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Der Mörder des Klans

Italien, 1971

  • Originaltitel: Prega il morto e ammazza il vivo
  • Alternativtitel:

    Atire Para Viver e Reze Pelos Mortos (BRA)

    Reza al muerto, mata al vivo (ESP)

    Priez les morts, tuez les vivants (FRA)

    Pray to Kill and Return Alive (USA)

    Shoot the Living and Pray for the Dead (USA)

    To Kill a Jackal (USA)

    Renegade Gun

  • Regisseur: Giuseppe Vari
  • Kamera: Franco Villa
  • Musik: Mario Migliardi
  • Drehbuch: Adriano Bolzoni
  • Inhalt:

    Eine Bande von Bankräubern unter der Führung des psychopathischen Mörders Dan Hogan trifft sich in einer abgelegenen Poststation, um mit der Beute ihres letzten Überfalls über die mexikanische Grenze zu fliehen. Anstelle ihres Schleppers erwartet sie dort ein undurchsichtiger Fremder, der anbietet sie für die Hälfte des Goldes durch die Wüste nach Mexiko zu bringen. Doch mit jeder Minute, die vergeht, wächst das Mißtrauen zwischen den Banditen und es dauert nicht lange bis die angespannte paranoide Atmosphäre in Mord und Totschlag gipfelt. Während sich die Reihen von Banditen und Geiseln langsam lichten, wird klar, dass der mysteriöse Fremde etwas ganz anderes als Gold im Sinn zu haben scheint...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    Nicht Wenige behaupten, dass sich der gute Quentin Tarantino im fernen Hollywood für sein jüngstes Western-Opus THE HATEFUL 8 ganz gewaltig bei Giuseppe Varis kleinen, aber feinen DER MÖRDER DES KLAN aus dem Jahre 1971 bedient hat.

    Sicherlich ist es kein Geheimnis, dass sich Tarantino hin und wieder gerne von alten Kultfilmen des asiatischen und europäischen Genrekinos inspirieren lässt; KILL BILL = LADY SNOWBLOOD, DJANGO UNCHAINED = ...ihr habt es geahnt: DJANGO. Man muss auch nicht erst die Bacalovs, Morricones oder Ortolanis in den Scores seiner Western entdecken, um zu wissen, dass Tarantino eine besondere Schwäche für die italienische Bleioper hegt. Unlängst hat der Schöpfer von PULP FICTION eine Liste seiner zwanzig liebsten Italowestern veröffentlicht. Auf der beweist der Meister nicht nur guten Filmgeschmack, sondern es finden sich darauf auch Titel wie LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG und – Ins Schwarze!- DER MÖRDER DES KLANS. Mit Corbuccis nihilistischen Meisterwerk verbindet THE HATEFUL 8 die apokalyptische Winteratmosphäre; mit Varis Western die Ausgangssituation und anfänglich noch die kammerspielartige Inszenierung – ein Stilmittel, auf das Tarantino allerdings schon in seinem Debüt, dem grandiosen Heist-Movie RESERVOIR DOGS zurückgegriffen hat.

     

    Doch Parallelen gibt es durchaus. Bei Vari als auch später bei Tarantino haben wir einen ähnlichen Schauplatz und eine ähnliche Grundsituation. Was „Minnies Miederwarenladen“ in THE HATEFUL 8 ist, ist in DER MÖRDER DES KLANS eine abgelegene Telegrafen- und Raststation irgendwo im Nirgendwo nahe der mexikanischen Grenze. Hier wie dort kommen einige zwielichtige Gestalten und ein paar Unbeteiligte zusammen. Hier wie dort schwären dunkle, undurchsichtige Motive und einer ist da, der alle anderen gegeneinander ausspielt. Zuguterletzt wachsen in beiden Filmen die Leichenberge langsam, aber stetig. Während Tarantino in THE HATEFUL 8 die kammerspielartige Inszenierung des beinahe dreistündigen Totentanzes über weite Strecken der Laufzeit konsequent beibehält, entlässt Vari seine Figuren nach etwa der Hälfte des Films aus der klaustrophobischen Isolation der abgelegenen Station hinaus in die Unwirtlichkeit der Wüste, um dann eben dort die Reihen weiterzulichten.

     

    Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen den HATEFUL 8 und dem MÖRDER DES KLANS aber auch schon. Es wäre auch etwas unfair, die beiden Filme direkt miteinander zu vergleichen. Seinerzeit 1971, als Vari zusammen mit Franco Villa an der Kamera PREGA IL MORTO E AMMAZZA IL VIVO (Bete für die Toten, töte die Lebenden, wie der Film sich sinngemäß im Original nennt) gedreht hat, hatte er nicht das Allstar-Aufgebot und ultraweite 70mm-Format eines Tarantino heutzutage zur Verfügung. Er hatte nicht das alles vernichtende Splatter-Arsenal einer KNB-Group im Rücken und das vom italowestern-erprobten Autoren Adriano Bolzoni stammende Drehbuch ist zwar recht gelungen und verfügt sogar über eine im Feld des Italowestern nicht unbedingt ständig präsenten psychologischen Ansatz, kann sich aber nicht wirklich mit des Meisters Wort(wahn)witz messen. THE HATEFUL 8 ist ein Opus, aber Vari hat mit sehr viel bescheideneren Mitteln damals ebenfalls einen guten und interessanten Western hinbekommen. Für ein Genre, dessen Geschichten nicht gerade durch Abwechslungsreichtum glänzen, beschreitet DER MÖRDER DES KLANS durchaus unübliche Wege.

