H2S

Italien, 1969

  • Originaltitel: H2S
  • Regisseur: Roberto Faenza
  • Kamera: Giulio Albonico
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Roberto Faenza
  • Inhalt:

    Im London einer nicht näher bezeichneten Zukunft spielen sich an einer futuristischen Hochschule Tag für Tag die merkwürdigsten Dinge ab, da die freigeistige Studentenschaft von einer diktatorischen Lehrerschaft mit allen Mitteln zu kontrollieren versucht wird. Und genau an diesen unerquicklichen Ort verschlägt es dann den kindlich wirkenden Hauptprotagonisten Tomasso (Denis Gilmore), wo er dann auch sogleich von einem maschinenbesessenen Professor (Lionel Stander) persönlich in Empfang genommen wird. Was folgt, sind sowohl unvorstellbare Unterrichtseinheiten, bei denen der leitende Hochschulchef (Giancarlo Cobelli) gebetsmühlenartig Parolen zur Erhaltung eines kollektiven Gehorsams in die Köpfe der Studenten zu monologisieren versucht als auch mordsmäßige Experimente, bei denen am Ende nicht bloß tote Tiere zurück bleiben. In was für eine wahnwitzige Hochschule ist Tomasso hier bloß hineingeraten?

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    "Hi and welcome on board"

     

    Eins gleich vorne weg: In Roberto Faenzas dystopischer Fabel “H2S” scheinen sich jegliche Beteiligte sowohl vor als auch hinter der Kamera ein paar Sandoztröpfchen zuviel eingeflößt zu haben, denn anders lässt sich dieser völligst überdrehte Wahnsinn filmischen Schaffens nicht erklären. Dementsprechend verquer entpuppt sich dann auch die wahnwitzige Geschichte, so dass mir in diesem Fall nichts anderes übrig bleibt, als mich einfach nur auf das Beschreiben des gezeigten Irrsinns zu beschränken:

     

    Zur Eröffnung wird dem völlig ahnungslosen Betrachter zunächst anhand eines mehrminütigen Experiments mit Laborratten die fatalen Folgen einer maßlos übervölkerten Gesellschaft aufzuzeigen versucht, was dann auch schon zugleich die Grundlage für alle noch folgenden diktatorischen Proklamationen der übermächtigen Lehrerschaft darstellt. Und da sich sowohl der Versuchsablauf an sich als auch die daraus geschlussfolgerten Erkenntnisse als völig wirr herausstellen, entbehren dementsprechend auch sämtliche der daraus propagierten Ideologien jeglicher Logik. Am treffendsten zeigt sich dies während der unglaublichen Vorlesungsszene im restlos ausverkauften Hörsaal, in der der Hochschulchef der in einzelhaftartigen Lernzellen separierten Zuhörerschaft ihre entsetzlichen Ideologien für eine bessere Welt litaneiartig zu indoktrinieren versucht.

     

    "Repression, Revolution, Ruin!"

     

    Fagt sich letztendlich nur für wen?

     

    Nachdem nämlich das einleitende Experiment endlich sein Ende gefunden hat, entert auch schon sogleich unser nicht gerade alltäglich wirkender Hauptprotagonist Tomasso in einem rasanten Tempo die Showbühne, indem er nämlich in Schallgeschwindigkeit mit einer Raketenbahn in die britische Weltmotropole an der Themse reist. Dabei trägt er nicht nur ein äußerst bizzares Outfit, sondern auch noch seine knallorangene Haarpracht ungehemmt zur Schau, was wiederum Erinnerungen an einen allseits aus Funk und Fernsehen bekannten Kobold wach werden lässt. Kaum also in London angekommen, wird Tomasso auch schon von einem maschinenbesessenen Professor auf offener Strasse eingecasht und zur unheilvollen Hochschule am Rande der Stadt verschleppt. Der zwielichtige Professor wird hierbei von keinem geringeren als der Schauspiellegende Lionel Stander (WIE KOMMT EIN SO REIZENDES MÄDCHEN ZU DIESEM GEWERBE?, MILANO KALIBER 9, HART ABER HERZLICH) dargestellt, der dann auch sogleich den bis dahin völlig ahnungslosen Tomasso mit den nicht gerade alltäglichen Gepflogenheiten der dubiosen Hochschule bekannt macht. Dabei lernt Tomasso zunächst den über jeglichen Verdacht erhabenen Chef der fabelhaften Hochschule kennen, bevor ihm dann der Professor ein grauenhaftes Experiment mit einem roboterähnlichen Kleinkind vor Augen führt, an dessen Ende schließlich tote Goldfischlein zurück bleiben. Verkörpert wird Tomasso übrigens durch den englischen Schauspieler Denis Gilmore (FAHRENHEIT 451, DIE PFORTEN DES PARADIESES, DER FROSCH).

