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Ich habe sie gut gekannt

Frankreich | Deutschland | Italien, 1965

  • Originaltitel: Io la conoscevo bene
  • Alternativtitel:

    Yo la conocía bien (ESP)

    Je la connaissais bien (FRA)

    I Knew Her Well

  • Deutsche Erstaufführung: 08. Juni 1966
  • Regisseur: Antonio Pietrangeli
  • Kamera: Armando Nannuzzi
  • Musik: Piero Piccioni, Benedetto Ghiglia
  • Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Ruggero Maccari, Ettore Scola
  • Inhalt:

    Adriana (Stefania Sandrelli) zieht es aus der Provinz nach Rom, wo sie versucht, sich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser zu halten. Ob als Friseurin in einem kleinen Laden, Kosmetikerin, Platzanweiserin im Kino oder Mannequin; sie hat nur ein großes Ziel vor Augen, nämlich Filmschauspielerin zu werden. Doch reichen ihre Schönheit und der bloße Wille dafür letztlich aus? Adriana lernt in kurzer Zeit viele unterschiedliche Männer kennen, sei es bei Diskotheken-Besuchen, am Strand, bei Veranstaltungen oder wenn es der Zufall einfach gewollt hat, und jeder ist fasziniert von ihren Reizen, die sie jedoch eher defensiv einsetzt. Schließlich erscheint die Verwirklichung ihrer Träume in genau so weiter Ferne zu sein, wie die Suche nach der Liebe, denn so unterschiedlich die sich schnell abwechselnden Männer auch sind, Adriana findet immer nur dasselbe Ergebnis...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Diese bedeutende Arbeit von Antonio Pietrangeli kann sicherlich als eines der Prunkstücke des italienischen Neorealismus betrachtet werden, auch wenn "Ich habe sie gut gekannt" seinerzeit eher nur wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde, beziehungsweise keinen allzu riesigen Durchbruch feiern konnte. Die Beschreibung »Meisterwerk« eilt diesem wunderschön fotografierten Beitrag immer wieder voraus, doch spätestens wenn dieser Eindruck dann nach der Erst-Ansicht nicht eingetroffen ist, fühlt man sich vielleicht ein wenig in seiner Skepsis angesichts dieses Superlativs bestätigt. Obwohl der Verlauf mit vielen beachtlichen Feinheiten angereichert wurde, der glasklare Aufbau bemerkenswert ist, und der Eindruck einer sehr subtil und geradlinig angelegten Geschichte entsteht, kann es bei der italienischen Langfassung zu einer schraubzwingenartigen Langatmigkeit kommen, die sich im Schutzgriff einer überaus hochwertigen Inszenierung entfaltet. Die deutsche, und wesentlich kürzere Fassung beweist hingegen eine bessere Dosierung, sodass sich deren Qualitäten und die tatsächlich vereinnahmende Sinnhaftigkeit deutlicher erschließen.

     

    Es ist interessant darüber zu spekulieren, wie "Ich habe sie gut gekannt" wirken könnte, falls man sich den Luxus erlaubt, dieses Werk ein halbes Dutzend Mal anzusehen, was bei diesem hervorragenden Film definitiv nicht ausgeschlossen ist. Eigentlich ist das gesamte Konzept sehr verständlich aufgebaut, in Form einer Geschichte die das Leben schreiben könnte, definiert sich daher hauptsächlich über die Darstellung ihrer Personen und unzählige Details, die sich im Endeffekt als nicht uninteressante Variante des dramatischen oder theatralischen Kinos entfalten, sowie eine schwere Anklage, in Form deutlicher Angriffe, die glücklicherweise einmal nicht auf dem handelsüblichen Silbertablett serviert werden. Daher wird eine eher minimalistische Strategie verfolgt, die den Zuschauer aber genauso ansprechen, treffen und bewegen kann, weil sie sehr nah und greifbar wirkt. Genau betrachtet, hat man es hier letztlich mit einem Film zu tun, der wesentlich leichter hätte misslingen können, falls nicht alle Zahnräder so optimal miteinander funktioniert hätten und die vielen Themen ineinander gemündet wären.

