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Nachtblende

Frankreich | Deutschland | Italien, 1975

  • Originaltitel: L'important c'est d'aimer
  • Alternativtitel:

    O Importante é Amar (BRA)

    Lo importante es amar (ESP)

    L'importante è amare (ITA)

    That Most Important Thing: Love (USA)

    The Main Thing Is to Love

  • Deutsche Erstaufführung: 21. Februar 1975
  • Regisseur: Andrzej Zulawski
  • Kamera: Ricardo Aronovich
  • Musik: Georges Delerue
  • Drehbuch: Christopher Frank, Andrzej Zulawski
  • Inhalt:

    Die Schauspielerin Nadine Chevalier (Romy Schneider) sieht sich mit dem Tiefpunkt ihrer Karriere konfrontiert. Ohne seriöses Engagement und ohne Nachfrage, dreht sie Pornofilme um sich und ihren Mann Jacques (Jacques Dutronc) über Wasser halten zu können. Während eines Drehs lernt sie den Fotografen Servais Mont (Fabio Testi) kennen, der sich sofort in die attraktive Schauspielerin verliebt. Er fasst den Entschluss, ihr aus der beruflichen Misere zu helfen und kauft sich in einer drittklassigen Theater-Produktion ein, in der er Nadine ohne deren Wissen eine Rolle verschafft. Um das Geld dafür aufzutreiben, geht Servais zu seinem ehemaligen Arbeitgeber Mazelli (Claude Dophin) zurück, für den er einst kompromittierende Fotos zu Erpressungszwecken im Pornosektor anfertigte, um seine eigenen Schulden begleichen zu können...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Andrzej Żuławski lieferte mit "Nachtblende" einen der ganz großen Progressiv-Klassiker des französischen Kinos und darüber hinaus einen absolut bedeutenden Film ab, der sich gegen jeden Modell-Charakter stellt. Seine Strategie, eigentlich aus Stroh Gold zu machen, geht hier schließlich vollkommen auf. Er bearbeitete den Film und die dazu gehörenden Psychogramme mit einem Seziermesser und spielt dabei empfindlich mit den Emotionen und angeschlagenen Nerven der Zuschauer. Motor und Projektionsfläche für all dies ist die Ausnahmeerscheinung Romy Schneider, für deren Leistung hier erst Superlative erfunden werden müssten. Ihr Weg durch den Film soll nachweislich äußerst hart gewesen sein, da Regisseur Żuławski sie immer wieder an die Grenzen des Möglichen, und kurz vor den Zusammenbruch brachte, aber ihr Lohn war der César in der Kategorie Beste Weibliche Hauptdarstellerin, vor allem schuf sie eine der bedeutendsten Interpretationen des zeitgenössischen Kinos.

     

    "Nachtblende" - was sagt dieser vage klingende Einheitstitel aus? Eigentlich nichts, oder zu wenig, um die schwierige Intention des Films konkret zu beschreiben, beziehungsweise ihr ansatzweise gerecht zu werden. Der französische Titel bringt die Bedeutung kurz und schmerzhaft auf den Punkt, denn so unscheinbar "L'important c'est d'aimer" im Endeffekt auch klingen mag, "Was zählt ist die Liebe" sagt als Rückschluss alles aus, was vermittelt werden soll. Im Kontrast dazu stehen allerdings die gezeigten Bilder, die widerwärtig und auf eine unbestimmte Weise brutal sind, überdies wirken die Hauptpersonen verlockend, grotesk, bizarr, faszinierend und werden nur im Spektrum hinlänglich bekannter Reaktionen sowie Emotionen greifbar, zumindest hat es hin und wieder den Anschein. Das Leitmotiv Liebe wird dem Zuschauer mit inszenatorischen Peitschenhieben richtiggehend eingeprügelt, oftmals scheint alles ein Stück weit über die mentalen Kapazitäten aller Beteiligten hinauszugehen, eine Strategie, die der Regisseur fahrlässig verfolgte und die darüber hinaus vollkommen aufgeht.

