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Knallt das Monstrum auf die Titelseite!

Frankreich | Italien, 1972

  • Originaltitel: Sbatti il mostro in prima pagina
  • Alternativtitel:

    Noticias de una violación en primera página (ESP)

    Viol en première page (FRA)

    O Monstro na Primeira Página (POR)

    Slap the Monster on Page One (Int.)

    Tödliche Schlagzeilen

    Knallt das Monster auf die Titelseite

  • Regisseur: Marco Bellocchio
  • Kamera: Luigi Kuveiller, Erico Menczer
  • Musik: Ennio Morricone, Nicola Piovani
  • Drehbuch: Sergio Donati, Goffredo Fofi
  • Inhalt:

    "Nun, ich wollte Sie um Ihre Entscheidung bitten, wie wir in diesem Fall weiter verfahren sollen: Sollen wir nur objektiv informieren bis die Polizei den Schuldigen findet, oder sollen wir die Sache selbst in die Hand nehmen und uns aktiv daran beteiligen?.... Mann kann einen Fall zum Glück auch aufbauen, wenn der Mörder,... das Monstrum nicht gerade perfekt sein sollte, aber vielleicht ist er es. Wer weiß das schon?"

     

    Während auf der politischen Bühne Mailands der unermüdliche Wahlkampf zwischen der Rechten und der Linken in vollem Gange ist, tobt auf den Strassen ein unerbittlicher Krieg zwischen den Anhängern der beiden politischen Lagern, wobei die Medien tatkräftig mitmischen und die bereits hochexplosive Stimmung in der Bevölkerung weiterhin anheizen. An vorderster Front treibt hierbei die Redaktion des “abhängigen” Tageblatts “Il Giornale” ihr Unwesen, da diese ausschließlich den Wahlkampf der rechten Partei unterstützt und entsprechend versucht, über ihre hetzerischen Zeitungsartikel Einflussnahme auf die Meinung des einfachen Volkes zu nehmen. Verantwortlich für diesen massenmedialen Propagandafeldzug zeigt sich der leitende Chefredakteuer Bizanti (Gian Maria Volonté), der gemeinsam mit dem dubiosen Verlagsinhaber Montelli (John Steiner) den Wahlkampf zu Gunsten der Rechten zu beeinflussen versucht und dabei mit absolut kaltem Kalkül vorgeht.

     

    Als dann auch noch urplötzlich ein tödliches Gewaltverbrechen an der Professorentochter Maria Grazia Martini (Silvia Kramar) auf die Tagesordnung tritt, nutzt Bizanti die Gunst der Stunde und konstruiert einen vermeintlichen Täter aus dem linken Umfeld, indem er über diesen falsche Tatsachen in seiner reißerischen Berichterstattung verbreiten und anschließend der Polizei die benötigten (Fehl-)Informationen zur Ergreifung des Beschuldigten zukommen lässt. Doch bereits nach geraumer Zeit kommt ein gewissenhafter Journalist des “Il Giornale” (Fabio Garriba) dem skandalösen Lügenkonstrukt auf die Schliche, woraufhin dieser die verwerflichen Machenschaften seiner mächtigen Vorgesetzten nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann und daher zu rebellieren beginnt. Wird es dem übermächtigen Verlagshaus gelingen, den unliebsamen Störenfried aus den eigenen Reihen rechtzeitig mundtot zu machen?

     

    "Es ist ein Krieg... und der Klassenkampf wird auch von uns geführt"

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Marco Bellocchio (“MIT DER FAUST IN DER TASCHE”, “TRIUMPHMARSCH”, “DER PRINZ VON HOMBURG”) inszenierte 1972 diesen außerordentlichen Polit- und Medienthriller mit einem glänzenden Gian Maria Volonté an vorderster Front. Thematisch befasst sich dieser französisch-italienisch co-produzierte Streifen mit der unermesslichen Macht politisch abhängiger Medien und deren verwerflichen Vorgehensweisen zur erfolgreichen Einflussnahme auf die öffentliche Meinung, wobei sogar Verluste unschuldiger Menschenleben billigend in Kauf genommen werden. Das Ganze erinnert dann auch direkt an die einschlägigen Vorgehensweisen des meinungsbildenden (Axel) Springer-Konzerns, der auch weiterhin Tag für Tag in Deutschlands auflagenstärkstem Schmierenblatt ungehindert eine mediale Hetze gegen politisch- und gesellschaftlich unliebsame Subjekte führt und überdies hinaus eine schwerwiegende Mitverantwortung für den in unseren Breitengraden mittlerweile zu unrecht auf die gesamte Medienlandschaft ausgeweiteten Begriff der “Lügenpresse” trägt. Aber leider wird es den populistischen Medien wohl auch weiterhin problemlos gelingen, aktuelle Geschnisse ins “rechte Bild” zu rücken und somit die Meinungen der breiten Masse zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

     

    Darüberhinaus wurde der politisch prekären Rahmenhandlung eine hochspannende Kriminalgeschichte eingewoben, die von da an wie ein roter Faden durch den weiteren Filmverlauf führt und letztendlich die staatlichen Justiz- und Ermittlungsbehörden auf den Plan ruft, die wiederum im Rahmen sehr fraglicher Verhörmethoden offenbaren, welch Geistes Kinde in Wirklichkeit im staatlichen 'Rechts'system vorherrscht. Außerdem legen sowohl Staatsanwaltschaft, als auch Polizei eine recht reaktionäre Haltung an den Tag und arbeiten zudem völlig unverblümt mit dem manipulativen Zeitungshaus zusammen.

