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The Man Who Lived Twice

Italien | Spanien, 1970

  • Originaltitel: Trasplante de un cerebro
  • Alternativtitel:

    Crystalbrain, l'uomo dal cervello di cristallo (ITA)

    Il segreto del Dr. Chalmers

    L' uomo che visse due volte

    The Secret of Dr. Chalmers

  • Regisseur: Juan Logar
  • Kamera: Antonio Modica
  • Musik: Guido Robuschi
  • Drehbuch: Juan Logar, Giorgio Marzelli
  • Inhalt:

    Clifton Reynolds (Eduardo Fajardo) ist seines Zeichens ein sowohl geachteter als auch zugleich gnadenloser Richter, der tagaus tagein an einem der zahlreichen Gerichtshöfe des Vereinigten Königreichs vermeintlich gerechtfertigte Strafurteile gegen notorische Gesetzesbrecher verhängt. Doch als Richter Reynolds immer häufiger von qualvollen Migräneanfällen heimgesucht wird, unterzieht er sich auf Anraten seiner Ehefrau Susan  (Nuria Torray) und seines Freundes Peter Reynolds (Ángel del Pozo) einer medizinischen Untersuchung durch den renommierten Gehirnforscher Dr. Chalmers (Frank Wolff). Trotz allen Bangen und Hoffens fällt die eigentlich positiv erhoffte Diagnose für ihn verheerend aus, denn Clifton Reynolds ist unheilbar krank. Und da ihm aufgrund eines weiterhin prächtig gedeihenden Gehirntumors auch nur noch eine Lebenserwartung von ein paar wenigen Monaten prognostiziert wird, stimmt er schließlich dem ärztlichen Ratschlag zu, sich einer sowohl erfolgversprechenden, aber auch zugleich hochriskanten Hirntransplantation zu unterziehen. Gesagt, getan und nur wenige Tage später erwacht Richter Reynolds mit einem neu implantierten Gehirn im Schädel aus der zuvor verabreichten Vollnarkose, wobei sein Bewusstsein aber nicht mehr sein eigenes zu sein scheint, denn sowohl seine Empfindungen als auch Erinnerungen stammen von dem bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückten Spender, einem sizilianischen Immigranten namens Ginetto Lamberti (Simón Andreu). Bleibt letztlich nur noch die Frage, ob es Dr. Chalmers gelingen wird, die Persönlichkeit des Richters wieder vollkommen herzurichten, oder behält letzten Endes das Bewusstsein des unfreiwilligen Organspenders die Oberhand im fremden Körper des alternden Mannes?

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    "Haben wir das Recht, so weit zu gehen?"

     

    So in etwa dürfte die Übersetzung der Fragestellung lauten, die dem Zuschauer im Abspann des vorliegenden Films gestellt wird, denn der spanische Regisseur und Drehbuchautor Juan Logar (EL PERFIL DE SATANÁS, IM RAUSCH DER SINNE, AUTOPSY) entführt uns mit seiner zweiten Regiearbeit CRYSTALBRAIN, L'UOMO DAL CERVELLO DI CRISTALLO in die damals gerade erst so richtig aufgeblühte Welt der Organtransplantationen, genauer gesagt in die schauderhaften Sphären der Gehirnverpflanzung, die er dann auch sogleich auf den moralischen Prüfstand hievt. Im Gegensatz zu den damals bereits erfolgreich durchgeführten Organverpflanzungen wie beispielsweise Niere (1959), Leber (1967), Herz (1967) oder Lunge (1968), stellt die Gehirntransplantation auch heutzutage noch ein sowohl zukunftsscheinender als auch zugleich grauenerregender Wunschtraum dar, denn jegliche der bis dato durchgeführten Tierversuche scheiterten spätestens bei dem Versuch, das neueingepflanzte Gehirn erfolgreich mit dem Rückenmark zu verbinden. So missglückte beispielsweise bereits Mitte der 50er Jahre ein Expirement des russischen Chirurgs Wladimir Petrowitsch Demichow, dem es zwar zunächst gelang, einen Hund mit zwei Köpfen zu erschaffen, dessen Lebensdauer dann aber nur ein paar wenige Tage andauerte. Genauso kläglich scheiterte Ende der 50er Jahre das Experiment der jugoslawischen Zoologin Mira Pavlovic an einem ungeborenen Kücken. Im Jahre 1970 gelang es zwar dem US-amerikanischen Chirurgen Robert J. White einen Affenkopf auf einen anderen artverwandten Tierkörper zu verpflanzen, aber die Verbindung zum Rückenmark verlief auch hier erfolglos, wodurch das Versuchstier nicht nur körperlich gelähmt war, sondern auch bereits nach neun Tagen infolge einer körperlichen Immunreaktion zum Abstoß des frisch verpflanzten Kopfes führte. Und gerade erst im letzten Jahr ließ der italienische Neurochirurg Sergio Canavero die Welt erneut aufschrecken, indem er großspurig verlauten ließ, im Jahre 2018 die erste erfolgreiche Gehirntransplantation an einem Menschen durchzuführen. Im November 2017 gaben die chinesischen Gesundheitsbehörden dann aber bekannt, dass die dortige von Canavero geplante Transplantation von diesen untersagt wurde. Bleibt letztendlich nur noch die Frage, ob es sich hierbei lediglich um einen schlechten PR-Scherz handelte, oder ob Sergio Canavero seiner schauderhaften Ankündigung in den kommenden Jahren Nachdruck verleihen wird und das Gehirn des Russen Waleri Spiridonow tatsächlich auf einen neuen Spenderkörper zu verpflanzen versucht.

