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Madness

Italien, 1994

  • Originaltitel: Occhi senza volto
  • Alternativtitel:

    Eyes Without a Face

  • Regisseur: Bruno Mattei
  • Kamera: Luigi Ciccarese
  • Drehbuch: Lorenzo De Luca
  • Inhalt:

    Comicautorin Giovanna Dei steht im Rampenlicht wegen ihrer blutrünstigen Horrorserie um den infamen „Doctor Dark“ – Professor bei Tag, Serienmörder bei Nacht. Dieses Rampenlicht färbt sich blutrot, als einer ihrer Leser anfängt, die kruden Schnetzeleien des düsteren Comichelden in die Tat umzusetzen. Augenlose Leichen werden gefunden. Commissario Callistrati untersucht den Fall. Für ihn ist der Mörder im Umfeld der Autorin zu vermuten. Tatsächlich gelingt es ihm, einen Verdächtigen festzusetzen, einen Napfkuchen, der bereitwilligst alle Morde gesteht. Doch – ist es wirklich so einfach? Hätten wir dann einen abendfüllenden Film?

  • Autor: Christian Keßler
  • Review:

    MADNESS kam bald nach seiner Entstehung in Italien auf Video heraus und verschwand dann weitgehend in der Versenkung. Dies ist ausgesprochen schade, da es sich bei diesem TENEBRAE-Ripoff um einen der besseren Filme von Bruno Mattei handelt. Verantwortlich hierfür ist vermutlich der Umstand, daß Drehbuchautor Lorenzo de Luca ein Fanboy war, der bereits verschiedene Bücher über das Kino verfaßt hatte. Sein erstes Drehbuch war jenes zur Giallo-Episode von Enzo G. Castellaris TV-Serie EXTRALARGE, „Miami Killer“. In MADNESS bedient er sich ausgiebst beim Giallokino klassischer Prägung. Die Prämisse – inklusive einer Pressekonferenz, bei der Giovanna von einigen Eiferern vorgeworfen wird, ihre Comics förderten die Gewalt unter Jugendlichen – ist direkt bei Maestro Argento geklaut. Statt Anthony Franciosa als Horrorromancier ist es hier die hübsche Monica Seller, die ins Zentrum einer Mordserie gerät. Anders als bei Argento, der seinen Film als Kunstgiallo aufzog, voller selbstreferentieller Verweise auf das Medium Film und das Genre, in dem er sich bewegte, vollführt Mattei natürlich nur Dienst nach Vorschrift. Die blutrünstigste Szene wird gleich an den Anfang geklatscht, die Vorgehensweise des Mörders anschaulich gemacht. Danach vermacht der Mörder seiner Lieblingsautorin einige Augäpfel, die ihr recht schnell klarmachen, daß der Bösewicht nicht nur ein Auge auf sie geworfen hat. Bruno Mattei überschlägt sich fast im Präsentieren von möglichen Tätern. Der Rekord liegt bei insgesamt drei verdächtigen Elementen in einem einzigen Bild: Der Schauspieler hat ein Pflaster auf der Brust (=der Mörder wurde kurz vorher angekratzt), er streichelt liebevoll ein Messer, und dann greift er sich ein „Doctor Dark“-Comic. Diese holzhammergemäße Vorgehensweise bedeutet dem verständigen Zuschauer, daß es dieser Charakter mit Sicherheit NICHT sein kann, denn ein Regisseur wünscht sich natürlich einen „Huch?“-Effekt bei der Auflösung. Etwas erschwert wird das Rätselraten allerdings durch den Umstand, daß Bruno Mattei eine ganze Menge war, aber eines sicherlich nicht – er war kein Schauspielerregisseur! Durch das Werk des Mannes aus Rom zieht sich eine Spur grimmigsten Überchargierens. Ob es nun das Augengerolle von Franco Garofalo in DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN ist, die wilden Nonnen aus THE OTHER HELL oder der enthusiastische Chefnazi in SS GIRLS – den Fans sind diese Kapriolen aus Bruno Matteis Arbeiten wohlbekannt. Stören sie etwa? Nö, keine Spur. Die Filme sind meistens eh schon dermaßen „over the top“, daß die Maßlosigkeit der schauspielerischen Leistungen eigentlich das Sahnehäubchen auf einer besonders kalorienhaltigen Marzipantorte darstellen.

     

    Nachdem sich Bruno einigermaßen ehrbar aus den 80ern verabschiedet hatte, verbrachte er das darauffolgende Jahrzehnt weitgehend damit, öde Hochglanz-Sexfilme zu drehen, und irgendwann warf er dann auch die 35mm-Kamera in die Ecke und stellte seinen Betrieb auf Video um. Neben dem lausigen Haifilm CRUEL JAWS (1995) und dem einigermaßen vergnüglichen Thriller OMICIDIO AL TELEFONO (1993) war MADNESS der einzige richtige Spannungsfilm, der in dieser Phase entstand, und er ist mit Leichtigkeit der beste Film des Trios. Klar, alles ist käsig, die Storyentwicklungen überdeutlich und teilweise grotesk konstruiert, aber schließlich sind wir hier ja nicht bei Hitchcock sondern bei ONKEL BRUNO! Ich würde dem Film wünschen, daß ihm doch noch ein Comeback beschieden wäre, aber man hofft und hofft, und irgendwann kommt der Onkel mit dem Handfeger, und der heißt mit Sicherheit nicht Bruno. Zum italienischen Titel möchte ich anmerken, daß die Bezugnahme auf Georges Franju (=AUGEN OHNE GESICHT) mindestens ebenso amüsant ist wie die Bezugnahme auf Argento. Und, wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann einmal eine neue Schule der Schauspielerei, die nach Bruno Mattei benannt wird. Da wird dann solange mit den Augen gerollt, bis sie von selbst aus den Höhlen kullern – ganz ohne Killer!

  • Autor: Christian Keßler
  • Links

    OFDb

    IMDb

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