Nachts, wenn Dracula erwacht

Deutschland | Italien | Liechtenstein | Spanien, 1970

  • Alternativtitel:

    El conde Drácula (ESP)

    Les nuits de Dracula (FRA)

    Il conte Dracula (ITA)

    Drácula, O Príncipe das Trevas (POR)

    Count Dracula (USA)

    Dracula - Seine Küsse sind tödlich

    Dracula 71

    The Nights of Dracula

  • Deutsche Erstaufführung: 03. April 1970
  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: Manuel Merino, Luciano Trasatti
  • Musik: Bruno Nicolai
  • Drehbuch: Erich Kröhnke, Augusto Finocchi, Jesús Franco, Harry Alan Towers
  • Inhalt:

    Im Auftrag seiner Anwaltskanzlei reist Jonathan Harker (Fred Williams) nach Transsylvanien zum Schloss des Grafen Dracula, der sein neues Domizil in London (bzw. Barcelona) aufschlagen will. Zu aller Überraschung entpuppt sich Graf Dracula (Christopher Lee) als Vampir und Harker muss aus dessen Schloss fliehen.

     

    Er erwacht in der Nervenklinik von Dr. Van Helsing (Herbert Lom) und scheint Realität und Phantasie nicht mehr unterscheiden zu können. Erst nach Eintreffen seiner Verlobten Mina (Maria Rohm) und deren bester Freundin Lucy (Soledad Miranda) kommt Harker wieder langsam zu Sinnen. Im Gegensatz zu einem anderen Patienten der Klinik namens Reinfierd (nicht meine Schuld, so steht es bei imdb) – gespielt von Klaus Kinsky (dito) – der ebenfalls auf eine unheimliche Begegnung mit dem mysteriösen Grafen in Transsylvanien zurückblicken kann.

     

    Die ohnehin sehr fragile Lucy Westenra baut zusehends ab, denn wie es der Zufall (?) so will, hat Graf Dracula ausgerechnet das Haus gegenüber von Van Helsings Klinik gekauft und verjüngt sich mit Lucys Blut. Als Lucy stirbt, besteht für Van Helsing kein Zweifel mehr, dass es sich bei Graf Dracula um einen Vampir handelt, und wir Zuschauer hatten ja eh schon so eine Ahnung.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Ungeduld ist keine Tugend, aber eine Inhaltsangabe von Stokers oder Francos Dracula zu schreiben, erscheint mir irgendwie überflüssig. Ihr kennt die Geschichte. Ebenso wurde bereits viel über diesen Versuch Jesús Francos, eine originalgetreue Adaption des Bram Stoker Romans zu verfilmen, geschrieben also lasse ich das ebenfalls bleiben.

     

    Hier soll es um die US-Blu-ray von Severin Films gehen und den persönlichen Eindruck, den dieser Film mehr als 45 Jahre nach seiner Entstehung auf mich gemacht hat, ergänzt durch Informationsschnipsel aus dem Bonusmaterial dieser Veröffentlichung.

     

    Die Filmversion auf der Severin-BD beruht ähnlich wie die Dark Sky-DVD auf einem italienischen Master. Einige Fehlsekunden der Dark Sky-DVD wurden von Severin jedoch ergänzt, wie z. B. die Frau die vor Draculas Schloss darum bittet, man möge ihr Baby herausgeben und ein Blick von Jonathan Harker aus dem Fenster des Schlosses auf lagernde Zigeuner (Roma hießen die 1970 noch nicht). Diese stammen aus einer spanischen 16mm Kopie, sind leicht blaustichig und für Kenner der deutschen Kinowelt-DVD freilich nicht neu.

