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Marquis de Sade: Justine

Deutschland | Italien | Liechtenstein | Vereinigtes Königreich, 1969

  • Originaltitel: Marquis de Sade: Justine
  • Alternativtitel:

    Deadly Sanctuary (USA)

    Justine

    Justine and Juliet

    Justine ovvero le disavventure della virtù (ITA)

  • Deutsche Erstaufführung: 1969
  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: Manuel Merino
  • Musik: Bruno Nicolai
  • Drehbuch: Harry Alan Towers
  • Inhalt:

    Die Schwestern Justine (Romina Power) und Juliette (Maria Rohm) wachsen in einem Kloster auf, doch als das Geld für ihre Erziehung verbraucht ist, setzt man sie vor die Tür. Juliette will künftig ein Bordell als Grundstein für künftigen Wohlstand nutzen, doch für die tugendhafte und gläubige Justine ist das nichts.

     

    Nachdem sie sich von einem betrügerischen Mönch ihr restliches Geld stehlen lässt, kommt sie als Dienstmagd bei einem geizigen Pensionsbesitzer unter. Da ihr Kleid für solche Arbeit zu fein ist, muss sie ihre Dienste in einem Nachthemd verrichten. Das erweckt die Aufmerksamkeit des Pensionsgastes Desroches (Gustavo Re), der ihr im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten nach ein paar Monaten eine Brosche überlassen will. Justine lehnt ab, und Desroches beschuldigt sie am nächsten Tag des Diebstahls der Brosche. Als diese auch bei ihr gefunden wird, kommt sie als Diebin in die Bastille.

     

    Dort soll am nächsten Tag die mehrfache Mörderin und Brandstifterin Madame Dubois (Mercedes McCambrige) gehenkt werden, doch die plant bereits mithilfe ihrer Bande den Ausbruch. Trotzdem benötigt sie Justines Hilfe und verspricht ihr dafür die Freiheit. Als die Beiden fliehen, legt Mme. Dubois Feuer, was zwanzig Insassen das Leben kostet, und so wird nun auch Justine als Mörderin gesucht. Auch die Freiheit erweist sich als schwierig, denn Dubois‘ Bande will über sie herfallen, so dass Justine erneut fliehen muss.

     

    Währenddessen geht ihre Schwester Juliette andere Wege. Mithilfe ihrer Geliebten Claudine (Rosemary Dexter) ermordet sie die Bordellchefin Madame de Buisson (Carmen de Lirio). Doch damit nicht genug, denn Juliette strebt nach höherem, und nachdem sie Kontakt zu dem wohlhabenden Comte Courville (Gérard Tichy) geknüpft hat, entledigt sie sich auch Claudines.

     

    Justine begegnet dem Maler Raymond (Harald Leipnitz), der gut zu ihr ist und in den sie sich verliebt. Nach einigen glücklichen Tagen suchen jedoch Soldaten bei Raymond nach ihr und sie muss davon laufen. Dabei stolpert sie über das heimliche Liebespaar Marquis de Bressac (Horst Frank) und dessen kleinem Freund Jasmin (Angel Petit). Der Marquis bringt Justine als Kammerzofe bei seiner reichen Frau (Sylva Koscina) unter. Allerdings nicht aus Gutmütigkeit sondern weil das junge und nach wie vor naive Mädchen ihm helfen soll, seine Frau zu vergiften. Justine verrät ihn, was ihr jedoch nicht hilft. Der Marquis tötet seine Frau selbst, und damit Justine ihn nicht verraten kann, brandmarkt er sie mit einem „M“, dem Zeichen, dass jemand ein Mörder ist. Niemand würde ihr also glauben, wenn sie ihn beschuldigt.

     

    Geschunden, gedemütigt und verzweifelt sucht Justine eine sichere Zuflucht. Eine Schäferin weist ihr den Weg zu einem Kloster mit (nicht wirklich) frommen Mönchen. Dort trifft sie auf Pater Antonin (Jack Palance), der sie – selbstredend vornehmlich zu seinem eigenen Vergnügen – ihre wahre Natur aufzeigen will: die Natur einer jungen Frau, die nur durch Leiden sexuelle Erfüllung findet.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    1968 begannen die Dreharbeiten für diesen bis dahin teuersten Franco-Film, co-produziert von Harry Alan Towers, der auch das Drehbuch unter seinem Pseudonym Peter Welbeck schrieb. Nach vielen früheren eher negativen Anmerkungen Francos zu diesem Film, ist man überrascht, im Bonusmaterial des Mediabooks von „Blue Underground“ einen recht versöhnlichen Franco vorzufinden.

