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The Mother of Tears

Italien | Vereinigte Staaten, 2007

  • Originaltitel: La terza madre
  • Alternativtitel:

    O Retorno da Maldição - A Mãe das Lágrimas (BRA)

    La madre del mal (ESP)

    Mother of Tears - La troisième mère (FRA)

    Mãe das Lágrimas: A Terceira Mãe (POR)

    Mother of Tears (USA)

    Mother of Tears: The Third Mother (Int.)

  • Regisseur: Dario Argento
  • Kamera: Frederic Fasano
  • Musik: Claudio Simonetti
  • Drehbuch: Jace Anderson, Dario Argento, Walter Fasano, Adam Gierasch, Simona Simonetti
  • Inhalt:

    Bei Bauarbeiten in der Nähe eines Dorffriedhofs werden ein Sarg und eine Urne gefunden. Der örtliche Priester befürchtet schlimmstes und schickt die Urne an den Leiter eines Museums in Rom. Dort allerdings wird die Urne von 2 Assistentinnen geöffnet, welche 3 Dämonen beschwören und ein grausames Wesen zum Leben erwecken: Mater Lacrimarum, die Mutter der Tränen. Die schönste und grausamste der drei Mütter, die vor langer Zeit versucht haben die Erde zu beherrschen. Fortan wird Rom von einer Welle der Gewalt heimgesucht: Die Kirchen brennen, Mütter töten ihre Kinder, und in den Straßen wird hemmungslos gemordet. Und mittendrin Sarah Mandy, die dem Grauen im Museum knapp entkam und seitdem von den Mächten der Finsternis gejagt wird. Denn ihre Mutter war eine weiße Hexe, und auch Sarah hat die Kraft des Guten. Was sie zur einzigen Person macht, die Mater Lacrimarum gefährlich werden kann …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Endlich, nach x Jahren Wartezeit, der Abschluss der Mütter-Trilogie. Alle haben sich gefreut und waren aufgeregt, und dann das: Schlechte Effekte, dämliche Story, langweilige Bilder, und überhaupt ist das ja alles gar nicht wie in SUSPIRIA und INFERNO. Argento ist ja sooooooo peinlich geworden … So ähnlich waren die Reaktionen, und der allgemeine Kanon war mal wieder, dass der einstige Meisterregisseur schon seit ganz arg langer Zeit nichts gescheites mehr dreht, wo doch früher alles viel besser war.

     

    Ich habe es schon öfters geschrieben, und da wiederhole ich mich gerne: Künstler entwickeln sich weiter! Vielleicht nicht immer in die Richtung die der einzelne gerne hätte, aber ein Künstler der sich nicht weiterentwickelt und immer das Gleiche macht, der sollte vielleicht besser Schlagermusik machen. Oder anders ausgedrückt: Ist irgendjemand traurig darüber, dass das Weiße Album der Beatles nicht mehr so klingt wie sagen wir REVOLVER? Oder ärgert es jemanden, dass Hitchcocks DIE VÖGEL sich von z.B. DIE 39 STUFEN unterscheidet? Sicher nicht, aber wenn Argento nicht PROFONDO ROSSO oder SUSPIRIA wiederholt ist der neue Film Mist. Sagen zumindest viele. Und wenn er sich wiederholt, dann ist es ebenfalls Mist. Sagen die anderen …

     

    Bleiben also 2 Möglichkeiten sich LA TERZA MADRE zu nähern: Entweder mit der SUSPIRIA/INFERNO-Fan-Brille, oder mit dem Gedanken, dass 2007 30 Jahre nach SUSPIRIA ist, und in diesen 30 Jahren technisch, filmisch und künstlerisch viel passiert ist. In ersterem Fall kann die Ablehnung nur komplett sein, denn LA TERZA MADRE ist so ganz anders als seine beiden Vorgänger wie er nur sein kann. Fazit: Der Film ist kacke und Schluss.

     

    So mag ich aber an die Sache nicht herangehen! Also versuche ich mir LA TERZA MADRE unvoreingenommen anzuschauen. Dabei sehe ich düstere Bilder, eine Geschichte die mit zunehmender Laufzeit immer druckvoller und dichter wird, gute Schauspieler, blutige und gut umgesetzte Effekte, und ich höre einen größtenteils stimmungsvollen Soundtrack, der die wachsende Schwärze und Düsternis auf dem Bildschirm gut untermalt. (OK, Sarah Mandy hätte gerne ein klein wenig zupackender sein dürfen, irgendwann nervt die “Nein, meine Magie benutze ich nicht“-Haltung schon ein wenig, aber da die Story zu diesem Zeitpunkt bereits eine ziemlich Eigendynamik bekommen hat, geht das Gezetere dann angenehmerweise ein wenig unter.)

