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Nazi Love Camp 27

Italien, 1977

  • Originaltitel: La svastica nel ventre
  • Alternativtitel:

    Campo Nazista 27 (BRA)

    La esvástica en el vientre (ESP)

    Fräulein SS (FRA)

    As Mulheres de Prazer dos Campos Nazis (POR)

    Living Nightmare

  • Regisseur: Mario Caiano
  • Kamera: Sergio Martinelli
  • Musik: Francesco De Masi
  • Drehbuch: Gianfranco Clerici, Sandro Amati, Mario Caiano
  • Inhalt:

    Nazi-Deutschland, irgendwann zwischen 1941 und 1945: Hannah Meyer und Klaus Berger sind frisch verliebt, doch mit den nationalsozialistischen Massendeportationen findet ihre Beziehung ein abruptes Ende. Hannah wird von der Gestapo in das Konzentrationslager gebracht und dort zur Prostitution gezwungen. Klaus tritt der Waffen-SS bei, ferner wird er in das Projekt Lebensborn, welches dem Erhalt und der Vermehrung der arischen Rasse dienen soll, involviert. Doch die Wege des einstigen Liebespaars sollen sich schon bald wieder kreuzen.

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    „Jeder und jedem wurde die Haftnummer eintätowiert – eine Kennzeichnung für den reichsweiten Arbeitssklavenmarkt, die es nur in Auschwitz gab.“ (Susanne Willems)

     

    Hannah Meyers Leben ist zerstört, denn die „nationalsozialistische Endlösung“ hat sie ins Konzentrationslager geführt. Dort muss sie die üblichen Ankunftserniedrigungen über sich ergehen lassen und erhält abschließend eine Tätowierung mit ihrer Registrierungsnummer, was aufgrund des obigen Zitats zu der berechtigten Annahme führt, dass wir uns im KZ Auschwitz I befinden.

     

    Doch wenn wir anstatt den eisernen Torlettern, ARBEIT MACHT FREI, ein weißes Schild mit der (ebenso) verspottenden Aufschrift, ARBEIT GESTALTUNG, wahrnehmen - spätestens dann sollte uns bewusst sein, dass Mario Caiano keine historisch-kritische Rekonstruktion geschichtlicher Wahrheiten betreibt. Wie alle italienischen Nazilagerfilme, der Jahre 1976 und 1977, folgt auch „Nazi Love Camp 27“ einzig dem exploitativen Grundgedanken: diverse Abartigkeiten möglichst reißerisch zu transportieren.

     

    Diesbezüglich sticht die erste Filmhälfte (Schauplatz: Konzentrationslager) besonders hervor, da diese mit fortlaufenden Erniedrigungen und Perversitäten konfrontiert. Die dabei agierenden Pro- und Antagonisten setzen sich aus den genreüblichen Charakteren zusammen:

     

    - Die lesbische Oberaufseherin,
    - der Lagerarzt (diesmal weiblich),
    - der ominöse Lagerkommandeur,
    - sadistisch veranlagte Kapos,
    - notgeiles Wachpersonal,
    - passive Opfer,
    - das revoltierende Opfer.

     

    Stereotypen, die schnell für klare Verhältnisse sorgen, denn Schikanen und Misshandlungen sind an der Tagesordnung. So müssen Hannah Meyer und eine Mitinsassin eine Massenvergewaltigung über sich ergehen lassen. Als finale Abscheulichkeit uriniert einer der Soldaten auf eines der Opfer, welches anschließend den erlösenden „Freitod“ im Stacheldraht findet. Diese Filmphase gestaltet sich sehr anstrengend, da man dem Treiben eher widerwillig folgt und ein schnelles Ende herbeisehnt. Demnach gelingt es dem Regisseur sehr früh ein Ekelgefühl beim Rezipienten auszulösen, welches sich jedoch mit wachsender Spielzeit in Hass, und später gar in eine gewisse Faszination wandelt.

         

    DIE LETZTE ORGIE DES NACHTPORTIERS

     

    Nach der Vergewaltigung landet Hannah bei der Lagerärztin, die der jungen Frau natürlich keinen Glauben schenkt, sie mit Aussagen im Stile des NS-Mediziners Friedrich Mennecke („… jüdische Vollblutdirne“) demütigt und für den Dienst im KZ-Bordell (für deutsche Wehrmachtssoldaten) besonders geeignet findet. Die nun folgenden Erfahrungen brechen die Frau allerdings nicht, sie wird stärker und wagt sich gegen die Anordnungen der Oberaufseherin zu widersetzten. Dieses rebellische Verhalten imponiert wiederum dem Lagerkommandanten, Kurt von Stein, der Hannah fortan in seinem Haus wohnen lässt. Er ahnt (hofft), dass die Frau durch ihre traumatischen Erlebnisse einen Hang zum Sadismus entwickelt hat und will ihr dieses bewusst machen, denn Kurt von Stein ist masochistisch veranlagt und wittert die Chance auf eine sadomasochistische Beziehung.