     

    So bemerkt er, dass er das Drehbuch ganz hervorragend fand. Ganz in dem Bewusstsein natürlich, dass mehr an de Sade im Jahre 1968/69 einfach nicht filmisch umsetzbar war. Nicht bewusst war ich mir ebenfalls, dass das seltsame Happy End tatsächlich auch in Schriftform existiert, nämlich in de Sades kaum bekannter Erstversion. Später hat er den Roman – oder die Romane – allerdings noch zwei Mal überarbeitet, aber ehrlich, Justine wegen ihres Selbstbetrugs (das Ganze macht ihr nämlich heimlich Spaß) von Gott vom Blitz erschlagen zu lassen hätte man vielleicht noch bringen können, das unschöne (milde ausgedrückt) Ende der Drittfassung eher nicht. Das könnte man heute noch nicht bringen.

     

    Allzu sehr will ich heute aber nicht in die Schiene Vergleich von Roman und Film verfallen, denn das ist kaum möglich. Die Unterschiede sind gravierend, nicht zuletzt durch die Länge der Romane „Justine oder die Leiden der Tugend“ und „Juliette oder die Wonnen des Lasters“ bedingt, denn auch Elemente aus dem zweiten Teil um Justines Schwester tauchen ansatzweise in Francos Film auf. Damit wäre man bei 1.400 bis 1.500 Buchseiten, und wie lang ein Film sein müsste, um die akkurat wiederzugeben, kann sich wohl jeder vorstellen.

     

    Wo war ich? Ach ja, beim Film, warum muss ich also jetzt an Dr. Marcus Stiglegger denken? Wegen „SadicoNazista“ natürlich. Stiglegger verneint in seinem für Amateurleser wie mich leicht brockigen (nicht böse gemeint) Dissertationstext die Möglichkeit eines humorvollen und kritischen de Sade. Diesen bietet uns auch Franco – nicht in der Figur, dargestellt von Klaus Kinski – aber in der Handlung. Deshalb meine Frage: wenn de Sade seine Philosophien tatsächlich so bitterernst waren, warum lässt er die entsprechenden Dialoge und Monologe dazu dann von Protagonisten halten, die er zutiefst verachtete? Denn wer sind denn de Sades Libertines, es sind Männer der Kirche, reicher Adel, Würdenträger. Und die fand de Sade – wobei wohl gegenüber dem reichen Adel auch ein wenig Neid im Spiel gewesen sein mag – mal ganz proletenhaft ausgedrückt, zum Kotzen. Somit halte ich persönlich de Sade nach wie vor eher für einen durchaus sozialkritischen Provolatuer – mit expliziten sexuellen Neigungen versteht sich. Isz ja nicht so, dass das Eine das Andere ausschließt.

     

    Egal, zurück zu Francos Film. Dass „Justine“ mein Lieblingswerk von de Sade ist, habe ich hoffentlich schon früher einmal irgendwo erwähnt. So ist es auch nicht überraschend, dass Francos „Marquis de Sade: Justine“ neben Roger Vadims „Laster und Tugend“ zu meinen Favoriten unter den de Sade-Verfilmungen gehören, und keiner von Beiden ist annähernd werkgetreu. Film ist Film und Buch ist Buch, und Francos „Marquis de Sade: Justine“ – oder eigentlich eher Towers‘ Drehbuch – basiert eben auf der Readers Digest-Version oder was auch immer. Eher ungewöhnlich für einen Jess Franco-Film ist die Verwendung zahlreicher Statisten und dass man während der gesamten 124 Minuten keinerlei Finanzierungsprobleme spürt.

     

    Das Fundament für Francos Film bildet der Marquis selbst (Klaus Kinski, sehr wortkarg) und dessen Zeit in der Bastille. Gequält von erotischen Visionen schreibt er die Geschichte von Justine. Diese Szenen filmte Franco selbst – alleine mit Kinski und einem Kaffeeholer - unschwer zu erkennen am Gezoome gleich zu Beginn. Die Visionen, die den Marquis plagen sind typischer Franco-Surrealismus, die Objekte seiner Begierde starr wie Puppen, der Marquis selbst von seinen Begierden gepeinigt, Justine (Romina Power) steht in der Rolle des Voyeurs dem Ganzen mit Abstand gegenüber, denn ihr Charakter versteht diese Begierden nicht. Mehr Surrealismus später bei den Misshandlungen durch die Mönche. Das hätte man weder damals noch heute groß anders darstellen können, kaum machbar. Und gerade heute ist Film an sich ja wieder sehr konservativ geworden, man denke nur an die sog. „Blockbuster“, nur ja niemanden vor den Kopf stoßen, alles schön sauber und korrekt, das bringt das größte Zuschauerpotential und somit die meisten Einnahmen – allerdings nicht von mir, keinen Cent, nein danke, langweilig.

