Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien

Italien, 1975

  • Originaltitel: L'ultimo treno della notte
  • Alternativtitel:

    Night Train - Der letzte Zug in der Nacht (D)

    Violenza sull'ultimo treno della notte (IT alt.)

    La bête tue de sang-froid (F)

    Don't Ride on Late Night Trains (UK)

    Night Train Murders (Int.)

    Last Stop on the Night Train (USA)

    The New House on the Left

    Second House on the Left

    Last House - Part II

  • Deutsche Erstaufführung: 12.08.1976
  • Regisseur: Aldo Lado
  • Kamera: Gábor Pogány
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Roberto Infascelli, Renato Izzo, Aldo Lado, Ettore Sanzò
  • Inhalt:

    "Ja ja, ich verstehe schon worauf Du hinaus willst... unsere Gesellschaft muss Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Gewalt finden. Das fängt schon im Elternhaus an: Kinder brauchen mehr Kontrolle und ein besseres Verständnis zwischen Schule und dem Elternhaus. Dinge wie Langeweile und Mangel an echtem Interesse sind sehr schädlich. Schaffe etwas, das jeden interessiert und das Problem ist aus der Welt."

     

    Die 16 jährige Lisa Stradi (Laura D'Angelo) und ihre gleichaltrige Cousine Margaret Hoffenbach (Irene Miracle) leben gemeinsam in München und machen sich am Weihnachtstag mit dem Zug auf den Weg nach Italien, um dort bei Lisas Eltern ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern.

     

    Bereits nach kurzer Zeit treffen die Beiden unschuldigen Damen im überfüllten Fernzug auf die beiden (sozialschwachen) Halbstarken Blackie (Flavio Bucci) und Curly (Gianfranco De Grassi), deren unberechenbaren und rowdyhaften Verhaltensweisen schon recht schnell für allgemeines Unbehagen im ganzen Zug sorgen. Zudem ist Curly heroinabhängig und ein schneller Fix für Zwischendurch eröffnet seinem unkontrollierbaren Wahnsinn freien Lauf...

     

    Lediglich eine feine Dame aus gutem Haus (Macha Méril) lässt sich nach anfänglicher Gegenwehr doch recht schnell auf ein lustvolles Spiel mit Blackie auf der Toilette ein und genießt den sexuellen Kurzkontakt letztendlich in vollen Zügen... Auch der degenerierte Blackie scheint von der undurchsichtigen Dame dermaßen fasziniert zu sein, dass  ihm eine Sicherung durchbrennt und er nach und nach den Reizen der immer diabolischer werdenden Lady mit Haut und Haar verfällt.

     

    Nachdem der Zug aufgrund einer anonymen Bombendrohung in Innsbruck einen mehrstündigen Zwischenhalt einlegen muss, verwerfen die beiden jungen Reisenden spontan ihre ursprüngliche Reiseplanung und wechseln erleichtert in einen fast seelenleeren Nachtzug, der sie von Innsbruck mit Umstieg in Verona gleichfalls an das heißersehnte Reiseziel bringen soll.

     

    Doch die Erleichterung ist nur von kurzer Dauer, da der teuflische 3er Mob wie aus dem Nichts auch im neuen Nachtzug auftaucht und sich ungefragt im Abteil der beiden verschüchterten Damen breit macht. Was nun folgt, geht in die unterste Region der Magengrube, denn die Beziehungsdynamik der 3 unterschiedlichen Persönlichkeiten in Bestiengestalt scheint vollkommen außer Kontrolle geraten zu sein und es herrscht fortan nur noch der pure Wahnsinn im menschenleeren Nachtzug nach Verona vor. Ein unbeschreibliches Martyrium in Form eines perfiden Spiels, aus dem es für die beiden hilflosen und ausgelieferten Mädchen keinen Ausweg -außer den endgültigen- mehr zu geben scheint....

     

    "Hey, wir schneiden sie ja nur ein bisschen auf... ja, und wenn ich daran denke wie es bei mir war... 5 Matrosen waren's und es war gar nicht mal so schlecht. Dann war ich schwanger und wusste dass ich keine Jungfrau mehr bin..."

