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Leichen muss man feiern, wie sie fallen

Italien, 1979

  • Originaltitel: Giallo napoletano
  • Alternativtitel:

    Neapolitan Mystery (English world-wide)

    Mélodie meurtrière (Frankreich)

    Neapolitan Thriller

    Atrocious Tales of Love and Revenge

  • Deutsche Erstaufführung: 31. Januar 1980
  • Regisseur: Sergio Corbucci
  • Kamera: Luigi Kuveiller
  • Musik: Riz Ortolani
  • Drehbuch: Giuseppe Catalano, Sabatino Ciuffini, Elvio Porta
  • Inhalt:

    Caféhaus-Mandolinist Raffaele Capece, der zusammen mit seinem älteren Zocker-Vater lebt, lässt sich auf einen kuriosen Deal ein, um einen Schuldschein zurück zu erhalten, den sein Vater mit Raffaeles gefälschter Unterschrift versehen hat: Raffaele soll um fünf Uhr morgens unter dem Fenster eines Hotels eine bestimmte Melodie auf seiner Mandoline spielen. Eine geheimnisvolle Blondine, die ihm vorausfährt, zeigt ihm den Weg. Dort angekommen eröffnet ein dunkelhäutiger Mann das Feuer auf die Beiden aus seiner Schrotflinte, bevor er dann aus dem Fenster stürzt, die Flinte landet auf Raffaeles Kopf, der sich fortan in gewaltigen Schwierigkeiten befindet. Zwar sieht Comissario Voghera ein, dass Raffaele die Tat unmöglich begangen haben will, aber ganz nach neapolitanischer Art erzählt Raffaele dem Polizisten nur, was er nicht abstreiten kann, alles andere behält er für sich. Hin und hergerissen versucht er fortan, etwas über die Hintergründe der Tat zu erfahren, in seinem eigenen Interesse und für mannigfaltige Auftraggeber: den Dirigenten Victor Navarro, dessen Sekretär es war, der aus dem Fenster flog, für die schöne Lucia Navarro, der Schwiegertochter des Dirigenten, der wiederum nichts von deren Existenz weiß, da er seinen Sohn Walter schon ewig nicht mehr gesehen hat, und für den Gangster Gregoria Sella, der wiederum im Auftrag eines Unbekannten mächtig Druck macht, der erpresst wird, warum auch immer. Und auch die Todesfälle häufen sich weiter.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Von der Handlung verwirrt? Macht nichts, selbst anschauen heißt die Devise, denn Sergie Corbuccis „Giallo Napoletano“ ist eine ziemlich durchgeknallte, turbulente Krimikomödie, die man gesehen haben sollte. Allein die Besetzung verspricht Einiges: als hinkenden neapolitanischen Mandolinisten Raffaele Capece sehen wir Marcello Mastroianni als Giallo-Antihelden, immer in Schwierigkeiten wegen seines spielsüchtigen Vaters. Matroianni ist nicht hier nicht nur Hauptfigur sondern nahezu immer irgendwie im Bild. Raffaeles Vater wird dargestellt von Altstar Peppino De Filippo, hier in seiner letzten Rolle. De Felippo sollte Italo-Fans mindestens aus der Fellini-Episode aus „Boccaccio 70“ bekannt sein, wo er als konservativer Kommunalpolitiker ein „Riesen“-Problem mit Anita Ekberg und deren Milchwerbung hat. Krankenschwester Lucia Navarro, die schöne Ornella Muti, arbeitet unter der Aufsicht von „Suor“ Angela, kaum erkennbar unter Nonnentracht und Brille dargestellt von Capucine. Und ebenfalls kaum erkennbar, in den wenigen abgedunkelten Szenen als Walter Navarro, ein sehr junger Tomas Arana, der es aber nicht in die Credits geschafft hat.

     

    Ernsthafte Schönheitskonkurrenz erhält Ornella Muti von der schönen, aber wesentlich temperamentvolleren dunkelhäutigen Zeudi Araya, damals verheiratet mit Produzent Franco Cristaldi, die wir aus “Il Corpo“ oder Sergio Corbuccis „Robinson jr.“ kennen, falls man sich Letzteren versehentlich angetan haben sollte. Zeudi Araya ist hier als Schwester des ersten Opfers und Partnerin von Victor Navarro (Michel Piccoli) zu sehen und Michel Piccoli hat hier ein paar sehr gute Szenen. Die Letzte verrate ich nicht, herrlich ist aber sein Streit mit Zeudi, er ohrfeigt sie, sie ohrfeigt zurück, er schlägt nochmal zu, sie rammt ihm das Knie in die Nüsse. Total witzig, und 1979 dürfte der Gag auch relativ neu gewesen sein. Und Zeudi‘s Dialog, wie sie Raffaele schwer atmend erklärt, wie sehr sie auf hinkende, pizzaessende, neapolitanische Mandolinenspieler steht, da gerade diese im Bett zu wilden Hengsten werden? Lol! Wie viele gibt es davon?

     

    Noch kurz erwähnt, der Kleingangster Cella (Franco Iavarone) und sein Schläger sorgen für manchen Lacher, etwa wenn sie Raffaelles Wohnung verwüsten und ihn zwingen, dazu auf der Mandoline zu spielen. Was hat das Ganze mit Giallo zu tun? Ein ungewollter Antiheld, ein (fast) unbekannter Killer, Murder by Music, Schwule und Transvestiten, unschuldige bis skrupellose Frauen, ein düsteres Ereignis aus der Vergangenheit als Mordmotiv, und in der zweiten Hälfte ein paar Argento-Zitate und Hommage-Szenen zu „Profondo Rosso.“ Und irgendwie erinnert der hinkende Raffaelle mit dem einbeinigen Hund an der Leine in einer Szene an Karl Malden aus „Die neunschwänzige Katze.“

     

    Kurz dazwischen: die italienische Originalfassung läuft 15+ Minuten länger als die Deutsche, die ich nie gesehen habe, so dass mir die Art der Schnitte nicht bekannt ist. In einer Review zur deutschen Fassung musste ich jedoch etwas von Hitchcock-Zitaten lesen, die mir in der italienischen Version so nicht aufgefallen sind. Vielleicht dachte man sich bei der deutschen Synchro, Argento kennt hier keiner, nehmen wir Hitchcock? Wer weiß.

     

    Zur Bewertung des Films, fand ich ihn während der ersten Hälfte manchmal etwas zu ziellos, auf die Gesamtlänge hin macht das aber Sinn, denn natürlich wollte Corbucci auch etwas von neapolitanischem Chaos und Lokalkolorit vermitteln. Und wie man schon an der Besetzung sieht, man hat es hier nicht mit einem klamaukigen Schnellschuss wie beispielsweise „Robinson jr.“ zu tun.

     

    Neun von Zehn auf der Richterskala, es sei denn, man hat ein Lineal im Allerwertesten, das einen am Lachen hindert.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

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    IMDb

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