Laster und Tugend

Frankreich | Italien, 1963

  • Originaltitel: Le vice et la vertu
  • Alternativtitel:

    Vício e Virtude (BRA)

    Il vizio e la virtu (ITA)

    Vicio y virtud (MEX)

    Vice and Virtue

  • Deutsche Erstaufführung: 26. Dezember 1963
  • Regisseur: Roger Vadim
  • Kamera: Marcel Grignon
  • Musik: Michel Magne
  • Drehbuch: Claude Choublier, Roger Vadim, Roger Vailland
  • Inhalt:

    Am Tag ihrer Hochzeit wird Justines Bräutigam Jean verhaftet. Hilfesuchend wendet sich Justine (Catherine Deneuve) an ihre Schwester Juliette (Annie Girardot). Die ist eine Kollaborateurin, die sich bis zur Position der Geliebten des Generals von Bamberg (O. E. Hasse) hochgeschlafen hat und ihrer Schwester ihre Hilfe verweigert.

     

    Am selben Abend trifft bei General von Bamberg und Juliette der gefürchtete SS-Offizier Erik Schöndorf (Robert Hossein) ein. Von Bamberg ist in Ungnade gefallen und wird im Laufe dieses Abends von Schöndorf vergiftet. Juliette, die Zeuge dieser Tat ist, schmiedet einen Pakt mit Schöndorf und wird nun dessen Geliebte. Doch auch Justine hat Schöndorf dort gesehen und wird später verhaftet, ohne dass ihre Schwester das ahnt.

     

    Während Juliette sich zu Schöndorf nach Berlin begeben hat, wurde Justine auf ein Schloss in Tirol gebracht, wo ausgesuchte junge Frauen den Perversionen einiger Größen des Nazireiches unterworfen sind. Als die Alliierten immer näher rücken, Paris längst gefallen ist, und die Russen kurz vor Berlin stehen, begibt sich auch Schöndorf zu diesem Schloss, begleitet von Juliette.

     

    Und immer wieder gibt es Andeutungen dazu, welch schreckliches Schicksal den Frauen droht, die bei den Schlossherren in Ungnade gefallen sind und aus der „Gemeinschaft“ ausgeschlossen wurden.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „Ein eher hohles und pseudomoralisches,
    auch in politischer Hinsicht wenig ergiebiges Experiment.“
    (Lexikon des Internationalen Films)

     

    Wie schafft man es, im Jahre 1963 den ersten abendfüllenden Spielfilm mit De Sade’schen Inhalten an der Zensur vorbei zu schmuggeln? Einfach, man erwähnt De Sade mit keinem Wort im Vorspann, auf Plakaten, etc., denn wer hatte damals schon tatsächlich De Sade gelesen?

     

    Dabei ist es offensichtlich, Justine und Juliette, Laster und Tugend, und was selbst viele Kritiker nur selten erwähnen, ein Schloss, in dem Libertins (in Naziuniformen) junge Frauen für sexuelle Spielchen festhalten, mit unverhohlenen Andeutungen über einen Folterkeller, in dem Dinge geschehen, die keine der Betroffenen überlebt? Hier findet man das fehlende Bindeglied zwischen Marquis de Sades Original und Pier Paolo Pasolinis filmischer Adaption von „Die 120 Tage von Sodom“. Doch nicht nur Pasolini schuldet Roger Vadims „Laster und Tugend“ Credit sondern auch der spätere Nazisploitation-Film.

     

    Zu den Mankos des Films: die Story, wenn auch nur in Sachen Realismus. Hier war Roger Vadim seinen Zuschauern gegenüber ehrlich, denn schon in der Titelsequenz erfahren wir, dass der Film sich zwar auf historischen Ereignissen beruht (ja, den zweiten Weltkrieg hat es wirklich gegeben), sämtliche Charaktere aber frei erfunden sind - frei nach De Sade hat er noch vergessen zu erwähnen. Leider finden sich aber auch hier nur Referenzen. Und wer nackte Leiber, schwingende Peitschen oder Ähnliches erwartet, Leute, wir sind in einem S/W-Drama von 1963. Auch die originale Charakterisierung von Justine und Juliette durch De Sade sollte man sich schnell aus dem Kopf schlagen, hier wurde einiges verändert und – am Ende des Films – gar rollenvertauscht. Aber nicht irritieren lassen, denn in Sachen Dramatik funktioniert die Story perfekt.

     

    Zu den Stärken, und die sind gewaltig. Der Cast: fangen wir klein an, mit Catherine Deneuve. Ja, richtig gelesen, die während der Dreharbeiten mit Regisseur Roger Vadim liierte aber noch relativ unbekannte Catherine Deneuve ist in „Laster und Tugend“ in ihrer Rolle als Justine mehr als nett anzusehen, aber so farblos wie ein Schluck Wasser. Und sie hätte wohl auch keine Chance gehabt gegen das Zusammenspiel von Annie Girardot und Robert Hossein, die in diesem Film einfach alles geben und sich die Seele aus dem Leib spielen. In einer der beeindruckendsten – und härtesten – Szenen des Films ist die Kamera am Ende komplett auf Girardots Gesicht fokussiert, auf ihre Reaktionen als sie durch eine verborgene Sichtscheibe die Folterung eines Mannes durch Erik Schöndorf und ein paar andere beobachtet. Als sie dann am Ende der Folterung dieses Mannes völlig aufgelöst ist und die ersten Tränen (der Erleichterung?) fließen, betritt Schöndorf wieder den Raum und sagt zu ihr, dass das Spektakel des Schmerzes unsere Emotionen eben viel mehr berührt als das Vergnügen.

     

    Desweiteren gibt O.E. Hasse als General von Bamberg eine sehenswerte Performance. Interessant sind ebenfalls ein paar kleinere Parts. Als einen der „Meister“ im Folter-Schloss sehen wir Howard Vernon. Die anderen Meister sind mir vom Namen her nicht geläufig, aber hier hat Roger Vadim schon ein ziemlich kurioses und grotesk anzusehendes Grüppchen gecastet. Auch das ist eine Stärke von „Laster und Tugend“, sein offensichtlich sehr sorgfältig gewähltes Casting bis in die kleinsten Rollen. Auch unter weiblichen Gefangenen im Schloss gibt es zwei Auffälligkeiten: eine kleine Rolle für Luciana Paluzzi, die es aufgrund ihres Bekanntheitsgrades aber immerhin in den Vorspann geschafft hat. Die Zweite ist die damals gerade mal 17-jährige Ann Libert. Acht Jahre mussten leider vergehen, bevor Ann Libert weitere Filmrollen bekam, unter anderem in Jesús Francos „Die Nacht der offenen Särge“ oder „Eine Jungfrau in den Krallen von Vampiren.“

     

    Das Beeindruckendste an „Laster und Tugend“ sind aber die sorgfältige Auswahl von Locations und die Studio-Settings, dazu eine sorgfältige und stimmige Kameraarbeit mit schönen (und düsteren) SW-Bildern, untermalt von einem dramatisch-schwülstigen Klassik-Score von Michel Magne. Das Alles, plus der packenden Geschichte und der mitreißenden Darsteller verfehlt nicht seine Wirkung.

     

    Aber lassen wir uns auch nicht täuschen – „Laster und Tugend“ ist im Grunde ein B-Film-Drama mit A-Film-Budget. Doch was will man mehr? Deshalb noch mal das Zitat des Lexikons des Internationalen Films: „Ein eher hohles und pseudomoralisches, auch in politischer Hinsicht wenig ergiebiges Experiment.“ Genau, und ich liebe es, jede Minute davon.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb

    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.