Mutterliebe - Mutterleid

Frankreich | Italien, 1951

  • Originaltitel: I figli di nessuno
  • Alternativtitel:

    Os Filhos de Ninguém (BRA)

    Le fils de personne (FRA)

    Nobody's Children

  • Deutsche Erstaufführung: 13. November 1953
  • Regisseur: Raffaello Matarazzo
  • Kamera: Rodolfo Lombardi
  • Musik: Salvatore Allegra
  • Drehbuch: Aldo De Benedetti, Raffaello Matarazzo
  • Inhalt:

    Die Familie Canali ist Besitzer eines Marmorsteinbruchs nebst Fabrik. Der Sohn, Guido Canali (Amedeo Nazzari), verliebt sich in Luisa Fanti (Yvonne Sanson), der Tochter des Fabrik-Wächters und beginnt eine Affäre mit ihr. Seine Mutter, die Contessa Canali (Francoise Rosay) lässt die Beziehung geschehen, beobachtet das Ganze aber mit Misstrauen, denn sie weiß, ihr Sohn ist kein Mann, der sich seiner Verantwortung entzieht.

     

    Als die Contessa erfährt, dass Guido die Absicht hat Luisa zu heiraten, schickt sie ihn auf Geschäftsreise. Mit Unterstützung des Vorarbeiters Anselmo Vannini (Folco Lulli) fängt sie Guidos Briefe und versuchte Telefongespräche an Luisa ab. Als Luisas Vater stirbt, droht Anselmo ihr mit Rauswurf, denn sie lebt im Wächterhaus, es sei denn, sie würde ihn heiraten. Außerdem überzeugt er sie, dass Guido sie nur benutzt hätte. Als sie Anselmo angewidert zurückweist, versucht er über sie herzufallen. Luisa läuft in die Nacht davon.

     

    Am nächsten Tag wird ihr Verschwinden vom Arbeiter Poldo (Alberto Farnese) bemerkt, der eine Suchaktion startet. Man findet ihren Schal am Ufer einer Mühle, wo der Fluss besonders reißend ist und geht von Selbstmord aus. Guido ist untröstlich, heiratet aber bald Jugendfreundin Elena (Enrica Dyrell) und schenkt ihr Tochter Alda (Rosaria Randazzo). Doch Guido hat noch mehr Geschenke verteilt, denn die totgeglaubte Luisa ist bei der alten Marta in den Bergen untergekommen - schwanger – und trägt in Martas Hütte einen Sohn aus.

     

    Anselmo findet das jedoch heraus und berichtet der Contessa davon. Man schmiedet einen teuflischen Plan. Anselmo entführt das Kind und setzt Martas Hütte anschließend in Brand. Luisa ist überzeugt, dass nicht nur ihr Schäferhund (Mist, den habe ich ganz vergessen) sondern auch ihr Baby verbrannt ist. Als sie kurz davor steht, sich von einem Wasserfall zu stürzen, hört sie in der Ferne Kirchenglocken und erinnert sich an die Worte ihres Paters (auch vergessen, verdammt) beim Tode ihres Vaters, dass die Kirche ihr immer ein Zuhause bieten würde. Und so wird Luisa Nonne, im weiteren Verlauf also Schwester Addolorata.

     

    Ihr Sohn Bruno (Enrico Olivieri) wächst in einem Internat auf, wo ihn die anderen Kinder einen Bastard nennen. Für seinen Unterhalt kommt indirekt die Contessa auf, das Geld per Post an das Internat gesendet von Anselmo. Bruno findet einen Umschlag mit der Adresse Anselmos, reißt aus und begibt sich auf die Suche nach Anselmo, um von ihm etwas über seine unbekannten Eltern zu erfahren. Unterwegs begegnet ihm Schwester Addolorata, der er aus einer Quelle Wasser aus seinen Händen reicht, aber natürlich kennen die beiden sich nicht.

     

    Bei Anselmo angekommen, weigert er sich ins Internat zurückzukehren. Dieser lässt ihn im Steinbruch arbeiten und hofft, mit Brunos Anwesenheit mehr Geld aus der Contessa herauspressen zu können. Nebenbei spinnt Anselmo noch einen Plot den Steinbruch und die Fabrik in den Ruin zu treiben und mit einem potentiellen Käufer – der sein Komplize ist – den Verkaufspreis zu teilen. Doch sein Plan geht nicht auf, denn die Contessa liegt im Sterben.

