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Das Märchen der Märchen

Frankreich | Italien | Vereinigtes Königreich, 2015

  • Originaltitel: Il racconto dei racconti
  • Alternativtitel:

    El cuento de los cuentos (ESP)

    Tale of Tales

  • Deutsche Erstaufführung: 27. August 2015
  • Regisseur: Matteo Garrone
  • Kamera: Peter Suschitzky
  • Musik: Alexandre Desplat
  • Drehbuch: Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Matteo Garrone, Massimo Gaudioso
  • Inhalt:

    Matteo Garrone erzählt uns drei ineinander verschachtelte Märchen:

     

    Die Königin von Selvascura wünscht sich nichts so sehr wie ein Kind. Die Anleitung dafür ist relativ einfach: Man töte ein Seeungeheuer. Das Herz dieses Seeungeheuers muss von einer Jungfrau gekocht werden, die Jungfrau muss dabei allein sein. Anschließend muss das Herz gegessen werden, Schwangerschaft und Geburt folgen sofort. Diese Anleitung ist richtig und funktioniert auch sehr gut. 16 Jahre später sind dann der junge Prinz und das gleichaltrige und –aussehende Kind der Jungfrau, Elias und Jonah, die allerbesten Freunde – sehr zum Missfallen der Königin. Jonah muss den Hof verlassen und Elias ist sehr einsam, aber vor seinem Fortgehen hat Jonah eine Quelle geöffnet, und anhand des dort ausströmenden Wassers kann Elias jederzeit sehen wie es seinem Freund geht. Doch eines Tages färbt sich das Wasser der Quelle blutrot …

     

    Der König von Roccaforte hat nur eine einzige Beschäftigung: Ficken. Er stellt allen jungen Mädchen nach und lebt nur für Ausschweifungen. Eines Tages hört er von seinem Fenster einen wunderschönen Gesang, sieht aber die Sängerin nicht, nur ihr Haus. Als er dorthin kommt verweigert ihm die Sängerin, Dora, ihr Antlitz, und das aus gutem Grund, ist sie doch eine alte und verbrauchte Färberin, die mit ihrer Schwester Imma in schlimmer Armut zusammenlebt. Der König gibt aber nicht nach, weswegen Dora dem Beischlaf irgendwann zustimmt, unter der Bedingung dass im ganzen Schloss keine Fackel brennen darf. Am Morgen allerdings entdeckt der König den Schwindel und lässt Dora aus dem Fenster werfen. Hier weiter zu erzählen würde viel Spannung vorwegnehmen, darum nur eines: Die Geschichte fängt hier erst richtig an!

     

    Der König von Altomonte hegt und pflegt heimlich einen gigantischen großen Floh. Als seine Tochter Viola dann so langsam mal heiraten möchte besteht das Turnier der Bewerber darin, dass sie erraten müssen welchem Tier die aufgespannte Haut gehörte. Der einzige der das kann ist – ein Oger … Also muss Viola mit dem Oger in eine unzugängliche, mit Knochen gefüllte, Höhle im Gebirge ziehen und Felle wässern. Violas einzige Gedanken kreisen um die Flucht, bis eines Tages ein paar Zirkusartisten auftauchen …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    In den Jahren 2012 bis 2014 verfilmte der Neuseeländer Peter Jackson J.R.R. Tolkiens DER HOBBIT, und traf damit (nach meiner persönlichen Meinung) genau den künstlerischen Geschmack der Zeit: Seelenlose Großproduktionen, in denen es von computer-generierten Effekten nur so wimmelt, und die alle paar Minuten bunte Knalleffekte benötigen um das Publikum beim Checken der SMS zu unterbrechen. Dass mit Filmen originär mal Geschichten erzählt werden sollten, dieser Gedanke scheint im Zeitalter des Schneller-Hektischer-Bombastischer-Kinos weitgehend untergegangen.

