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Nacktes Entsetzen

Italien | Spanien, 1974

  • Originaltitel: Un par de zapatos del '32
  • Alternativtitel:

    Qualcuno ha visto uccidere... (ITA)

    The Student Connection (USA)

    Witness to Murder (USA)

    Schuhgröße 32 (DDR)

    Der mörderische Professor

  • Deutsche Erstaufführung: 11. Februar 1977 (DDR)
  • Regisseur: Rafael Romero Marchent
  • Kamera: Godofredo Pacheco
  • Musik: Stelvio Cipriani
  • Drehbuch: Luciano Ercoli, José Manuel Martín, José Luis Navarro, Rafael Romero Marchent
  • Inhalt:

    Dr. Roger Melli (Ray Milland), Direktor eines Jungen-Internats, hat einen folgenschweren Fehler begangen. Damit seine Geliebte Sonya (Sylva Koscina) frei für ihn ist, gibt er den Mord an ihrem Mann in Auftrag, doch der Killer sprengt die Maschine, mit der Sonyas Mann fliegen wollte in die Luft. Der Doktor hat nun plötzlich 140 Menschenleben auf dem Gewissen und erschlägt den gekauften Attentäter im Affekt. Im gleichen Moment bemerkt er, dass er offensichtlich von einem seiner Schüler beobachtet wurde, da er einen Schuh mit der Größe 32 findet. Doktor Melli versucht ab sofort herauszufinden, um welchen Jungen es sich dabei gehandelt hat, doch die Suche gestaltet sich für ihn schwerer als befürchtet. Also sieht er sich gezwungen, außerordentliche Mittel anwenden zu müssen...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Der deutschen Titel von Rafael Romero Marchents Film versprechen, beziehungsweise verraten möglicherweise etwas zu viel über diesen Verlauf, der den Zuschauer gleich von Beginn an zu seinen Komplizen macht. Leicht skeptisch nimmt man diese eher ausgefallene Variante wahr, denn immerhin stellt sich doch schnell die Frage, woraus die Geschichte eigentlich ihre Spannung schöpfen möchte. Aufgrund der hier gegebenen Voraussetzungen ahnt man allerdings sehr schnell, welchen Verstärker sich diese Konstruktion auserkoren hat, denn die Schockwirkung entfaltet sich erfahrungsgemäß sehr effektiv über Kinder, falls die richtigen Leute skrupelloser Natur am Werk sind. Die Idee, das Prinzip des "Cinderella"-Schuhs einfach im Rahmen eines Mordfalls zu variieren, kann als sehr originelle und darüber hinaus äußerst perfide Idee gewertet werden, da dieser Schuh so gut wie jedem Kind im Internat passen könnte, was die Gefahr für alle drastisch erhöht.

     

    Nun stellt sich natürlich die Frage, ob man es tatsächlich mit einem so skrupellosen Kriminellen zu tun hat, der auch vor Kindern nicht zurückschrecken würde, doch bei ohnehin 140 unfreiwilligen Opfern kommt es auf ein paar mehr oder weniger auch nicht mehr an. So lehren es jedenfalls die Gesetze des Verbrechens. In der Tat ist es so, dass schon bald der erste kleine Junge das Zeitliche segnen wird, sodass sich die Spannung auf einem soliden Niveau bewegt. Die weitgehend tempoarme Suche nach dem wahren Augenzeugen beginnt, aber der Verlauf wird trotz ruhigeren Fahrwassers nie uninteressant oder gar langweilig, da die Geschichte gut aufgebaut ist und einen genretypischen Wiedererkennungswert zu vermitteln weiß. Rafael Romero Marchent gelingt es vor allem sehr gut, eine fatale Kettenreaktion zu zeichnen und auszuarbeiten, die mithilfe der Charaktere und deren Konstellationen untereinander ihre Brisanz gewinnt.