     

    Die 1946 geborene Interpretin Stefania Sandrelli verleitet dazu, einen halben Roman zu schreiben. Zunächst sollte die Faszination um die damals erst Anfang 20-jährige Italienerin beschreiben werden, eine Faszination, nach welcher der Zuschauer stets auf der Suche ist, und die, wenn sie sich plötzlich entfaltet, für die ganz großen Momente im Filmleben sorgt. Stefania Sandrelli nur als schön oder attraktiv zu bezeichnen, wäre eine grenzenlose Untertreibung, denn sie vermittelt wesentlich mehr, als man pauschal in irgend einem Film erwarten dürfte. Es fängt mit ihrer Leichtfüßigkeit an, die so natürlich und spontan wirkt, gipfelt in Sinnlichkeit, die man in jeder simplen Bewegung, in jedem Augenaufschlag und in jedem einzelnen Blick verfolgen kann, nimmt in den Bereichen Lebensfreude, Interaktion, Ernüchterung und Resignation deutliche, oder verständlichere Formen an, die mitunter tatsächlich jedem geläufig sein dürften. Adriana wirkt verträumt und in Verbindung mit einer tief melancholischen Note sehr greifbar.

     

    Dabei wirft sie aber auch etliche rhetorische Fragen auf. Da dieser Beitrag aber glücklicherweise die Schicksalsfrage ignoriert, fragt man sich bei fortlaufender Zeit tatsächlich, warum alle sie so gut gekannt haben. Warum stellt diese junge Frau - unbewusst oder nicht - fließbandartige Freibriefe aus? Warum verfolgt sie ihre Ziele so unzureichend und warum zeigen sich keine entscheidenden Lerneffekte? Adriana ist im übertragenen Sinne wie das Gras, das keine Ahnung davon hat, wie grün es eigentlich ist, wie die Blüte, die keinen Schimmer davon hat, wie süß sie wirklich duftet; diesen Dreh haben nur ihre Beobachter, die Interessenten, ihre Männer heraus, die sie aus Eigennützigkeit und Gleichgültigkeit allerdings auch nicht darüber aufklären werden. Stefania Sandrelli zeichnet jedenfalls eine der sichersten Interpretationen, die in derartigen Formaten zu finden sind, und deren Aura durchdringend, somit für alle Beteiligten indirekt auffordernd ist. Hochklassig und mitreißend zugleich.

     

    Die Darsteller der deutschen Seite wurden so auffällig konträr besetzt, dass es trotz Kleinstauftritten sehr beachtlich, oder wahlweise sehr erfrischend wirkt. Somit blickt man auf völlig entgegengesetzte Einsatzgebiete von Karin Dor und Joachim Fuchsberger, die angesichts des bestehenden Images vollkommen verändert und dem Empfinden nach sogar stichhaltiger wirken. Karin Dor stellt beispielsweise eine Pionierin des deutschen Films dar, doch ihre Auftritte im Rahmen der europäischen, beziehungsweise internationalen Bühne, sind damit nicht annähernd bezüglich der Präzision und Aura zu vergleichen. Ob vergleichsweise, global gesehen, oder fernab des Üblichen, sind diese Interpretationen wesentlich interessanter, was man hier von Joachim Fuchsberger vielleicht gar nicht einmal sagen möchte. In diesem Film wirkt seine ebenfalls kurze Darbietung etwas zu derb konstruiert, aber nicht minder interessant. Selbst Robert Hoffmann gibt seiner Figur einen Hauch Ambivalenz, ja, und Véronique Vendell spielt tatsächlich das, was sie eigentlich immer zu spielen hatte, auch wenn sie im Rahmen ihrer eigenen Filmografie hier doch deutlich heraus sticht.