     

    Im fernen Italien erwarten der renommierte Chirurg Professor Giulio Stradi (Enrico Maria Salerno) und seine Ehefrau Laura Stradi (Marina Berti) sehnlichst die Ankunft ihrer Tochter und ihrer mitreisenden Nichte. Doch der Zug aus Innsbruck trifft ohne die junge Damen ein und wie es der Zufall so will, treffen die 3 teuflische Bestien am Bahnsteig auf den "profanen Skalpell-Jongleur" mit seiner besorgten Ehefrau.

     

    Nachdem die Ankunft der beiden Gören mit einem späteren Zug vermutet wird, gelangen die 3 Bestien in das Haus des Professors und stimmen dort der Einladung zu einer gemeinsamen Henkersmahlzeit, ähm einem Abendessen zu. Denn schon kurze Zeit darauf erhalten die besorgten Eltern aufgrund einer Radiodurchsage die grausame Gewissheit über den Verbleib der geliebten Kinder und Professor Stradi verliert daraufhin seine Selbstbeherrschung. Mit einem Rotstich in seiner Optik startet Stradi einen erbarmungslosen Rachefeldzug gegen die unmenschlichen Bestien des Teufels und mutiert dabei selbst zu einer wilden Bestie mit absoluten Kontrollverlust....

     

    "Niemand hat Schuld daran. Solche Dinge passieren eben..."

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    Dieses feine Stück Terror-Kino gehört mit zur absoluten Speerspitze des Genres und ist einer “der” Magengruben-Krauler schlechthin.

     

    Obwohl Aldo Lado im Interview (Featurette "Keiner kommt hier lebend raus") einer Beeinflussung durch Wes Cravens "the last House on the Left" widerspricht, wirkt diese Inszenierung "streckenweise" auf mich, als hätte man trotzdem das letzte Haus auf der linken Seite (im Schwerpunkt leicht abgeändert) einfach nur von der Strasse auf die Schiene verlagert...  ;)

     

    Bei der Auswahl der Schauspieler, ist es dem Regisseur, sowie dem Produzenten ein absoluter Volltreffer gelungen, da allesamt eine außerordentliche Darbietung in ihren jeweiligen Rollen an den Tag legen.

     

    Macha Méril bleibt mit ihrer umwerfenden Darbietung der undurchschaubaren, diabolischen und geheimnisvollen Dame für alle Zeiten im Gedächtnis verankert und ihr Name wird von mir immer sofort mit dieser Rolle assoziiert.

     

    Enrico Maria Salerno mimt mit voller Überzeugungskraft den eigentlich gegen Gewalt allergischen und friedfertigen Chirurgen, der aber aufgrund der bestialischen Tat an seinem eigen Fleisch und Blut vollkommen die Selbstbeherrschung verliert und selbst zu einer unkontrollierbaren Bestie in Menschengestalt mutiert.

     

    Die Besetzung der beiden jugendlichen Außenseitern mit Flavio Bucci und Gianfranco De Grassi ist gleichfalls sehr gelungen, da Beide ihren Rollen überzeugend und mit Bravour ausfüllen.

     

    Zudem gibt es Franco Fabrizi in einer schmierigen Nebenrolle als perversen Lüstling auf einer außer Kontrolle geratenen Bahnfahrt zu bestaunen

     

    Ennio Morricones Filmmusik gibt der beklemmenden Atmosphäre dieser einzigartigen Inszenierung erst die richtige Tiefe und kommt enorm verstörend daher. Zudem fördert diese eine recht unheimliche, aber zugleich sehr prägnante Mundharmonika-Melodie ans Tageslicht und die Szenen aus dem Münchener Hauptbahnhof sind mit dem Titeltrack des "4 Fliegen auf grauem Samt" Soundtracks hinterlegt.

