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Ich bin ein entflohener Kettensträfling

Italien, 1968

  • Originaltitel: Vivo per la tua morte
  • Alternativtitel:

    Django – Ich bin ein entflohener Kettensträfling

    Kettensträfling

    A Long Ride from Hell

    Zum Tode begnadigt

  • Regisseur: Camillo Bazzoni
  • Kamera: Enzo Barboni
  • Musik: Carlo Savina
  • Drehbuch: Roberto Natale, Steve Reeves
  • Inhalt:

    Mike und Roy Sturges wird der Überfall auf eine Eisenbahn zur Last gelegt. Obwohl die Brüder unschuldig sind, werden sie zu einer Haftstrafe im härtesten Gefängnis des Westens verurteilt. Als Roy im Steinbruch zu Tode geschunden wird, entschließt Mike sich zur Flucht. Er weiß, von wem sie damals verraten wurden. Und nun will er nicht eher ruhen, bis er diese Männer zur Rechenschaft gezogen hat...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    So let me show you around, maybe play you a sound – You look like you’re both pretty groovy – or if you want something visual, that’s not too abysmal We could take in an old Steve Reeves movie...“

     

    Soweit eine schöne Strophe aus der ROCKY HORROR PICTURE SHOW. Und hey, warum zum Teufel nicht? Also rein mit dem alten Steve-Reeves-Film! ICH BIN EIN ENTFLOHENER KETTENSTRÄFLING, dem last but not least in der Filmographie des legendären Bodybuilders.

     

    Für seinen allerletzten Film hat der gebürtige Amerikaner und Muskelmann in Tausendundeins italienischen Sandalenfilmen doch tatsächlich den Lendenschurz gegen den Revolvergürtel eingetauscht. Danach ist Reeves abgetreten; von der großen Bühne des europäischen Genrekinos. Sozusagen mit einem kurzen, humorlosen Knall. Wobei „kurz“ das falsche Wort ist. Verteilt über seine deutlich action-orientierten 86 Minuten knallt es beim KETTENSTRÄFLING ganz schön ausdauernd.

     

    Von den ersten zwanzig Minuten gaukeln höchstens zwei was von schöner, heiler Cowboy-Welt vor. Diese zwei Minuten fragilen Friedens beim sportlichen „Den Bullen bei den Hörnern Packen“ sind mit Scherzchen garniert; über die kann garantiert aber nur derjenige lachen, der es kraft Drehbuch auch muss.

     

    Danach ist beim KETTENSTRÄFLING aber auch Schluss mit Lustig (und flachen Witzen). Was folgt ist anhaltendes Bleigewitter bei Pferdediebstählen und Goldtransportüberfällen. Dann der schändliche Verrat, der unseren Helden und Ranchbesitzer Mike und dessen kleinen, zartbesaiteten Bruder Roy unschuldig vor den Richter bringt.

     

    Zweites und gemeinstes Filmdrittel: Steve Reeves, gefangen in einem CIP-, einem Cowboy in Prison-Film. Yuma – Härtester Knast des Westens. Dort gibt es keine Duschzellen, höchstens Einzelzellen.

     

    Was uns wiederum vor zwielichtigen Duschszenen bewahrt; allerdings nicht die Kettensträflinge (unter diesen befinden sich nun auch Iron Mike nebst kleinem, sanftem Bruder) vor Beschimpfungen, Schlägen und Demütigungen vom sadistischen Wachpersonal. Dieses wird befehligt von Kult-Verbrechervisage Nello Pazzafini, dessen Rollennamen „Bill Savage“ durchaus Programm ist.

     

    Wenn es überhaupt einen Grund geben sollte, warum dieser Film in Deutschland jahrelang in trauter Eintracht mit Zombies, Kannibalen und Kettensägenkillern auf dem Index darben musste, findet man ihn am ehesten in diesem Filmdrittel. Dort rächt sich nun, dass der kleine Roy die Fitnessgeräte stets dem großen Bruder Steve Reeves überlassen hat. Er überlebt die Schinderei nicht. Auch wenn man es nie direkt aus Reeves’ steinernen Steven Seagal-Vorgriffsgesichtsausdruck ablesen kann; er ist doch leicht verstimmt über den Tod des kleinen Verwandten zweiten Grades...