     

    Was wirklich zählt ist hier zunächst einmal nur Romy Schneider. Der Film beginnt, man sieht eine Frau am vielleicht tiefsten Punkt ihres Daseins, denn sie bekommt in dieser Film-in-Film-Szene aggressive Anweisungen ihrer Regisseurin, da sie beim Dreh des Pornofilms nicht so funktioniert, wie es verlangt wird. Sie hat Hemmungen und alles in ihr wehrt sich, allerdings vielleicht noch nicht einmal wegen der Sache an sich, sondern weil sie ihrem Filmpartner nicht »Ich liebe dich!« entgegen stöhnen möchte. Die bereits verzweifelte Nadine Chevalier wird immer mehr unter Druck gesetzt und an ihren Vertrag erinnert, eine verzweifelte Anspannung macht sich breit, Tränen laufen ihr an den Wangen herunter, sie will nicht noch tiefer unter die Erniedrigung sinken und sich vor der Kamera zur letzten Hure machen lassen. Während man das alles noch am ordnen ist, entsteht plötzlich und wie aus dem Nichts eine der größten, auf vielen Ebenen bedeutendsten und nach persönlichem Empfinden bewegendsten Szenen der bislang bekannten Filmgeschichte, als sie von Fabio Testi abfotografiert wird.

     

    Ein fragender, versteinerter Blick, eine Frau die selbst zum kompletten Vorwurf wird und eine Rechtfertigung unter Tränen, dass sie Schauspielerin sei, und wirklich etwas leisten könne. Vielleicht ist die erfolgte Glorifizierung dieser Szene rückwirkend durch den Mythos Romy Schneider entstanden, daher auch zu erklären, weil sie genau das beschreibt, was sie nach eigenen Angaben ihr Leben lang verfolgte. Das nackte Auge der Presse und die rücksichtslose Instrumentalisierung ihrer Person eben durch diese. Żuławskis Beitrag scheint sich also auf den ersten Blick mit einer recht simplen Thematik zu beschäftigen, allerdings ist es der überaus aggressive Bearbeitungsstil, der dem Film seine außergewöhnliche Note verleiht. Das einfachen Voraussetzungen werden zunächst strikt voneinander getrennt. Auf der einen Seite muss die Liebe herausgefiltert werden, da man auf der anderen Seite ausschließlich mit der, ja, förmlich unerbittlichen Mechanik dieses Themas konfrontiert wird, und immer noch ein Stückchen mehr.

     

    Die Regie lotet Grenzen immer wieder zielstrebig aus, um sie mutwillig und provokant zu überschreiten. Die Thematik wird im Eiltempo vollkommen sexualisiert und in diesem Zusammenhang mit Personen angereichert, die strapazieren, verwirren und abstoßen. Die denkwürdigen Momente entstehen vor allem dadurch, dass keine von ihnen karikiert wirkt und es zu vollkommen ernstzunehmenden Zeichnungen kommt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie nicht nur im Film oder im Märchen, sondern auch in der Realität existieren könnten. Was bekommt man also zu sehen? Personen die moralisch, psychisch und physisch am Ende sind, gescheiterte Existenzen die eine Achterbahn zwischen Lethargie und Impulsivität anbieten, Gestalten, die ihre eigene Großmutter verkaufen würden, wenn sie denn jemals eine gehabt hätten und traurige, bemitleidenswerte Geschichten, die das Leben schreibt. Das alles klingt nun alles andere als erbaulich, erweist sich aber hier als genau die richtige Strategie, um das Wesentliche herauszuarbeiten.

     

    Es ist zugegebenermaßen schwierig, sich im Gefühlswirrwarr der vielen unterschiedlichen Personen zurechtzufinden, der Verlauf ist durchsetzt mit teilweise schwierig zu ordnenden Verhaltensweisen, Dialogen und verstörenden Bildern. Wilde Gefühlsausbrüche lassen dem Zuschauer den Atem stocken und einem beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Man merkt also immer wieder hautnah, dass die Regie dem Zuseher den Weg zum Ziel alles andere als leicht machen will. Letztlich bekommt man mit "Nachtblende" einen der unkonventionellsten, aber womöglich auch ehrlichsten Liebesfilme geboten, wobei man diese Umschreibung auch schon wieder im erweiterten Sinne betrachten sollte. Andrzej Żuławskis Beitrag gibt mehr her, als man generell vom Kino erwarten kann und mit dieser kleinen Hommage sei nochmals auf einen der bedeutendsten französischen Filme hingewiesen, der vor allem in den Bereichen der Schauspielerführung und überragender darstellerischer Ausnahmeleistungen überzeugen wird. Eine Sternstunde des französischen Kinos!

  • Autor: Prisma
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