     

    Fazit: Eine fiese, kleine und angeschmutzte Filmperle, die dennoch ausreichend Glanz und Substanz vorweisen kann und zu den besten Magengruben-Kraulern vor dem Herrn gehört

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    Aldo Lado, Regisseur von „Malastrana“ und „The Child“, schrieb bei „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ auch am Drehbuch mit, die Story schrieb unter Beteiligung auch Ettore Sanzo, der auch für die Geschichte des ähnlichen, aber weit schwächeren „Junge Mädchen zur Liebe gezwungen“ verantwortlich war. Gábor Pogánzy kleidete den Film wie auch schon „Gesicht im Dunkeln“ und „Kaliber 38“ in wunderschöne, stilvolle Bilder von in den Nachtszenen dominierendem leuchtenden Blau; dass die Kamera zu Beginn des Filmes sehr wackelig und dokumentarisch wirkt, liegt daran, dass die Szenen sehr schnell abgedreht werden mussten, da die Drehgenehmigung in München fehlte – mutig vor allem, weil auch viele Szenen im Münchner Hauptbahnhof gedreht wurden! Bekannt unter den Darstellern ist besonders die Französin Macha Méril als namenlose Frau mit dem schwarzen Hutschleier, die in Godards „Eine verheiratete Frau“, Argentos „Profondo Rosso“ spielte, und für „Vogelfrei“ auch eine Césarnominierung bekommen hat. In diesem Film liefert sie die beste Darstellerleistung als eiskalte Frau, die die Gelegenheit nutzt, ihrer dunklen Seite freien Lauf zu lassen – während allerdings die übrigen Darsteller gerade im Vergleich zu anderen Filmen dieses Genres weniger intensiv spielen.

     

    Der Film überzeugt jedoch nicht nur mit seiner hervorragenden Kameraarbeit und teils sehr gutem Schauspiel, sondern auch durch das durchweg spannende Drehbuch, die selten, dafür aber intensiv und einprägsam eingesetzte Musik von Ennio Morricone – sein Mundharmonikathema in diesem Film bleibt genauso im Gehör wie das in „Spiel mir das Lied vom Tod“! – und seinen Aussagen, die er trifft. Hiermit geht Lado besonders kunstvoll um: Er enthält sich jeder wertenden Zuschreibung, sei es nun die Schuld der Täter oder die Rache des Vaters, stattdessen deutet er Zusammenhänge an. So gibt es geradezu eine Unterbrechung des Films mitten in der Vergewaltigung Lisas; ihre Eltern sitzen mit Gästen an einem Tisch und diskutieren anlässlich eines Berichtes über einen Jungen, der von einem Hund totgebissen wurde, über Gewalt in der Gesellschaft. Das Gespräch reißt dabei die Themen der Vorbeugung von Gewalt durch mehr elterliche und staatliche Kontrolle an, sowie die Frage, ob in jedem Menschen Gewalttätigkeit schlummert, eine Frage, der sich Lisas Vater schließlich noch nicht gestellt hat und sie beiläufig hinweglächelt.

     

    Die im Menschen schlummernde Gewalttätigkeit ist verquickt mit dem Thema der Maske, das sich den ganzen Film hinweg durchzieht. Am deutlichsten, und im Kommentar „Keiner kommt hier lebend raus“ von Lado auch angesprochen, mit dem schwarzen Hutschleier, den die namenlose Dame trägt, und den sie anfangs nach Beginn der Zugfahrt abnimmt, als sie bei der Lektüre eines Zeitungsartikels feststellt, dass der Mann ihr gegenüber der Prominente ist, über den in dem Artikel gerade berichtet wird – auch eine Demaskierung! Solange sie nun den Schleier lüftet, lässt sie die Gewalt der beiden Kleinkriminellen zu, die sie immer weiter dazu ermuntert, bis sie, als die beiden am Ende des Films getötet werden, in einer letzten Geste, die der Film zeigt, den Schleier wieder vor ihr Gesicht zieht. Ähnlich Symbolträchtig verfährt übrigens Nathaniel Hawthorne in seiner Erzählung „Des Pfarrers schwarzer Schleier“, wo besagter Schleier mit der Sünde selbst eine symbolische Einheit bildet. Weitergeführt wird das Thema auch mit einigen Altnazis, die, kaum dass sie mit dem Zug deutsches Gebiet verlassen haben, die Zeit nutzen, das Horst-Wessel-Lied „Die Fahne hoch!“ zu singen. Verlogenheit zeigt der Film, wenn der Voyeur die Vergewaltigungen lustvoll beobachtet, gezwungen, selbst mitzuwirken, diese Lust verliert, flieht, und schließlich anonym das Verbrechen bei der Polizei meldet. Die letzte Demaskierung verläuft schließlich auch für den Zuschauer zutiefst beunruhigend, wenn der Arzt und Vater des Opfers Lisa seinem Rachetrieb nachgibt und mit seinem Gewehr Jagd auf einen der Täter macht. Nach dem Tötungsakt und in der gleichen Szene, in der Macha Méril sich verschleiert, sehen wir nun in ihm einen zutiefst gebrochenen Mann, dem sein Racheakt keine Genugtuung oder gar Erlösung geben kann ob der Gewissheit des Todes seines Kindes.

