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Das Grauen von Schloss Montserrat

Belgien | Frankreich | Italien | Liechtenstein, 1973

  • Originaltitel: La nuit des étoiles filantes
  • Alternativtitel:

    La noche de las estrellas fugaces (ESP)

    Los sueños eróticos de Christina (ESP)

    Virgen entre los muertos vivientes (ESP)

    Christina chez les morts vivants (FRA)

    Christina, princesse de l'érotisme (FRA)

    Une vierge chez les morts vivants (FRA)

    I desideri erotici di Christine (ITA)

    Una vergine tra i morti viventi (ITA)

    A Virgin Among the Living Dead

    Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies

  • Regisseur: Jesús Franco, Jean Rollin, Pierre Quérut
  • Kamera: José Climent
  • Musik: Bruno Nicolai
  • Drehbuch: Jesús Franco
  • Inhalt:

    Christina Bentons (Christina von Blanc) Mutter starb bereits kurz nach ihrer Geburt, so dass sie als Waise aufwuchs, finanziell unterstützt von ihrem Vater Ernesto Pablo Reiner (Paul Muller), dem sie nie begegnet ist. Nach Erhalt einer Mitteilung – ihr Vater sei verstorben – durch ihren angeblichen Onkel Howard (Howard Vernon) reist sie zur Testamentseröffnung auf Schloss Montserrat in Portugal. Auf dem Weg dorthin übernachtet sie in einem Hotel, wo man ihr mitteilt, Schloss Montserrat sei seit dem Tod des Besitzers leer stehend, niemand würde sich dort aufhalten.

     

    Als der schwachsinnige Diener Basilio (Jesús Franco) sie mit einer Limousine nebst unsichtbarem Chauffeur abholt, durch fährt sie ein geisterhaft-begrüntes Tal, bevor sie das Schloss erreicht. Und dort trifft sie eine äußerst skurille Gesellschaft an, die Bewohner des Schlosses: ihren Onkel Howard, Basilio, die im Sterben liegende angebliche Ex-Frau ihres Vaters (Linda Hastreiter), die blinde Tante Abigail (Rosa Palomar) und die lustvolle Carmencé (Britt Nichols) – und alle gehorchen einer unbekannten Königin der Nacht (Anne Libert).

     

    Tante Abigail bittet Christina eindringlich, das Haus schnellstens zu verlassen, doch als Christina ihr toter Vater erscheint, ist es längst zu spät.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „What’s on your mind? Well... forget it.“

     

    „Das Grauen von Schloss Montserrat“ ist ein wundervoller Franco-Film, allerdings eine ziemliche Strafe für einen Rezensenten. Es gäbe wohl Dutzende von verschiedenen Möglichkeiten die Handlung zu schildern, von einer Interpretation der Geschehnisse ganz zu schweigen. Aber ich werde es mir einfach machen, versprochen.

     

    1971 wurde „La nuit des étoiles filantes“ gedreht und von... nein, das wird zu schwierig. Während Nachdrehs zu dem von Artur Brauner produzierten „Jungfrauen-Report“ entstand „Das Grauen von Schloss Montserrat“ unter dem Arbeitstitel „La nuit des étoiles filantes“, als Produktionsfirma wird zunächst ausschließlich die Prodif Ets., Vaduz, Liechtenstein angegeben. Franco-Biograph Stephen Thrower mutmaßt, Franco habe den Film womöglich selbst mit von Brauner-Produktionen abgezwacktem Geld finanziert und aus steuerlichen (hüstel) Gründen über Liechtenstein laufen lassen. Dem spricht entgegen, dass Brauner-Spezi Karl-Heinz Mannchen mit im Spiel war, ebenso wie bei den ähnlich produzierten „Eugenie de Sade“ (1970) und „Nightmares come at Night“ (1969). Wenn sie die Steuer besch... haben, dann wohl alle gemeinsam, aber egal.

     

    Uraufgeführt wurde „La nuit des étoiles filantes“ am Rande des Cannes-Festivals 1973, was zum Weiterverkauf an französische, italienische und belgische Co-Produzenten/Verleiher führte (CFFP/J.K. Films/Brux Int. Pictures). Für die folgende Verleihfassung entstand eine zusätzliche Szene, gedreht von Pierre Quérut, von dem Franco mal behauptete, er würde nicht existieren, einen Mann dieses Namens hätte es nie gegeben. Quérut sieht das sicher anders. In jener nachgedrehten Szene sieht man Alice Arno als „Königin der Erotik“, die über das Liebesspiel von vier Paaren residiert bevor sie selbst rangenommen wird, unter anderem von Pierre Taylou und Waldemar Wohlfart (Wal Davis). Der offizielle Titel dieser gezeigten Fassung wurde „Christine, Princesse de l’erotisme“, bzw. „I giochi erotici di Cristina.“