     

    Losgelöst von jeglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen legt Juan Logar in seinem zweiten Film sein Hauptaugenmerk weniger auf die chirurgischen Fallstricke eines solch komplexen Eingriffs, sondern vielmehr auf die möglichen Auswirkungen infolge des Austauschs eines vollintakten Spenderhirns, da in dessen Gedächtnisarealen sowohl sämtliche Erlebnisse, Erfahrungen, Emotionen und Erinnerungen als auch weiterhin das ursprüngliche Ich-Bewusstsein des verstorbenen Vorbesitzers fest verankert sind. Und da das menschliche Gehirn nicht nur bekanntlich einen Teil des zentralen Nervensystems darstellt, sondern auch als Quelle des jeweiligen Menschseins gilt, wirft der Regisseur des Films die hochinteressante Fragestellung auf, was denn eigentlich mit den im Spenderhirn verankerten Persönlichkeitsmerkmalen des Vorbesitzers geschieht, sobald dieses erfolgreich einem neuen Kopf zugeführt wurde?  Die Beantwortung dieser Frage übernimmt in diesem Fall kein geringerer als der spanische Genrefilmstar Eduardo Fajardo (DJANGO, DER CLAN DER KILLER, BLUTIGE MAGIE), der in der Rolle des gnadenlosen Richters Clifton Reynolds als potenzielles Versuchskaninchen seinen Kopf als erster hinhalten darf. Zwar verläuft der rein chirurgische Eingriff überraschenderweise komplikationslos, dafür scheint ihm aber das eigentliche Bewusstsein seiner Persönlichkeit nach dem Erwachen aus der Vollnarkose gänzlich abhanden gekommen zu sein, denn das, was er nach der Operation empfindet oder denkt, beruht letztendlich auf dem Bewusstsein des verstorbenen Spenders Ginetto Lamberti. 

     

    "Das Maß ist Balance und Balance ist das Gesetz des Universums."

     

    Und somit wären wir auch schon längst inmitten des zerebralen Dilemmas angelangt, denn anstatt eines funktionstüchtigen Nutzorgans findet sich nunmehr das Bewusstsein einer fremden Persönlichkeit in der schon nicht mehr ganz taufrischen Körperhülle eines alternden Mannes wieder, wohingegen sich das Ich-Bewusstsein des Richters mit der Entnahme seines erkrankten Gehirnapparats vollkommen aufgelöst zu haben scheint. Also bestimmt ab diesem Moment auch das Bewusstsein des jungen Ginettos das Geschehen, wenn auch gefangen im Körper des ehemaligen Richters. Dargestellt wird der sizilianische Einwanderer von dem spanischen Schauspieler Simón Andreu, der einigen von uns aufgrund seiner denkwürdigen Darbietungen aus den Giallo-Thrillern FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT, DEATH WALKS AT MIDNIGHT oder DIE NACHT DER ROLLENDEN KÖPFE bekannt sein dürfte. Sein vorliegender Rollencharakter Ginetto Lamberti ist seines Zeichens ein Immigrant aus Sizilien, der einige Jahre zuvor seinem älteren Bruder in die britische Großstadmetropole London nachfolgte, um sich dort entsprechend die benötigten Brötchen für den zukünftigen Aufbau einer gemeinsamen Existenz mit seiner in Sizilien zurückgelassenen Liebsten zusammen zu verdienen. Doch leider landete Ginetto anstatt in einem geregelten Arbeitsverhältnis vielmehr ohne große Umschweife im kriminellen Sumpf, wo er dann auch bis zu seinem tödlichen Verkehrsunfall als Dockarbeiter für eine Drogenschieberbande tätig war. Doch anstatt in Frieden ruhen zu dürfen, erwacht sein Bewusstsein nun in einem fremden Körper, was wiederum nicht nur Probleme für ihn selbst, sondern auch für sämtliche der Außenstehenden mit sich bringt. 