     

    Thema Romina Power und ihr Verständnis der Rolle. Darüber wurde viel Böses gesagt und geschrieben, nicht zuletzt von Franco selbst. Dieser hatte Rosemary Dexter für die Titelrolle vorgesehen, die sich dann mit einem Nebenpart begnügen musste. Franco glaubt, mit Dexter in der Hauptrolle wäre der Film viel besser geworden. Ich glaube, da irrt er gewaltig. Natürlich ist es frustrierend, wenn einem ein italienischer Co-Produzent in letzter Minute einen neuen „Star“ aufdrängt, und das merkt man Franco auch im Interview an, als er Romina Power als Tochter irgendeines Sängers bezeichnet. Will uns Franco ernsthaft glauben machen, er wüsste nicht, wer Tyrone Power war? Glaube ich nicht.

     

    Fakt ist, dass Romina Power – obwohl sie vielleicht nicht immer wusste, wo sie gerade ist und selbstredend zu jung, um die Rolle zu verstehen – einen wundervollen Charme versprüht. Selbst wenn man ihr im Film ansieht - was z. B. auch Maria Rohm bestätigt - dass man sie kaum abhalten konnte, dauernd zu kichern, hat sie in den vier Filmen, die ich bisher von ihr kenne, stets einen bleibenden Eindruck hinterlassen, gerade durch ihre ungezwungene Fröhlichkeit. Und schön ist sie sowieso, und das schadet nie. Franco erzählt zudem eine Begebenheit (die ihm persönlich viel Freude bereitete), wie Mercedes McCambridge Romina Power in der Wiederholung einer zuvor misslungenen Szene tatsächlich ohrfeigte, um mehr Leben aus ihrer Darstellung rauszuholen.

     

    Aufgrund seiner episodenartigen Erzählstruktur – denn tatsächlich ist Romina Power ALLEINIGE Hauptprotagonistin und muss nahezu die volle Screentime bestreiten – bietet „Marquis de Sade: Justine“ einigen Stars Gelegenheit für herausragende Gastperformances. Allen voran hier Jack Palance und Mercedes McCambridge. Palance ist dabei sehr offensichtlich alles andere als nüchtern, und die McCambridge agiert geradezu furchteinflößend. Eine recht bemerkenswerte Szene bietet Jack Palance auch, als er Justine mit einem zugespitzten Kreuz erdolchen soll, dessen unteres Ende zudem in Flammen steht. Hitze steigt bekanntlich nach Oben, und das sieht man auch deutlich an Palances Gesicht. Maria Rohm spielt professionell aber noch sehr zurückhaltend. Erst in Francos „Venus in Furs“ und „Die Jungfrau und die Peitsche“ wird sie ihr volles Potential entfalten.

     

    Nach einem wie ich fand recht vernichtendem Urteil durch Stephen Thrower in dessen Buch „Murderous Passions“ findet man ihn im Bonusteil des Blue Underground-Mediabooks recht gemäßigt vor. Auch er spricht ein paar nette Worte über Romina Power, das habe ich aus seinem Buch anders in Erinnerung. Unbedingt Erwähnung finden sollte der Soundtrack von Bruno Nicolai. Franco erzählt, dass der US-Produzent keinen Italiener als Filmkomponisten wollte aber später, nachdem er nur fünf Minuten von dessen Musik gehört hatte, fast schon beschämt einwilligte. Nicolai legt hier einen großartigen klassischen Soundtrack vor, an den meiner Ansicht nach nur noch Nicolais‘ „Caligula“ heranreicht, was die Klassik-Sparte betrifft.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    „Marquis de Sade: Justine“ erschien im 4k-Transfer von Blue Underground bisher in einer Limited Edition mit Blu-ray, DVD und Soundtrack-CD. Die Bildqualität ist sehr überzeugend, anders als bei der „Eugenie“-Veröffentlichung, die an vielen Stellen sehr verwaschen wirkte.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Filmplakate

           

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