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Escalation

Italien, 1968

  • Originaltitel: Escalation
  • Alternativtitel:

    Ascenso (ARG)

    Escalada (BRA)

  • Deutsche Erstaufführung: 18. Oktober 1968
  • Regisseur: Roberto Faenza
  • Kamera: Luigi Kuveiller
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Roberto Faenza
  • Inhalt:

    Augusto Lambertinghi (Gabriele Ferzetti) ist seines Zeichens nicht nur ein maßlos überarbeiteter Fabrikbesitzer, sondern auch zugleich Vater eines stinkfaulen Tageträumers, der seine Zeit viel lieber in London mit den Lehren Buddhas verbringt, anstatt seinem gestressten Erzeuger im florierenden Familienbetrieb helfend zur Hand zu gehen. Und da Papa Lambertinghi von seinem fehlgeleiteten Sohn Luca (Lino Capolicchio) zwischenzeitlich die Nase gestrichen voll hat, reist dieser kurzerhand von Italien aus nach London, um den verblendeten Sprössling höchstpersönlich wieder auf den rechten Lebensweg zu bringen. Doch Luca denkt überhaupt nicht daran, den kapitalistisch angehauchten Industriellen zu mimen, was er dann auch seinen Vater unverblümt wissen lässt. Was folgt ist eine hitzige Vater-Sohn-Debatte, an deren Ende schließlich Luca doch den Kürzeren zieht.

     

    Kaum wieder zu Hause angekommen, versucht Augusto seinen Sohn mit allen Mitteln in den hektischen Betriebsalltag zu integrieren, was sich schlussendlich aber erneut als vergebene Liebesmüh herausstellt, denn Luca denkt überhaupt nicht daran, seine kostbare Lebenszeit für die ihn verhasste kapitalistische Lebenswelt zu opfern. Was folgt ist ein brutaler Protest des subversiven Sohnemanns, an dessen Ende eine unfreiwillige Einweisung in eine abgelegene Nervenheilanstalt am Rande der Stadt steht. Doch glücklicherweise gelingt dem buddhakomplexbehafteten Luca nach nur wenigen Elektrokrampftherapiesitzungen die Flucht in die nahe gelegene Schweiz, woraufhin Augusto endgültig der Kragen platzt: Ohne großes Federlesen setzt er seinem Sohn nicht nur eine ausgebuffte Detektevin (Didi Perego) auf die Fersen, die Luca in der Schweiz aufspüren und nach Italien zurückführen soll, sondern auch zugleich die sowohl weltbeste als auch wunderschönste Psychologin Carla Maria (Claudine Auger), damit diese ihm nach seiner Rückführung den Verstand wieder endgültig zurechtrückt. Bleibt also nur noch die Frage, ob es der bildschönen Seelenforscherin letztlich auch gelingen wird, Luca im Sinne seines Vaters umzudrehen oder wird auch dieser Schuss Augustos wieder nach hinten los gehen?

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    'Ein unbequemer Regisseur'

     

    Roberto Faenza ist ein italienischer Regisseur, Essayist, Universitätsprofessor und Drehbuchautor, dessen Werke hierzulande leider ein bedauerliches Schattendasein fristen. Dabei kann seine Werkschau in zwei Phasen aufgeteilt werden, wobei seine frühe Schaffensperiode sowohl zynisch humorige Grotesken (ESCALATION, H2S, SI SALVI CHI VUOLE) als auch einen politsatirischen Montagefilm (FORZA ITALIA!) umfasst. Letzten Endes wurden diese Werke aus seiner Frühphase allesamt Gegenstand des staatlichen Zensurwahnsinns. In seiner zweiten Schaffensphase widmete sich Faenza vordergründig der Verfilmung literarischer Vorlagen, die sich in erster Linie mit den immer wiederkehrenden Themen wie beispielsweise Treue, Macht, Unterdrückung, Eifersucht, Verlust, Schmerz oder Trennung befassen. Dabei hegt der Regisseur so gut wie nie Sympathie gegenüber seinen Protagonisten, sondern konzentriert sich vielmehr auf deren unfreiwilligen Wandel, welcher aufgrund der jeweiligen äußeren Bedingungen als unumgäglich scheint. Ein weiteres zentrales Merkmal der Werke Faenza ist die 'feinsinnige Ironie', die der Regisseur sämtlichen seiner Werke angedeihen ließ.

     

    Das Drehbuch zu seinem Regiebdebüt 'ESCALATION' entstand bereits während seiner Studienzeit am Centro Sperimentale Di Cinematografia, wo es zur damaligen Zeit ziemlich drunter und drüber gegangen sein muss. Dabei hatte es Roberto Faenza dem bereits renommierten Schauspieler Leopoldo Trieste (DER CLAN DER SIZILIANER, IM BLUTRAUSCH DES SATANS, WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN) zu verdanken, dass es mit seinem Kinofilmdebüt schließlich so schnell voran ging, denn dieser war von dem fertiggestellten Drehbuch dermaßen begeistert, dass er dieses sogleich dem wandfließenherstellenden Filmproduzenten Giuseppe Zaccariello (ZWEI SÄRGE AUF BESTELLUNG, EAT IT!, FEMINA RIDENS, IM BLUTRAUSCH DES SATANS) vorlegte, und der Rest war dann Geschichte. Darüber hinaus ließ es sich Trieste nicht nehmen, im Film selbst mitzuwirken, wo er dann den eigentümlichen Priester im Rahmen der bizarren Hochzeitszeremonie verkörpert.