     

    Im Gegensatz zu Liliana Cavanis „Der Nachtportier“, wo Max und Lucia voneinander abhängig sind, verzichtet Mario Caiano auf das Vermitteln von „Zuneigungen“ außerhalb der sadomasochistischen Sexspiele. Erst im späteren Verlauf des Films erkennt man, dass von Stein eine Art Eifersucht entwickelt. Kleinmütig blickt er Hannah (die mittlerweile als oberste Dame im Bordell für ranghohe Nazioffiziere wirkt) nach, wie sie - wenn auch widerwillig - mit einem Lustgreis in Richtung „Liebeskammer“ verschwindet. Die sadomasochistische Beziehung zwischen Hannah und von Stein sollte man also primär als eine Zweckgemeinschaft begreifen, da Hannah von Hass und Rachegelüsten geleitet ist und - wenn überhaupt - weniger einer sexuellen Neigung folgt. Zudem fungiert diese Verbindung als ein Bindeglied zwischen den Schauplätzen Konzentrationslager und Edelbordell.

     

    Hannah fühlt sich in ihrer Rolle, als Freundin des Lagerkommandanten, immer wohler. Es erfüllt sie mit Erleichterung, dass sie durch gefälschte Papiere zu einer Arierin  wurde. Sie liebt das Leben im Luxus, sowie die Zugehörigkeit zur „besseren“ Gesellschaft“. In ihrem neuen Leben steht Hannah im Mittelpunkt, die Offiziere lieben und schätzen sie - allerdings nur als Edelnutte. Somit kann das anstehende Wiedersehen mit Hannahs großer Liebe, Klaus Berger, nur als ein Drama mit tödlichem Ausgang enden.

     

    „Das finale Massaker, das die meisten dieser Filme beschließt ist ein fast schamhafter Versuch der Filmemacher ihr eigenes Werk rückwirkend auszulöschen.“ (Marcus Stiglegger)

     

    Unglückliche Liebesgeschichten sind in der Naziploitation kein Novum. Man denke an John Steiner, als Kommandant (Erner) in Rino Di Silvestros „Deported Women of the SS Special Section”. Eine abgewiesene Liebe wird zu einer traumatischen Erfahrung, der Betroffene entwickelt feminine Züge und neigt zu homosexuellen Sexualpraktiken. Trifft er seine Angebetete unter den Gefangenen wieder, so kann selbst seine Machtposition nichts an der Aussichtslosigkeit auf eine Gefühlserwiderung ändern. Erner bewegt sich in einer Schleife des Seelenschmerzes, und der Einzige, der ihm seine Qualen nehmen kann: ist der Tod.

     

    AUSBEUTERISCHE GESCHICHTSVERDREHUNG

     

    „Jüdische Frauen selektierte die SS nicht, denn männliche Häftlinge jüdischer Herkunft durften das Bordell nicht besuchen.“ (Robert Sommer)

     

    Wie bereits zu Anfang erwähnt, tischt uns Mario Caiano einige Kuriosa auf, die mit der Realität herzlich wenig zu tun haben. Besonders signifikant ist „sein“ KZ-Bordell.

     

    Die SS richtete zwar in den Konzentrationslagern Mauthausen, Gusen, Flossenbürg, Auschwitz-Stammlager, Buchenwald, Auschwitz-Monowitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora Lagerbordelle für Häftlinge ein, doch achtete man streng auf die Nationalsozialistische Rassenideologie. Demnach wäre ein, von der Lagerleitung abgesegneter Geschlechtsakt zwischen einer jüdischen Gefangenen und einem Mitglied der deutschen Wehrmacht (wie es Caiano darstellt) undenkbar. Wer sich für dieses schwarze Kapitel der deutschen Historie interessiert und sein Wissen bereichern will, dem empfehle ich das Buch „Das KZ-Bordell - sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern“, in dem sich Robert Sommer intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzt.

     

    Innerhalb der Schauspielerliste stechen die sympathische Sirpa Lane (Hannah Meyer) und Giancarlo Sisti (Kurt von Stein) besonders hervor. Die restlichen Darsteller/innen agieren auf einem Level, wie man es von fiesen Kapos, hässlichen Fascholustgreisen und notgeilen SS-Männern erwartet, denn sie alle sind (u. a. angesichts ihrer deutlichen Überzeichnungen) wichtige Ingredienzien im Komplex der exploitativen Nazilager- und Nazibordell-Filme.  


    Fazit: „Nazi Love Camp 27“ hat im Œuvre der Naziploiter keinen hohen Stellenwert. Sehr schade, denn der Streifen bietet so ziemlich alle Bestandteile, die sich über die Jahre im marginalisierten „SadicoNazista-Distrikt“ ansammelten. So trifft die geschundene Heldin im „Höllencamp der SS“ ihren „Nachtportier“, freut sich auf das „private Haus der SS-Nutten“, und steuert gezielt in die Richtung finales Gemetzel.

     

    Abschließend sei gesagt, dass empfindliche Zuschauer mit diesem politisch inkorrekten und durchweg schmuddeligen Schweinkram einige Probleme bekommen könnten.

     

    In diesem Sinne. Sieg Geil!

  • Autor: Frank Faltin
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