     

    Da wäre beispielsweise Reynolds Ehefrau Susan, die von der spanischen Darstellerin Nuria Torray (ONE DAMNED DAY AT DAWN... DJANGO MEETS SARTANA!, DIE RACHE DES PANCHO VILLA, AN OPEN TOMB... AN EMPTY COFFIN) dargestellt wird: Die Wesensveränderung ihres geliebten Mannes lässt diesen nach dem chirurgischen Eingriff immer weiter auf Abstand zu ihr gehen, wodurch auch die gemeinsame Beziehung allmählich in die Brüche geht. Doch zum Glück ist da auch noch Reynold Cliftons bester Freund Peter Reynolds, der daraufhin seine trostspendenten Schultern der verstörten Susan völlig selbstlos zur Verfügung stellt. Verkörpert wird der Rollencharakter Reynolds übrigens von dem spanischen Darsteller Ángel del Pozo (VON ANGESICHT ZU ANGESICHT, DRACULA JAGT FRANKENSTEIN, DIE HEIßE NACHT DER KILLER). Aber auch Ginettos älteren Bruder Vittorio Lamberti ist die angebliche Rückkehr des jungen Sizilianers im Körper des alternden Richters nicht geheuer, so dass auch dieser seinem Geschwisterteil unverhohlen die kalte Schulter zeigt. 

     

    Armer Ginetto! Widerwillig in einem fremden Körper gefangen, wenden sich dann auch noch seine einzigen Bekannten von ihm ab, so dass Ginetto von da an nur noch die Rückkehr in sein sizilianisches Heimatdorf bleibt, wo ihn bereits seine zurückgelassene Liebe sehnsüchtig erwartet. Seine Auserwählte hört auf den Namen Mariela, lebt in einem idyllischen Fischerdorf auf Sizilien und wird von der reizvollen Silvia Dionisio (SIEBEN JUNGFRAUEN FÜR DEN TEUFEL, BLUTIGER SCHWEIß, STADT IN PANIK) dargestellt. Abschließend sollte aber auch noch der immer wieder gern gesehene Frank Wolff (LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG, EXZESS - MORD IM SCHWARZEN CADILLAC, DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL) seine Erwähnung finden, zumal er in der Rolle des reichlich übermotivierten Gehirnchirurgen Dr. Chalmers eine durchwegs respektable Leistung an den Tag legt. 

     

    Inszenatorisch gestaltet sich Juan Logars zweite Regiearbeit zwar sehr durchwachsen, kann aber schließlich aufgrund seiner nicht gerade alltäglichen Thematik dennoch überzeugen. Letztendlich entpuppt sich der Film weitaus weniger exploitativ, als es sein Titel eigentlich vermuten lässt. Hinzu gesellen sich zahlreiche Rückblenden, in denen sich das wiedererwachte Bewusstsein Ginettos an dessen Vergangenheit zu erinnern versucht. Dabei erfährt der Zuschauer sowohl zahlreiche Hintergründe über Ginettos kriminelle Karriere im Rahmen seiner zuvor ausgeübten Dockarbeitertätigkeit als auch über sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder Vittorio, der übrigens von José Guardiola (ZWISCHENLANDUNG DÜSSELDORF, BLEI IST SEIN LOHN, UM SIE WAR DER HAUCH DES TODES) verkörpert wird. Und so konfus und unentschlossen die erste Hälfte dieser recht unspektakulären Inszenierung auch wirken mag, spätestens mit der Ankunft Ginettos im sizilianischen Fischerdorf ändert sich das Ganze dann schlagartig, denn die Tragik der letzten halben Stunde hat es nicht nur in sich, sondern weiß den Zuschauer auch bis zum Ende hin zu fesseln. Verantwortlich hierfür scheint nicht nur die schauspielerische Leistung Dionisios zu sein, sondern auch die innere Zerrissenheit Ginettos, nachdem er seiner angebeteten Mariela endlich wieder gegenübersteht, aber halt auch nur in der Körperhülle eines fremden Mannes. Wird es Ginetto schlussendlich gelingen, seine aufbrodelnden Gefühle unter Kontrolle zu halten oder lässt er sich von seinen immer stärker werdenden Gefühlswallungen doch noch überrumpeln?

     

    Fazit: Ein zerebraler Alptraum, der sogar über den Tod hinaus kein Ende mehr zu nehmen scheint...

  • Autor: Richie Pistilli
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