     

    "Sagen Sie, haben Sie die Hühner mit LSD gefüttert?"

     

    Eine gerechtfertigte Fragestellung, die sich mir während Faenzas grotesken Spielfilmdebüt unentwegt aufdrängte, denn in 'Escalation' sind sowohl die Darsteller als auch die Geschichte an sich völlig über den Strich gebürstet, ohne dabei aber letzten Endes in plumpe Albernheiten zu verfallen. Und genau darin liegt dann auch eine der zahlreichen Stärken Faenzas, denn trotz aller Überdrehtheit der gezeigten Rollencharaktere driften deren ausgefallene Darbietungen so gut wie nie in die völlige Klamaukhaftigkeit ab, sondern halten sich vielmehr konstant auf einem liebenswert kuriosen Level, welches wiederum aufgrund seiner gerade nicht alltäglichen Art und Weise zu begeistern weiß. Und mit fortschreitender Laufzeit wird diese zunächst noch kuriose Humornote zunehmends ironischer, wodurch dann auch die bis dahin nur unterschwellig mitschwingende Böshaftigkeit unaufhaltsam in den Vordergrund tritt.  Eingebettet in die Farbenpracht eines traumhaft abfotografierten Bildermeeres des erstklassigen Kameramanns Luigi Kuveiller entpuppt sich 'ESCALATION' schlussendlich als ein höchst faszinierendes Filmprodukt, bei dem das wohlige Zeitkolorit der 68er Generation aus jeder noch so erdenklichen Ritze des damaligen Filmzelluloids zu triefen vermochte. Und somit zieht die ansprechende Bildästhetik den Betrachter bereits nach nur wenigen Minuten unausweichlich in ihren Bann und lässt diesen auch bis zum Ende des Films nicht mehr los, zumal die finale Szene mit zu den absoluten Höhepunkten dieser antikapitalistischen Groteske zählt: Im Gegensatz zu seinem Nachfolgefilm 'H2S', bei dem am Ende eine der abgedrehtesten Hochzeitszeremonien auf dem Programm steht, endet sein Debütfilm 'ESCALATION' mit einer der bizarrsten Beerdigungzeremonien der Filmgeschichte - ein unfassbares Szenario, das man so schnell nicht wieder vergisst. Die deutsche Kinofassung wartet außerdem mit ganz hervorragenden Synchronsprechern auf und rundet somit das sowohl fantasievolle als auch groteske Filmvergnügen vollends ab.

     

    "Und jetzt spielen wir ein bisschen Elektriker: Das Lämpchen ist kaputt, wir wollen es schnell mal reparieren. Hier ein kleines Drähtchen und da ein kleines Drähtchen und links noch eins. Bald wird die süße, kleine Birne wieder flackern."

     

    Kommen wir zur erstklassigen Darstellerriege, die allen voran von der bildhübschen Claudine Auger und dem unvergleichlichen Lino Capolicchio angeführt wird. Dabei soll der 1943 in Südtirol geborene Schauspieler zunächst alles andere als begeistert gewesen sein, einen sowohl rauchenden als auch ungepflegten Hippie mit zersaustem Haar darzustellen, ließ sich dann über kurz oder lang doch auf das Angebot ein, was ihm im Nachhinein dann sogar einen Filmpreis einbrachte. Lino Capolicchio verkörpert also den jungen und stinkfaulen 'Yogi Wan Kenobi', der sein Leben ausschließlich den verdrehten, buddhistischen Weisheiten gewidmet hat. Dies ist dann auch der Dorn im Auge seines Vaters, der seinen Sohn von da an mit allen Mitteln sowohl von dem mittlerweile chronifizierten Buddhakomplex als auch von der absurden Träumerei befreien möchte. Doch Luca denkt überhaupt nicht daran, seine idealistische Lebenseinstellung zu ändern, was er dann auch unmissverständlich seinen Vater wissen lässt. Und wie die meisten Protagonisten in den Filmen Faenzas, macht auch Lino Capolicchio in der Rolle des Sohnemanns 'Luca' aufgrund der äußeren Umstände einen unabdingbaren Wandel durch, welcher dann auch zugleich den Aufbau der Inszenierung beeinflußt, da der besagte Wandel in drei Etappen von Statten geht: Die erste halbe Stunde des Films beschäftigt sich mit den tagträumerischen Vorstellungen Lucas und des daraus resultierenden Vater-Sohn-Konflikts. Dabei bleibt der Zuschauer zunächst im Ungewissenen, wohin diese filmische Reise letztendlich überhaupt gehen wird. Erst mit dem Erscheinen 'Carla Marias' nimmt die Inszenierung nicht nur so langsam an Fahrt auf, sondern auch der Persönlichkeitswandel 'Lucas' beginnt sich aufgrund der verführerischen Manipulationsversuche in Bewegung zu setzen. Und nachdem dem konformierten Tageträumer im weiteren Filmverlauf aufgrund des gegen ihn geführten Komplotts endlich die Augen aufgehen, eskaliert die Situation im letzten Drittel des Films nicht nur im persönlichen, sondern auch im beruflichen Bereich vollends, woraufhin 'Luca' sein altes Leben sprichwörtlich im Meer versenkt und wie ein völlig wesensveränderter Phönix aus der zurückgelassenen Asche emporsteigt. Dabei ist 'Luca' anfänglich nicht nur ein überzeugter Hippie und Pazifist, der sich in der dekadenten Welt des modernen Fortschritts fehl am Platz fühlt, sondern auch zugleich ein begnadeter Pilzesammler und passionierter Sitarklampfer, der dann auch gerne mal aus Protest ein DIN-normiertes Elektrokabel anstatt einer piekfeinen Krawatte um den Hals trägt.