     

    Daraufhin folgt dann auch schon die bereits zuvor beschriebene Unterrichtseinheit, wobei zunächst einmal der Einzug der gesamten Lehrerschaft feierlich zelebriert wird. Neben dem undurchsichtigen Professor und dem unantastbaren Hochschulchef, der übrigens von Giancarlo Cobelli (DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG, DAS ÄLTESTE GEWERBE DER WELT, BARBARELLA) gespielt wird, betritt hierbei auch erstmals dessen angetrauter Ehefreak die Bühne, für welchen mir aufgrund seines bizarren Erscheinungsbild gerade keine treffendere Umschreibung in den Sinn kommt. Dargestellt wird das mittlerweile schon 100 Jahre alte Mannsweib übrigens von dem Schauspieler Paolo Poli (DIE BETTLERIN VON NOTRE DAME, CAMPING, LE BRAGHE DEL PADRONE).

     

    Nachdem also das abgedrehte Begrüßungshappening im voll besetzten Hörsaal endlich sein Ende gefunden hat, beginnen auch schon nahtlos die verbalen Gehirnwäscheversuche durch den diktatorischen Hochschulchef, indem er der in einzelnen Lernzellen separierten Zuhörerschaft monologisierend die Notwendigkeit einer totalitären Staatsform zu indoktrinieren versucht. Nach seiner schauderhaften Vorstellung stellt nämlich die "persönliche Freiheit" die Wurzel allen Übels dar, da diese in keinster Weise der "wahren Freiheit des Kollektivs" entspricht. Die "wahre Freiheit" kommt seiner Ansicht nach nur in einem totalitären System zur Geltung, welchem ein starker Führer vorangestellt ist und dessen Mitglieder sowohl ein absoluter Gehorsam als auch die Unterdrückung der persönlichen Freiheitsrechte abverlangt wird. Nur durch Konformität jedes Einzelnen kann ein funktionierendes Gesellschaftssystem gewährleistet werden! Aber leider hat der reaktionäre Hochschulleiter die Rechnung ohne die aufmüpfige Studentenschaft gemacht, da die subversiven Geschöpfe seine proklamierten Ideologien in keinster Weise teilen und sich somit gegen die Unterdrückung ihrer persönlichen Freiheitsrechte mit allen Mitteln zur Wehr setzen. In einer anschließenden Beratungsrunde im stillen Kämmerlein beschließt daraufhin das böswillige Triumvirat, die Rädelsführerin der widerständigen Studentenschaft nicht nur mundtot zu machen. Gesagt, getan und nur wenige Minuten später tanzen die drei bizarren Gestalten dann auch schon sprichwörtlich auf dem Grab der von dannen gegangenen Studentin herum.

     

    Um den weiterhin felsenfesten Widerstand der Studierenden zu brechen, zelebriert der Professor daraufhin mit seinen Studenten ein niederträchtiges Spiel, bei dem ein zuvor noch mit Platzpatronen geladenes Gewehr urplötzlich scharf schießt und somit am Ende einen weiteren toten Studenten zurücklässt. Und als wäre das alles noch nicht genug, wird ausgerechnet unserem armen Tomasso die Ehre des unwissenden Todesschützen zu teil, an deren gewissensbelastenden Folgen er daraufhin fast zu Grunde geht. Doch dann erscheint ihm wie aus heiterem Himmel die hübsche Kommilitonin Alice und nachdem man sich bereits nach nur wenigen Minuten die ewige Liebe geschworen hat, treten die beiden auch schon gemeinsam mit einem handzahmen Bernhardiner die Flucht in die Abgeschiedenheit der verschneiten Berge an, wo sie sich dann sogleich eine psychedelisch anmutende Blockhütte errichten, deren "lachenden Fenster" dann gleichfalls wie unter Drogen gesetzt wirken. Nach einer kurzen Phase des gemeinsamen Liebesglücks hält dann aber auch schon der grausame Alltag Einzug im Leben der beiden Frischverliebten, woraufhin Alice - die übrigens von der Schauspielerin Carole André (BLUTSPUR IM PARK, KALIBER 38 - GENAU ZWISCHEN DIE AUGEN, EINER GEGEN DAS IMPERIUM) dargestellt wird - ihr wahres Gesicht zu Tage trägt: Aufgrund aufkommender Langeweile wandelt sich die Herzensdame in Windeseile zu einer rücksichtslosen Egoistin und degradiert den hilflos wirkenden Tomasso zu einem Sklaven ihrer unstillbaren Lust. Dabei muss er dann nicht nur die merkwürdigsten Spielchen seiner mittlerweile furienhaften Partnerin über sich ergehen lassen, sondern wird von dieser auch noch zu einem unterwürfigen Anstandswauwau umerzogen. Armer Tomasso!