     

    Die Abtastung in 1080p wird in dem von Franco angedachten Vollbild-Format präsentiert, genauer pillarboxed im Format 1.33:1, und nie hat „Count Dracula“ besser ausgesehen. Die Farben sind kräftig und ein paar Einzelheiten sind erkennbar, die einem in vorherigen Veröffentlichungen kaum aufgefallen sein dürften. Ein Beispiel hierfür wäre die Szene, in der Draculas drei Bräute aus ihren Särgen steigen und deutlich durchsichtig sind, bis sie Jonathan Harker – also Blut – wittern. Leider bemerkt man auch, dass sich unter dem Sack, in dem sich das Baby befinden soll, anscheinend ein Kleinkind verbirgt, dass gerade erst in dem Augenblick in die Hocke geht, als die Kamera herumschwenkt. Ein weiteres Detail gibt mir Rätsel auf. In der ersten von mehreren Szenen, in der Soledad Miranda auf dem Bett liegt, bevor der Graf erscheint um von ihrem Blut zu trinken, scheint sich an ihrem linken Arm vom Handrücken bis über den Knöchel eine rötliche Schwellung zu befinden, die sehr nach einer Verstauchung aussieht. In keiner ihrer anderen Szenen ist diese jedoch vorhanden. Vielleicht nur ein ungünstig fallender Schatten? Besser verständlich in englischsprachigen Fassung als in der Deutschen ist in jedem Fall diese ganze Geschichte um Van Helsings Schlaganfall.

     

    Nicht so zufrieden war ich mit dem Ton (LPCM 2.0, mono), der, sobald man ihn etwas lauter dreht, insbesondere bei der Musik übersteuert klingt. Dabei handelt es sich ausschließlich um die englische Tonspur mit den Originalstimmen von Christopher Lee und Herbert Lom, sowie Mel Welles, der mehrere der männlichen Charaktere spricht. Neu sind die in Französisch gehaltenen Credits, die bereits bekannten Falschschreibungen verschiedener Namen in früheren Credits noch ein paar Weitere hinzufügt. Das Bonusmaterial bietet neben dem deutschen Trailer und dem bereits bekannten Franco-Interview „Beloved Count“ ein paar neue Features.

     

    Pere Portabellas On-Set-Dokumentation „Cuadecuc, Vampir“ liegt in HD vor, allerdings in der kürzeren 66-minütigen Version. Aber das reicht, das komplette Ding kann eine ziemliche Quälerei für den Zuschauer sein, da neben ein paar interessanten Momenten für Fans sehr viele unnötige Wiederholungen von Szeneneinstellungen vorhanden sind. Hier schließe ich mich anderen Kritikern an, die Portabellas Werk für überschätzt halten, das einige böse Zungen in der Vergangenheit als gelungener wie den Hauptfilm betrachten.

     

    Es gibt einen per Skype geführten Audiokommentar zwischen David Del Valle und Maria Rohm, der für interessante Hintergrundinformationen sorgt und sich nicht nur auf „Count Dracula“ beschränkt. Ferner ein neues 10-minütiges Interview mit Jack Taylor und ein längeres Interview mit Fred Williams. Beide wurden anscheinend 2015 für diese Severin-Veröffentlichung produziert. Desweiteren kann man sich eine knapp 90-minütige Lesung von Christopher Lee aus „Dracula“ anhören, die als Audio-Spur mit einigen Bildern und Postern zu „Count Dracula“ unterlegt wurden. Eher überflüssig dagegen die 7 Minuten mit Christophe Gans, der hier ein paar wilde Spekulationen zu Franco und „Count Dracula“ zum Besten gibt.

     

    Interessant werden die verschiedenen Interviews, wenn man sie ergänzend betrachtet. So ergibt (jetzt spekuliere ich mal ähnlich wild wie Christophe Gans) die Geschichte, dass Klaus Kinski nicht gewusst haben soll, dass er in einem Dracula-Film mitspielt, einen völlig neuen Sinn, wenn man sich vorstellt, dass Franco und Kinski sich verbündet haben, um Maria Rohm ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Franco bezeichnete sie ja desöfteren – trotz seines Respekts für ihre schauspielerische Leistung und Schönheit – als Harry Alan Towers Spionin, und Klaus Kinski dürften Rohms Versuche, ihn davon zu überzeugen, dass der Charakter Renfield nichts mit dem Roman Dracula zu tun hätte, eher amüsiert haben. Ich glaube, die Zwei haben Maria Rohm einfach ein bisschen verarscht.