     

    Zugegeben, Fabrice du Welz macht kränkeren und düstereren Stoff, Alexandre Aja ist erheblich blutiger, und Rob Zombie kann ein ordentliches Inferno schlichtweg intensiver inszenieren. Aber LA TERZA MADRE ist eben kein Film von du Welz, Aja oder Zombie! LA TERZA MADRE ist von Dario Argento, und warum sollte sich Argento an den Filmen anderer Regisseure orientieren, bloß weil deren Bilder des Horrors gerade up to date sind? Argento zieht sein eigenes Ding durch, wie er das immer getan hat, und das ist auch gut so, denn nur so kann Kunst entstehen. Andernfalls könnte er auch Auftragsarbeiten und Soap Operas für RAI drehen*.

     

    Nun könnte man dagegenhalten, dass LA TERZA MADRE ja nichts mehr mit dem originären Argento-Style zu tun hat und austauschbar geworden ist. Ist er das? Ist der Film wirklich austauschbar geworden? Und welcher Argento-Style würde da wohl gemeint sein? Der in einer Großstadt angesiedelte und dicht inzenierte Giallo aus 4 FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT? Die artifiziellen Alpträume eines INFERNO? Oder die kühlen und fast distanziert wirkenden Bilder aus TENEBRAE? Die Filme Argentos haben sicher bestimmte Charakteristika wie etwa lange Kamerafahrten oder blutige und phantasievoll ausgeführte Morde, aber einen bestimmten Stil haben seine Filme deswegen noch lange nicht. Zu unterschiedlich und vor allem abwechslungsreich sind seine Arbeiten, als das man von einem durchgehenden Stil reden kann. Das tut eher die Presse, die ohne Schubladen nicht leben kann, und die Fans, die sich an solchen Hilfskonstrukten gerne orientieren.

     

    Zudem hat in den frühen 90er Jahren bei Argento ein Paradigmenwechsel eingesetzt, und seine Geschichten und Bilder haben sich von den infernalischen Halluzinationen seiner klassischen Horrorphase entfernt und wurden – realistischer. AURA, STENDHAL-SYNDROME und SLEEPLESS sind, unabhängig von ihrer Qualität und ihren phantastischen Zutaten, immer im Hier und Jetzt angesiedelt und entfernten sich damit bewusst von den fast zeitlosen Delirien aus SUSPIRIA und INFERNO. Alle Filme Argentos zwischen PHANTOM DER OPER und DRACULA sind moderne Thriller mit gelegentlichen phantastischen Einschüben. Und genauso wie die genannten Filme aus den 90-er Jahren hat LA TERZA MADRE die Besonderheit, dass hier die phantastischen Elemente mit dem realistischen Setting eine gleichberechtigte Synthese eingehen und genau daraus die ganz eigene Stimmung des Films entsteht. Was ich meine ist, dass Argento hier den Horror nicht nur in Kellern und finsteren Gängen ansiedelt, sondern zu gleichen Maßen auch in den Straßen der Stadt. Die schrecklichen Bilder der entfesselten und sich gegenseitig grundlos abschlachtenden Menschen in den Straßen stehen denen eines Films wie THE PURGE in nichts nach, aber das hat ja nichts mit Monstren zu tun (hat es sehr wohl!), ist also uninteressant für den modernen Horror-Buff. Die Szene, in der die Mutter ihr Kind in den Fluss wirft, musste ich erst einmal verdauen, als so grauenerregend empfand ich sie. Aber es ist natürlich eine ganz andere Art Grauen als die Bilder der Getreuen der Mater Lacrimarum, eine tiefgründigere Art des Schreckens, auf die der Zuschauer sich einlassen muss um sie wirken lassen zu können.

     

    Auch wie Argento nach und nach den Druck erhöht ist feiner gesponnen als heute im Horror-Genre oft üblich. Auf dem Weg seiner Protagonistin von Station zu Station entzieht er ihr ganz allmählich die Sicherheit und damit den Boden unter ihren Füßen. Jeder ihrer Anlaufpunkte wird zur tödlichen Falle, sie hat ohne es zuerst zu merken den Tod in ihrem Gepäck, und nirgends kann sie sicher sein. Somit hat auch der Zuschauer keine wirklich ruhige Minute, denn er weiß dass auch in diesem sicheren Hafen wieder ein Blutbad stattfinden wird, weswegen Unsicherheit und Unwohlsein zunehmen. Aber dieses Gefühl ist natürlich subtiler als eine in allen Details gezeigte Folterung. Anscheinend zu subtil für das heutige Publikum. Das Wort “abgestumpft“ würde ich in diesem Zusammenhang gerne vermeiden, aber es drängt sich ja geradezu auf …

