Malamore

Italien, 1982

  • Originaltitel: Malamore
  • Alternativtitel:

    La casa rosa (working title)

  • Regisseur: Eriprando Visconti
  • Kamera: Luigi Kuveiller
  • Musik: Aldo Salvi
  • Drehbuch: Roberto Gandus, Eriprando Visconti
  • Inhalt:

    Der kleinwüchsige Marcello Giammarco (Jimmy Briscoe) und sein Vater haben sich während des ersten Weltkriegs auf ihr Landhaus in Palmanova zurückgezogen. Im Untergeschoss wurde ein Lazarett für verwundete Soldaten eingerichtet, Marcello schläft in einem kleinen Zimmer auf dem Dachboden.

     

    Er freundet sich mit dem Soldaten Cesare (Antonio Marsina) an, die eine gemeinsame Leidenschaft verbindet, denn beide sind der Prostituierten Maria (Nathalie Nell) sehr zugetan. Maria lebt im Haus ihrer „Madame“ Leni Grundt (Elisabeth Kaza), zusammen mit einigen anderen Prostituierten. Die machen sich aber über Marcello lustig, während die Madame und Maria ihn mit großem Respekt behandeln.

     

    Da er aus einer wohlhabenden Familie stammt, fällt nach dem Tod seines Vaters der gesamte Besitz Marcello zu. Doch das droht ihm zum Verhängnis zu werden.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „Malamore“ ist der letzte Film von Eriprando Visconti, den er auch selbst produziert hat und zu dem er zusammen mit Roberto Gandus das Drehbuch schrieb. Meiner Ansicht nach ist ihm hier sein erzählerisch, technisch und dramatisch perfektester Film gelungen, ein perfekter Abschluss für eine Regiekarriere, die über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg leider nur zu 11 Regiearbeiten führte.

     

    Stilvoll gefilmt von Luigi Kuveiller und Ubaldo Terzano war ich mir zuerst unschlüssig, woher ich die Location der Villa kannte, aber im Grunde ist es ganz einfach, denn Visconti ist hier schlicht zu seinen Anfängen zurück gekehrt. Die Grundsituation mit den verwundeten Soldaten, die sich einem Landhaus aufhalten, umgeben von dramatischen Ereignissen, kennt man aus Francesco Masellis „Die Verirrten.“ Und wer war da am Drehbuch beteiligt? Eriprando Visconti. Der Drehort ist derselbe, die Villa Ripalta Guerrina bei Cremona.

     

    Die Inhaltsangabe wurde von mir kurz und knackig gehalten, ein paar Einzelheiten kommen jetzt. Der Kleinwüchsige Jimmy Briscoe – Nebendarsteller in zahlreichen Folgen von US-Fernsehserien – hat in „Malamore“ eine gute Hauptrolle mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Charakter. Als Marcello wird er trotz seiner Kleinwüchsigkeit von seinem Vater voll und ganz akzeptiert, doch aufgrund von Minderwertigkeitskomplexen scheint ihm das gar nicht so recht. Er wirft seinem Vater vor, ihn zu benachteiligen und auf dem Dachboden vor der Welt zu verstecken – offensichtlich eine haltlose Unterstellung, denn Marcello ist seinem Vater nicht nur in Geschäften gleichgestellt sondern verbringt sein Leben keineswegs versteckt. Er bewegt sich völlig frei, zu Fuß oder zu Pferd auf dem Landsitz, bei Autofahrten (mit einem Automobil von 1908, dass das Lancia Museum in Turin der Produktion auslieh) und auch im örtlichen Freudenhaus ist er kein Unbekannter. Den Dachboden bewohnt er ohenhin nur deshalb, weil im Untergeschoss die verwundeten Soldaten sind.

     

    Doch Marcellos Sexualität ist kompliziert. Seine Mutter starb bei seiner Geburt (Marcellos Auslegung nach, gleich nachdem sie ihn gesehen hat, was der Vater ungeduldig zurück weist), und im Grunde will Marcello hauptsächlich nur, dass ihn eine Frau in den Schlaf bettet. Hierzu sucht er auch gern die ältere Haushälterin (Catherine Ohotnikoff) des Landsitzes auf. Große Teile der Geschichte fallen natürlich dem Geschehen im Freudenhaus zu. Marcello ist der prostituierten Maria – gespielt von der Französin Nathalie Nell – sehr zugetan, pflegt aber keine sexuelle Beziehung mit ihr. Sie respektiert ihn und er gibt sich wohl der Illusion hin, sie könnte sich ihn verlieben. In weiteren kleinen Rollen im Freudenhaus u. a. Serena Grandi und – hätte ich mir eine aussuchen dürfen – Renata Zamengo. Im späteren Verlauf wird Marcello gar in dieses Freudenhaus einziehen, wo er auch eine erste Ahnung bekommt, dass sein Freund Cesare plant, ihn zu hintergehen.

     

    Was wir also bis jetzt haben, ist eine dramatische Liebesgeschichte, es fehlen also noch provokante Szenarien. Und daran fehlt es keineswegs. Gleich zu Anfang verbrennen ein blinder und ein einarmiger Soldat die amputierten Gliedmaßen ihrer Kameraden – medizinischen Abfall. Später trickst die Madame des Bordells den Blinden in eine Nummer auf dem Küchentisch, indem sie ihm erzählt, sie sei eine junge Blondine, doch wir sind in einem Freudenhaus, hier werden ohnehin nur Illusionen verkauft. Eine Begegnung zwischen Marcello und einer kleinwüchsigen Prostituierten (lt. wikipedia.it Linda Spriggs) – hierzu hat die Madame extra zu einem feierlichen Abend-Diner geladen - wird zu einem peinlich-berührendem Moment, bei dem man den Eindruck bekommt, die abgeworfene Fliegerbombe, die ganze verkürzt, würde von Marcello als dankbare Unterbrechung hingenommen. Dieselbe kleinwüchsige Prostituierte weint später bitterlich, als die Madame ihr eröffnet, dass sie aufgrund mangelnder Interessenten künftig die Haushälterin für sie anderen spielen oder das Haus verlassen müsse.

     

    Es gibt natürlich noch viel mehr zu entdecken in diesem Kleinod als ich verraten habe, bis das Ganze erwartungsgemäß mit einem sehr bitter-bösen Szenario endet. In einer kleinen aber wichtigen Rolle ist auch David Brandon zu sehen. „Malamore“ ist natürlich nichts für Fans von Hochspannung aber eine gut erzählte Geschichte mit glaubwürdigen Charakteren, so unwahrscheinlich einige davon auch sein mögen. Aber hier zeigt sich wohl die Kunst des Ganzen, eine eigentlich eher absurde Story so glaubwürdig zu inszenieren, dass man nicht dazu kommt, über reale Wahrscheinlichkeiten nachzudenken sondern einfach mit den Figuren mitfühlt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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