Il mostro dell'opera

Italien, 1964

  • Alternativtitel:

    L'orgie des vampires (FRA)

    The Monster of the Opera (USA)

  • Regisseur: Renato Polselli
  • Kamera: Ugo Brunelli
  • Musik: Aldo Piga
  • Drehbuch: Renato Polselli, Ernesto Gastaldi, Giuseppe Pellegrini
  • Inhalt:

    Der Theaterregisseur Sandro (Marco Mariani) findet für seine Tanztruppe ein altes, heruntergekommenes Theater. Obwohl ihn dort der alte Achille (Alberto Archetti) eindringlich davor warnt mit seinen Mädels dort zu proben, dort soll nämlich ein Vampir umgehen der sich von Tänzerinnen ernährt, so ist Sandro doch ganz begeistert und holt die Gruppe nach. Zuerst wird aufgeräumt, und wenn das zu langweilig ist dann wird geprobt und getanzt. Nur Giulia (Barbara Howard) ist entsetzt: Sowohl vom Theater wie auch von Achille hat sie geträumt, und in dem Traum war noch jemand. Jemand, der sie verfolgt hat und töten wollte. Und auch Achille erkennt Giulia wieder…

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Düstere, morbide schwarzweiss-Kulissen. Eine Frau in Seidenunterwäsche rennt verzweifelt vor einem gut angezogenem Mann mit Reisszähnen davon. Durch dunkle Gänge, durch mit verstaubtem Gerümpel vollgestellte Keller, bis in ein Verlies. Dort kann der Mann sie stellen und dringt mit einer Mistgabel auf sie ein. Sie schreit, und ein älterer Herr versucht zu ihr durchzudringen, aber eine unsichtbare Mauer trennt die beiden. Durch diese Unterbrechung kann sie aber wieder fliehen, zeitweise verfolgt von einer schwarzen Kutsche. Sie flieht durch einen Park bis zu einem Fluss. Erschöpft schmiegt sie sich an einen Stein, doch plötzlich ist der Mann wieder da und wirft sich auf sie. Sie schreit, und schreit … Bis sie aufwacht.

     

    Sandro und Achille stehen in dem alten Theater. Achille versucht Sandro zu beeindrucken, er erzählt ihm Geschichten von im Theater verschwundenen Tänzerinnen, und zeigt ihm die alten Zeitungen. Aber Sandro ist jung und verliebt in das Theater, er lacht über den alten Unfug. Plötzlich geht das Licht aus. In den Rängen tanzt ein Skelett, nur durch Fackeln beleuchtet. Erst eines, dann zwei, dann immer mehr. Die Türe öffnet sich und eine Gruppe verhüllter Gestalten und weiterer Skelette dringt im Fackelschein in das Theater ein …

     

    Man merkt schnell dass hier der Wahnsinn regiert. Ist die Anfangssequenz noch relativ schnell als Traum erkennbar (oder als durchgeknallte Studie eines drogenabhängigen Cutters), so pendeln die nächsten Szenen oft zwischen Traum und Realität, und da der Regisseur Renato Polselli heißt kommt zu dieser Zwischenstufe noch eine gehörige Menge Aberwitz hinzu. So hat der Film beispielsweise nach einiger Zeit bereits eine gute Gruselstimmung aufgebaut, die Charaktere sind eingeführt, der Zuschauer wartet gespannt auf das Monstrum. Die Szenen haben alle einen leichten Touch von Hysterie (und dies ist beileibe nicht negativ gemeint), und es ist klar dass bald was passieren wird. Aber vorerst räumen die Mädels das alte Theater noch auf. Sie beschweren sich dass es ihnen zu viel wird und sie lieber proben möchten. Schnitt, ein junger Mann, ein Tonbandgerät, ein Befehl – und es folgt eine hervorragend choreographierte und (im wahrsten Sinne) leichtfüßige Tanzszene auf Charlestonmusik. Ich glaube nicht dass ich der einzige bin, dem an der Stelle die Kinnlade herunterklappt.

