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Netz der Vergangenheit

Frankreich | Italien, 1993

  • Originaltitel: La fine è nota
  • Alternativtitel:

    The End Is Known (AUS)

  • Regisseur: Cristina Comencini
  • Kamera: Dante Spinotti
  • Musik: Claudio Capponi, Fiorenzo Carpi, Alessio Vlad
  • Drehbuch: Suso Cecchi D'Amico, Cristina Comencini
  • Inhalt:

    Als der Rechtsanwalt Bernardo Manni nach Hause kommt, fällt vor seinen Augen ein Mann aus dem Fenster. Der Körper landet - knapp neben ihm - auf dem Asphalt. Was hatte der unbekannte Selbstmörder ausgerechnet in Mannis Wohnung zu suchen? Mannis Ehefrau, die den Selbstmörder in die Wohnung ließ, behauptet es war ein Bekannter ihres Mannes. Doch Manni ist die Person unbekannt. Folglich nimmt der Rechtsanwalt seine eigenen Ermittlungen auf. Das „Netz der Vergangenheit“ führt Manni in die Terroristenszene.

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    „Ich glaube er hat gesagt, dass er gekommen ist um mich zu holen. Das er nur auf diesen Augenblick gewartet hätte. Er war wie von Sinnen.“

     

    NETZ DER VERGANGENHEIT ist ein (leider) eher unbekannter Film, unter der künstlerischen Leitung von Cristina Comencini. Die auch als Drehbuchautorin und Schriftstellerin bekannte Regisseurin orientiert sich (bei dieser Regiearbeit) an einer Literaturvorlage von Geoffrey Holiday Hall. Der Film ist eine Co-Produktion der Länder Frankreich und Italien. Der Esprit des französischen Kinos ist deutlich spürbar. Die stille Vorgangsweise, die politischen Handlungsstränge, sowie eine stets vorhandene Spannung lassen gar (ein wenig) an Georges Lautners „Der Fall Serrano“ erinnern. NETZ DER VERGANGENHEIT ist einer der Filme die ihre Stärke in der Stille finden. Der Film ist unspektakulär, verzichtet auf Action- und Sexmomente, und konzentriert sich (in erster Linie) auf seinen stetig steigenden Spannungsablauf. Die Suche nach der Lösung – hinsichtlich eines Suizids – führt Bernardo Manni, wie der Titel schon sagt, in die Vergangenheit. Hierbei wird er mit den politischen Aktivitäten des Selbstmörders Rosario Cantini konfrontiert. Ein Terrorrist aus der linken Szene. Bei den Ermittlungen wird eindringlich auf das Jahr 1976 hingewiesen. Das Jahr in dem die „Roten Brigaden“ den Klassenkrieg verschärften. Dieses wurde mit gezielten Angriffen auf die Vertreter des Staatsapparats (man denke an den Anschlag auf den Staatsanwalt Francesco Coco) erreicht. Der Terrorismus in Italien wurde häufig in die Filmproduktionen des Stiefellands eingebracht. Ich mag diese Thematik - und ich schätze die teils grandiosen Umsetzungen der italienischen Regisseure. Einer der intensivsten Beiträge ist Carlo Lizzanis Meisterwerk „San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen“. Hier geht man offen mit den politischen Extremen um, zeigt deren Eskalation sowie die Schrecken, die sich hinter solchen Ideologien verbergen.

     

    Film und Realität sind oftmals eng miteinander verknüpft, doch das Leben schreibt meist die härteren Geschichten. Somit findet sich das Phänomen vom politischen Terrorismus auch in der Vita eines italienischen Schauspielers wieder. Die Rede ist natürlich von Valerio Fioravanti der (im Alter von 9 Jahren) in Mulargias „Django - Kreuze im blutigen Sand“, die Rolle des kleinen Manuel spielte. Fioravanti wurde in den späten 70ern zu einem führenden Kopf der neofaschistischen Terrororganisation „Nuclei Armati Rivoluzionari“ kurz „NAR“.

     

    „Ich bin immer für meine Freunde da, ich vergesse sie nicht. Aber ich will auch keine anderen.“

     

    Das Thema Terrorismus wird beim NETZ DER VERGANGENHEIT allerdings beiläufig behandelt. Auch Rosario Cantinis Beweggründe zum Terrorismus bleiben außen vor. Entscheidend sind die - in der Terroristenszene involvierten – Personen. Cristina Comencini setzt auf den Dialog und kreiert auf diese Weise ein umfangreiches Ratespiel, das den Rezipienten fordert und ihn an der Seite von Bernardo Manni ermitteln lässt. Der Charakter (Manni) wird von –  einem „gut aufgelegten“ - Fabrizio Bentivoglio („Der Fall Sindona“) gespielt. Bentivoglio ist ein Protagonistentyp der bestens in die Bereiche von italienischen und französischen Politthrillern passt. Die Rolle des Selbstmörders Rosario Cantini verkörpert Corso Salani. Der 1961 in Florenz geborene Salani besitzt das, was ich eine Charakterfresse nenne. Ein markantes und charismatisches Gesicht, das perfekt zum italienischen Genrekino passt. Leider war der gute Mann sehr selten als Schauspieler aktiv. Seine Arbeiten im Filmbusiness gestalten sich jedoch als umfangreich, da er als Regisseur, Drehbuchautor, Cutter und Produzent aktiv (war und) ist. Valérie Kaprisky „bekleidet“ als die Ehefrau Maria Manni einen eher kleinen – aber sehr wichtigen - Part. Die Rolle der suspekten Ehefrau steht ihr recht gut zu Gesicht.

     

    Die Story des Films ist sehr gut aufgebaut. NETZ DER VERGANGENHEIT startet ruhig, bleibt ruhig und endet ruhig. Die Stille bietet gleichzeitig ein behagliches Gefühl. Ein Eindruck bzw. Ausdruck, der sich häufig im französischen Kino finden lässt. Die Schauplätze siedeln sich überwiegend in Räumlichkeiten an. Dabei gelingt es den Verantwortlichen stets, für eine düstere Stimmung zu sorgen. Außenaufnahmen werden eher selten geboten.

     

    NETZ DER VERGANGENHEIT ist ein Film der nur innerhalb der Insiderkreise bekannt ist. Sehr schade, denn dieser Film hätte einen größeren Bekanntheitsgrad absolut verdient.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    Die DVD von X-Rated (Hartbox Nummer 60) ist OOP. Der Wert sollte bei ca. 40 Euro liegen. Die Artwork des Frontcover wurde übrigens (bis auf kleine Änderungen im linken Bereich) vom VHS Cover zu „Marina - Der brutale Aufstieg einer Hure“ aka „Sie nannten ihn kleine Mutter“ übernommen. Als Alternative gibt es eine (ebenfalls von X-Rated veröffentlichte) Amaray (New Line Edition). Beide Veröffentlichungen erhalten nur die deutsche Tonspur.

  • Autor: Frank Faltin
  • Links

    OFDb

    IMDb

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