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Marta

Italien | Spanien, 1971

  • Originaltitel: …dopo di che, uccide il maschio e lo
  • Alternativtitel:

    Marta, A Mulher Insaciável (BRA)

    Uma Mistura de Amor (POR)

    Martha

  • Regisseur: José Antonio Nieves Conde
  • Kamera: Ennio Guarnieri
  • Musik: Piero Piccioni
  • Drehbuch: Ricardo López Aranda, Juan José Alonso Millán, Tito Carpi, José Antonio Nieves Conde
  • Inhalt:

    Gleich zu Beginn des Films wird Marisa Mell alias Marta von einer wild gewordenen Hundemeute über eine Wiese gejagt. Dabei trägt sie einen weißen Umhang (Kostüme: Anna Maria Tucci), der sie umweht wie ein Schleier und sie gleichzeitig wie ein Gespenst erscheinen lässt. Ein Gespenst: das trifft es ziemlich genau, denn sie hat frappierende Ähnlichkeit mit Stephen Boyds verschwundener Frau Pilar. Boyd heißt in diesem Film Miguel und ist ein wohlhabender Schlossherr und der Besitzer der Dobermänner, die Marta über sein riesiges Anwesen hetzen. Nebenbei präpariert er Insekten. Er rettet die bewusstlose Schöne, väterlich bringt er sie zu Bett. Als sie wieder zu sich kommt, gesteht sie ihm, dass sie einen Mann getötet hat und bittet ihn, sie vor der Polizei zu verstecken.

     

    Marta versucht recht bald, Miguel zu verführen, und er lässt sich zunächst auch darauf ein, doch er leidet an einer sexuellen Dysfunktion, die ihn daran hindert, mit ihr zu schlafen. Er ist der festen Überzeugung, seine Mutter erschlagen zu haben. Darüber hinaus hat ihn die Untreue Pilars, die mit einem anderen Mann auf und davon ist, traumatisiert und impotent werden lassen. Dass Marta das Ebenbild Pilars ist, hat ihn nun in eine Art Schockzustand versetzt.

     

    Es stellt sich heraus, dass Marta in der Tat seine Schwägerin ist und sich auf der Suche nach ihrer Schwester befindet. Bei ihren Streifzügen durch sein Schloss findet sie eine Folterkammer, aber keine Spur von Pilar. Als sie Miguel drängt, ihr bei der Suche zu helfen, tritt sie eine regelrechte Lawine des Wahnsinns los…

     

    Traumata lassen sich verdrängen, aber nicht vergessen. Dieser Wahrheit muss auch Miguel ins Auge blicken und sich den Geistern seiner Vergangenheit stellen. Das (etwas vorhersehbare) Ende lässt Marta vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    José Antonio Nieves Conde — im Vor- und Abspann seiner Filme stets als J. A. Nieves Conde genannt — ist heute leider weitestgehend in Vergessenheit geraten, was sicher auch damit zu tun hat, dass das spanische Kino erst seit gut zwanzig Jahren international wirklich anerkannt ist. Spanien hatte lange Zeit nur für sich, in Ausnahmefällen für den Export in südamerikanische Länder produziert. Nur wenige Regisseure wie Buñuel oder Carlos Saura machten sich auch außerhalb ihrer Heimat einen Namen. Nieves Conde war zu seiner Zeit, vor allem in den Fünfzigern, ein angesehener Filmemacher in Spanien. Zwei seiner Filme, »Balarrasa« (1951) und »Surcos« (1952), waren für den Großen Preis der Jury in Cannes nominiert gewesen. Für »Todos somos necesarios« (1956) wurde er beim Internationalen Film Festival von San Sebastián in drei Kategorien ausgezeichnet, »El diablo también llora« (1965) bescherte ihm einen weiteren Preisregen und war in Spanien einer der Publikumsmagneten des Jahres. 1990 wurde der damals 75jährige in Madrid mit einem ADIRCAE Award für sein Lebenswerk gewürdigt.