     

    2015 hat der Italiener Matteo Garrone (GOMORRHA) drei Geschichten aus dem “Märchen der Märchen“ verfilmt, einem Geschichtenbuch, das im 17. Jahrhundert von Giambattista Basile verfasst wurde und als Quelle der europäischen Märchensammlungen gilt, aus welcher Erzähler wie etwa die Gebrüder Grimm ihre Anregungen holten. Und machte, im hollywood’schen Sinne, alles verkehrt was man verkehrt machen kann: Die einzelnen Episoden sind nicht klar voneinander abgetrennt sondern ineinander verwoben, die Schauspieler müssen Gefühle transportieren, die Effekte sind nicht dazu gedacht den CGI-State of the Art zu zeigen sondern die Story zu illustrieren, es gibt einiges an nackter Haut zu sehen und gestorben wird in Großaufnahme und meist sehr blutig. (Zumindest letzteres gibt es bei Peter Jackson auch, aber eben auch nur bei ihm …)

     

    DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN hat zwei Gesichter. Das eine Gesicht zeigt sich wenn man den Film im Kino sehen kann: Gigantische Bilder, die durch ihre Farbenpracht und ihren Detailreichtum überwältigen. Fantasiewelten, die denen von Peter Jackson in nichts nachstehen. Geschichten, die für sich alleine gut sind, aber durch die Verschachtelung und den damit einhergehenden Cliffhanger-Effekt den Zuschauer in seinen Bann ziehen. Computereffekte, die das derzeit mögliche ausreizen und mit so manch einer aktuellen Hollywood-Produktion mühelos standhalten können. Wer denkt, dass in Italien nur die Gottesanbeterin aus Dario Argentos DRACULA 3D möglich sei, der wird hier eines besseren belehrt! Vom Seeungeheuer über der Standardarchitektur trotzenden Burgen bis hin zu einem riesigen und fast kafkaesk wirkendem Floh, die eingesetzten CGIs begeistern sogar einen Old-School-Filmschauer wie mich. Und über die Effekte kommen wir schlussendlich wieder zu den Bildern, die den Zuschauer bestürmen und betäuben, die ihn in eine Märchenwelt ziehen und dort mühelos festhalten.

     

    Gedreht wurde, wenn ich das richtig verstanden habe, unter anderem in der Toskana, im Latium und in Apulien. Entsprechend sind die wunderschönen italienischen Landschaften in Breitwand eingefangen und wurden dann mit echten (Castel del Monte) und künstlichen (Roccaforte) Burgen aufgepeppt. Die Wälder dürften künstlich sein und sind sehr mystisch und unheimlich geworden, allerdings habe ich mich öfters an die Wälder in Michael Steiners SENNENTUNTSCHI erinnert gefühlt – und dort wurden die entsprechenden Szenen im Zillertal in Österreich gedreht …

     

    Die Dekors und Einrichtungen sind verschwenderisch. Hey, was wäre denn ein ordentlicher König ohne ein üppig eingerichtetes Schloss? An dieser Stelle freue ich mich bereits auf die DVD- bzw. BluRay-Veröffentlichung, damit ich diese gigantischen Szenerien besser und in allen Einzelheiten betrachten kann. Ob eine Schlossküche, eine schmuddelige Färberei oder die mit Knochen übersäte Höhle des Ogers, immer ist das Setting einfallsreich und überbordend gestaltet. Hier ist sichtlich viel Denkarbeit in das Produktionsdesign geflossen, was gar nicht hoch genug bewertet werden kann.

     

    Und über allem liegt die klug komponierte und eingesetzte Musik von Alexandre Desplat, die nur im Trailer klingt wie ein Hans Zimmer-Plagiat, im Film aber wesentlich weniger bombastisch und damit auch viel eigenständiger klingt. Auf der großen Leinwand ist dieser Film eine Granate, die schön erzählte Geschichten in unglaubliche Bilder packt und den Zuschauer mitreißt.