     

    Als erstes fällt in dieser Hinsicht natürlich die Inszenierung auf. Die erste Dreiviertelstunde findet Varis Western in einer einzigen Räumlichkeit statt. Die abgelegene Poststation wird zum klaustrophobischen Schauplatz eines ruhig erzählten, aber zunehmend bedrückenden Kammerspiels, indem die Leben aller ob nun schuldig oder unschuldig Beteiligten mehr und mehr nur noch an einem seidenen Faden hängen. Niemand traut dem anderen über den Weg. Es wird manipuliert und später auch getötet. Mit seinen ganzen perfiden Psychospielchen und dem Paranoia-Flair fühlt sich dieser Western manchmal gar wie ein Thriller im Cowboy-Gewand an. Die Spannung nimmt zu, auch wenn das Tempo ebenso bedächtig bleibt wie Mario Migliardis ruhige, leicht melancholische Musik, die der Stimmung des Films Rechnung trägt und bis zum bitteren Ende nie in Hektik verfällt.

     

    Die Besetzung von PREGA IL MORTO E AMMAZZA IL VIVO mag zwar keinen Samuel L. Jackson oder Michael Madsen in ihren Reihen haben, aber sie hat einen Klaus Kinski und einen Paolo Casella. Ersterer spielt in gewohnter Meisterschaft das, was er am besten kann: Den Psychopathen vor dem Herrn. Kinski mimt gewohnt kaltblütig as fuck den Bandenchef Dan Hogan mit dem Charisma einer tickenden Zeitbombe, so dass seine Figur speziell wegen der „Treibsand-Szene“ in meinem persönlichen Walhalla der besonders memorablen Schurken im Italowestern einen Platz bekommt. Sein Gegenspieler ist der weit weniger bekannte Paolo Casella. Der in Bari geborene Schauspieler hat zwar nur in einer Handvoll Filmen mitgewirkt, macht hier aber einen großartigen Job als cooler, manipulativer Gunman, der mit Todesverachtung und der Stimme von Thomas Danneberg die Höhle des Löwen ähnlich, aber viel humorloser wie einst Giuliano Gemma in EINE PISTOLE FÜR RINGO aufmischt. Und da ist auch noch Victoria Zinny, die eine Frauenfigur spielt, der Bolzonis Skript überraschend viel Tiefe und Aufmerksamkeit schenkt. Auch das ist eher unüblich für den Italowestern, in denen Frauen leider viel zu oft nur schmückendes (oder schlimmer sterbendes) Beiwerk sein durften. Auch hier unterscheidet sich Varis Western auf erfreuliche Weise vom Gros der Kollegenschaft.

     

    Ob DER MÖRDER DES KLANS auch in einer persönlichen Liste der meiner Meinung nach besten zwanzig Italowestern auftauchen würde? Wahrscheinlich nicht. Guten Gewissens weiterempfehlen kann ich den Film trotzdem. Mit seiner über weiten Strecken kammerspielartigen und dialogreichen Inszenierung versucht er ebenso die gewöhnlichen Genrepfade zu verlassen wie mit seiner stellenweise sorgfältigen Figurenzeichnung, die insbesondere mit der Gewichtigkeit von Victoria Zinnys Part überrascht. Zuguterletzt hat PREGA IL MORTO E AMMAZZA IL VIVO vielleicht doch ein kleines bisschen Quentin Tarantino zu seinem wunderbaren HATEFUL 8 inspiriert. Und hey, Kinski spielt hier den Psychopathen wie ihn eben nur einer spielen kann, der selber nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Sollte Argument genug sein.

  • Autor: Christian Ade
  • Veröffentlichungen:

    Koch Media hat Varis MÖRDER DES KLANS unlängst auf Bluray veröffentlicht. Bild und Ton sind blitzsauber; die Extras, dieselben wie auf der Erstveröffentlichung auf DVD im Rahmen der „Western Unchained“-Reihe. Während Filmhistoriker Fabio Melelli elf Minuten über den Film spricht und insbesondere auf die von Kinski, Zinny, Casella sowie Dino Strano gespielten Charaktere eingeht, erzählt Kameramann Claudio Morabito in einer weiteren Featurette unter anderem davon, wie er einmal Klaus Kinski fast eine aufs Maul gegeben hätte...

  • Autor: Christian Ade
  • Links

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