     

    Aber, der Regisseur heißt Renato Polselli, und da hat dieser Wahnsinn wohl Methode. Zugegeben, sein Werk ist schwer zugänglich, und viel habe ich von Polselli bislang noch nicht gesehen, aber die bisher gesehenen Filme kratzen alle an den Pforten der Wahrnehmung, hatten alle irgendwas zu tun mit einer hochdosierten Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen. Im positiven (und filmischen!) Sinne, wohlgemerkt! Oder anders ausgedrückt: Dies ist mittlerweile der zweite Polselli-Film, in dem halbnackte Frauen, an die Wand gekettet, im Bodennebel stehend  und vor Lust halb wahnsinnig, einen Keller beleben. Eine Untersuchung von Polsellis Obsessionen (oder seines Kellers …) wäre sicher mal interessant, und ich frage mich was da in weiteren Filmen noch kommen mag …

     

    Bei IL MOSTRO DELL’OPERA hat es auf jeden Fall noch einiges mehr an Irrwitz, und wer als Zuschauer bereit ist Genregrenzen zu überschreiten, der wird hier reichlich belohnt werden. Nach einigen eher routiniert inszenierten Komödien in den 50-er Jahren hat Polselli offensichtlich spätestens in dieser Zeit begonnen auf die Erwartungen des Publikums keine Rücksichten mehr zu nehmen und stattdessen seine eigenen Ideen umzusetzen. Und die waren eben kolossal abgedreht und erfrischend anders. Polselli treibt den Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle, angefangen vom lustigen und befreiten Putztanz bis zum apokalyptischen Verlies unter dem Keller, und das in einem Tempo das wenig Zeit zum Atemholen lässt. Ein paar ruhigere und erotische Szenen, ein wenig Techtelmechtel, und schon kommt wieder Stefano um die Ecke und rockt das Theater. Als weitere Zutaten gibt es das deutliche Ansprechen lesbischer Liebe, viele junge hübsche Mädchen in Baby-Dolls, und warum Stefano seine Opfer mit einer Mistgabel vor und zurück und vor und zurück bearbeitet verwundert auch nur auf den ersten Blick. Es ist klar, dass hier eine für das Jahr 1964 recht deutliche Penetration stattfindet …

     

    Irgendwann muss in Polsellis Karriere etwas schief gegangen sein, denn mit diesen Bildern und diesem Erzählfluss hätte er in den späten 60-er Jahren eigentlich beste Voraussetzungen gehabt ein Kultregisseur wie Antonioni oder Hopper zu werden. Aber wahrscheinlich hat er den Zeitgeist nicht gut genug getroffen, sondern war „nur“ abgedreht, ohne dabei hippie-esk zu sein. Auf der anderen Seite hatte er dadurch die Freiheit diese Filme zu schaffen, ohne Rücksichten auf die Vorstellungen von Produzenten oder Zuschauern zu nehmen.

     

    Ein Problem beim misslungen Durchbruch zum gefeierten Starregisseur könnte auch gewesen sein, dass er, wahrscheinlich aus Budgetgründen, gezwungen war mit Nicht-A-Klasse-Schauspielern zu arbeiten. Marco Mariani macht seine Sache ja noch recht ordentlich, aber dass Barbara Howard in ihrer Filmografie keinen weiteren Film stehen hat verwundert nach der Sicht des Filmes nicht wirklich. Aldo Nicodemi als Stefano gibt weniger eine zähnefletschende Christopher Lee-Kopie als vielmehr den distinguierten Herrn von Welt mit Hang zum Üblen, und Alberto Archetti als Achille ist der sympathische Dicke, den wir aus so vielen italienischen Filmen in wechselnder Besetzung kennen. Aber der aristokratisch wirkende Christopher Lee lag halt eher im Trend der Zeit, und sympathische Dicke gab es damals viele, da hätte es schon etwas Besonderes sein müssen. Der Rest der Tanztruppe ist ebenfalls ordentlich anzusehen (sowohl schauspielerisch als auch aus mehr ästhetischen Betrachtungen heraus), aber es fehlen halt einfach die großen Talente. Der Film ist sichtlich schnell abgedreht worden um sich an den Erfolg der Bavas und Margheritis dieser Zeit anzuhängen. Heute macht das einen guten Teil seines Charmes aus, damals dürfte das Teil mutmaßlich eher gefloppt sein.

     

    Wer also gotische, spannende, lustige, abgedrehte, verrückte, finstere, unheimliche, erotische Gruselfilme mit flotten Tanzeinlagen, mistgabelschwingenden Vampiren und halbnackten angeketteten Frauen mag, der sollte hier unbedingt zuschlagen. Alle andere seien gewarnt, dass die engen Genregrenzen wie bereits erwähnt hier weit gesprengt werden. Oder erwartet jemand ernsthaft, dass Renato Polselli das macht was alle andern machen?

  • Autor: Maulwurf
  • Links

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    IMDb

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