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Der Mann ohne Gedächtnis

Italien, 1974

  • Originaltitel: L'uomo senza memoria
  • Alternativtitel:

    Atormentada (ESP)

    L'homme sans mémoire (FRA)

    Puzzle (USA)

    Man Without a Memory

    Mann ohne Gedächtnis

  • Deutsche Erstaufführung: 19. Juni 1975
  • Regisseur: Duccio Tessari
  • Kamera: Giulio Albonico
  • Musik: Gianni Ferrio
  • Drehbuch: Bruno Di Geronimo, Ernesto Gastaldi, Roberto Infascelli, Duccio Tessari
  • Inhalt:

    Ted (Luc Merenda) hat bei einem Unfall sein Gedächtnis verloren, und trotz größter Anstrengung kann er sich nicht an seine Vergangenheit erinnern. Ein alter Bekannter will ihn mit Informationen über seinen früheren Lebenswandel versorgen, doch bevor es dazu kommen kann, fällt dieser einem Mordanschlag zum Opfer. Die Suche nach seiner Identität führt ihn schließlich nach Portofino, wo seine Ehefrau Sara (Senta Berger) lebt. Hier erhofft er sich entscheidende Erkenntnisse. Zur gleichen Zeit taucht sein ehemaliger Geschäftspartner namens George (Bruno Corazzari) auf, und es deutet sich schließlich an, dass Ted in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sein muss. Für Freunde und Feinde ist es nun von größtem Interesse, dass er sein Gedächtnis so schnell wie möglich wiederfindet, doch wer steht auf welcher Seite..?

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Wie bereits in seinem 1970 entstandenen "Das Grauen kam aus dem Nebel", wählt Regisseur Duccio Tessari Bilder des italienischen Alltags für den Vorspan, um möglicherweise einen Transfer zur Normalität zu schaffen, sodass der Eindruck entsteht, derartige Geschichten könnten sich überall und nirgends abspielen. Erneut unterlegt mit der traumhaften Musik von Gianni Ferrio, entsteht früh eine trügerische Atmosphäre, die den Verlauf charakterisieren und ihm noch sehr zuträglich sein wird. Die darauf folgenden Szenen beim Psychiater werden eine Richtung vorgegeben, denn es tun sich Abgründe und damit verbundene Irritationen auf, die für den Zuschauer nur schwer zu begreifen sind, da eine offensichtlich lang anhaltende Amnesie des männlichen Protagonisten im Raum steht, die den unheilvollen Stoff bildet, aus dem dieser Alptraum sein wird. Ted, der Mann der sein Gedächtnis verloren hat, lebt zwar irgendwie in der Gegenwart, muss dabei aber in eine schwarze Zukunft schauen, da er keine Vergangenheit hat. Erinnerungen und Erfahrungen bilden mitunter das Fundament eines jeden Lebens, und genau darüber baut sich schnell eine deutliche Brisanz auf, die der Filmtitel zu beschreiben versucht, weil er einen unerträglichen Identitätsverlust andeutet. Wenig später hat der Gedächtnislose ein Wiedersehen mit einem alten Freund, der ihm zur allgemeinen Verwunderung die Erinnerung wieder einprügeln will. Es geht um verschwundene Ware, und somit ist schließlich klar, dass es sich um dunkle Verstrickungen und gefährliche Machenschaften handeln dürfte, die Skrupel oder Gnade so gut wie ausschließen. Das Abhandenkommen des eigenen Ichs bietet jeder Geschichte potentiell die gute Voraussetzung, den jeweiligen Verlauf spannend und nebulös zu halten, da einfach wichtige Informationen vorenthalten werden, die in den richtigen Momenten für Zündstoff, bestenfalls sogar Schocks sorgen können.

     

    Wenn dieser luftleere Raum aufgrund allgemeiner Machtlosigkeit für den Betroffenen schon kaum auszuhalten ist, schließen sich naturgemäß andere Personen in dieser Kette mit an, die ebenfalls zu leiden haben. In diesem Zusammenhang wird Senta Berger als Sara integriert, die ihren Ehemann seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat, der darüber hinaus wiederum gar nicht weiß, dass sie existiert. Es gilt schließlich, ein nicht zusammenpassen wollendes Mosaik mühsam in Konturen zu bringen, und mit Duccio Tessari ist der richtige Mann am Werk, da er bekannt dafür ist, ausgefallene Erzählstrukturen in Einklang mit handelsüblichen Formaten und zuschauerfreundlichen Sehgewohnheiten zu bringen, was nicht pauschal heißen soll, dass es für den Interessenten zu einfach werden wird. Trotz aller Unruhe und Verwirrung kommt es unter Tessaris Stil zumindest zu einem linearen Ergebnis, doch zuvor ist das Vorstellen der wichtigsten Personen absolute Priorität. Plötzlich schießt daher Sara ein, und man darf Senta Berger in der Blüte ihrer Schönheit bewundern. Mithilfe sorgsamer Kniffe entsteht bereits früh eine teilweise unheimliche, aber vor allem verwirrende Atmosphäre, die nicht nur aufgrund der klassischen Inszenierung, sondern vor allem wegen Senta Berger als Projektionsfläche voll aufgeht. Eine Ehe wird in Relation gesetzt, beziehungsweise auf das Minimum reduziert, nämlich das Papier, auf dem sie steht. Das erste Treffen der beiden Hauptfiguren verläuft daher sehr reserviert, sodass sich unterschwellig das nötige Feuer aus Wut, Verzweiflung und Unverständnis entfachen kann, um das gezielt ausladend und beinahe behäbig verlaufende erste Drittel in die nächste brisante Sphäre zu schicken, die mit vagen Erklärungen, Rückblenden und schließlich Schocks gepflastert sein wird. Als Ausgleich sieht man jedoch wieder kurze Momente des Glücks, als eindeutiges Zeichen für eine Zuneigung ohne Verjährungsfrist.

