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Gran Bollito

Italien, 1977

  • Originaltitel: Gran bollito
  • Alternativtitel:

    Mémoires diaboliques (CAN)

    Sólo Dios sabe la verdad (ESP)

    La signora degli orrori

    Presagio

    Black Journal

  • Regisseur: Mauro Bolognini
  • Kamera: Armando Nannuzzi
  • Musik: Enzo Jannacci
  • Drehbuch: Sergio Amidei, Nicola Badalucco, Angelo Dellagiacoma, Mario Monicelli, Alberto Piferi, Luciano Vincenzoni
  • Inhalt:

    Kurz nachdem die Südländerin Lea Scaccia (Shelley Winters) ihrem Ehemann in die Großstadt und somit in einen großen villenartigen Wohnkomplex (wohl eine Art Condominium) folgt, erleidet dieser einen Schlaganfall, ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Da sie Mario Scaccia gegenüber aber keine große Fürsorgepflicht empfindet, verbringt sie viel Zeit mit den anderen Bewohnern des Hauses, etwa den älteren Damen Berta (Alberto Lionello), der hageren Jungfer Lisa (Max von Sydow), der deutschen Sängerin Stella (Renato Pozzetto) und dem Pfarrer Don Onorio sowie dessen Schwester Maria (Rita Tushingham). Und dann wäre da noch Leas Sohn Michele (Antonio Marsina), der in der Großstadt studiert.

     

    Lea vertraut Berta ein Geheimnis an. 15 Kinder hätte sie entweder tot geboren oder kurz nach der Geburt verloren, bevor sie den Teufel anflehte, ihr wenigstens eines zu lassen: Michele. Und den würde sie für immer bei sich behalten. Das sieht Michele aber anders, hat sich längst in die Tanzlehrerin Sandra (Laura Antonelli) verliebt, pflegt bereits eine sexuelle Beziehung mit ihr und will sie heiraten. Lea versucht, die Zwei auseinander zu bringen, unter anderem indem sie ausgerechnet das schwachsinnige Hausmädchen Tina (Milena Vukotic) nachts in Micheles Schlafzimmer schickt, um diesen zu verführen. Doch Tina ist so unschuldig, dass sie nicht mal begreift, was sie da eigentlich soll.

     

    Berta macht indessen einen Lottogewinn – die Gewinnzahlen hatte sie von Lea, die sich für prophetisch hält – und will einer lange verflossenen Beziehung nach Amerika folgen. Da Lea jedoch den scheinbar bevorstehenden Verlust ihres Sohnes an eine andere Frau nicht verkraften kann, baut sie ihren Frust ab, indem sie Berta enthauptet, zerstückelt und zu Seife zerkocht. Und Berta soll nicht das letzte Opfer gewesen sein.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „Gran Bollito“ habe ich gerade erst in der letzten Woche des Jahres 2016 erstmals gesehen, und für mich ist es ebenso eine Mauro Bolognini-Premiere. Bisher ist dieser Regisseur völlig an mir vorbei gegangen, obwohl ich den Namen natürlich kannte.

     

    In „Gran Bollito“ erzählt er nach einem Drehbuch von nicht weniger als sechs Autoren – unter ihnen Commedia All’Italiana-Spezialist Mario Monicelli – die wahre Geschichte der Serienmörderin Leonarda Cianciulli, die in den vierziger Jahren drei alte Damen zerstückelte und zu Seife verarbeitete, die sie anschließend in der Nachbarschaft verschenkte, aber auch um ihre Gebäckkreationen hätte man besser einen großen Bogen gemacht. Seltsamerweise verneint Bolognini im Vorspann jede Verbindung zu realen Vorkommnissen, obwohl er diese ziemlich akkurat erzählt und der Fall in Italien wegen des 1970 erfolgten Todes der Täterin im Gefängnis von Puzzuoli noch recht frisch im Gedächtnis der Zuschauer gewesen sein dürfte, da die Zeitungen da noch mal sehr viel über den zurückliegenden Fall schrieben.

     

    Nun hielt man es wohl für etwas zu gewagt, ausgerechnet drei alte Damen im Film zu enthaupten, zerstückeln und zu zerkochen, und so entstand wohl die Idee, diese drei alten Damen von Männern spielen zu lassen, Männern in Frauenkleidern. Max von Sydow, Renato Pozzetto und Alberto Lionello. Was haben wir also? Eine wirklich schaurige Geschichte über eine reale Serienmörderin, noch dazu verkörpert von der großen Shelley Winters. Drei bekannte männliche Darsteller in Frauenrollen und weitere prägnante Akteure, die eine breite Palette an einprägsamen und schrägen Charakteren verkörpern. Und ein gutaussehendes junges Liebespaar, gespielt von Antonio Marsina und Laura Antonelli, die im letzten Augenblick für die verhinderte Ornella Muti einsprang.

     

    Warum ist dieser Film also über weite Strecken so langweilig? Es ist wohl in erster Linie seine Inkonsequenz. Der Film beginnt anfangs wie eine Serial Killer Commedia all’Italiana, schwarzhumorig und bizarr, aber leider hält man das nicht durch. Im Laufe des Films steigt der dramatische Anteil und wirkt angesichts der Inhalte somit meist zu absurd und der Zuschauer fühlt sich distanziert. Selbst Shelley Winters ist nicht in Höchstform, und seltsamerweise ist es bei all den bekannten Darstellern die spitzgesichtige – aber äußerst charmante – Milena Vukotic, die als zurückgebliebenes Hausmädchen Tina für die berührendsten und brenzlichsten Situationen sorgt. So wird die Figur Tina zu Leas Mitwisserin, die sich völlig sicher fühlt, da Tina kaum spricht. Als aber Micheles Freundin Sandra während eines gemeinsamen Essens von einem Serienmörder (anscheinend Ed Gein) erzählt, führt Tina sie in die Küche und zeigt ihr den Tisch, auf dem Lea ihre Opfer zerstückelt und deutet auf ein großes Gefäß mit dem Wort „Blut.“

     

    Ansonsten ist das Ganze sehr dialoglastig und einige Nebenhandlungsstränge werden zu sehr ausgewalzt, obwohl sie die Story kaum voran bringen. Inkonsequenz ebenfalls bei den „Damenimitatoren.“ Gerade Renato Pozzetto lässt zu Anfang eine ganze Reihe von Sprüchen los, die darauf hindeuten, er wäre tatsächlich ein Mann, der sich als Frau verkleidet. Hat man ihm seine Rolle nicht richtig erklärt? Am Ende hat er aber tatsächlich ein großes Geheimnis, nur eben nicht dieses. Für einen der erschütterndsten Momente sorgt dagegen Alberto Lionello als Berta vor seiner Ermordung. Lang und breit hat er immer wieder von seinem/ihrem Geliebten in Amerika gesprochen. Doch in der Nacht vor der Abreise will sie sich von Lea verabschieden. Wir Zuschauer wissen, dass Lea sie gleich töten wird und sie sitzt da und schüttet ihr das Herz aus, berichtet wehmütig von all ihren verflossenen Liebschaften, und dass eben jener Geliebte in Amerika auch nur einer von vielen war und sich vermutlich nicht mal mehr an sie erinnern wird. Traurig dreht sie an einem Ring, den sie von einem weiteren Verehrer bekam, an den sie sich bis zu diesem Moment selbst nicht mal mehr erinnern konnte, und dann Zack, Kopf ab.

     

    Aber das rettet den Film nicht. Es gibt viele gute Ansätze und Ideen, hervorragende Darsteller und Charaktere, und man hat erschütternd wenig daraus gemacht. Schade.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

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