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Der Mann aus Virginia

Italien | Spanien, 1977

  • Originaltitel: California
  • Alternativtitel:

    Califórnia Adeus (BRA)

    Adios California (FRA)

    California addio (ITA)

    Lo chiamavano California (ITA)

    Spiel das Lied von Californien

  • Deutsche Erstaufführung: 16. September 1977
  • Regisseur: Michele Lupo
  • Kamera: Alejandro Ulloa
  • Musik: Gianni Ferrio
  • Drehbuch: Roberto Leoni, Franco Bucceri, Nico Ducci, Mino Roli
  • Inhalt:

    Juni 1865, der Bürgerkrieg ist vorbei. Und während es in Strömen regnet, und die Großkopferten darüber schwadronieren dass es jetzt das Wichtigste ist den Wiederaufbau zu beginnen, leben die früheren Soldaten der Südstaaten im tiefsten Elend. Sie schlafen in Scheunen, ernähren sich von dem Wenigen was sie am Straßenrand finden, werden von der Bevölkerung erbittert angefeindet, und müssen ständig auf der Hut sein vor Kopfgeldjägern. Der Schlimmste von denen ist Rope Whittaker, ein blutrünstiger Killer der absolut keine Gnade kennt und jeden steckbrieflich Gesuchten ohne großes Federlesen eiskalt umlegt. Tod oder lebendig? Na was wohl …?

     

    In dieser heimeligen und trauten Welt suchen zwei Männer ihren Platz: Willy möchte einfach nur nach Hause zu seiner Familie, und California mag einfach nur in Ruhe gelassen werden. Sie freunden sich an und ziehen gemeinsam in irgendeine Richtung, immer auf der Suche nach Essbarem. Sie begegnen Rope Whittaker und sehen zu, wie der ein Massaker unter ihren Kameraden anrichtet. Sie begegnen drei Männern die einen Sohn suchen der in der Schlacht von Nashville gefallen ist - Und die alle Soldaten aus dem Süden abgrundtief hassen. Und es gibt noch eine weitere Begegnung mit Whittaker, die dann aber nicht so harmlos ausfällt wie das erwähnte Massaker …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Und ein großer Kreis schließt sich! Ja, natürlich weiß ich, dass Sergio Leone mit den ersten beiden Dollar-Filmen das Western-Genre revolutioniert hat, aber so richtig begonnen hat die Sause mit den Spaghetti -Western doch eigentlich erst 1966, wenn man mal ehrlich ist. Die Maßstäbe gesetzt haben DJANGO und ZWEI GLORREICHE HALUNKEN. Und ebendieser beginnt im Vorspann mit stilisierten Bildern aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, und auch DER MANN AUS VIRGINIA beginnt mit diesen Bildern, bezieht sich somit also direkt auf Leone und die Anfänge des Genres. Nur dass diesmal kein schmackiges Gadilopp-Gadilopp-Gemisch aus Kamel, gemischtem Chor und Stratocaster dazu erklingt, sondern Musik die auch hervorragend zu einem Giallo passen würde. Ein klarer Verweis darauf, dass sich die Zeiten geändert haben, und der Publikumsgeschmack im Jahre 1977 Western eigentlich hinter sich gelassen hat. Schon diese Bilder in Kombination mit dieser Musik verdeutlichen dass das Ende einer Ära gekommen ist, und dass der Italo-Western hier sein würdiges(!) Ende findet.

     

    Und noch ein Punkt zeigt das Ende des Genres, nämlich dass der Film problemlos auch in einer heutigen Stadt spielen könnte. Whittaker wäre ein Krimineller der sich mit Menschenraub und Überfällen durchs Leben schlägt, und California ein früherer Cop, der unter einem neuen Namen jetzt noch einmal in den Sumpf zurückkehrt um sein eigenes Seelenheil zu retten. Ganz ehrlich, die Story ist so modern wie selten im Western, nur mit dem Unterschied dass halt kein Fiat 125 gefahren sondern ein Pferd geritten wird. Die Brücke zum damals schwer angesagten Polizeifilm wird damit geschlagen und ein geradezu perfekter Übergang zwischen den Genres erzeugt. Ebenfalls perfekt gelungen ist das Ende des Italo-Westerns klassischer Prägung. Nach 1977 wurden nicht mehr wirkliche viele Western gedreht, und qualitativ hochwertige schon gleich gar nicht (meine Meinung zu Lucio Fulcis SILBERSATTEL kann auf diesen Seiten nachgelesen werden). Nein, DER MANN AUS VIRGINIA ist der große Schwanengesang auf ein Genre, dass sich einfach irgendwann überholt hatte und in dem irgendwie das meiste erzählt war.

