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Der falsche General

Frankreich | Italien, 1959

  • Originaltitel: Il generale Della Rovere
  • Alternativtitel:

    De Crápula a Herói (BRA)

    El general de la Rovere (ESP)

    Le général della Rovere (FRA)

    Il Generale Della Rovere (GBR)

    O General Della Rovere (POR)

    General Della Rovere (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 14. April 1960
  • Regisseur: Roberto Rossellini
  • Kamera: Carlo Carlini
  • Musik: Renzo Rossellini
  • Drehbuch: Sergio Amidei, Diego Fabbri, Indro Montanelli, Roberto Rossellini, Piero Zuffi
  • Inhalt:

    Genua im Februar 1944. Emanuele Bardone schlägt sich als Betrüger und Hochstapler durch das Leben. Menschen, deren Angehörige von der deutschen Wehrmacht verhaftet wurden und nach Deutschland deportiert werden sollen, gaukelt er vor, dass er die Liebsten gegen Geldzahlungen befreien kann, zumindest aber dafür sorgen kann dass keine Deportation stattfindet. Augenblicklich allerdings hat Bardone das Problem, dass ein Anwalt ihm 50.000 Lire für die Befreiung seines Sohnes gegeben hat, er das Geld aber verspielt hat. Sein “Geschäftspartner“ bei der Wehrmacht besteht jedoch auf der Zahlung des gesamten(!) Betrags von 100.000 Lire.

     

    Um das Geld zusammen zu bekommen versucht Bardone verzweifelt einen gefälschten Ring zu verkaufen. Dabei macht er die Bekanntschaft einer Frau die ihren Ehemann wiederhaben möchte, und bereit ist ihm dafür viel Geld zu geben. Dieser Ehemann wurde aber bereits am Vortag exekutiert – Bardones Geschäfte fliegen auf und er wird verhaftet. Der Befehlshaber der Genueser Wehrmacht, Oberst Müller, schlägt ihm daraufhin einen Deal vor: Bardone geht für 3 Jahre ins Gefängnis, aber nicht als der kleine Betrüger der er nunmal ist, sondern als der General des Widerstandes Braccioforte Giovanni della Rovere, dessen kürzlicher Tod geheimgehalten wurde. Vom Gefängnis aus soll Bardone Müller mit Informationen über den Widerstand versorgen. Bardone genießt die Rolle des bei den politischen Gefangenen sehr angesehenen Generals, doch eines Tages wird eine Gruppe Männer eingeliefert, von denen einer der Anführer der örtlichen Partisanen ist. Und Bardone soll herausfinden wer der Mann ist …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Eine zum Teil in Ruinen liegende Stadt im Winter, gefilmt in schwarz-weiß. Durch diese triste und traurige Welt geht ein Mann der versucht am Leben zu bleiben indem er Hoffnung und Freude verkauft. Er ist ein Hochstapler und Betrüger, und die Hoffnung die er verteilt ist wie Katzengold. Doch er ist kein unsympathischer Kerl und er wirkt nicht wie ein Schurke, versucht er doch anderen ein wenig Hoffnung zu machen und selber ganz einfach am Leben zu bleiben. Vittorio de Sica spielt diesen Menschen mit einer unglaublichen Grandezza. Mühelos kann er sowohl die angenehmen wie auch die dunkleren Seiten Bardones herausarbeiten, und bleibt dabei doch immer ein einfacher Mann, den man trotz seines abstoßenden Geschäfts in sein Herz schließt.

     

    Eine zum Teil in Ruinen liegende Stadt im Winter, gefilmt in schwarz-weiß. In dieser kalten und vom Tod beherrschten Welt ist ein Mann der Herrscher über Leben und Tod: der Leiter des Kommandos der Deutschen Wehrmacht in Genua, Oberst Müller. Er entscheidet, ob die Gefangenen exekutiert, deportiert oder freigelassen werden, oder ob sie in Gewahrsam bleiben. Seine Arbeit ist von Gehorsam gezeichnet und gnadenlos. Und trotzdem kann Hannes Messemer, auch wieder ohne Mühe, dieser eigentlich kalten Figur menschliche Züge geben, sie in ein etwas wärmeres Licht tauchen, und diesen Parade-Offizier so ein wenig einnehmender malen. Sicher kein Mensch dem man im Krieg unbedingt begegnen möchte, aber eben auch kein Unmensch. Keiner, der immer den Finger am Abzug hat, obwohl sein mitunter etwas wölfisches Grinsen Abgründe andeutet, die niemand wirklich erfahren möchte …

     