     

    Hierbei handelt es sich um einen ebenso guten Verstärker, da quasi alles in eine Waagschale geworfen wird, und dabei droht, in noch mehr Stücke zu zerfallen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind die darstellerischen Leistungen, die geprägt sind von Emotionen und Skepsis. Vor allem ist es Senta Berger, die "Der Mann ohne Gedächtnis" mit einer exzellenten Darbietung tragen wird. Eine gut abgestimmte Melange aus Temperament, Feinfühligkeit, Verzweiflung, Angst, aber auch Vehemenz, wird zum Eckpfeiler der Geschichte, und es bleibt nur zu abzuwarten, ob sich daraus auch ein entscheidender Sargnagel für die Bedrohung im Hintergrund entwickeln wird. Die Österreicherin, die zu jener Zeit längst ein gängiges und ebenso großes Kaliber auf dem italienischen Filmmarkt darstellte, kann hier in einer ihrer vielleicht atemberaubendsten Rollen begleitet werden, unabhängig davon, wie man insgesamt zu ihr als Interpretin stehen mag. Ihre Performance wirkt in Abstimmung mit Schauspielführung, Talent und eigener Variabilität absolut hochklassig, sodass sie alleine als stärkstes Zugpferd in der Geschichte zurückbleibt. Die von ihr ausgehende Loyalität, die auch in einer Extremsituation nicht erschüttert werden kann, macht sie zur sympathischen Identifikationsfigur in einem Schachspiel, dass aufgrund Duccio Tessaris geschliffener Bearbeitung offen bezüglich des möglichen Ausgangs bleibt, obwohl sich schnell gewisse Ahnungen ergeben. Von Vorhersehbarkeit kann allerdings keine Rede sein, schließlich Kämpfen die beteiligten Personen sehr geschickt an den Fronten der Verwirrung und Irritation, und es entsteht ein klassischer Kampf zwischen Kenntnis und Unkenntnis. Der unaufdringliche Verlauf weist seine Charaktere nicht leichtfertig bestimmten Seiten zu, doch aufgrund der wenigen Schlüsselfiguren festigen sich Verdachtsmomente noch bevor man genau weiß, worum es eigentlich geht.

     

    Luc Merenda deckt gleich mehrere Facetten entscheidend ab, denn er verkörpert gleichermaßen eine Art Held und Antiheld in einer Person. Außerdem kann ein tragischer Anteil herausgefiltert werden, da er unschuldig in diese für ihn so ausweglos erscheinende Farce geraten ist, wohlgemerkt als Schuldiger. Die Themen Schuld und Sühne stellen jedoch nicht die Komponenten dar, die der Film nötig hat, immerhin gibt es offensichtliche Andeutungen, dass die beiden Protagonisten nichts mit Rost zu tun haben, wenn es um die Liebe geht. Merendas Darstellungsstil ist zeitweise etwas zu temperamentlos und konventionell, dennoch weiß er sein Potential in den wichtigen Momenten des Films abzurufen. Mit Umberto Orsini wird einerseits Vertrauen angedeutet, schließlich stand er Sara in ihrer schwierigsten Zeit bei. Auf der anderen Seite wird dieser Eindruck durch Zweifel verworfen, denn immerhin nimmt man ihm seine Bedingungslosigkeit nicht komplett ab, weil die Unterstellung - die Situation einer von Krisen geplagten Frau ausnutzen zu wollen - Form annehmen kann. Bruno Corazzari hingegen macht keinen Hehl aus seiner Zugehörigkeit in der Geschichte, und er wird daher sehr unbequeme Formen als unberechenbarer Aggressor annehmen. Anita Strindberg dient dem Empfinden nach ausschließlich der Staffage, beziehungsweise der Großaufnahme, und es bleibt abzuwarten, ob sie sich der Dramaturgie noch als eine Art Trumpf-Ass zur Verfügung stellen wird. Die schauspielerischen Leistungen verdienen letztlich beste Prädikate und veredeln "Der Mann ohne Gedächtnis" ausnahmslos. Das Finale des Films ist mit der Beschreibung Showdown sicherlich besser beschrieben, und es wird wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass die Hintergründe nicht viel mit groß angelegtem und grob ausgeschlachteten Wahnsinn zu tun haben, sondern nur allzu weltlicher Natur waren. Duccio Tessari liefert insgesamt einen bemerkenswerten Film, den er nach Art des Hauses überaus elegant, aber im Fazit auch prosaisch gekennzeichnet hat.

  • Autor: Prisma
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