     

    »Marta« sollte 1972 sogar als spanischer Beitrag ins Rennen um den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film gehen, wurde dann allerdings doch nicht nominiert. In Spanien hatte der Film zuvor für einen handfesten Skandal gesorgt, Nieves Conde hatte massive Schwierigkeiten mit den Zensurbehörden gehabt, die sich so lange hinzogen, dass sein sechs Monate später entstandener Film »Historia de una traición« (1971) noch vor »Marta« ins Kino gekommen war. Aus heutiger Sicht sind die Nacktszenen Marisa Mells ausgesprochen zahm, damals waren sie Anlass für einen Sturm der Entrüstung. Dabei hatte es Kameramann Ennio Guarnieri, der ein wirklicher Ästhet gewesen war, verstanden, die Bettszenen geschmackvoll und dezent in Szene zu setzen. Von Pornographie ist »Marta« meilenweit entfernt. Die Spanier strömten seinerzeit regelrecht in die Kinos; der Streifen fuhr in der Saison 1971/72 weit über 30 Millionen Peseten Gewinn ein.

     

    Die achtwöchigen Dreharbeiten in Torrelodones, Viñuclas und El Paular schilderte die Mell in ihrer Autobiographie »Coverlove« als »die härtesten, die ich je erlebt habe«. Grund war nicht etwa die große, schwere Doppelrolle, die ihr auferlegt worden war und die sie mit Bravour meisterte, sondern ihre (anfänglich) unerwiderte Verliebtheit in ihren Partner Stephen Boyd: »Er behandelte mich wie ein Stück Requisite. Ich tat alles, geradezu verzweifelt, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Wenn wir uns vor der Kamera küssen mussten, legte ich alle Leidenschaft in diese Küsse. Sie waren nicht die kühl berechneten Filmküsse auf die Oberlippe, sondern heiß und echt. Ich glaube, dass noch nie vor laufender Kamera so geküsst worden ist. Aber Stephen Boyd blieb kalt. Er schien nichts zu spüren. Ich wurde fast verrückt und begann, an mir zu zweifeln.« (Später, während der Dreharbeiten zu »Historia de una traición«, sollten die beiden für kurze Zeit ein Paar werden.)

     

    »Marta« zitiert ungeniert aus mehreren Hitchcock-Filmen, der geneigte Zuschauer findet Referenzen zu »Rebecca« (1940), »Under Capricorn« (1949), »Vertigo« (1958), »Marnie« (1964, hier bereits als Filmtipp verewigt) und anderen Werken des großen Meisters. Nieves Conde tut dies jedoch mit einer solchen Versiertheit und Freude, dass man es ihm nicht übel nimmt.

     

    Man mag »Marta« mit einigem Recht überfrachtet nennen, und sicher ist Nieve Condes beherzter Versuch, Juan José Alonso Milláns Bühnenstück »Estado civil: Marta« für die Leinwand zu adaptieren, in jeder Hinsicht eher interessant als gelungen, aber ich mag ihn und verteidige ihn gern gegen Spott und Hohn. Boyd und Mell tragen diesen Film, der über weite Strecken ein Zwei-Personen-Stück ist, mehr als souverän und halten den Zuschauer bei Stange. Den Nebenfiguren, wie zum Beispiel dem von Howard Ross gespielten Polizisten, widmet das Skript ohnehin keine große Aufmerksamkeit. Der ewig unterschätzte Boyd war nach einigen Flops in Hollywood nicht weiter gefragt und daher nach Spanien ausgewichen. Als Miguel beweist er hier ein wirklich facettenreiches, gut geschultes Können, vergleichbar mit Tippi Hedrens »Marnie« oder James Stewards Scott Ferguson in »Vertigo«. Unter Nieve Condes Führung drehte er bis zu seinem frühen Tod 1977 noch zwei weitere Filme.

  • Autor: André Schneider
  • Veröffentlichungen:

    Die spanische Originalfassung scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Seit einigen Jahren gibt es immer mal wieder Online-Händler, welche die englischsprachige Fassung des Films überteuert auf DVD-R anbieten – in einer hundsmiserablen Qualität, leider. Allerdings gibt es den wunderschönen Soundtrack von Piero Piccioni auf CD.

  • Autor: André Schneider
  • Filmplakate

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