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In den Adern heißes Blut

Italien, 1969

  • Originaltitel: Violenza al sole
  • Alternativtitel:

    Blow Hot, Blow Cold (Int.)

    The Island (Int.)

    O Sádico de Alma Negra (BRA)

    Rakkautta hiekalla (FIN)

    Wakacje we czworo (POL)

  • Deutsche Erstaufführung: 29. April 1970
  • Regisseur: Florestano Vancini
  • Kamera: Ennio Guarnieri
  • Musik: Carlo Rustichelli
  • Drehbuch: Massimo Felisatti, Fabio Pittorru, Florestano Vancini
  • Inhalt:

    Noch während Giulio (Giuliano Gemma) und Laetitia (Rosemary Dexter) heftig miteinander flirten und ihre Zuneigung füreinander offen zur Schau stellen, läuft das Schiff auf dem sie sich befinden vor den Trementi Inseln in Italien ein. Beide werden von einem schwedischen Paar beobachtet, dem Professor für Psychologie Gunnar Lindmark (Gunnar Björnstrand) und dessen jüngerer Frau Margit (Bibi Andersson). Beide Paare steuern das gleiche Ziel an und steigen im selben Hotel ab, so dass man sich häufiger über den Weg läuft und in Kontakt kommt. Während sich Laetitia und Giulio die meiste Zeit mit Liebesspielen vertreiben, herrscht zwischen dem schwedischen Ehepaar eine Eiseskälte und sie üben sich in Enthaltsamkeit. Verborgene Konflikte treten ans Tageslicht, bis es in der idyllischen Urlaubskulisse plötzlich eskaliert und das Schicksal seinen Lauf nimmt...

  • Autor: Prisma
  • Review:
    Schon der deutsche Titel "In den Adern heißes Blut" legt einen guten Grundstein für die ambivalente Thematik dieses herrlich fotografierten Films. Wo einerseits tatsächlich heißes Blut in den Adern fließt, sieht man andererseits Personen, denen es längst in den Adern gefroren ist. Trotz der einladenden Sommeratmosphäre sieht man im weiteren Verlauf immer wieder kürzere Einblendungen einer kalten Schneelandschaft, die sowohl befremdliche, als auch charakteristische Züge annehmen wird, um ein Quartett, das aus sehr unterschiedlichen Menschen besteht, vorzustellen. Im Umkehrschluss wird dies bedeuten, dass jeder dieser Beteiligten genau das erleben wird, was der Titel beschreibt, aber auch die andere Seite kennenlernen muss. Der Einstieg in Florestano Vancinis Film ist malerisch und vermittelt eine unbekümmerte und leichte Atmosphäre. Urlaub, Ausgelassenheit und Hingabe. Um diesen Eindruck perfekt zu machen, zeigen sich Rosemary Dexter und Giuliano Gemma von ihrer temperamentvollen Seite, außerdem präsentieren sie eine hohe Glaubwürdigkeit innerhalb dieser aufgeladenen Konstellation.
     
    Sie sind ein schönes Paar, vor allem ist jeder von ihnen aber attraktiv. Ihr Umfeld beobachtet sie und ihr Treiben, sie kümmert es wenig da sie definitiv andere Dinge im Kopf haben. Diese Natürlichkeit provoziert naturgemäß Neid und Missgunst, kalte Blicke und Gerede, so dass man mit Margit und Gunnar quasi zwei Verstärker für diesen Eindruck finden kann. Das Zusammensein spiegelt zunächst keine falschen Untertöne wieder, doch innerhalb dieser vermeintlichen Idylle beginnt ein Vulkan aus Eifersucht und Hass zu brodeln. So beginnt diese besagte Idylle eigenartigerweise ein beunruhigendes Gefühl zu fabrizieren, was der hauptsächlich ruhige Verlauf nur unterstreichen wird. Es entsteht der Eindruck, dass man es also mit einem Beitrag zu tun hat, in dem nicht gerade viel zu passieren scheint, jedoch kommt eine ungeheure Faszination auf, die sowohl von den interessanten Charakteren, als auch von der stilvollen Verarbeitung ausgeht.
     
