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Lust

Italien, 1979

  • Originaltitel: Torino centrale del vizio
  • Alternativtitel:

    Ora per ora... attimo per attimo

    Turin, Headquarter of Vice

  • Regisseur: Bruno Vani, Renato Polselli
  • Kamera: Giovanni Varriano
  • Musik: Stelvio Cipriani
  • Drehbuch: Sandro Moretti, Renato Polselli, Bruno Vani
  • Inhalt:

    Mirko liebt Helen und Helen liebt Mirko. Er ist Enthüllungsjournalist, sie eine eher etwas gescheiterte Existenz. Da Helen ein gefährliches Leben führt, gibt sie sich alle Mühe Mirko davon zu überzeugen, dass sie nicht die richtige für ihn sei. Sie war eine Lesbierin, sie war eine Hure, und sie ist in Drogengeschäfte involviert. Mirko ist das alles egal, er will nur eines: Seine Helen, die für ihn fast wie eine Heilige ist. Eine Magdalena, eine heilige Hure. Sie heiraten und sind glücklich, bis Helen eines Tages spurlos verschwindet. Wie von Sinnen sucht Mirko überall die Angebetete, in Turin und in Rom, und allmählich gerät er in die Kreise der Drogenmafia für die Helen nach wie vor arbeitet. Und die mögen es gar nicht, wenn ein Journalist sich allzu genau für sie interessiert.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Manchmal ist Filmeschauen schon ein hartes Brot. Da freut man sich auf einen seltenen Film, und auch wenn von vornherein klar ist dass Bild und Ton grottig sein werden, baut sich im Vorfeld Spannung auf, weil man ja endlich dieses gesuchte Werk sehen kann. Doch dann kann man der Handlung nicht folgen weil Teile der Untertitel fehlen, und man kann sich an den schönen Bildern nicht ergötzen weil die Qualität noch schlechter ist als erwartet. Insofern versuche ich jetzt einfach mal den Film zu besprechen, es kann aber gut sein dass ich wesentliche Dinge nicht verstanden oder wahrgenommen habe mangels adäquater Italienischkenntnisse oder guter Augen … Scusi tutti!

     

    Was mir bei den wenigen späteren Polsellis die ich kenne auffällt ist diese Melancholie die durch die Bilder zieht, und diese bestimmte Machart, die Mischung aus gesprochenen Gedanken und Bildcollagen. Ein wenig wie in einem Film von Godard, und tatsächlich taucht im Internet in diesem Zusammenhang gelegentlich der Begriff Nouvelle Vague auf. Zügig hintereinander geschnittene Szenen, die fast wie durch den Cut Up-Generator von William S. Burroughs erzeugt wirken, und dazu Texte und Dialoge aus dem Off, die meistens über die Liebe und ihre Auswirkungen philosophieren, oder alternativ Handlungsfragmente aus der Vergangenheit repetieren. So startet TORINO beispielsweise gleich mit einer 10-minütigen Sequenz aus Bild- und Wortfragmenten, in denen Mirko seine Sicht auf Helen im Besonderen und die Liebe im Allgemeinen darstellt, während der Zuschauer dabei hübsche Bilder von Turin und Umgebung sieht, mehr oder weniger unzusammenhängend mit privaten Erinnerungen Mirkos vermischt. Der Zuschauer wird in einen Mahlstrom von Bildern und Gedanken geschleudert, aus dem sich dann nach einiger Zeit langsam so etwas wie eine Handlung erhebt.

     

    Nouvelle Vague eben, gemischt mit den Zutaten Drama, Drogenkrimi, Liebesfilm und Wortwitz-Komödie mit philosophischem Unterbau. So etwas kann ja fast nur von Renato Polselli kommen, allerdings nicht mehr als drogengeschwängerte High-Speed-Halluzination der frühen 70er wie DAS GRAUEN KOMMT NACHTS oder LUSTHAUS DER TEUFLISCHEN BEGIERDEN, sondern ruhiger, abgeklärter, gedankenvoller. Ich glaube dass die Texte sehr wichtig sind und viel Irrwitz und Abgedrehtheit transportieren, was dann in Zusammenhang mit den Bildern wiederum sehr spannend sein dürfte. Allerdings schlägt da die Qualität der vorhandenen englischen Untertitel zu, und als deutscher Zuschauer bekommt man nur eine Ahnung was hier wirklich abgeht.

