The Last Shot

Italien, 1985

  • Originaltitel: Sotto il vestito niente
  • Alternativtitel:

    Pele Nua (BRA)

    Bajo el vestido, nada (ESP)

    Où est passée Jessica (FRA)

    Nothing Underneath

  • Regisseur: Carlo Vanzina
  • Kamera: Giuseppe Maccari
  • Musik: Pino Donaggio
  • Drehbuch: Franco Ferrini, Carlo Vanzina, Enrico Vanzina
  • Inhalt:

    Beunruhigende Visionen, in denen ein behandschuhter Unbekannter seine in Europa modelnde Zwillingsschwester (Perring) mit einer Schere zu meucheln ersucht, bringen den Ranger Bob (Schanley) dazu, nach Mailand zu reisen, um nach ihr zu suchen. Nicht ohne Grund befürchtet er, dass er bereits zu spät kommt. In Italien angekommen, konsultiert Bob einen drolligen Polizisten im Rentenalter (Pleasence), doch dieser interessiert sich nicht für dessen telepathischen Verbindungen zu seiner Schwester. Derweil dezimiert ein Miesnik die Mailänder Modeszene. Die Tatwaffe: eine Schere.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Man mag es kaum glauben, aber dieser spannungsarme Spät-Giallo war in seinem Ursprungsland seinerzeit ein ziemlicher Erfolg beschieden. Er wurde sogar für drei Golden Ciak Awards (einem der zahllosen italienischen Filmpreise) nominiert: für die Bauten, die Kostüme und die in der Tat ohrenschmausige Musik von Pino Donaggio. Handwerklich durchaus solide in Szene gesetzt, evoziert die in englischer Sprache gedrehte Produktion Erinnerungen an Mario Bavas Blutige Seide (Sei donne per l’assassino, 1964), der in einem ganz ähnlichen Milieu spielte und eine ähnliche Auflösung bot. Auch sonst bedient sich Regisseur Vanzina bei berühmteren und besseren Filmemachern wie Brian De Palma – Donaggio lieferte im Vorjahr auch die Musik zu dessen schrägen US-Giallo Der Tod kommt zweimal (Body Double, 1984), die dieser hier nicht unähnlich war –, Dario Argento oder Sergio Martino. Eine Theater-Szene hätte direkt aus Deep Red (Profondo rosso, 1975) stammen können. Der (etwas blasse) Held heißt nicht umsonst Bob Crane, was eine eindeutige Referenz an Hitchcocks Psycho (1960) darstellt. Dominante Primärfarben, nagellackrotes Blut, hochstilisierte Kamerafahrten, eine ausufernde Zeitlupen-Sequenz – ja, Vanzina beherrscht die hohe Kunst des Zitats. Sotto il vestito niente beinhaltet die klassischen Giallo-Zutaten, von den barbusig kreischenden Opfern bis zu den schwarzen Handschuhen.

     

    Den Charme, den die italienischen Produktionen der 1960er und 1970er versprühten, sucht man bei Sotto il vestito niente vergeblich. Man war ästhetisch schon ganz in den abgefackten Achtzigern angekommen: Kleidung, Frisuren und Make-up brüllen geradezu „1985! 1985!!“, was leider dazu führt, dass der Film insgesamt nicht gut gealtert ist. Vielleicht gewinnt er in den folgenden Jahrzehnten einen nostalgischen Mehrwert hinzu. Zu wünschen wäre es ihm, denn trotz aller Mängel hat Sotto il vestito niente etwas. Da wäre zum Beispiel die hervorragende Lichtsetzung hervorzuheben, welche starke Akzente setzt und die Oberflächlichkeit der Modewelt in kalten, beinahe aseptischen Bildern einfriert. Es wird reichlich gekokst, die Models und Fotografen leben in einer Welt, die so glatt und poliert wirkt wie die Titelblätter der Modemagazine, um die sich ihr kümmerliches reiches Leben dreht. Selbst die phantasielos-unspektakulären Morde wirken sauber und steril – man ist sich als Zuschauer früh sicher, dass der/die Täter/in aus diesen Kreisen kommen muss.

     

    Der große Coup der Produktion war die Mitwirkung Donald Pleasences, der des Namens wegen eingekauft wurde und einmal mehr einen gelangweilt-soliden Altersauftritt absolviert. Schauspielerisch wird ihm wie so oft nichts abverlangt, aber das muss auch nicht sein, man freut sich trotzdem immer, ihn zu sehen. In der weiblichen Hauptrolle ist Renée Simonsen zu sehen, eines der berühmtesten Top-Models der achtziger Jahre. Die schöne Dänin hatte es zeitweise nach Italien verschlagen, wo sie unter Carlo Vanzinas Regie in zwei Filmen darstellerisch in Erscheinung trat. Der zweite Film war die Klamotte Via Montenapoleone (1987), die kolossal floppte. In Sotto il vestito niente balanciert ihr Spiel häufig an der Schwelle zum unfreiwillig Komischen; besonders am Ende, wenn es eigentlich spannend oder schockierend werden sollte, sorgt sie mit ihren Nina-Hagen-Grimassen für unangemessene Heiterkeit. (Die schlechten Schnitte helfen ihr dabei leider gar nicht, sondern lassen sie auflaufen.) Um 1990 herum zog sich Renée Simonsen aus dem Model-Business zurück und studierte Psychologie. Heute arbeitet die dreifache Mutter als Kinderbuchautorin.

     

    Auf dem Soundtrack finden sich unter anderem Hits wie I Am What I Am von Gloria Gaynor oder One Night in Bangkok von Murray Head, die damals schwer angesagt waren und bei den Catwalk-Szenen für eine adäquate Untermalung sorgen.

     

    Ursprünglich hatte übrigens kein anderer als der große Michelangelo Antonioni die Regie übernehmen sollen, doch der war von dem platten Drehbuch, dessen Logiklöcher so groß sind, dass man problemlos mit einem LKW hindurchfahren könnte, so abgeschreckt, dass er das Handtuch warf. Der Erfolg von Sotto il vestito niente führte zu zwei Sequels, die 1988 und 2011 in die italienischen Lichtspielhäuser kamen. Bei Too Beautiful to Die (Sotto il vestito niente II, 1988) übernahm Dario Piana die Regie, 2011 war Carlo Vanzina wieder an der Reihe.

  • Autor: André Schneider
  • Veröffentlichungen:

    X-Cess Entertainment hat eine liebevoll gestaltete Blu-ray/DVD-Kombi herausgebracht, die Sotto il vestito niente in allerbestem Lichte erscheinen lässt. Ja, ausnahmsweise ist hier die Veröffentlichung besser als der Film. Zum ersten Mal gibt es den Thriller ungeschnitten, und als Extras gibt es u. a. eine kurze Einführung von Prof. Dr. Marcus Stiglegger sowie ein 16-seitiges Booklet von Torsten Hanisch. Ein schickes Sammlerstück in guter Bild- und Tonqualität. Neben der deutschen ist auch die italienische Synchronfassung zu sehen. Der englische Originalton fehlt leider.

  • Autor: André Schneider
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