     

    Was bei "Ich habe sie gut gekannt" so erstaunlich bleibt, ist im Endeffekt nicht, dass das Szenario von Anfang bis Ende mit großen Namen angereichert wurde, die lediglich nur Gäste bleiben; nein, es ist die Perfektion, keinen einzigen von ihnen verheizt, oder wenn man so will, geopfert zu haben, da selbst Darbietungen die nur wenige Minuten umfassen, einen deutlichen, wenn nicht sogar tiefen Schliff offerieren. Auf den ersten Blick scheint die Konstruktion ausschließlich wegen ihrer betörenden Hauptdarstellerin zu funktionieren, doch ein Mosaik braucht definitiv mehrere Steinchen. Es ist also egal, wie man den Film schließlich auffasst. Fakt ist, dass man es mit einem grandiosen Schauspieler-Film zu tun bekommt, der in dieser Hinsicht vielleicht nicht beispiellos geblieben ist, aber im Sinne eines runden Ergebnisses nachweislich meistens nur schwer zu bewerkstelligen war. Ob Jean-Claude Brialy, Mario Adorf, Claudio Camaso oder Ugo Tognazzi; das Stargast-Karussell dreht sich in schwindelerregender Art und Weise, aber von diesen bemerkenswerten Leistungen sollte man sich ruhig selbst und ohne Fremdeinschätzung überzeugen lassen.

     

    Auf die handwerkliche Inszenierung einzugehen sprengt nahezu den Rahmen, also sei nur kurz erwähnt, welch herrliche, teils sinnliche Bildkompositionen hier zum Tragen kommen, oder wie die Musik beinahe Tag und Nacht im Kopf herumschwirrt, und dass man einfach sehr viel in diesem, auf den ersten Blick, unscheinbaren Film geboten bekommt. Es kann passieren, dass das alles selbst für ein herkömmliches Drama zu wenig erscheinen mag, vor allem weil Elemente wie feiner Humor, lapidar-offene Dialoge und schnelle Ortswechsel und Gedankensprünge etwas verwirrend erscheinen. Die Stärken gibt der Verlauf früher oder später preis. Wenig verschachtelt, ohne sprachliche Klippen und ohne unnötige Steigerungen in der Komplexität der Geschichte. Das Fazit des Zuschauers ist wohl letztlich ein sehr einfaches. Jeder glaubt, sie wohl schon einmal, zweimal oder gar mehrmals gut gekannt zu haben, aber im Endeffekt ist das eigentlich überhaupt nicht der Fall, da der Titel des Films ausschließlich eine Umkehrreaktion anbahnt: ICH HABE (STETS) MICH GUT GEKANNT, könnte man möglicherweise sagen. Daher muss SIE nicht unbedingt Adriana, oder Stefania Sandrelli heißen.

     

    Der Film wirkt unterm Strich ereignisreich und gut komprimiert, und das melancholische Thema gewinnt durch die packenden Interpretationen an Facetten und Konturen. Ansonsten ist "Ich habe sie gut gekannt" – wenn man es überspitzt ausdrücken möchte – beinahe überqualifiziert, dennoch sollte der Film alleine schon wegen dieser so umwerfenden Stefania Sandrelli angeschaut werden, deren Blick einem das Blut in den Adern zum kochen bringen kann. Augenscheinlich erteilt Regisseur Antonio Pietrangeli der Komplexität eine zynische Absage, indem er aus der empfundenen Einfachheit eine erstaunliche Umkehrrektion kreiert und zum tragenden Element avancieren lässt. Letztlich ist Begrifflichkeit »Meisterwerk« nach persönlichen Maßstäben vielleicht nicht ganz erreicht worden, aber das Verständnis dafür, dass viele Zuschauer Pietrangelis "Ich habe sie gut gekannt" diese Auszeichnung bestimmt mitgeben möchten. Ein stiller Hochkaräter ist jedoch ohne jeden Zweifel entstanden, der die temporäre Seite des Glücks empfindlich durchleuchtet, um im Endeffekt das Wesentliche herauszuarbeiten. Extraklasse!

  • Autor: Prisma
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