     

    Und doch hatte ich im Kino oft das Gefühl auf eine mit Luft gefüllte Tüte zu schauen, in der dann letzten Endes nichts drin ist – das andere Gesicht des MÄRCHENS. Was fehlt ist ein wenig das Gefühl. Etwas, was einem zu Herzen geht und anrührt. Die Geschichte um die beiden Brüder ist schön, aber sie be-rührt nicht, und das Ende schon gar nicht. Die Erzählung um die mit dem Oger verheiratete Königstochter hat zum Teil wirklich starke Bilder, und dank Bebe Cave, der Darstellerin der Viola, kann sich die Geschichte auch durchaus ihren Weg in den Bauch bahnen. Aber alleine das Märchen um die beiden Schwestern Dora und Imma berührt wirklich, und interessanterweise ist dies auch der einzige Teil in dem ein klein wenig Humor und eine tiefergehende Charakterzeichnung enthalten sind. Gerade die beiden Schwestern sind liebenswerte alte Frauen, die man schnell in sein Herz schließt, und mit deren Schicksal man mitgeht. Im Gegensatz zum Beispiel zur Königin von Selvascura, die kalt und unnahbar ist und bleibt. Auch dem Zuschauer. Ich vermute mal (dieser Text entsteht im Dezember 2015, die digitalen Veröffentlichungen sind für März 2016 angekündigt, weswegen es vorerst bei einer Mutmaßung bleibt), ich vermute also mal, dass auf dem kleinen Bildschirm auch die Geschichten entsprechend weniger mitreißen, und der betriebene Bombast eher negativ ins Gewicht fällt. Dass auf dem Fernseher eben die Verpackung als Verpackung entlarvt wird, und der fehlende Inhalt etwas stört.

     

    Bis dahin allerdings ist dieser Film im Kino eine absolute Empfehlung! Kennt jemand die Filme des indischen Regisseurs Tarsem Singh? THE FALL von 2003? Genau solche überwältigenden Bilder hat es auch in MÄRCHEN DER MÄRCHEN, nur mit dem zusätzlichen Bonus einer ansprechenden Story.* Allein die Schlösser sind sehenswert (eines ist das Castel del Monte in Apulien, das per Computer in eine etwas unwirtlichere Gegend überführt wurde), die Kostüme sind schöner und edler als bei Shekhar Kapurs ELIZABETH, und der Realismus in Bezug auf Dinge wie fettige Haare oder schmutzige Fingernägel steht Peter Jacksons HERR DER RINGE in nichts nach. Und dabei wissen wir jede Sekunde dass wir uns in einem Märchen befinden, in dem Feen, Seeungeheuer und Oger existieren. In dem eine Schwangerschaft eine Nacht dauert, und zustande kommt durch das Kochen eines Seeungeheuerherzens.

     

    Für DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN wird ein wenig die Sicht eines Kindes benötigt, aber mit dem Blickwinkel eines Erwachsenen. Soll heißen, dass man Spaß mitbringen sollte am Erzählen von Geschichten, und modernen Unfug wie Logik und Realität an der Kasse ablegen muss. Gleichzeitig ist dies aber kein Kinderfilm! Das Showdown der dritten Episode ließ die (erwachsenen) Zuschauer links und rechts von mir abrupt wegsehen. Überhaupt ist der Grundton durchaus Ernst. Hat die zweite Episode durch die zu Beginn eher drollig angelegten Schwestern oft noch etwas heiter-verspieltes, so wirken die anderen Geschichten mindestens bedrohlich, und bringen weder lustige Oneliner noch komische Situationen mit. Was eben auch dazu führt, dass hier gestorben wird wie in einem klassischem italienischem Genrefilm: Hart, blutig, schmutzig. Gleich zu Beginn wird eine Sympathiefigur eingeführt, die die ersten 10 Minuten nicht überleben wird, und kein Charakter weiß, ob er die nächste Laune des Königs überleben wird, oder ob nicht irgendwoher eine grausame Kreatur auftaucht die ihren Blutdurst stillen möchte.

     

    Wer kann sollte also schauen, dass er DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN im Kino sehen kann, denn hier kann der Film seine Qualitäten richtig ausspielen. Filme sind halt doch für’s Kino gemacht. Und wenn DVD und BluRay veröffentlich wurden, dann sehen wir mal weiter …

     

    *Und wer THE FALL noch nicht kennt sollte dies unbedingt nachholen. Einer der einfallsreichsten und visuell überwältigendsten Filme der letzten Jahrzehnte.

  • Autor: Maulwurf
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