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Lulu

Frankreich | Deutschland | Italien, 1980

  • Originaltitel: Lulu
  • Alternativtitel:

    Los amantes de Lulú (ESP)

  • Deutsche Erstaufführung: 08. November 1980
  • Regisseur: Walerian Borowczyk
  • Kamera: Michael Steinke
  • Musik: Giancarlo Chiaramello
  • Drehbuch: Walerian Borowczyk, Anton Giulio Majano, Géza von Radványi
  • Inhalt:

    Die Wedekind’sche Lulu ist eine Tänzerin, die reihenweise Herzen bricht. Männer wie Frauen liegen ihr zu Füßen. So auch Dr. Schön, ein einflussreicher, wohlhabender Mann, der die Schöne von der Straße holt und sie in höhere Gesellschaftskreise bringt. Lulu verführt einen Kunstmaler und treibt ihn in den Selbstmord. Ein von Lulu initiierter Skandal verhindert Dr. Schöns Hochzeit mit einer anderen Frau. Eher aus Resignation geht er schließlich den Bund der Ehe mit Lulu ein, während diese bereits eine Affäre mit seinem Sohn eingeht. Dr. Schön kommt ums Leben, als sich in einem Handgemenge mit seiner frisch Angetrauten ein Schuss löst. Das Gericht spricht die Tänzerin des Totschlags schuldig, doch Lulu gelingt die Flucht nach England, wo sie sich als Hure in London über Wasser hält. Dann kommt der schicksalhafte Weihnachtsabend, an dem sie Jack the Ripper begegnet...

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Am 17. Oktober 1928, also vor bald 90 Jahren, fiel in dem Berliner Nero-Film Studio die erste Klappe für Georg Wilhelm Pabsts legendäre Wedekind-Verfilmung Die Büchse der Pandora (frei nach den Dramen »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora«), die sowohl für die aus Hollywood angekarrte Louise Brooks als auch für ihren Regisseur der wichtigste Film werden sollte — und ein Welterfolg. Die Dreharbeiten dauerten bis zum 23. November desselben Jahres. Brooks verkörperte in diesem Streifen einen völlig neuen Frauentyp: die dangerous creation einer göttlichen Unschuld, leidenschaftlich, berechnend und vor allem: selbstbestimmt. Eine Frau mit eigenständiger, emanzipierter Sexualität. Das war anno 1928 (zumindest im Film) ein Novum. Die Büchse der Pandora gilt als einer der wichtigsten deutschen Filme aller Zeiten und ist bis heute unerreicht.

     

    Von der Pabst'schen Finesse war der polnische Regie-Berserker Walerian Borowczyk freilich meilenweit entfernt, aber das hinderte ihn nicht daran, sich Wedekinds Lulu noch einmal vorzunehmen. Das spannende Knistern fehlt, ebenso jedes Geheimnis und eben jene subtile Erotik, die das Original haben unsterblich werden lassen. So ist es auch kein Wunder, dass der 1980 entstandene Film in der Versenkung der Vergessenheit verschwand. Von Erotik keine Spur, man sieht nur viel nackte Haut. Skandalös ist vielleicht einzig der Aspekt, dass die Lulu-Darstellerin Anne Bennent a) bei Drehbeginn erst 16 war und b) die Tochter von Heinz Bennent war, der hier ihren Liebhaber und Ehemann spielt. Dass Anne Bennent grauenhaft spielt und darüber hinaus immer ein wenig glotzt, als habe sie im Mutterleib nicht genügend Sauerstoff bekommen, passt wiederum ins Gesamtbild. Der Zuschauer soll sich vermutlich gar nicht für Lulu und deren Schicksal interessieren oder gar erwärmen. Während man bei Louise Brooks, die sich nicht ausziehen musste, um geil zu machen, sofort begriff, dass (und warum) ihr die Männer und Frauen in Scharen zu Füßen liegen, fehlt einem angesichts des Mangels an Persönlichkeit von Bennents Lulu-Interpretation jedes Verständnis. So lässt einen auch ihr gewaltsamer Tod am Ende merkwürdig kalt. Klar, Udo Kier ist als Jack the Ripper fulminant besetzt und gibt als Psychopath eine glaubwürdige Vorstellung, doch auch ihm fehlt das Subtile, Abgründige, das zum Beispiel einen Peter Lorre in M (1930) ausgezeichnet hatte. Der Cast verkauft sich unter Wert und chargiert auf Laientheater-Niveau. Es gibt allerdings zwei Ausnahmen: Auftritt Michele Placido, damals 33 Jahre jung und im Zenit seiner Virilität, als liebeskranker Maler. Eine butterweich-sensible Seele in einem starken Macho-Körper. Interessante Wahl, und Placido ist überzeugend und engagiert in seiner Darbietung. Heinz Bennent als Dr. Schön ist gewohnt routiniert, hat aber unter Borowczyks ungelenker Führung keine Möglichkeit, tatsächlich zu glänzen. Borowczyk interessierte sich offenbar nicht für Schauspielführung. Aber wofür denn sonst? Denn, und das ist wirklich ärgerlich, seine Lulu-Adaption hat auch sonst nichts zu bieten: schlechte Fotografie, miese Ausstattung, unglaubwürdige Bauten wie aus Pappe, Kostüme wie aus einem ausgedienten Theaterfundus. Im Aufbau durchaus der Bühnentradition verpflichtet, wird uns Lulu praktisch in drei Akten präsentiert, so dass zumindest der Anschein eines dramaturgischen Aufbaus gewahrt bleibt. Aller Nacktheit und Tragödien zum Trotz langweilt das Konstrukt dennoch. Also stellt sich die Frage: Warum hat Borowczyk diesen Film gemacht? Also abgesehen von den offensichtlichen kommerziellen Gründen?

     

    Anne Bennent und ihre Kollegen sind mit Dialogen gestraft, die gestelzt und manieriert bis zur Schmerzgrenze sind. Ja, Bennent macht sich immer wieder nackig, ist aber, pardon!, nicht übermäßig attraktiv. Die Kopulations-Szenen bieten kaum mehr als etwas Fleischbeschau. Alles staubig, dröge, flach, statisch. Hier wird kein Nerv getroffen. Ingrid Caven singt schön, ansonsten haben wir einen dröhnenden Soundtrack, der sich anhört, als würde ein Spielmannszug von besoffenen Karnevals-Musikern aufmarschieren. Kein Glanzlicht, das Ganze. Zum Einpennen.

  • Autor: André Schneider
  • Veröffentlichungen:

    Die DVD von Donau Film ist ansprechend aufgemacht, das Bild ist ganz ordentlich, der Ton sogar gut. Extras gibt es keine. Neben der deutschen gibt es auch die französische Fassung zu hören. Nur absoluten Fans von Softcore und Langeweile zu empfehlen.

  • Autor: André Schneider
  • Filmplakate

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