     

    Auf dem Sterbebett beichtet die Contessa Pater Sowieso, dass Luisa noch am Leben ist und was mit Sohn Bruno geschehen ist. Als Sühne hat sie Bruno einen Teil ihres Vermögens vermacht. Allerdings werden sie während dieser Beichte von Guidos Frau Elena belauscht. Da Elena befürchtet, sowohl Guido als auch einen Teil des Erbes zu verlieren, lässt sie das Testament verschwinden und schweigt über das Gehörte.

     

    Erst als Bruno ihre Tochter Alda vor dem Ertrinken rettet, kann sie nicht länger schweigen und Guido und Bruno erfahren dass sie Vater und Sohn sind. Doch Anselmo will sich an Guido rächen und den Steinbruch sprengen, Bruno rennt hinaus um das zu verhindern, kawumm, und nein, das ist nicht die komplette Handlung, aber ich kann nicht mehr.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Das italienische Melodram. Angespitzt durch den Genuss von Vittorio Cottavafis „Die Geliebte“ (Traviata '53) auf dem 3. Terza Visione, lieferte der Vorredner Christoph bei der Vorstellung des Films das Stichwort: Raffaello Matarazzo. Kein völlig Unbekannter, hat er doch das Melodram/Abenteuer/WIP-Paket „Das Schiff der verlorenen Frauen“ (1954) mit May Britt inszeniert (DVD erschienen bei Filmjuwelen), welcher wohl auch als Vorlage für Domenico Paolellas „Frauen für die Teufelsinsel“ diente, welcher wiederum die Vorlage für Jesús Francos „99 Women“ gewesen sein dürfte.

     

    Der (leichte) Sleaze-Anteil in „Schiff der verlorenen Frauen“ stellt aber eher eine Ausnahme im Repertoire von Regisseur Raffaello Matarazzo dar. Christoph erwähnte das Wort Groschenroman. Aber kein Groschenroman treibt es so auf die Spitze, wie so manches italienische Melodram, wie es scheint. Insbesondere Matarazzo scheint dabei nie genug zu bekommen, treibt die Protagonisten seiner Filme von einer Tragödie in die Nächste und kein – ohnehin seltenes – Happy-End ohne Verlierer, die dabei auf der Strecke bleiben. Neorealismus ist hier zwar nur am Rande vorhanden – wie in diesem Film „I figli di nessuno“ in der Steinbruch-Nebenhandlung – gemeinsam ist dem italienischen Melodram und dem neorealistischen Film aber eine unglaubliche Destruktivität in der Handlung. Hoffnungslosigkeit. Matarazzos Protagonisten können sich noch so anstrengen, keine Chance auf Glück, das Schicksal schlägt immer wieder zurück.

     

    Die Vorlage zu diesem Film ist aber schon älter und damit zum Titelwirrwarr. Das Ganze stammt ursprünglich vom Romanautor Ruggero Rindi inklusive ein paar Pseudonymen, die Rindi als Autor verwendete. Davon fange ich aber gar nicht erst an. Der Roman diente als Vorlage für mehrere Verfilmungen: „I figli di nessuno“ (1921), einem Stummfilm-Mammutwerk mit einer Länge von knapp drei Stunden unter der Regie von Ubaldo Maria del Colle. Weiterhin „L’Angelo Bianco“ (1943), Regie Giulio Antamoro und Federico Sinibaldi. Anschließend „Mutterliebe, Mutterleid“ von Matarazzo und 1974 von Bruno Gaburro wiederum unter dem Titel „I figli di nessuno.“ Und...nein, erst am Ende des Texts.

     

    „Mutterliebe, Mutterleid“, was für ein Titel. Der Originaltitel übersetzt sich dagegen mit „Niemandes Kind“, was den Jungen Bruno in den Fokus des Ganzen rückt. Anders dagegen bei Matarazzo, der die Story aus wechselnden Perspektiven erzählt. Zunächst steht Guido im Vordergrund, sein Konflikt mit seiner Mutter und seine guten Absichten gegenüber Luisa. Doch seiner Mutter gelingt es, ihn auszutricksen. Dann wechselt die Perspektive auf Luisas weiteres Schicksal und ihren Werdegang bis hin zur Nonne. Schließlich folgen wir Bruno bis hin zum tragischen Crescendo, das alle vereint, nur um sie dann wieder gewaltsam zu separieren.

