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Liebe 1962

Frankreich | Italien, 1962

  • Originaltitel: L'eclisse
  • Alternativtitel:

    Sonnenfinsternis (DDR)

    El eclipse (ESP)

    Eclipse

  • Deutsche Erstaufführung: 19. Oktober 1962
  • Regisseur: Michelangelo Antonioni
  • Kamera: Gianni Di Venanzo
  • Musik: Giovanni Fusco
  • Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra
  • Inhalt:

    Vittoria (Monica Vitti) trennt sich von ihrem Verlobten, Riccardo (Francisco Rabal). Vorerst genießt die junge Frau das Alleinsein - fällt allerdings (nach wenigen Tagen) in eine innere Leere. Als Vittoria den Börsenmakler Piero kennen lernt, baut sich - in ihr - die Hoffnung nach Zuneigung auf. Folglich versucht sie mit Piero eine (neue) Beziehung einzugehen. Diese ist allerdings von unterkühlter Natur und (eigentlich) zum Scheitern verurteilt. Werden die beiden - sehr ähnlichen und innerlich verlorenen Personen - trotzdem zueinander finden?

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    „Liebe 1962“ ist der Abschluss von Michelangelo Antonionis Trilogie der – ich sage mal – aussichtslosen Zwischenmenschlichkeit. Ins Deutsche übersetzt, lauten die Originaltitel der drei Filme: „Das Abenteuer“, „Die Nacht“ und die „Die Sonnenfinsternis“. Firmierungen die - eine klare Linie erkennen lassen und dem Sinngehalt der Filme - gerecht werden. Aus dem Terminus L’eclisse (Die Finsternis) kreierte der Verleih - in der Bundesrepublik Deutschland - den Titel „Liebe 1962“. In der DDR lief der Film unter dem Titel „Sonnenfinsternis“, in den dortigen Lichtspielhäusern, an.

     

    „Liebe 1962“ startet (auditiv) mit dem Song „L'eclisse Twist“ von Mina Anna Mazzini (aka Mina). Eine Komposition die sich als lebensbejahend demonstriert und in ihrer Art einer Schlagermentalität, der frühen 60er Jahre, zuzuordnen ist. Diese positiv stimulierenden Klänge münden in ein düsteres Klangschema, komponiert von Giovanni Fusco. Integriert in illusionslose schwarz/weiß Bilder. Es ist ein Genuss diesem visuellen Treiben beizuwohnen. Denn die Sprache der Bilder ist einzigartig und phänomenal.

     

    Die depressive Stimmung welche Vittoria und Riccardo (kurz vor deren Trennung) umgibt wird - von Gianni di Venanzos Kamera - bestmöglich eingefangen. Der Dialog avanciert zum tertiären Faktor und reiht sich hinter der Mimik der beiden Protagonisten ein. Der Raum, in dem sich die beiden Personen aufhalten, ist von Kälte und Leere gezeichnet. Der folgende Kameraschwenk - auf die Außenwelt - demonstriert Einsamkeit und Trostlosigkeit. Die Straßen zeigen sich als eine stille – scheinbar von allen Menschen verlassene – Umgebung. Ein visueller Rahmen der, für die anstehende Trennung zweier Menschen, nicht besser ausgewählt werden kann. Das subjektive Empfinden der beiden Protagonisten, wird demnach perfekt in Szene setzt.

     

    Somit ist der anstehende – visuelle - Wechsel in die Welt der italienischen Börsenspekulanten, ein nahezu brutaler Cut. Menschengetümmel, Chaos, Geschrei… selbst in einer Gedenkminute klingeln die Telefone unerbittlich weiter. Respektlosigkeit, Gier nach Erfolg, das Vorrankommen um jeden Preis. Der krasse Gegensatz zur vorher gezeigten Situation. Inmitten des Börsenchaos „lebt“ der Broker Piero (Alain Delon). Für ihn ist die Börse - Job und Spiel zugleich. Ein gemütsarmer Mensch, den auch der Zusammenbruch von Existenzen (in seinem Börsenumfeld) kalt lässt. Desinteresse und Abgestumpftheit. Eigenschaften wie man sie auch bei Vittoria findet. Der Zufall will es, dass sich (ausgerechnet) diese beiden Personen über den Weg laufen. Ein Zueinanderfinden wäre möglich. Doch ob die beiderseitige Gefühlskälte dieses zulassen wird?

     

    „Es gibt Tage da ist es mir gleich ob ich die Zeit mit einem Stück Stoff,
    einem Buch oder einem Mann vertreibe.“
    (Vittoria)

     

    Worte die Gleichgültigkeit, Verschlossensein und die Unfähigkeit Gefühle einzugestehen - oder diese herbeizuführen - demonstrieren. Das Leben in einem Trott, der einem monotonen Nichts gleichzusetzen ist. Michelangelo Antonioni lässt Gianni di Venanzos Bilder - aus Vittorias Sicht - sprechen. Eine Perspektive die für manchen Rezipienten äußerst befremdlich erscheinen mag. Anderen kann die Sichtweise jedoch Situationen offenbaren die sie (in Ansätzen) selbst erlebt haben. Es ergeben sich mehrere Möglichkeiten zur Interpretation. Diese werden vom subjektiven Empfinden – sowie der individuellen Lebenserfahrung - gesteuert.

     

    „Liebe 1962“ nimmt sich den schwierigen Themen: Frigidität und innere Verlorenheit an. Das überzeugende Vermitteln derartiger Aspekte ist (selbsterklärend) von der Klasse seiner Protagonisten abhängig. Alain Delon kann - in der Rolle des Brokers Piero – die Erwartungen zur „vollsten“ Zufriedenheit erfüllen. Unter dem Strich muss sich der französische Ausnahmeschauspieler jedoch mit dem zweiten Platz, auf dem Siegertreppchen, zufrieden geben. Der erste Rang geht klar an Monica Vitti als Vittoria. Frau Vitti gelingt es die Liebesunfähigkeit, die Leere und die Depression (des Charakters Vittoria) jederzeit authentisch mitfühlen zu lassen. Ihre Leistung ist grandios.

     

    „Liebe 1962“ demonstriert sich als hochintelligentes Kino. Perfekt gespielt und gefilmt. Ein aussichtsloses und depressives Drama aus der Welt der Zwischenmenschlichkeit. Ein bis ins kleinste Detail perfekter - und vor allem: konsequenter - Film.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    „Liebe 1962“ wurde mehrfach, von Arthaus, in Deutschland auf DVD veröffentlicht. Neben der Einzelveröffentlichung, innerhalb der Arthaus Retrospektive-Reihe, ist „L'eclisse“ in der Alain Delon- sowie der Michelangelo Antonioni-Collection erhältlich. Am 21. Mai 2015 erschien - ebenfalls von Arthaus - eine deutsche Blu-ray.

  • Autor: Frank Faltin
  • Filmplakate

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