentalen Tenor und der Unterhaltungsambition findet.

  • Autor: Prisma
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