     

    Die italienische DVD von „Mutterliebe, Mutterleid“ scheint übrigens auf einem deutschen Master zu beruhen, deutlich erkennbar an den Einblendungen von Briefen, wo die italienische Originalschrift verschwommen im Hintergrund zu erkennen ist, dann aber durch deutschsprachige Schrifteinblendungen ersetzt wird. Mindestens zwei Szenen scheinen – meiner Ansicht nach - zu fehlen: zunächst weiß Guido ja nicht, dass Luisa noch am Leben und Nonne geworden ist. Beim Wechsel von der ersten Filmhälfte zur Zweiten folgt ein deutlich hörbarer Rollenriss, und nach der „Pause“ geht es weiter, wie Luisa von Guido im Kloster besucht wird. Wie er da hingekommen ist, erfahren wir nicht, und bedenkt man die akribische Erzählungsweise des Films, erscheint es unwahrscheinlich, dass Matarazzo das einfach übersprungen hat. Weiterhin wird in einer Szene zwischen Anselmo und dem Jungen Bruno davon gesprochen, dass Bruno ein Gespräch belauscht hat, durch das er erfuhr, dass Anselmo die Absicht hat, den Steinbruch zu sprengen – dieses Gespräch und dessen Belauschung durch Bruno ist aber nicht vorhanden. Und – fällt mir jetzt erst auf – was wurde eigentlich mit Anselmo? Wo ist der abgeblieben?

     

    Als kleine Randnotiz sei noch bemerkt, dass zusätzlich zur Filmmusik von Salvatore Allegra von einem Vagabunden (Sänger Giorgio Consolini) auf der Ladefläche eines Lastwagens in einer Szene mit dem aus dem Heim ausgebüchsten Bruno der Song „Mamma“ erklingt, den man später leider auch in deutscher Version von Heintje kennt. Hier wird es ebenfalls kompliziert, denn der Film benennt Cesare Andrea Bixio als Komponist, andere Quellen dagegen schreiben den Song Bixio Cerubini zu. Obwohl in beiden Namen das „Bixio“ vorkommt, sind die zwei nicht identisch – zwar im gleichen Alter aber der Eine aus Leonessa, der Andere aus Neapel. Ist mir aber auch wurscht, wenn ich es mir recht überlege.

     

    Die beiden Hauptdarsteller Amedeo Nazzari und die griechisch-stämmige Yvonne Sanson sind nicht zum ersten Mal im Auftrag Matarazzos auf einem gemeinsamen Leidensweg. Bereits 1949 brachte er das Duo in „Sühne ohne Sünde“ (Catene) zusammen und 1950 in „Opfergang einer Mutter“ (Tormento). Beide spielen ihre Rollen routiniert, ohne erwähnenswerte schauspielerische Ausfälle. Ebenfalls sehenswert natürlich Folco Lulli als Bösewicht Anselmo. Eine überraschend kurze Karriere war dagegen Enrica Dyrell beschieden, die im Film Guidos Ehefrau Elena spielt. Dyrell begann hier in „Mutterliebe, Mutterleid“ ihre Karriere mit Matarazzo, und bei Matarazzo endete sie auch, nur 4-5 Jahre später in derselben Rolle.

     

    Womit wir beim Thema wären. Können Guido und Luisa wirklich noch mehr Leid ertragen als ihnen hier – in „Mutterliebe, Mutterleid“ - widerfahren ist? Ist das überhaupt möglich? Na aber klar doch, in der Fortsetzung „Frauen hinter Gittern“ (L’Angelo Bianco, 1954), natürlich ebenfalls von Raffaello Matarazzo. Der ist aber kein Remake des 1943 entstandenen gleichnamigen Films sondern eine neue Story, der lediglich die Bezeichnung „Weißer Engel“ (L’Angelo Bianco) aus der Schlusszene von „I figli di nessuno“ entleiht.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb

    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.