    Diese beiden Menschen umkreisen sich und spielen ein Spiel miteinander. Der eine versucht am Leben zu bleiben, der andere versucht Leben auszulöschen. Und doch sind sich die beiden gar nicht so unsympathisch. In einem besseren Leben könnten es zwei Lebemänner sein, die sich gemeinsam über die Frauen und den Wein freuen. Doch hier müssen sie kämpfen, und es ist der einzigartigen Regie Roberto Rossellinis hoch anzurechnen, dass dies nie wie ein Kampf wirkt, sondern eher wie ein Tanz. Ein Tanz auf einem Vulkan. Nicht die schwarz-weiß-Malerei von ROM, OFFENE STADT wird hier gezeigt, mit bösen Deutschen und heldenhaften Italienern, sondern wie im wahren Leben bestimmen die Zwischentöne diesen Tanz. So ist Oberst Müller mitnichten der böse und menschenmordende Offizier wie man ihn aus zig Filmen kennt. Im Gegenteil ist er ein leiser und oft nachdenklich wirkender Mensch, der sich seiner Rolle als hoher Offizier durchaus bewusst ist und sich kraft dieser Autorität auch durchsetzen kann, sich aber gleichzeitig nicht scheut die Befehle seines Vorgesetzten zu hinterfragen und somit Skrupel beim Geschäft der Massentötung zu zeigen. In einer spannenden Szene möchte die Frau des echten Generals ihren Mann im Gefängnis besuchen, eine hochbrisante Situation für alle Beteiligten. Müller könnte es sich nun einfach machen und der Frau den Besuch verbieten. Stattdessen redet er mit ihr und überzeugt(!) sie, dass es besser für ihren Mann und für Italien wäre den Besuch bleiben zu lassen. Wie gesagt, ein Charakter mit Zwischentönen, ein durchaus menschlich dargestellter deutscher Offizier …

     

    Und genau diesen Zwischentönen und einer damit verbundenen Leichtigkeit ist es zu verdanken, dass DER FALSCHE GENERAL auch heute noch fasziniert, und bei aller schweren und düsteren Thematik sogar unterhält. Nicht auszudenken was das Ergebnis gewesen wäre, hätte ein deutscher Regisseur mit teutonischer Schwermütigkeit den Film gedreht, Aber ausgerechnet Rossellini, der unterhaltenden und erzählenden Strukturen eines Films in dieser Phase seines Lebens sehr ablehnend gegenüber stand, ausgerechnet Rossellini hat dieses ernste Thema mit italienischer Unbeschwertheit versehen können, ohne dabei auch nur ansatzweise in die Komödie abzugleiten.

     

    Der wahre Coup Rossellinis ist dabei, den Schwindler und Spieler Bardone mit Vittorio de Sica zu besetzen. De Sica war passionierter Glücksspieler, der angeblich seine eigenen post-neorealistischen Filme nur gedreht hat um Spielschulden zu begleichen. Gleichzeitig ist der Schauspieler de Sica Zeit seines Lebens in Rollen geschlüpft und hat fremde Personen dargestellt. Bardone tut hier das gleiche, er schlüpft in eine Rolle und stellt eine ihm fremde Person dar, und er tut dies sogar so authentisch, dass er eins wird mit della Rovere und sich mit den Zielen der Resistance identifiziert.

    Somit hat Rossellini eine Grundprämisse des Neorealismus erfüllt in dem er das Type-Casting für die Hauptfigur an die Wirklichkeit des Hauptdarstellers angepasst hat, gleichzeitig geht er aber noch einen Schritt weiter und integriert dieses Type-Casting auch in die Handlung. Innerhalb dieser Vielschichtigkeit fasziniert der Film auch heute noch, zum einen durch die erwähnte Leichtigkeit der Erzählung, zum anderen eben auch dadurch, dass sich Realität und Film manchmal vermischen. So gibt es im Gefängnis einen Künstler, der ein Bild von Italien an die Gefängnismauer malt. Dieses Bild ist das Italien, das die Gefangenen sehen. Und für das sie auch sterben werden. Das wahre Italien, von dem Rossellini geschickt echte Bilder von im Luftangriff zerstörten Häusern und Aufräumungsarbeiten integriert, und das gemalte Italien mit dem Vesuv und dem Puff der Tante Teresa, die beiden Welten vermischen sich genauso wie der wahre Bardone und der falsche della Rovere. Bastelt sich Rossellini also einen italienischen Mythos? Nein, denn die Schlusssequenz zeigt ganz klar die Realität, und auch Bardone entscheidet sich irgendwann für eine der beiden Realitäten, mit allen dazugehörigen Konsequenzen. Rossellini zeigt also vordergründig einen Film auf Basis des neorealistischen Postulats, wie in einem Vexierspiel aber installiert er eine zweite, prosaischere, Ebene, welche die (neo-) realistische Welt immer wieder durchdringt und romantisiert. Und auch verändert.