     

    Angesichts der immer unangenehmer werdenden Lebensumstände fällt es Tomasso plötzlich wie Schuppen von den Augen: Hatte der Professor mit seiner ungeheueren These vielleicht doch recht gehabt? Zumindest kommt es Tomasso so vor, als habe er sein persönliches Freiheitsgefühl aufgrund der egoistisch geprägten Ausweitung der persönlichen Freiheiten seiner biestigen Geliebten bereits gänzlich verloren. Was folgt, ist die reumütige Rückkehr zur totalitären Hochschule des Schreckens, an der mittleweile der Professor mit seinen übermächtigen Maschinen das Sagen hat, da der ehemalige Hochschulchef angeblich einem hinterlistigen Attentat zum Opfer gefallen sei. Und bereits im nächsten Moment findet sich Tomasso dann auch schon angeschnallt auf einer bügelbrettähnlichen Apparatur wieder, die ihn vor der versammelten Kommilitonenmannschaft zur Brechung seines Willens aufs heftigste durchrüttelt. Als nächstes steht dann ein Waschprogramm der ganz besonderen Art auf dem Plan, bei dem Tomasso zur vollkommenen "Persönlichkeitswäsche" in eine hochleistungsfähige Designerwaschmaschine gesteckt wird, da die zuvor standardmäßig durchgeführten Gehirnwäschemethoden aufgrund ihres geringen Erfolges mittlerweile der Vergangenheit angehören. Am Ende bleibt schließlich ein völlig wesensveränderter Tomasso zurück, der dann auch noch im Rahmen einer bizarren Hochzeitszeremonie auf einer drehscheibenartigen Vermählungsplattform seinen Platz einnehmen darf.

     

    Und die Moral von der Geschicht: Studiere an ominösen Hochschulen nicht!

     

    Soweit die obskure Geschichte dieser extravaganten Inszenierung, deren umwerfende Bildästhetik einem designtechnischen Hochgenuss gleich kommt. Dabei ziehen sich die designtechnischen Extravaganzen wie ein roter Faden durch den gesamten Film und lassen dabei auch Erinnerungen an den bereits bildgewaltigen Vorgänger ESCALATION wach werden, den Roberto Faenza gerade erst im Jahr zuvor abgedreht hatte. Eine weitere Gemeinsamkeit seiner beiden Erstlingswerke liegt in der schwarzhumorigen Note, welche zwar dezent, aber auch zugleich allgegenwärtig mitschwingt. Im Gegensatz zu ESCALATION war H2S dann aber auch Gegenstand der Beschlagnahme durch die italienische Zensurbehörde, was dann wiederum ein zwei Jahre langes Gerichtsverfahren nach sich zog, bis der Film nach längerem Hin und Her dann doch noch im Jahre 1971 zur Aufführung auf der großen Leinwand freigegeben wurde. Und dabei blieb es dann letztendlich auch, da H2S eine Vorführung außerhalb der italienischen Landesgrenzen bis zum heutigen Tage verwehrt blieb. Als Folge dieser rechtsstaatlichen Zensurpraktikten zog sich Roberto Faenza augenscheinlich für viele Jahre aus dem Regiefach zurück und meldete sich erst wieder 1980 mit seinem Drittlingswerk SI SALVI CHI VUOLE zurück, bevor er dann 1983 seinen erstklassigen COPKILLER auf die Menschheit los ließ, indem sich die Schauspiellegende Harvey Keitel mit dem Punk-Urgestein Johnny Rotten ein spannungsgeladenes Psychoduell abliefert. Des weiteren kam mir während des gesamten Filmverlaufs auch immer mal wieder Stanley Kubricks Meisterwerk UHRWERK ORANGE in den Sinn, da dieser aufgrund seiner visuellen Gestaltung schwer an H2S zu erinnern vermag. Da aber UHRWERK ORANGE im gleichen Jahr der verspäteten Freigabe von H2S entstand, scheint eine Beeinflussung auf das Werk von Stanley Kubrick als eher unwahrscheinlich.

     

    Kommen wir zur Filmmusik, für die sich kein geringerer als Ennio Morricone verantwortlich zeigte. Leider wurde dieser außerordentlichen Filmmusik nie ein offizielles Release zu teil, obwohl sie es mehr als verdient hätte. Lediglich die Titelkomposition schaffte es auf einige Compilations und wurde außerdem auch des öfteren im Rahmen seiner Live-Konzerte zum besten gegeben. Zur Eröffnung serviert uns der Maestro ein höchst avantgardistisches Synthesizergezirpe, das im Vergleich zu den vorausgegengenen Werken Morricones völligst verstörend wirkt. Aber auch die darauffolgenden Soundcollagen entpuppen sich als nicht minder bizzar, die dann aber wiederum ab einem gewissen Zeitpunkt auch ein Ende finden. Und genau ab dem Moment der abrupten Handlungsverlagerung in die verschneite Bergwelt Italiens klingen damit einhergehend auch die vormals rein synthetischen Klangfarben erstmals natürlich. Von da an beherrschen liebliche Melodien im orchestralen Easy Listening Touch bis zum Ende hin das Geschehen. Abschließend sollte auch noch ein ganz bestimmtes Requisit aus den Hochschulräumen seine Erwähnung finden, nämlich das vergoldete Motorrad aus NACKT ÜBER LEICHEN, auf dem dann die gute Frau Mell genüsslich ihren heißen Strip vollzog.

     

    Fazit: seltsam, rätselhaft, faszinierend, surrealistisch.

  • Autor: Richie Pistilli
  • Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.