Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch

Italien, 1977

  • Originaltitel: Ultimo mondo cannibale
  • Alternativtitel:

    Jungle Holocaust (USA)

    The Last Survivor (USA)

    Last Cannibal World

    Mondo Cannibale Massacre 2

    Die letzten Kannibalen

  • Deutsche Erstaufführung: 24. März 1977
  • Regisseur: Ruggero Deodato
  • Kamera: Marcello Masciocchi
  • Musik: Ubaldo Continiello
  • Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Clerici, Renzo Genta, Giorgio Carlo Rossi
  • Inhalt:

    Die Ölsucher Robert Harper und Ralph (sein Nachname wird uns nicht verraten) sind (per Flugzeug) auf dem Weg zu einem im Dschungel errichteten Basiscamp. Ihre Begleiter sind der Pilot Charlie und dessen Freundin Swan. Die Ankunft im Urwald ist alles andere als erquickend, denn das Flugzeug verliert ein Rad, und das Camp ist verlassen. Während Charlie die „Kiste“ repariert, finden Robert und Ralph eine verwesende Leiche, bei der es sich um einen ihrer Kollegen handelt. Jetzt heißt es für die tollkühnen Männer so schnell wie möglich in die fliegende Kiste zu kommen und den Abflug zu machen. Doch Pustekuchen, es ist mittlerweile zu dunkel um zu fliegen und das Quartett muss im Flugzeug nächtigen. Am Folgetag ist Swan verschwunden, das Trio macht sich auf die Suche nach dem Mädchen…

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    Spätestens seit Eli Roth wissen wir: Kannibalenfilme sind wieder schick, denn Kannibalen sind einfach schick. Und zwar keine Psychopathen aus der Rotenburger Nachbarschaft, sondern einfach gestrickte Steinzeitmenschen, dessen Tagesabläufe aus fressen und ficken bestehen. Mit den Worten von Ex-Fußballprofi „Kugelblitz“ Ailton gesagt, aus „Champagne, Bumbum, Brasil.“ 

     

    Im Nachklang des Mondofilms schlug der exploitative Tenor auch bei den Kannibalen ein. Somit wurde aus Umberto Lenzis „Il paese del sesso selvaggio“ (Italien, 1972) die reißerische Firmierung „Mundo Canibal” bzw. „Mondo Cannibale”. Fünf Jahre nach Lenzis Kannibalendebüt folgte Ruggero Deodatos „Ultimo mondo cannibale“ aka „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch”. Ein Film, der mit zahlreichen Unappetitlichkeiten nahezu unbändig strapazierend auf den Zuschauer wirkt. Bei dieser Strategie des Ekels setzt Deodato auf eine gut konstruierte Effekthascherei sowie auf das leidige Thema Tiersnuff. Somit schwingt sein Film zwischen brutaler Kannibalenausbeutung und Mondofilm. Innerhalb dieses kruden Potpourris vermittelt Deodato übrigens keine Message, die den Naturvölkern zugute kommen könnte. 

     

    „Mondo Cannibale 2“ bietet die typische Struktur eines Kannibalenfilms. Der Flieger schwebt über dem undurchsichtigen Dschungel und symbolisiert die Einreise in eine vergessene Welt. Es folgt die Gefangennahme, die Kollision zweier Kulturen, die Flucht und der Überlebenskampf. Geschlossen wird die Geschichte mit dem Abflug aus der „grünen Hölle“. Ungeachtet kannibalistischer Fressorgien, findet eine solche Storykonstruktion auch innerhalb artverwandter Genres, wie dem Abenteuerfilm seine Berechtigung. So denkt der Genrefreak unweigerlich an Filme wie „Amazonia – Kopfjagd im Regenwald“ (Mario Gariazzo) oder „Das Geheimnis der blauen Diamanten“ (René Cardona Jr.), und selbst Otto Normalverbraucher schafft es über „stubenreine Urwaldgebilde“ wie Edgar Rice Burroughs „Tarzan-Stoff“ und die „Liane-Filme“ zu sinnieren. Die interessanteste Mischung aus Kannibalen- und Abenteuerfilm transportiert „Die weiße Göttin der Kannibalen“, da Sergio Martino die Versatzstücke beider Genres konsequent und effektiv kombiniert.

     

    „Glaubst du wirklich, dass wir Zivilisierten besser sind als die? Gut, wir wissen mehr, aber was haben wir damit angerichtet!“ (Ralph)

     

    Mit der Bruchlandung des Fliegers suggeriert „Mondo Cannibale 2“ die Ankunft im „Vorhof zur Hölle“. Die folgenden Nachtaufnahmen erzeugen eine knisternde Spannung, denn um das Flugzeug schleicht das Unheimliche, das Unberechenbare, das abgrundtief Böse. Deodato setzt in dieser ungewissen Situation auf die klassischen Bestandteile des Gruselkinos, was dem Spannungsablauf natürlich zugute kommt. Der Zuschauer gesellt sich als blinder Passagier zu den vier Bruchpiloten, und lauert auf die Erstkonfrontation mit dem Bösen. Dieses „Rendezvous“ entpuppt sich als Kollision zweier Kulturen, das Aufeinanderprallen von niederer Gesinnung und Zivilisation. Dieser Culture-Clash wird zu einem wichtigen Teil des Films, der mit zahlreichen menschenverachtenden, aber auch einigen sarkastischen Momenten aufwartet. Robert Harper, der Mann der vom Himmel fiel, muss einiges über sich ergehen lassen, doch sein unbändiger Überlebenswille erweckt ungeahnte Stärken in ihm. Was zur Folge hat, dass Deodato den Tabubruch praktiziert und selbst seinen Hauptdarsteller zum Kannibalen werden lässt. Ob Robert durch seine ungewollten Erfahrungen zu etwas Wertvollem gereift ist? Diese Frage beantwortet uns Deodato nicht, demnach liegen Interpretationen und Analysen in eurem eigenen Ermessen.

     

    Natürlich sind wir, Cinephile, mit den Jahren wesentlich resistenter geworden und das Betrachten von gernreüblichen Schockeffekten, wie das Aufschneiden von Leibern und das anschließende Fressen von menschlichen Innereien, kann uns nicht mehr aus der Fassung bringen. Schließlich sind es gerade diese unästhetischen und amoralischen Ingredienzien, die einen solchen Film stark machen, damit er erfolgreich im Konzert der „großen“ Genrevertreter mitspielen kann. Deutlich kontroverser ist jedoch der Einsatz von Tiersnuff, der eine gewisse Pietätlosigkeit der jeweiligen Regisseure vermuten lässt. So überschreitet auch Deodato die Grenzen, schockiert den Zuschauer, und lässt die Bilder von Tiertötungen zum illegitimen Schauwert gedeihen. Zweifelsohne sind diese Sequenzen auch heute noch  in der Lage den Zuschauer anzuwidern und ihn zu Diskussionen hinzureißen. Somit verabschiede ich mich aus dem „Dschungel der Kannibalen“ mit einem Zitat von Marcus Stiglegger:

     

    „Auf den Schmerz des kalkulierten Tabubruchs folgte die Feier des eigenen Konservatismus und das Lamentieren über das Unverständnis und die Intoleranz einer Gesellschaft, die zumindest manchmal noch regiert: auf den Tabubruch.“

  • Autor: Frank Faltin
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    Links

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