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Friedhof ohne Kreuze

Frankreich | Italien | Spanien, 1969

  • Originaltitel: Une corde, un Colt...
  • Alternativtitel:

    Cemitério Sem Cruzes (BRA)

    Una cuerda, un Colt (ESP)

    Cimitero senza croci (ITA)

    The Rope and the Colt (USA)

    Cemetery Without Crosses

  • Deutsche Erstaufführung: 27. Februar 1970
  • Regisseur: Robert Hossein
  • Kamera: Henri Persin
  • Musik: André Hossein
  • Drehbuch: Dario Argento, Claude Desailly, Robert Hossein
  • Inhalt:

    Die Gegend rund um das namenlose Kaff wird von der Familie Rogers beherrscht. Das Wort des alten Rogers ist Gesetz, und die drei Söhne setzen es, mit Hilfe des gekauften Sheriffs, rücksichtslos durch. Die Brüder Caine beharren auf ihrem Recht und stehlen den Rogers Geld das eigentlich ihnen gehört. Eine ziemliche Scheißidee, denn die Rogers verfolgen die Brüder und knüpfen Ben Caine vor den Augen seiner Frau Maria auf. Das ist der Tropfen der das Fass zum Überlaufen bringt: Maria wendet sich an den früheren Pistolero Manuel um Rache zu nehmen. Manuel schleicht sich bei den Rogers ein und entführt dessen Tochter Johanna. Eigentlich will Maria die Rogers nur erniedrigen und sie zwingen beim Begräbniszug ihres Mannes dabei zu sein, aber die Situation eskaliert als sich die Brüder des toten Ben in das Spiel einschalten und mehr wollen. Sie wollen Rache. Und diese Rache ist nicht schön, sie verschont niemanden, und am Ende ist die Welt ein Friedhof ohne Kreuze …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Das Sujet ist nichts Neues und im Western seit Jahrzehnten und durch Produktionen aller Länder bekannt: Eine Gegend wird von einer skrupellosen Familie unterdrückt, bis dann irgendwann ein Fremder kommt und aufräumt. Der Italowestern mit seinem Hang zu Rachegeschichten hat sich hier natürlich ganz besonders intensiv ausgetobt. Und doch ist eine der eindrücklichsten und intensivsten dieser Stories ausgerechnet einem französischen Regisseur gelungen.

     

    Als ob Jean-Pierre Melville einen Western drehen würde, so agieren die Figuren hier: Vier Revolvermänner im roten Kreis treffen auf den eiskalten Engel, und entsprechend wird hier nicht gesprochen oder gar erklärt, hier werden Botschaften ausschließlich mit Blicken ausgetauscht, es wird gefoltert und es wird getötet. Harte und einsame Männer, die schweigsam ihre Jobs erledigen, und die das tun wofür sie bezahlt wurden, auch wenn am Ende der Tod steht. Gerade dass keine Sonnenbrillen getragen werden.

     

    Aber auch an andere Vorbilder lehnt sich FRIEDHOF OHNE KREUZE deutlich an: Der Film beginnt (schwarzweiß) mit drei Männern die auf Pferden durch die Wüste galoppieren, verfolgt von anderen Männern, und fast könnte man meinen einem Edelwestern aus den 40er-Jahren beizuwohnen. Die Landschaft ist eindeutig der Südwesten der USA, gleich bei Almería links, und auch die Botschaft ist klar: Wenn wir euch einholen seid ihr tot. Während langsam Farbe in das Bild sickert trennen die Männer sich, der eine reitet zu einem einsam gelegenen Hof, wo er verletzt vom Pferd fällt und von seiner Frau aufgenommen wird. Doch die Verfolger kommen hinterher und hängen den Mann vor den Augen seiner entsetzten Frau auf. Eine böse Welt, eine nihilistische Welt, wo der Frau nicht einmal die Gnade ihres eigenen Todes zuteil wird. Mächtig böser Fehler, denn so kommt die eigentliche Rachegeschichte in Gang, die sich in ihrem Verlauf immer wieder an Elementen des US-Westerns bedienen wird: Der reiche böse Mann mit seinen Söhnen der die Gegend unterjocht (Daniele Vargas ist in dieser Rolle genial, und nur Lee J. Cobb könnte ihm das Wasser reichen), die einsame und wilde Landschaft die so viel mit der Seelenwelt der Protagonisten gemein hat, die verlassene Stadt in der Wüste in der das Schlussduell ausgetragen wird, die unbedingte Loyalität der Gruppenmitglieder untereinander. Und auch die starke und wehrhafte Frau hat Tradition im US-Western, man denke nur an Joan Crawford in Nicholas Rays WENN FRAUEN HASSEN. Oder Grace Kelly in HIGH NOON …

     