     

    Und entsprechend wird dieser Hybrid in Bilder verpackt, welche die gesamte Ikonographie des Italo-Westerns aufrollen. Noch einmal dürfen wir zuschauen wie ein einsamer Mann durch die Landschaften um Almerìa reitet. Noch einmal sehen wir wie ein Mann in einer verfallenen Stadt an einen Balken geknüpft und von einem anderen Mann gerächt wird. Und vor allem dürfen wir noch einmal zuschauen wie Männer im Schlamm verrecken. Sämtlicher Schmutz, sämtliche Gemeinheiten und Asozialitäten, die seit 1966 das italienische Kino bevölkerten, werden hier ein letztes (Western-) Mal dem Zuschauer in Breitwand um die Ohren geschlagen. Dazu passen auch die exquisit ausgewählten Darsteller: Bei den Bösen laufen Raimund Harmstorf, Claudio Undari (als Robert Hundar) und Romano Puppo natürlich als the most fiesest Hackfresse in the World. Typen denen man nicht mal im Hellen begegnen möchte, und deren schauspielerische Qualitäten gleichzeitig außer Frage stehen. Die Eiseskälte, die von den Bounty-Huntern ausgestrahlt wird, würde die Hölle zufrieren lassen.

     

    Bei den Guten gilt das Gleiche: Giuliano Gemma, die Geschwister Miguel und Paola Bosé, William Berger … Da braucht man nicht zu diskutieren, das ist ein Fest für Augen und Seele. In den kleineren Rollen brillieren unter anderem Chris Avram als undurchsichtiger Mann hinter den Kulissen, Franco Ressel als Berufsspieler, Enzo Fiermonte als rachsüchtiger Vater und Alberto(?) dell’Acqua als Futter für die Kopfgeldjäger. Michele Lupo hat beim Casting ein verdammt gutes Händchen bewiesen!

     

    Dieses Händchen hat er dann bei Kameraführung und musikalischer Untermalung gleich erneut bewiesen. Die Bilder sind je nach Bedarf episch-grandios oder so dreckig wie bei mir unterm Bett. Allejandro Ulloa hat Bilder zum Niederknien und Hineintauchen erschaffen, die den Abgesang der großen Westernzeit perfekt illustrieren. Dazu die wie erwähnt gialloeske Musik von Gianni Ferrio, und fast könnte man von Pathos sprechen, wenn da nicht aus jeder Pore immer dieser Dreck quillen würde. Sowohl der dreckige Rest der zerstörten Zivilisation wie auch der menschliche Abschaum der diese Welt bevölkert. Von hier bis zu den RIFFS ist es nicht mehr weit …

     

    Für den Spät-(Italo-) Western mögen vielleicht ein paar andere Gesetze gelten als für die früheren Filme, aber eines haben sie (fast) alle gemeinsam: Harte Männer, die in Breitwand und ergreifenden Bildern erbittert gegeneinander kämpfen, zu einer elegischen Musik choreographiert und mit einigen Sadismen garniert. Wer so etwas mag darf hier ungesehen zugreifen! Gefühlvolles Männerkino par excellence!!

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    DER MANN AUS VIRGINIA ist bei Koch Media als Bestandteil der Italowestern-Enzyklopädie No. 2 erschienen, zusammen mit DIE SICH IN FETZEN SCHIESSEN, BLEIGERICHT und VIER TEUFELSKERLE. Bild- und Tonqualität sind wie immer hervorragend, geboten werden deutscher, englischer und italienischer Ton mit deutschen Untertiteln.

     

    Als Extras liegen neben dem englischen Trailer und einer Bildergalerie zwei Featuretten vor: Einmal ein 30-minütiges und sehr spaßiges Interview mit dem Drehbuchautor Roberto Leoni und eine kurze Abhandlung des Filmhistorikers Fabio Melelli über die Schlusszeit des Western all’italiana.

  • Autor: Maulwurf
  • Links

    OFDb

    IMDb

     

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