Opfergang einer Mutter

Italien, 1950

  • Originaltitel: Tormento
  • Alternativtitel:

    Bannie du foyer (FRA)

    Tortura de Mãe (POR)

    Torment

  • Deutsche Erstaufführung: 24. September 1953
  • Regisseur: Raffaello Matarazzo
  • Kamera: Tino Santoni
  • Musik: Gino Campase
  • Drehbuch: Aldo De Benedetti, Libero Bovio, Gaspare Di Maio, Raffaello Matarazzo
  • Inhalt:

    Anna Ferrari (Yvonne Sanson) und Carlo Guarnieri (Amadeo Nazzari) kennen sich schon seit einigen Jahren und planen zu heiraten. Annas Familie weiß nichts davon, denn ihr gutmütiger Vater (Annibale Betrone) hat nach dem Tod von Annas Mutter die wohlhabende Matilde Ferrari (Tina Lattanzi) geheiratet, der nicht nur das gesamte Vermögen der Familie gehört sondern die obendrein eine recht boshafte Frau ist.

     

    Als Carlo kurz in der Stadt ist – eine Unterbrechung während seiner Verhandlungen mit zwei Geschäftspartnern, mit denen er eine Firma gründen will – treffen sich Anna und Carlo heimlich, während Annas Eltern im Theater sind. Doch die Theatervorstellung ist ausverkauft, und nachdem Carlo hört, wie Matilde Ferrari ihre Stieftochter nach ihrer beider Rückkehr herabwürdigt und verunglimpft, nimmt er sie kurzerhand mit. Sie leben künftig in einer Pension, wo Carlo seine Firma hat. Anna schreibt einen Brief an ihren Vater, der diesen jedoch nie erreicht, da die Stiefmutter ihn und spätere Korrespondenz verschwinden lässt.

     

    Carlo will Anna heiraten und seinen Geschäftspartner deshalb um einen Vorschuss auf seine Einlagen in die gemeinsame Firma bitten. Doch nichts wurde schriftlich festgehalten, und Carlo soll ausgebotet werden. Nach einem heftigen Streit findet sein Geschäftspartner Carlo mit einer Summe von 500.000 Lire ab, und Carlo verzichtet aus Ärger auf eine Quittung. Kurz darauf erscheint die Polizei bei Anna, auf der Suche nach ihm. Dessen Partner wurde ermordet, und Carlo ist der Hauptverdächtige. Nach seiner Verhaftung setzt sein Anwalt sich für ihn ein, und noch vor Ausgang der Verhandlung bemerkt Anna, dass sie schwanger ist.

     

    Nachdem sie Tochter Pinuccia zur Welt gebracht hat, willigt sie ein, Carlo im Gefängnis zu heiraten – gegen den Rat seines Anwalts, der nicht gerade guter Dinge ist, was den Ausgang von dessen Mordverhandlung betrifft. Aber die Hochzeit findet statt, ebenso wie Carlos Prozess, in dem er zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wird. Anna muss sich künftig also allein mit ihrer Tochter durchs Leben schlagen, zumal ihr Vater ihre Briefe nicht beantwortet. Schließlich findet Gaetano Ferrari heraus, dass seine Frau ihm die Nachrichten seiner Tochter verschwiegen hat. Während er Matilde Ferrari wütend beschimpft, erleidet er einen Herzinfarkt. Die verständigt nun endlich Anna, doch Gaetano traut seiner Frau nicht mehr und lässt sie auf seinem Totenbett schwören, dass sie Annas Kind nicht im Stich lassen würde.

     

    Nach seinem Tod interpretiert Matilde ihren Schwur allerdings auf eigene Weise, und zunächst lehnt Anna ihr herzloses Angebot ab. Als die kleine Ninuccia aber erkrankt und Anna Geld für ihre Behandlung braucht, hat sie keine Wahl mehr: Ninuccia lebt fortan bei der herzlosen Schwiegermutter und Anna muss sich selbst in ein katholisches Heim für gefallene Mädchen einweisen. Wie das wohl weitergeht?

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Mit diesem 1949 gedrehten und 1953 als „Opfergang einer Mutter“ in den deutschen Kinos erschienenen Film fuchst sich Raffaello Matarazzo endgültig als feste Größe in das Genre des italienischen Melodrams ein. Nach einer Storyvorlage von Libero Bovio und Gaetano di Maio verfasste er gemeinsam mit Dauerpartner Aldo de Benedetti das Drehbuch von „Tormento“ (Qual). In den italienischen Kinos erschien diese Co-Produktion von Matarazzos Labor Films mit Goffredo Lombardo und Titanus im Februar 1950, und man kann nur hoffen, dass die damaligen Zuschauer alle Taschentücher dabei hatten, um ihre Tränen zu trocknen.