     

    Auch die Mechanismen der menschlichen Gesellschaft werden schonungslos, aber doch subtil, offengelegt und in Frage gestellt. So werden sowohl die Dame mit dem Hutschleier, die die Spirale der Gewalt letztlich in Gang gesetzt hat, als auch der Voyeur, der viel früher gegen das Verbrechen hätte agieren und damit den Tod der beiden Mädchen verhindern können, ungestraft davonkommen, während die beiden Kleinkriminellen, von der reichen Oberschicht (vertreten durch die Dame) zu ihren Taten ermuntert, diese mit ihrem Tod auch bezahlen müssen. Verallgemeinert man diese Betrachtung auf den Film zu einer gesellschaftspolitischen Sichtweise, lässt sich so auch der Mechanismus des Krieges in einem zivilisierten, demokratischen Land erklären: Benötigt der Staat (die Frau mit dem Schleier), der Mord und Gewalt sonst ächtet, berechtigt oder unberechtigt Soldaten (die beiden Kriminellen), so billigt er ihnen das Töten zu, ist der Krieg beendet, kümmert er sich nicht weiter um sie (bekommen am Boden liegend Fußtritte); Kriegsverbrechen werden abgestritten (Hutschleier).

     

    „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ wird oft vorgeworfen, nur ein Plagiat von Wes Cravens „Das letzte Haus links“ (1972) zu sein. Tatsächlich orientieren sich beide Filme an Ingmar Bergmans „Die Jungfrauenquelle“ (1960), wo die Handlung um Vergewaltigung und Rache dazu benutzt wird, um zu zeigen, dass religiöse Unerschütterlichkeit und Gottesgewissheit – hierauf verweist auch das stoische Spiel Max von Sydows - auch bei Fehltritten (Gewalt, Rache) die Verzeihung und Versöhnlichkeit Gottes sichern kann, ein Gedanke, der bei „Das letzte Haus links“ gar nicht auftaucht. Hier scheint es mehr so, dass die sich rächenden Eltern das Recht auf ihrer Seite wissen und sich in bester Cowboymanier an den Übeltätern rächen dürfen, um Gerechtigkeit und Ordnung wieder herzustellen. „Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien“ hingegen verweigert sich der Wiederherstellung einer religiösen, gesellschaftlichen und sogar individualpsychologischen Ordnung ganz und hinterlässt mit den ohne für ihre Taten zu Re(ä)chenschaft gezogenen bürgerlichen Tätern (Dame und Voyeur) den Zuschauer mit einem Gefühl des Unbehagens und der Bedrohung, da dieser durch die subtilen Andeutungen, die der Film einstreut, diese Mechanismen abstrahiert und auf die Gesellschaft allgemein anwendet – somit ein Film, der den Zuschauer zum Nachdenken über sein eigenes Weltbild anregt.

     

    Fazit: Packendes und beunruhigendes Meisterwerk, das im Zuschauer lange nachwirkt.

  • Autor: Pacific Nil
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