     

    Diverse private Gerüchte bieten die Interviews ebenfalls. So beschreibt z. B. Maria Rohm ihren Kollegen Fred Williams zwar als „very handsome“ aber einen von „Viscontis Boys“ und „not a Ladies Man.“ Fred Williams ist allerdings verheiratet und hat einen Sohn. Unabhängig davon meint Williams, Harry Alan Towers hätte bei einem Besuch am Set anschließend seinen Flieger verpasst und bei seiner Rückkehr seine Frau – also Maria Rohm – im Bett mit dem amerikanischen Regieassistenten von „Count Dracula“ John Thompson vorgefunden. Diese Geschichte erwähnt sie wiederum mit keinem Wort, bestreitet dafür aber vehement die von Klaus Kinski in dessen erster Autobiographie aufgestellte Behauptung, sie habe ein Verhältnis mit Margaret Lee gehabt. Also – jede Menge Tratsch.

     

    Entgegen Stephen Thrower, der Kinskis Szenen als in Italien entstanden vermutet, meint Maria Rohm, diese Szenen seinen an nur einem Tag in den Estudios Balcázar in Barcelona entstanden, und sie war schließlich mit dabei. Aber mit dem Gedächtnis der vielbeschäftigen Schauspieler aus dieser Zeit ist es ja manchmal so eine Sache.

     

    Die Interviews bestätigen auch eines: Francos Einfluss auf die von Harry Alan Towers produzierten Filme war äußerst gering. Sämtliche Drehbücher dieser Phase stammten von Towers selbst, und aufgrund der unterschiedlichen Co-Produzenten, die Towers für seine Produktionen anwarb, musste selbst er zahlreiche Zugeständnisse machen, die von seinen Skripts bisweilen stark abwichen. Die Idee für eine Dracula-Adaption überhaupt scheint ebenfalls von Towers gekommen zu sein und Francos spätere eigene Ideen wurden abgelehnt. Überhaupt war das Verhältnis der Beiden endgültig am Tiefpunkt und lt. Maria Rohm waren die Zwei von Anfang an „no match made in heaven.“

     

    Mein persönlicher Eindruck von „Count Dracula“ nach all diesen Jahrzehnten war ein völlig anderer als bei früheren Sichtungen. Während Stephen Thrower dem Film eine gewisse Gefühlskälte bescheinigt und durchaus einen Einfluss der Hammer-Dracula-Adaptionen der zu spüren vermeint, erinnert die räumliche Weitläufigkeit der Interiors und deren Leere, die Nüchternheit in der Darstellung und vor allem die Dramaturgie des Drehbuchs mich eher an diverse TV-Verfilmungen bekannter Horrorstoffe in den Siebzigern. Auch das Vollbild-Format trägt zu diesem Eindruck bei. Der Name Dan Curtis schoss mir ein paar Mal durch den Kopf, obwohl dessen Filme natürlich ziemlich langweilig sind.

     

    Zurück zum Anfang, und entgegen meiner Absicht, nicht zum Thema Originaltreue gegenüber Stokers Roman zu schreiben, erkläre ich mich kurz und bündig solidarisch mit den diversen Interviews auf der Severin Blu-ray. Coppola ist schon mit seiner Grundinterpretation - dass Dracula tatsächlich eine Liebesgeschichte sei - in Sachen Originaltreue gescheitert. Herzogs Nosferatu kam nur bis Amsterdam, Argentos Dracula gar nur bis Ungarn, und auch wenn Jesús Francos Film zwar in London spielen soll aber Spanien kaum zu leugnen ist, war „Nachts, wenn Dracula erwacht“ das Beste, was zu jener Zeit in einer „werkgetreuen“ Kinoverfilmung von Dracula machbar war. Und bis heute soll Francos Adaption im Grunde nur von der zweieinhalbstündigen BBC-Verfilmung mit Louis Jourdan (Dracula) und Frank Finlay (Van Helsing) von 1977 übertroffen sein – die ich mir wohl mal zulegen sollte.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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