     

    Das hört sich alles ganz furchtbar intellektuell an, aber tatsächlich ist DER FALSCHE GENERAL ein sehr spannender und dramatischer Film, der keine Sekunde langweilig ist und viel Stoff zum Nachdenken gibt! Und zum Diskutieren …

    So sitze ich nun schon länger über diesem Text, und je länger ich über den Film nachdenke und Einzelheiten recherchiere, desto mehr fällt mir auf wie ausgeklügelt er ist, trotz seiner kurzen Entstehungszeit. Sicher gibt es Ungenauigkeiten, so ist der Film bei der Einordnung Müllers nicht ganz eindeutig. Bei der Einführung wird er als Oberst angesprochen, und er trägt Wehrmachtsuniform mit einem Totenkopf-Emblem der SS an der Mütze und einem SS-Kragenspiegel im Rang eines Standartenführers. Er geht bei der Wehrmacht ein und aus und befiehlt dort auch, was gegen eine Zugehörigkeit zur SS sprechen würde. Sein Adjutant wiederum spricht Müller mit dem SS-Dienstgrad “Obersturmbannführer“ an und trägt selber einen SS-Kragenspiegel. Müllers Arbeit wiederum, das Einschleusen eines Spitzels in den Widerstand, spräche für eine Position in der Abwehr, die der Wehrmacht zugeordnet war. Müller erzählt zu Beginn des Films dass er in Mailand stationiert sei, treibt sich aber die meiste Zeit in Genua herum. Vermutlich sind diese Ungenauigkeiten einfach dem Umstand einer hektischen 27-tägigen Drehzeit geschuldet, und den Filmgenuss stören sie nicht wirklich. Beim Suchen der entsprechenden Informationen im Film ist mir dann aufgefallen, mit welcher Liebe der GENERALE trotz dieser kleinen Fehler ausgestattet wurde, wie viel Stimmung und Atomsphäre darin steckt, und welche Ausstrahlung de Sica tatsächlich hat. Der Film ist so randvoll mit Ideen, Verweisen und Details, dass man vermutlich ein Buch darüber schreiben könnte. Keine Angst, dies soll hier nicht geschehen …!

     

    Basieren tut der GENERALE auf einem 4-seitigen Zeitschriftenartikel des Journalisten und Publizisten Indro Montanelli über einen gewissen Giovanni Bertone, der 1944 von den Deutschen erschossen wurde. Bertone hatte sich im Gefängnis als ranghoher Widerstandsgeneral ausgegeben und eine Zeit mit den Deutschen zusammengearbeitet, sich in letzter Konsequenz dann aber für den Tod entschieden anstatt für den Verrat. Direkt auf diesem Artikel wurde das Drehbuch aufgebaut, ein später erschienener Roman von Montanelli basierte dann wiederum auf dem Film. Spannend ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Indro Montanelli als Publizist in den 70-er und 80-er Jahren maßgeblich an der positiven Umdeutung der öffentlichen Wahrnehmung des Faschismus in Italien beteiligt war. Er prägte den Begriff des Anti-Antifaschismus zur Abwehr linken Gedankengutes und ebnete so Silvio Berlusconi den Weg, der ja bekanntlich mehrfach Mussolini als ein Wohl für Italien bezeichnet hat. Hier hat er aber noch mit dem strikt links orientierten Roberto Rossellini zusammengearbeitet und die Zeit der deutschen Besatzung völlig unpolitisch dargestellt.

     

    Für Genrefans eher wissenswert ist, dass Luciano Pigozzi, der “Peter Lorre Italiens“ hier eine Nebenrolle hat, und dass Tinto Brass (u.a. SALON KITTY) und Ruggero Deodato (u.a. CANNIBAL HOLOCAUST) als Regieassistenten mitgearbeitet haben. Interessant, wo die Leute so alles gelernt haben …

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde der Film als DVD des britischen Labels Arrow Films. Das Bild ist brilliant, der Ton liegt in italienisch vor mit optionalen englischen Untertiteln. Gezeigt wird ein neuer Transfer der originalen Version vom Filmfestival in Venedig 1959, was insofern interessant ist, als der Film später wohl nur noch gekürzt in die Kinos kam. Als Extras gibt es englisch untertitelte Interviews mit dem Komponisten Renzo Rossellini und dem Filmkritiker Adriano Aprà, weiter ein 28-seitiges Booklet mit einem spannenden Abriss über die Entstehungsgeschichte des Films, einem interessantem Aufsatz des US-amerikanischen Filmprofessors Peter Bondanella über die Einordnung des Films in der Geschichte, sowie dem Abdruck eines kurzen Interviews mit Roberto Rossellini aus dem Jahr 1959.

  • Autor: Maulwurf
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