     

    Die Hauptrollen sind mit dem Briten Ray Milland und der schönen Wahl-Italienerin Sylva Koscina prominent besetzt und man schaut auf eine ziemlich ungleiche Liaison dangereuse, die in erster Linie für Gefahr, aber auch Scheitern steht. Bedroht werden natürlich Andere und schon ein oberflächlicher Blick auf diese Konstellation genügt, um zu begreifen, dass die treibende Kraft und womöglich die Wurzel allen Übels somit den Namen Sonya trägt. Die Drahtzieherin hinter diesem mörderischen Komplott manövriert den Doktor in eine Kurzschlussreaktion, die zwar kalkuliert war, aber nicht bis ins Detail durchdacht. Wie so oft kommt einer attraktiven Frau der dritte Frühling des Mannes zur Hilfe, der ohne Widerstand kapituliert und sich zum willigen Werkzeug ausbilden lässt. Ray Milland formt diese Figur sehr beachtlich, da er die nötigen Voraussetzungen mitbringt.

     

    Seine weltmännische Attitüde und das nötige Kleingeld imponiert Frauen wie Sonya, die sich im Gegenzug zur Verfügung stellen, solange die Rendite stimmt. Sylva Koscina trumpft mit einer nahezu teilnahmslosen Körpersprache auf. Außer wenn es um das Wohl ihres kleinen Sohnes geht, der ebenfalls im Internat von Doktor Melli untergebracht ist, sieht man deutlichere Gefühlsregungen. Ansonsten fungiert die aparte Interpretin hart und kompromisslos wenn es darum geht, dass ein Anderer ihre Wünsche und Ziele verwirklicht, was nicht gerade dafür sorgt, alle Sympathien auf sich zu ziehen. Die Geschichte behält sich Steine im Weg vor und in diesem Zusammenhang kommt es zu einer sehr ansprechenden Lösung, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Die weiteren Rollen hätten vielleicht ein wenig spektakulärer besetzt werden können, aber man wird in "Nacktes Entsetzen" Zeuge einer vollkommenen Unterordnung angesichts der Fokussierung auf die Hauptrollen.

     

    Der besondere Reiz dieses gialloesken Thrillers liegt in der nicht uninteressanten Umkehr konventioneller Erzählstrukturen. In der Regel mit Whodunit-Effekt versehen, ist sich der Zuschauer in diesem Fall von vorne herein im Klaren, mit wem man es zu tun hat. Der Täter beschäftigt sich den kompletten Verlauf damit, den stummen Zeugen seiner Tat kaltzustellen und somit wird das potentielle Opfer originellerweise zum Phantom, auch für den geneigten Zuschauer. Etliche Unbeteiligte werden über die Klinge springen müssen, bis sich die Zusammenhänge ergeben, allerdings nicht ohne sich gewisse Paukenschläge vorzubehalten. Wie erwähnt hat man es stets mit einer der perfidesten Art von Verbrechen zu tun, solange Kinder involviert werden. Gleichzeitig weist diese Strategie noch viel deutlicher auf die Tatsache hin, wie sinnlos Verbrechen doch sind und dass es den perfekten Coup überhaupt nicht geben kann. Insgesamt sieht man mit "Nacktes Entsetzen" einen soliden Beitrag, der von dem spanischen Regisseur Rafael Romero Marchent ansprechend gelöst wurde.

     

    Falls man jedoch auf einen Überflieger spekulieren sollte, könnte man sehr schnell enttäuscht werden, da die strukturellen Unterschiede doch sehr massiv ins Gewicht fallen und sich streckenweise sogar eine recht konservative Note herausfiltern lässt. »Kinder sind unberechenbar!«, heißt es im Film, und genau diese Feststellung kann der Verlauf in geistreicher Manier belegen. Zum Ende hin kommt nicht nur eine gute Portion Brisanz zusammen, sondern auch ein gesteigertes Tempo, sodass der mit Tragik gewürzte Verlauf in ein passendes Finale münden kann. "Nacktes Entsetzen" belegt schließlich, dass der Volksmund recht hat wenn er sagt, dass Märchen und Kinder grausam sein können, auch wenn sich dies nur indirekt in eine Kausalität zum Verlauf bringen lässt. Alles in Allem bleibt ein eigenwilliger Vertreter zurück, der sich von seiner Zunft abzuheben versucht, ihm dabei jedoch hin und wieder ein wenig der Elan ausgeht.

  • Autor: Prisma
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