    "In den Adern heißes Blut" überrascht mit einer vollkommen gegensätzlichen Besetzung. Rosemary Dexter und Giuliano Gemma wissen nicht nur als Paar zu begeistern, sondern auch als interessante Persönlichkeiten. Dem gegenüber steht wiederum das schwedische Paar, das von Bibi Andersson und Günnar Björnstrand gestochen scharfe Konturen bekommt. Gemma und Dexter bringen Feuer und Erotik in den Verlauf und geben dem Titel des Films wortwörtlich einen greifbaren Sinn. Die Kamera interessiert sich dabei für unmittelbare Nähe und Körperbetonung der beiden jungen Verliebten, löst dabei ästhetische Ansprüche auf hohem Niveau. Der herbe Kontrast kommt aus Schweden und gibt dem Titel des Films den übertragenen Sinn. Hier wäre zunächst die außergewöhnliche Bibi Andersson zu nennen, die eine Art Schlüsselrolle inne hat und mit fortschreitendem Verlauf immer mehr zum personifizierten Vorwurf wird. Als hervorragendes Stilmittel erweist sich hierbei, dass sie sich ausschließlich in ihrer Landessprache mitteilt, und man als Zuschauer trotzdem eigentlich ganz genau versteht, worum es geht. Außerdem ist die Sprache ihrer müden Augen international verständlich.
     
    Diese Variante charakterisiert die Ehe, in der es sich ohnehin nichts mehr zu sagen gibt sehr gut, außerdem fördert es eine subtile, vor allem aber weitsichtige Spannung. Andersson lässt sich auch von der Sonne nicht aufheizen, sie bleibt kühl, distanziert und augenscheinlich abwesend. »Ich bin sehr gerne mit jungen Menschen zusammen. Ich habe immer das Gefühl, sie geben einem etwas von ihrer Vitalität.« Diesen Satz hört man von ihrem Mann an einem ausgelassenen Tanzabend, an dem die Zeit still zu stehen, und die Erinnerung sich nicht durch den Alltag zu winden scheint. Gunnar Björnstrand macht eine sehr gute Figur als beobachtender Ehemann und als Zeitgenosse, der sich selbst die Liebe sachlich zu erklären versucht, und für den gerade die jungen Leute mit ihrer leichtfertigen Art wie ein rotes Tuch wirken müssen. Die Konstellationen machen den Verlauf erst zu dem was er ist und es entsteht dabei ein fasziniertes Hinschauen, aber oftmals auch der Impuls, bedauernd wegschauen zu wollen.
     
    Florestano Vancinis Film überzeugt fernab des darstellerischen Bereiches mit seinem rundum gelungenen, eigenen Profil. Das Umfeld und die herrliche Bebilderung sorgen zunächst für ein trügerisch-sicheres Gefühl beim Zuschauer, das nur in kurzen Intervallen durch die Zwischenblenden der vollkommen konträren Landschaft gestört wird. Ansonsten erfährt man lange einen reibungslosen Verlauf, dem man allerdings zu keiner Zeit so richtig trauen mag, doch dieses unbestimmte Gefühl wird in aller Deutlichkeit wieder durch Urlaubsstimmung, Konversation, knisternder Erotik und vor allem einem unbeschwerten Tanzabend relativiert. Ausgelassenheit, Glück, Zuneigung und Freude dominieren das zufällige Aufeinandertreffen unterschiedlicher Personen so nur für eine überschaubare Zeit, da ihr Schicksal ab einem gewissen Zeitpunkt eins wird. Sehr schöne Momente entstehen beispielsweise bei einigen Unterwasser-Szenen, in denen sich die Sonnenstrahlen im Wasser brechen und auf den braun gebrannten Körpern reflektiert werden, dabei greift die ohnehin sehr passende Musik sehr gut und vermittelt eine geheimnisvolle Note.
     
    Einerseits wirkt die Geschichte recht simpel, aber andererseits kommt es dennoch zu einer empfundenen, immer wiederkehrenden verschachtelten Komplexität, so man letztlich sogar unterschwellig brutale Tendenzen wahrnimmt. Nähe - Distanz, Verwirrung - Ruhe, Unkenntnis - Erkenntnis, Heißblütigkeit - Kaltblütigkeit. Im Großen und Ganzen ist der Regie ein wirklich bemerkenswerter Beitrag gelungen, der mit einfachen Mitteln eine recht hohe Spannung aufbauen kann und klassisch mit Gegensätzen zu spielen weiß. So kommt ein greifbares Roulette der Emotionen zu Stande, das sich aus Gleichgültigkeit, Eifersucht, Neurosen und Hass zusammensetzt, aber ebenso aus Zuneigung, Unbeschwertheit und glücklichen Momenten. "In den Adern heißes Blut" wirkt aufgrund seiner Erzählstruktur, Feinheiten wie beispielsweise der auffälligen Farbgestaltung und seiner Charaktere wegen sehr faszinierend, und jongliert mit Gegensätzlichkeiten, die in den richtigen Momenten schockierende Züge annehmen werden. Überzeugend und absolut fesselnd!
  • Autor: Prisma
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