     

    „Opfergang einer Mutter“ ist ein ergreifend-düsterer Schmachtfetzen, in der eine aus reichem Hause stammende junge Frau durch das Verhalten ihrer bösen Schwiegermutter gezwungen wird, sich ihr Geld selbst zu verdienen. Alleine – der Mann im Knast – mit einem Kind, im Jahre 1950 ein schwieriges Unterfangen, nicht nur, aber gerade in Italien. Dabei etabliert „Tormento“ das künftige Traumpaar des Leidensfilms, die gebürtige Griechin Yvonne Sanson und den Sardinier Amedeo Nazzari. Routiniert und auf die Story konzentriert wird diese Geschichte erzählt, ohne allzu auffällige künstlerische Eigenheiten. Eine wichtige Nebenrolle – ohne dass man das Thema im Film je beim Namen nennen muss, spielt der Katholizismus. Vorurteile der katholischen Gesellschaft, ein Heim für gefallene Frauen, ein Schwur aufs Kruzifix und eine Hochzeit im Gefängnis, nicht die letzte in einem Matarazzo-Film. Hier gibt es auch einen seltsam ergreifenden Moment als Carlos Mithäftlinge der jungen Braut einen Blumenstrauß zukommen lassen, für den sie alle auf ihren Tageslohn verzichtet haben.

     

    Da die Inhaltsangabe schon das Meiste weggibt, will ich nicht auch noch das Ende verraten, aber Matarazzo war hier noch erstaunlich milde gestimmt. Er kann auch anders. Als Regieassistent bei diesem Melodram war noch nicht Silvio Amadio präsent, dessen Zusammenarbeit an immerhin 9 Filmen mit Matarazzo (einschließlich der gemeinsamen Regiearbeit „L’Ultima Violenza“, 1957) begann erst 1953. Hier in „Tormento“ fungierte Francesco Rosi als solcher. Erwähnen möchte ich hier noch Annibale Betrone, der Annas Vater spielt. Betrone war ein Schauspiel-Veteran, der seine erste Rolle in einem italienischen Film noch in Stummfilm-Zeiten – im Jahre 1916 – hatte. Zu den wenigen seiner Arbeiten, die je in Deutschland gezeigt wurden, gehörte u. a. der 1933 entstandene „Schwarzhemden“ (hüstel), Vittorio de Sicas „Verliebte Unschuld“ (1941) und Camillo Mastrocinques „Fürstin Fedora“ (1942), in dem es bereits ein frühes Zusammentreffen zwischen Betrone und Amedeo Nazzari gab. In „Opfergang einer Mutter“ spielt er noch seinen eigenen Tod, der ihn dann tatsächlich bald darauf im Dezember 1950 ereilte, neun Jahre nach dem Tod seines Sohnes Cino an der Front in Albanien. „Tormento“ war aber anscheinend nicht sein letzter Film, sondern der 1951 veröffentlichte „Wenn die Liebe stirbt“ von Camillo Mastrocinque, mit Massimo Girotti.

     

    In einer kleinen aber durchaus wichtigen Rolle ist zudem der Sänger und Komponist Roberto Murole zu sehen. Und natürlich kein Matarazzo-Film ohne einen schändlichen Lumpen, der versucht, das Elend einer anständigen aber verarmten Frau für sich auszunutzen, so einer scheint immer dabei. Hier – als kleine Anekdote – dies: als ich auf der Suche nach Screenshots mehrmals auf Stopp klicken musste, entging mir nicht das Grinsen, dass Yvonne Sanson zu unterdrücken versuchte, während der lumpige Hotelbesitzer sich gewaltsam ein paar Küsse von ihr zu ergattern suchte. Nach der Ohrfeige war das dann aber weg, bei beiden. Oh, und bei den Szenen im katholischen Heim für gefallene Frauen gibt es eine Fast-Nacktszene am Waschtrog, recht gewagt für Italien 1949/50.

     

    Faszinierend, diese Matarazzo-Filme. Ich würde mich ja gerne noch ein paar anderen SW-Klassikern widmen, aber ein paar Matarazzo-Dramen haben sich inzwischen schon wieder angesammelt. Also später.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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