     

    “Gian Maria Volonté” (“ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER”, “SACCO UND VANZETTI”, “DIE ARBEITERKLASSE KOMMT INS PARADIES”) darf dieses mal den eiskalten und skrupellosen Chefredakteur des sensationsträchtigen Hetzblattes “Il Giornale” verkörpern, der zur Erreichung seiner Ziele auch ohne nur mit der Wimper zu zucken über Leichen geht und in seinen populistischen Artikeln sogar die Wiedereinführung der Todesstrafe propagiert. Im Kreise seiner Familie herrscht dann auch alles andere als “Frieden, Freude, Eierkuchen”, da er sich seiner angepassten Ehefrau gegenüber wie das größte Scheußal benimmt und dabei den noch sehr jungen Sohnemann völlig verstört.

     

    Seine zu spielende Rolle verlangt ihm zwar dieses Mal eine eher gemäßigte Darbietung ab, aber Volonté gelingt es nichtsdestotrotz eine gewohnt intensive und absolut souveräne Leistung an den Tag zu legen und spielt den reaktionären Redakteur schließlich mit der zu erwartenden Bravour. Eine außerordentliche Darstellung eines intensiven, unberechenbaren und absolut bedrohlichen Rollencharakters.

     

    Der britische Schauspieler “John Steiner” (“DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT, VERGESSEN SIE'S!”, “AUF VERLORENEM POSTEN”, “DIE LETZTE RECHNUNG SCHREIBT DER TOD”) kann dieses Mal in der Rolle des finanzstarken Ingenieurs Montelli bewundert werden, der als Eigentümer des Zeitungsverlags mit zum Club der Mächtigen zählt und zudem sehr enge Kontakte zum rechten Lager pflegt. Diese Verbindung wären ihm dann auch beinahe zum Verghängnis geworden, da eine finanzielle Transaktion an die Rechten von der Konkurrenz aufgedeckt und öffentlicht gemacht wurde. Aber Montelli kontert routiniert mit einem redaktionellen Gegenangriff, der den gerade erst langsam hochkochenden Skandal gleich wieder in Vergessenheit geraten und ihn somit in der Öffentlichkeit weiterhin als Saubermann dastehen lässt. Steiners Rolle zeigt zudem auf, dass sich die mächtigen Medienverlage fast ausschließlich im Besitz der reichen und noch mächtigeren Oberschicht befinden, die diese wiederum schonungslos zur Erlangung ihrer persönlichen Ziele und zum weiteren Machterhalt instrumentalisieren, indem sie der Öffentlichkeit manipulative Lügenkonstrukte vorsetzen, die sich dann wiederum verheerend auf die Wahrnehmung und die damit verbundene Meinungsbildung der breiten Masse auswirken.

     

    Von den Dartstellerinnen sticht eindeutig die unverwüstliche “Laura Betti” (“HATCHET FOR THE HONEYMOON”, “IM BLUTRAUSCH DES SATANS”, “DIE ROTE SONNE DER RACHE”) hervor, die in ihrer Rolle als esoterisch angehauchte Hippie-Tante zunächst etwas bemitleidenswert wirkt, aber im weiteren Verlauf dann zu einer eifersüchtigen Furie mutiert, da ihr Geliebter sie nicht nur betrogen hat, sondern auch der vermeintliche Lustmörder sein soll. Während dem polizeilichen Verhör läuft Frau Betti dann zu Hochtouren auf und lässt ihrem aufgestauten Frust freien Lauf, so dass den Anwesenden nur noch die Ohren schlackern...

     

    Kommen wir abschließend zur deutschen Synchro, die sich hierbei als absolut erstklassig entpuppt. Dem entsprechenden Studio ist es problemlos gelungen, einen bitter ernsten und höchst denkwürdigen Dialogmarathon auf die Beine zu stellen, der beim gebannten Betrachter zudem ein chronisches Dauerstaunen hinterlässt.

     

    Abgerundet wird das Ganze schlussendlich durch einen passenden Score von Nicola Piovanis und Maestro Morricone und fertig ist ein weiteres Glanzstück italienischer Filmkunst, wenn auch in diesem Fall ein leider (noch) viel zu unbekanntes...

     

    Fazit: Ein außerordentlicher Politthriller, der heutzutage aktueller denn je erscheint. Uneingeschränkte Ansehpflicht!

  • Autor: Richie Pistilli
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