     

    Für Roy! Wenn ich hier rauskomme, gibt’s ein Massensterben!“

     

    Was Steve Reeves hier sinngemäß verspricht, hält er auch. Nach einer Gefängnisrevolte macht er dem deutschen Verleihtitel alle Ehre. Nicht nur das: Der ENTFLOHENE KETTENSTRÄFLING landet erst bei zwei hinreißenden „Freudenmädchen“ (Rosalba Neri und Silvana Bacchi) und rechnet dann ab. Nein, nicht die Puffrechnung. Der Abschaum muss dran glauben; die Peiniger und Verräter...

     

    Der KETTENSTRÄFLING wurde von Camille, dem Bruder des unterschätzten Luigi (THE FIFTH CORD, SPUREN AUF DEM MOND) Bazzoni nach einer Idee von Steve Reeves himself inszeniert.

    Da die Action immer auf die Zwölf zielt, ist der Film recht rasant und vor allem in seinen ersten beiden Dritteln sehr kurzweilig ausgefallen. Ausgerechnet die finalen Abrechnungen (inklusive der obligatorischen, hier aber besonders entbehrlichen Saloon-Schlägerei) wirken dann doch etwas überstürzt über die Bühne gebracht und alles in allem nicht mehr so grob-geschmeidig wie zuvor.

     

    Die Fotografie geht dafür völlig in Ordnung. Alles andere wäre aber auch eine unerwartete Überraschung gewesen; schließlich heißt der Kameramann Enzo (DJANGO, NIGHTMARE CASTLE) Barboni. Selbst im „Desweiteren spielten...“-Feld finden sich bekannte Gesichter. Das des Ewig Bösen Mexikaners Aldo (NAVAJO JOE) Sambrell  etwa– diesmal leider nur in einer austauschbaren Schurken(-neben)rolle. Auch die spätere Radley Metzger-Muse Silvana (THE LICKERISH QUARTETT) Venturelli ist zu sehen – hier allerdings noch nicht nackig.

     

    ICH BIN EIN ENTFLOHENER KETTENSTRÄFLING ist ein solider, humorloser Vertreter seiner Zunft, der zwar in kaum einer Top 25 auftaucht, bei Genrefans dennoch recht beliebt ist.

     

    Dabei steht und fällt die Show mit Steve Reeves. Sowohl buchstäblich als auch gleichzeitig. Einerseits erledigt Reeves den Revolverheldenjob weit weniger charismatisch als dies Kollegen wie Nero, Milian, van Cleef oder gar Gemma tun; andererseits ist die ungewohnte Präsenz des altgedienten „Herkules“ in einem Italowestern dann doch ziemlich kultig und auf nostalgische Weise angenehm.

     

    Bedauerlicherweise ist Reeves nicht nur ein Fast-Namensvetter von Steven Seagal, sondern auch so etwas wie dessen Mienenspielbruder. Will heißen: Auch Reeves’ Mimikbandbreite reicht lediglich von steinern bis hölzern. Dies verhindert leider, dass er auch nur den Hauch eines dramatischen Elements aus dem Drehbuch ins Publikum transportieren kann. Es trägt fast schon absurde Züge, wie reglos Reeves im Knast den Tod des eigenen Bruders registriert. Er nimmt ihn praktisch zur Kenntnis. Als würde er lediglich Zeuge davon, wie ein Pferd neben die Tränke scheisst.

    Und so nimmt man auch als Zuschauer das Geschehen auf dem Bildschirm lediglich zur Kenntnis. Selbst in den grimmigsten und tragischsten Momenten leidet man nicht im Ansatz mit.

     

    Was der Kurzweil allerdings nicht wirklich schadet. Denn Reeves’ (ausgerechnet auf dem staubigen Feld des Italowesterns absolvierte) Abschiedsvorstellung ist alles andere als zäher Zeitvertreib. Die Schlagzahl ist hoch. Der Body Count auch. Und Savinas abseits des Main Theme düsterer Score, der ebensogut in das Undead Nightmare-Add-on zum Konsolenspiel Red Dead Redemption gepasst hätte, gibt die unheilschwangere Musik dazu.

     

    ICH BIN EIN ENTFLOHENER KETTENSTRÄFLING ist ein würdiges Good Bye. Auch wenn alles so ist, wie Tim Curry es später in der ROCKY HORROR PICTURE SHOW so treffend besingen wird: „An old Steve Reeves movie. Nothing too abysmal...

     

    PS: Übrigens konnte der KETTENSTRÄFLING jüngst auch seiner bundesdeutschen Indizierung entfliehen. Somit darf er nun auch hierzulande auf DVD abrechnen, ohne von den Scheren der Zensur behelligt zu werden. PPS: Mit dem etikettenschwindelnden Django-Zusatz im Titel muss er dennoch leben...

  • Autor: Christian Ade
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