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Ich habe Angst

Italien, 1977

  • Originaltitel: Io ho paura
  • Alternativtitel:

    Tengo miedo (ESP)

    Un juge en danger (FRA)

    I Am Afraid (USA)

    The Bodyguard

  • Regisseur: Damiano Damiani
  • Kamera: Luigi Kuveiller
  • Musik: Riz Ortolani
  • Drehbuch: Nicola Badalucco, Damiano Damiani
  • Inhalt:

    Der Brigadiere Graziano kann nicht mehr, er hat in seinem Job als Polizist einfach nur noch Angst. Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, und Angst erschossen zu werden. Er bittet um Versetzung, und wird nun Fahrer und Leibwächter des vollkommen unpolitischen Richters Cancedda, eines älteren Mannes mit, gelinde gesagt, eher naiven Vorstellungen von Kriminalität. Durch die Untersuchung eines Mordfalls geraten die beiden Männer allmählich auf die Spur eines Komplotts, einer Verschwörung zwischen Rechtsextremisten und dem Geheimdienst. Im Laufe dieser Untersuchung wird Cancedda ermordet, und jetzt hat Graziano erst Recht Angst. Er weiß über die Ermittlungen bestens Bescheid, hat den Mörder des Richters gesehen, und ist für die Verschwörer damit eine absolute Gefahr. Trotz seiner öffentlichen Beteuerungen nichts zu wissen, vermutet er, dass er nun auf eine Abschussliste gesetzt worden ist …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Am 12. Dezember 1969 explodierte vor der Landwirtschaftsbank an der Mailänder Piazza Fontana eine Bombe die 17 Menschen tötete und 88 schwer verletzte. Nur Minuten später explodierten in Rom zwei weitere Bomben, eine dritte Bombe wurde rechtzeitig entdeckt und kontrolliert zur Sprengung gebracht. Unmittelbar nach den Anschlägen wusste die Polizei bereits, dass Linksextreme und Anarchisten hinter den Attentaten steckten und begann eine Verhaftungsserie. Der Anarchist Giuseppe Pinelli wurde noch am 12. Dezember verhaftet und starb nach einem dreitägigen Verhör durch einen Sturz aus einem Fenster im 4. Stock des Mailänder Polizeigebäudes. Selbstmord, was sonst?

     

    Kurz nach diesen Ereignissen, die im Prinzip der Auftakt waren für eine jahrelange Bombenserie (bis zum Jahr 1980 wurden mehrere tausend Bombenanschläge in ganz Italien durchgeführt), kurz nach diesen Ereignissen also wurde ein kleines Büchlein veröffentlicht, La Strage di Stato (Das Staatsmassaker),  in welchem über die Urheberschaft der Anschläge nachgedacht wurde und eine Art Gegenermittlung stattfand. Dieses Büchlein, dass innert kurzer Zeit in mehreren Auflagen erschien, stellte eine These konträr zur öffentlichen Meinung in den Raum: Nicht linksextreme Kreise haben die Bomben gelegt, sondern rechtsextreme bzw. neofaschistische Terroristen versuchen Spannungen zu erzeugen, um einerseits die Linken zu diskreditieren, und andererseits ihre eigene Position als Männer von Recht und Ordnung zu stärken. Heutzutage würde man dieses Büchlein mit dem Begriff “Verschwörungstheorie“ als lächerlich brandmarken und zur Tagesordnung übergehen. Allerdings weiß man heute auch, dass die Verfasser des Buches Recht hatten, und mit ihrer Vermutung sogar noch zu kurz gegriffen hatten. Und wir wissen auch, dass in den 70er-Jahren in Italien ein permanentes Angstgefühl herrschte, ausgelöst durch Anschläge, die dadurch entstehenden Spannungen, und durch den schlichten Umstand, dass der Terror sich nicht, wie zum Beispiel in Deutschland, gegen Einzelpersonen und Organisationen richtete, sondern vielmehr gegen die Allgemeinheit. In dieser Zeit, den Anni di piombo, den bleiernen Jahren, konnte niemand vor einem möglichen Bombenanschlag sicher sein.

     

    Und was hat das nun mit ICH HABE ANGST zu tun? Eine Menge, denn genau in dieser ständigen Atmosphäre der Angst und der Spannung spielt der Film, und Damiano Damiani bebildert die erwähnten Thesen und gibt ihnen eine Spielhandlung mit Gänsehautgarantie. Dazu bedient er sich als Regisseur der besten und gleichzeitig ursprünglichsten Mittel die ihm zur Verfügung stehen: Der Schauspieler.

    Gian-Maria Volonté ist der Brigadiere Graziano, der gerne das Verhältnis zu seinem Gspusi Gloria vertiefen möchte, seine Tochter liebt, und am Liebsten wieder zurückgehen würde in den Süden. Ein ganz normaler Mensch, der einfach nur in Ruhe gelassen werden will. Stattdessen übt er einen Job aus der ihn über alle Maßen belastet und physisch und psychisch an die absoluten Grenzen bringt. Irgendwann erfährt man, dass er früher bei Demonstrationen eingesetzt wurde und dort auch geprügelt hat, aber gern hat er das nicht gemacht, das merkt man. Kein Punkt auf den er stolz ist. Kennenlernen tun wir ihn während eines Feuergefechts mit irgendwelchen Attentätern, wo er in Deckung geht und anschließend seinen angeschossenen Kollegen versorgt anstatt die Gangster zu verfolgen. Was ihm auch prompt vorgeworfen wird. Nein, der Brigadiere ist kein böser Mensch, sondern einer der sich viele Gedanken über richtig und falsch macht, und dessen Herz trotz seines Berufs eher links schlägt.