     

    Eine spätere Verwurstung – nein, eine richtiggehende Entstellung – erfolgte 1979 durch Eurociné, die ca. 12 Minuten an Zusatzmaterial von Jean Rollin nachdrehen ließen, um das Ganze als Zombie-Film zu vermarkten, ein Konzept, dass den Originalfilm verkrüppelt, und das Endergebnis würde ich vorzugsweise als einen dampfenden Haufen Kackstiebel bezeichnen, auch wenn die Verleiher es „Une vierge chez morts vivants“ oder zu Deutsch „Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies“ nannten.

     

    Doch nicht so das Original. Jesús Franco inszenierte hier mit sehr wenig Geld und noch weniger Drehbuch einen traumhaft düster-melancholischen, surrealen Geisterfilm. Dabei werden so viele interessante Ideen, Charaktere und Kontexte gestreift, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann, nein, ich werde es nicht mal versuchen. Habe ja bereits angekündigt, dass ich es mir einfach machen werde. Vor allem das Ende berührt mich innerlich immer wieder, Christina wird zum Prototyp eines Waisenmädchens, die auf der Suche nach einer Vaterfigur verloren hinter dem erhängten Geist desselben hinterher irrt, mitten in eine Falle. Doch durch wen? Hier begegnen wir der Erbsünde, Christinas Vater war ein Mörder  - Stephen Thrower mutmaßt hier gar eine Verbindung zu „Radeck“ aus „Eugenie de Sade,“ der ebenfalls von Paul Muller verkörpert wurde – und die Bewohner von Schloss Montserrat scheinen seine früheren Opfer zu sein, die sich an ihm rächen wollen, seinen Geist mit den Qualen seiner Tochter zu martern gedenken. Thrower wirft in seinem Gedankengang, es könne sich um Radeck handeln, übrigens auch eine interessante Möglichkeit auf, was die Identität der „Königin der Nacht“ (Anne Libert) betrifft. Könnte es etwa die kleine Eugenie sein, sozusagen Christinas Schwester oder Stiefschwester? Wie auch immer, am Ende dieses surreal-wundervollen Filmes kommen mir altem Hund immer die Tränen, warum auch immer. Vielleicht, weil Franco beim Thema Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit ein paar seiner besten Regiemomente hatte.

     

    Gedreht wurde in und um den Palácio dos Condes de Castro Guimarães in Cascais und dem nahegelegenen Parque da Gandarinha, Locations, die er in dieser Zeit öfter verwenden würde. Der Park tauchte sogar auch später noch in “Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne” (1976) auf. In einer kleinen Rolle ist Francos Ex Nicole Guettard als Ärztin zu sehen, und die männliche Krankenschwester am Ende ist – auch wenn Stephen Thrower das anders sieht - Fernando Bilbao. Einfach mal ein paar Fotos des Mannes ohne das Frankenstein Make-up aus “Die Nacht der offenen Särge” angucken, das ist er. Macht zeitlich auch Sinn, denn die Dreharbeiten zu “Die Nacht der offenen Särge” begannen entweder gleich anschließend oder gingen gar ineinander über. Die Nennung von Luis Barboo und Marie Liljedahl auf OFDb.de ist falsch.

     

    Bei den Tonfassungen wird es schwierig. Die Deutsche ist Schrott mit grauenvollen Dialogverkrümmungen und Fremdmusik, und sorry, das melancholische Hauptthema von Bruno Nicolai ist hier nun mal absolut unverzichtbar. Die englische Tonfassung ist am Brauchbarsten auch wenn die Stimmen nicht gut sind, zur besseren Französischen gibt es leider keine Untertitel. Beim Erstellen des „Director’s Cut“ – wie nun auch auf der X-Rated Blu-ray zu finden – scheint ein kleiner Fehler unterlaufen zu sein, da haben sich während Christinas erster Nacht in Montserrat (sie hat einen Alptraum) die ersten Sekunden einer Rollin-Szene hinein verirrt. Das sind Fremddarsteller. Ansonsten entspricht die X-Rated Blu-ray weitgehend der Redemption-Veröffentlichung, leider ohne die Interviews, dafür aber mit einem Audiokommentar mit Pelle Felsch und Christian Keßler, für den, der sowas mag. Die Anschaffung lohnt sich für Franco-Fans grundsätzlich aber.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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