     

    Das Problem das dabei entsteht ist, dass Polselli die Spannungskurve nicht so ganz hinbekommt. Zu wenig Krimihandlung um spannend zu sein einerseits, und zu verwirrende Dialoge um das Drama wirklich zu verstehen andererseits, machen den Film nicht gerade einfach. Zum Ende hin, wenn Helen mit allen Konsequenzen versucht aus dem Geschäft auszusteigen und der Krimianteil steigt, dann wird es tatsächlich etwas aufregender, aber damit verdient der Film sich sein Internet-Attribut „Poliziottescho“ noch lange nicht. Eher habe ich den Eindruck dass Polselli (auf Drängen des Produzenten möglicherweise?) versucht hat das Publikum zu erreichen, denn Ende der 70er war die Zeit für Filme wie etwa REINCARNATION OF ISABEL vorbei. Polizeifilme waren in, mit schnellen und harten Actionszenen. Die Handlung um die kaum zu fassende und knallharte Drogenorganisation ist aber zu nebulös um wirklich zu fesseln, eher wirkt sie wie eine dunkle Bedrohung, welche das junge Glück auf eine Belastungsprobe stellt. Klingt das kitschig? Nein nein, da gibt es durchaus einen Zusammenhang mit den ausgiebig gezeigten Urlaubsbildern vom Lago Avigliana und den Sehenswürdigkeiten Turins …

     

    Ob Turin nun der Mittelpunkt des Lasters ist, wie der Originaltitel es verspricht, kann ich nicht sagen. Aber was ich weiß ist, dass Stadt und Umgebung traumhaft schön sind, und die Bilder im Film fast wie für den Fremdenverkehrsverband gemacht wirken. Auch die Eindrücke von Rom sind hübsch, und wenn Mirko in den Tiber starrt und meint seine Helen zu sehen, die sich dann doch wieder als Trugbild herausstellt, dann ist das wirklich ansprechend gemacht. Kitschig-romantisch mit einem Hang zum, und da haben wir es wieder, Gedankenvollen. Renato das alte Schlitzohr lässt sich sein Philosophiestudium halt schon ganz gerne mal raushängen. Allerdings greift dann hier wiederum das erwähnte Problem, dass der Film in einer Qualität vorliegt die selbst mir altem VHS-Haudegen Augenschmerzen bereitet. Gegenlichtaufnahmen versinken in einem schmerzhaften Meer aus Helligkeit, Gesichter sind nur in Grossaufnahmen wirklich gut zu erkennen, und die aufregende Musik von Stelvio Cipriani verursacht auf Dauer tatsächlich Kopfschmerzen. Ist der Score geklaut, weiß das vielleicht jemand? So aus dem Bauch heraus lehne ich mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass es sich hier um eine von Ciprianis besten Filmmusiken handelt. Oft im coolen Bossa Nova-Rhythmus, dann wieder im druckvollen Big Band-Sound, fährt die Musik Dreiviertel des Wohlwollens gegenüber TORINO ein.

     

    Und über der tollen Mucke schwebt wie erwähnt immer diese Melancholie, welche die traurige und verzweifelte Liebe zwischen Mirko und Helen überschattet, und ihr gemeinsames Glück an die schönsten Plätze Turins begleitet. TORINO ist niemals nur actionlastig oder nur kitschig, er schwebt leicht und mysteriös dahin, wie ein zarter Nebelschleier auf einem Gewässer. Man kann das andere Ufer nur erahnen, und obwohl man weiß dass es da ist niemals wirklich fassen. Genauso funktioniert TORINO: Wie eine etwas traurige Erzählung aus einem fremden Land.

     

    Prinzipiell ist der Film somit eigentlich nicht schlecht, wenn man ihn denn genießen könnte. Meines Wissens kursieren zwei Versionen: Die um 10 Minuten gekürzte mit englischen Untertiteln, und die Uncut-Version ohne Untertitel. Ich habe nun das Glück gehabt die lange Version mit Untertiteln sehen zu dürfen, bin dann allerdings bei besagten 10 Minuten abgehängt worden. Gerade die Szenen mit dem weiblichen Lockvogel dürften in der untertitelten Version fast komplett fehlen, genau hier habe ich nämlich kaum Untertitel zur Verfügung gehabt. Dazu kommt, dass La Stampa 1979 in ihrer Kritik etwas von gewagter Pornographie schrieb. Leute, der Film ist alles Mögliche, aber niemals pornographisch! Zumindest nicht in der heute verfügbaren Fassung. Es gibt kaum nackte Haut zu sehen, und selbst die Liebesszenen wirken geradezu verschämt. Seltsam wenn man bedenkt, dass Rita Calderoni in dieser Zeit offensichtlich bereit gewesen wäre Hardcore zu drehen wenn das Geld gestimmt hätte. Offensichtlich schwebte Polselli jedoch etwas anderes vor, etwas Ruhigeres und Verträumteres. Aber wer weiß, vielleicht taucht irgendwann auch mal die Version auf die der Kritiker von La Stampa damals gesehen hat, und die mit HC-Inserts geschmückt ist. Wäre ja nicht das erste Mal. Bis dahin bleibt es bei einem rätselhaften und interessanten Film eines rätselhaften und interessanten Regisseurs …

  • Autor: Maulwurf
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