     

    Sein erster Gegenpart, der langjährige Ingmar Bergman-Darsteller Erland Josephson als Richter Cancedda ist das genaue Gegenteil. Der konservativ eingestellte Mann sieht die Kriminalität immer noch in den Maßstäben vergangener Jahrzehnte, und ist politisch vollkommen unbedarft und auch weitgehend desinteressiert. Die Verschwörung, in die er da Hals über Kopf hineinstolpert, überfordert ihn völlig. Er traut den falschen Menschen, nur weil sie in der Hierarchie über ihm stehen, und seine Menschenkenntnis, auf die er auch sehr stolz ist, lässt ihn hier völlig im Stich. Ein älterer Mann mit hohen Ehrbegriffen in einer Zeit, die sich zu schnell bewegt und längst keine Ehrbegriffe mehr hat. Ein Dinosaurier der bald aussterben wird. Wir alle kennen solche Menschen, und erst viel zu spät begreifen wir dass sie vielleicht altmodisch und naiv wirken, aber sich dafür oft ein kleines bisschen Unschuld bewahrt haben. Die Performance von Josephson ist gigantisch. Er gibt diesem nebulösen Begriff “Unschuld“ tatsächlich ein Gesicht, und seine Naivität schmerzt oft, aber gerade dadurch gehören ihm unsere Sympathien, wünschen wir ihm, dass er heil aus dieser Geschichte herauskommt, ohne körperlich oder moralisch Schaden davonzutragen.

     

    Grazianos zweiter Counterpart ist dann der Richter Moser, gespielt von einem ebenfalls grandiosen Mario Adorf. Jovial, freundlich, leutselig, gibt er den Onkel den man sich als Kind immer gerne gewünscht hat. Moser ist lustig, er macht Scherzlein, und er möchte so gerne wissen was da bei Graziano und Cancedda eigentlich passiert ist. So so gerne möchte er es wissen, und er fragt immer wieder und gibt kurz nach und beharrt wieder auf seinen Fragen. Er spielt. Und Graziano der alte Fuchs wird misstrauisch, wittert das falsche Spiel ohne dass er es zu fassen bekommt. Vielleicht ist Moser ja tatsächlich so unbedarft wie er sich gibt? Vielleicht aber auch nicht. Und was für eine Scharade passiert in dem Café, in dem Graziano und Moser sich aufhalten?  Zwei Menschen die sich umschleichen und versuchen beim jeweils anderen eine Blöße zu finden ohne sich selber preiszugeben. Zwei außerordentliche Schauspieler die ihr Bestes geben. Und dem Zuschauer Tränen der Freude in die Augen treiben.

     

    Wenn im Laufe der Handlung Graziano dann immer mehr in die Hintergründe eindringt, und immer ungeheuerlichere Tatsachen erfährt, und wenn er irgendwann weiß dass er niemandem, aber auch absolut niemandem mehr trauen kann, dann überträgt sich seine Verzweiflung und Einsamkeit auch schnell auf den Zuschauer. Da braucht es keine rasanten Action-Szenen, keine ausgeklügelten Bildkompositionen, und Sex findet schon gleich gar keiner statt. Bis auf den Feuerüberfall zu Beginn ein fast reiner Dialogfilm, der so spannend und dicht ist, dass man die Augen nicht mehr abwenden kann. Entsprechend schlicht ist das Außenrum, die Büros und Wohnung sind bis auf die der beiden Richter einfach gehalten, über allem schwebt ein leichter Grauschleier, und auch die schöne Musik von Riz Ortolani lenkt nicht vom spannenden Geschehen ab. Die Schauspieler sind es die faszinieren, und natürlich die Handlung, die eine Verschwörung skizziert, welche dann runde 15 Jahre später tatsächlich als Realität aufgedeckt wurde. Und so ganz nebenbei gibt es natürlich auch eine Menge kleiner Anspielungen: Plakate und Graffiti auf den Straßen sind meist politisch und haben oft irgendwas mit Enrico Berlinguer, dem damaligen Generalsekretär der PCI (Kommunistische Partei Italiens) und Reizfigur der Strategie der Spannung zu tun, und Canceddas Selbstmordtheorien sowie der Tod einer Zeugin erinnern beängstigend an den Tod Giuseppe Pinellis (s.o.).  Damiani, der in den 70er-Jahren viele erstklassige politische Filme drehte, hat mit ICH HABE ANGST einen Paranoia-Thriller der Extraklasse abgeliefert. Und einen Ausblick auf einen Staat gewagt, der in Italien (nur dort?) bittere, wenngleich auch verdeckte, Realität war(?).

  • Autor: Maulwurf
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