    Und noch einmal Vorbilder: Genauso wie bei Mario Lanfranchis DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE werden in FRIEDHOF die Versatzstücke des Spaghetti-Western aneinander gesetzt, aber zusätzlich noch mit einer packenden Story versehen. Beherrschend sind entweder gigantische Totalen von Wüstenszenerien, in denen die Menschen klein und verlassen wirken, oder alternativ leinwandfüllende Großaufnahmen. Was Sergio Leone in den Jahren zuvor bereits perfektionierte wird hier bis zum Exzess getrieben: Die Kamera schwelgt in Nahaufnahmen von Details oder delektiert sich an Gesichtsruinen, jede noch so kleine Gefühlsregung wird erforscht, und es werden schier endlose Blicke ausgetauscht. Ganze Dialoge finden durch Blicke statt (man achte auf den „Dialog“ zwischen Manuel und Maria nach der Vergewaltigung der Rogers-Tochter), denn sprechen haben die Menschen dort längst verlernt. Aber auch die Manieriertheit des oft theatralischen Italo-Westerns wird genüsslich zelebriert, wenn Manuel sich vor dem Töten immer einen Handschuh über die linke Hand zieht – Schießen tut er aber mit der rechten Hand! Witzigerweise ist das Showdown dann die Dekonstruktion eines klassischen Showdowns, denn lang ausgewalzt, und in der Leone’schen Tradition bis auf den absoluten Höhepunkt ausgereizt, ist das nicht mehr. Kurz und schmerzlos wird Blei gespuckt, ganz nach der alten Wahrheit „Wer töten will redet nicht“. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Sergio Leone, dessen Showdowns hier konterkariert werden, mit Robert Hossein befreundet war und in FRIEDHOF OHNE KREUZE auch eine Szene gedreht hat, nämlich das Abendessen auf der Ranch. Bezeichnenderweise der einzige humorige Augenblick im ganzen Film …

     

    Aber ansonsten sehen wir hier, ich erwähnte es bereits, eine böse und nihilistische Welt. Ein Abbild der realen Welt, welche die Western der Jahre 1968 und 1969 so perfekt widerspiegelten. Die Schrecken der damaligen Welt, das verloren gegangene Miteinander, aus dem knapp 20 Jahre nach einem grauenerregenden Krieg längst wieder ein Gegeneinander geworden war, und zusätzlich auch ein Ausblick in die moderne Welt, denn der Respekt vor Frauen ist mittlerweile auch längst verloren gegangen: Das Schicksal Johannas, der Schrei der durch die Wüstenstadt hallt, das hat nichts mehr mit einst ritterlichen Helden der Prärie zu tun, sondern eher mit Praktiken von Soldaten die innerlich schon längst tot und verrottet sind.

     

    Trotz aller philosophischen Erwägungen ist FRIEDHOF OHNE KREUZE ein extrem starker Western, dessen Härte nicht aus der Action sondern aus den Charakteren kommt. Der die gängigen Ikonen des Italo-Westerns geschickt zusammensetzt. Und der vor allem durch seine ganz außerordentlichen Schauspieler lebt. Robert Hossein und Michèle Mercier haben in den 60er-Jahren ja zusammen 4 der 5 irrsinnig erfolgreichen ANGÉLIQUE-Filme gemacht, und waren als romantisches Liebespaar mehr oder weniger etabliert. Hier steht zumindest Michèle Mercier ihrer Erfolgsrolle diametral entgegen: Nicht mehr die blonde erotische Abenteurerin ist sie, sondern die schwarze Witwe, ein gnadenloser Racheengel der nur Tod und Verderben über das Land bringt. Robert Hossein, dessen Rolle als schweigsamer Loner zu der Zeit längst etabliert war, ist mit seinem melancholischem „Ich-will-nicht-mehr-töten“-Blick und dem recht weichen Gesicht eine Idealbesetzung als Pistolero, und die Chemie zwischen Mercier und Hossein passt einfach, wohl auch durch die langjährige gemeinsame Arbeit. Die Besetzung der Rogers-Söhne durch französische Schauspieler ist dann das Sahnehäubchen. Statt der üblichen Verdächtigen wie zum Beispiel Frederico Boido eher unbekanntere Gesichter zu nehmen wie Pierre Hatet und Philippe Baronnet macht das Zusehen spannend und abwechslungsreich, gibt zusätzlichen Realismus in das Gemisch. Der Höhepunkt ist dann Serge Marquand als Larry Rogers (die Rolle die sonst Boido inne gehabt hätte): Abgrundtiefe Bosheit, gepaart mit todesverachtender Arroganz. Gigantisch!

     

    Im gesungenen Titeltrack heißt es an einer Stelle „The days are dust and the nights are black“, und besser ist der Film kaum zu beschrieben. Scott Walker, Leadsänger der Walker Brothers, singt den Titeltrack „The rope and the colt“ zu einer zum Hinknien schönen Melodie von André Hossein, Robert Hosseins Vater. Diese ganz besondere Leichtigkeit der Swinging Sixties, gemischt mit purer Italo-Western-Atmosphäre: „I seek the man who killed my friend, and when we meet my life may end …“, und dazu doowoobt ein Männerchor und das Tanzbein zuckt. Was für eine genialische Kombination.

     

    Letzten Endes also ein Film in der Tradition von DJANGO, von LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG, oder auch von TÖTE, DJANGO. Düster, brutal und dreckig, dabei aber hochgradig fesselnd und zum Nachdenken anregend. Hach, Kino kann so schöne Überraschungen bieten …

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde die Veröffentlichung der englischen Firma Arrow, die aus einer Blu-ray und einer DVD sowie einem 24-seitigem Booklet mit Texten von Ginette Vincendeaux (über europäische Western) und Rob Young (über Scott Walker) besteht. Weiters gibt es ein aktuelles Interview mit Robert Hossein in dem er sich an Sergio Leone erinnert , einen zeitgenössischen französischen TV-Spot über die Dreharbeiten zu FRIEDHOF OHNE KREUZE inklusive Interviews mit Robert Hossein, Michèle Mercier und Serge Marquand sowie ein französisches TV-Interview von 1968 (alles englisch untertitelt). Als Sprachoptionen liegen vor englisch und italienisch mit englischen Untertiteln, und dass Bild und Ton technisch erstklassig sind braucht man bei Arrow im Jahre 2016 nicht mehr extra zu erwähnen.

  • Autor: Maulwurf
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