     

    Nicht einmal die Fans merken mehr, dass die “klassischen“ Merkmale eines Argento-Horrorfilms sehr wohl enthalten sind. Künstliche Ausleuchtungen, edle Settings (durchweg alle Wohnungen atmen das Flair von Altertum und distinguiertem Geschmack), schier endlose Kamerafahrten durch düstere Gänge, die zunehmende Orientierungslosigkeit und Isolation der Charaktere … Es ist alles da, auch die liebevoll gestalteten und skurrilen Nebenfiguren wie etwa Philippe Leroy als Alchimist Guglielmo de Witt oder Udo Kier als Exorzistenpater Johannes. Es macht Spaß solche Details zu entdecken, aber heute, wo der Zuschauer gewohnt ist die Zusammenhänge mehrmals erklärt zu bekommen und sich bloß keine eigenen Gedanken mehr machen muss, da scheinen dies offensichtlich veraltete Qualitäten zu sein die nicht mehr ziehen.

     

    Schade, denn Argento hat sich hier einiges einfallen lassen. So hat er beispielsweise die moderne Gothic-Kultur in Gestalt der in Rom einziehenden Hexen einfließen lassen, und auch manche Bilder der Mater Lacrimarum wirken fast wie Fotos aus einem Modekatalog für Schwarzkittel. Diese zeitgemäßen Bilder stellt er dann neben Ikonen der Horrorkultur: Wenn Pater Johannes und Sarah aus dem Fenster schauen und auf die Menge der Geistesgestörten blicken, wem fallen da nicht sofort die Zombie-Klassiker von George A. Romero ein?

     

    Somit ist LA TERZA MADRE also ein Gemisch aus “klassischen“ Horrormotiven und Endzeitthrillern à la CHILDREN OF MEN oder eben dem erwähnten THE PURGE. Abgeschmeckt mit außerordentlichen schönen Bildern, guten Effekten, glaubhaften Darstellern und passender Musik bietet der Film eigentlich alles was das Herz des anspruchsvollen(!) Horrorfans heute sehen möchte. Rabiaten Punktabzug gibt es für den Schluss, das gebe ich gerne zu, aber dafür wird der Abspann mit Dani Filth von Cradle of Filth veredelt (zu einem verdammt starken Gothic-Metal-Soundtrack von Claudio Simonetti), was erheblich besser passt als Motörhead oder Iron Maiden. Ich denke auch, dass der Film bei mehrfachem Sehen gewinnt, wenn nämlich die Details in Handlung und Settings entdeckt werden, und die unheilvolle Atmosphäre die Überhand gewinnt über die dann bereits bekannte Story. Ich habe ihn jetzt einmal gesehen und bin sehr angetan, aber ich habe auch das Gefühl dass da noch mehr drin steckt. Und dass LA TERZA MADRE seine Qualitäten nicht so bereitwillig verschleudern mag.

     

    LA TERZA MADRE ist nicht SUSPIRIA und er ist nicht INFERNO. Er ist anders, was ihn aber nicht per se schlecht macht. Er ist unterschiedlich aufgebaut und hat andere Qualitäten als seine inhaltlichen Vorgänger. LA TERZA MADRE ist intelligenter und zeitgemäßer Horror. Gebt ihm eine Chance! Er ist es mehr als wert endlich wahrgenommen zu werden.

     

    * Der Kopf der deutschen Gothic-Band Umbra et Imago, Mozart, meinte einmal: “Lieber will ich verhungern, als mich dem gängigen Geschmack der Hörer anzupassen.“ Auch wenn ich ihm musikalisch nicht immer folgen kann und mag, aber allein für diese Aussage liebe ich ihn heiß und innig. Und Dario Argento hat in seinem Fach schließlich nie etwas anderes gemacht als seinen eigenen Weg zu gehen.

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde die DVD von Koch Media, die Nummer 3 aus der Reihe Koch Kaputt. Und wie immer bei Koch Media lässt die Veröffentlichung keinerlei Wünsche übrig: Die DVD steckt in einer Amaray im Schuber, und geboten werden deutscher und englischer Ton mit deutschen und englischen Untertiteln. Zusätzlich gibt es ein sehr informatives und analytisches Booklet von Kai Naumann und Dr. Marcus Stiglegger, ein gut halbstündiges Making-of, einen Bericht von Dario Argento beim Cinestrange-Festival in Dresden, verschiedene Trailer und eine Bildgalerie. Dass Bild und Ton durch die Bank hervorragend sind muss bei einer VÖ von Koch Media nicht mehr extra erwähnt werden, oder?

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

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