      

    "Regen am Abend, erquickend und labend. Pilze am Morgen, Kummer und Sorgen."

     

    Die Schuld an dem unumgänglichen Wandel unseres tagträumerischen Hauptprotagonisten trägt dabei einzig und allein die manipulative Verführerin 'Carla Maria', die hierbei von der französischen Schauspielerin und ehemaligen Miss World 'Claudine Auger' verkörpert wird. Dabei würde ich fast die Behauptung in den Raum stellen, dass die Rolle der weltbesten Psychologin 'Carla Maria' zu einem der umwerfendsten Auftritte ihrer Karriere zählt, denn ihr äußeres Erscheinungsbild ist einfach nur atemberaubend. Zu allem Überfluss wechselt sie dann auch noch ihre Kleidungsstücke im Minutentakt, wobei ein körperbetontes Outfit geschmackvoller als das Andere erscheint. Auf der beruflichen Ebene befasst sich die bildhübsche Französin ausschließlich mit 'experimenteller Seelenforschung', womit sie dann auch den ahnungslosen Luca unter Einbeziehung ihrer unwiderstehlichen Reizen erfolgreich zum Selbstzweck manipuliert. Und zur Erreichung ihrer niederträchtigen Ziele geht die welbeste Psychologin dann sogar über Leichen, bis irgendwann völlig unerwartet das requiemhafte 'Dies Irae' erklingt, denn 'Carla Marias' hinterlistiges Spiel scheint ihr ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst zum Verhängnis zu werden. Darüber hinaus entpuppt sich die im Sternzeichen des Widders geborene Seelenforscherin auch noch als eine unbelehrbare Kettenraucherin, die andauernd eine brennde Fluppe zwischen ihren wohlgeformten Fingern hält.

      

    "Die Aufgaben, die wir vor uns haben, sind hart und groß. Erstens: Escalation, in beruflichen und persönlichen Bereichen. Die Escalation betrifft uns alle, aber wir schaffen es!"

     

    'Gabriele Ferzetti' outet sich in der Rolle des geplagten Kapitalistenvaters 'Augusto Lambertinghi' hingegen als ein passionierter Zigarrenraucher, der zudem ständig eine verspiegelte Designersonnenbrille cool und lässig auf seiner Nase spazieren trägt. Doch leider beißt er hinsichtlich der Rettung seines verloren gehenden Sohns ausnahmslos auf Granit, da sich dieser weder durch das großzügige Geschenkangebot eines nigelnagelneuen Helikopters, noch durch ein eigens für ihn eingerichtetes Reich mit vollautomatischen Bürostuhl und Sekretärinnen-Notruftaste zum Übertritt in die kapitalistische Lebenswelt locken lässt. Armer Augusto... 

     

    "dies irae dies illa
    solvet saeclum in favilla
    teste David cum Sibylla"

     

    Die Filmmusik stammte übrigens schon bei Faenzas Filmdebüt aus der Feder des Maestros, der dem Regisseur zudem bis ins Jahre 1995 durchwegs die Treue hielt. Dabei zählt die Filmmusik aus ''ESCALATION' nicht nur zu den beeindruckendsten Kompositionen Morricones, sondern auch zu einem meiner ganz persönlichen Highlights unter den italienischen Filmscores. Neben dem beatlastigen 'Dies Irae Psichedelico' und den ständigen 'Plopp-Sounds' entpuppt sich gerade der finale Trauermarsch 'Funerale nero' als eine der sowohl herausragendsten als auch zugleich unvergesslichsten Arbeiten Morricones.

      

    Fazit: Intelligentes Loungekino, dass nicht nur aufgrund seiner farbenprächtigen Bildästhetik und der atemberaubenden 'Carla Maria' zum Träumen einlädt, sondern auch aufgrund seiner sowohl humorvollen als auch stellenweise bitterbösen Seitenhiebe auf den Kapitalismus fasziniert.

  • Autor: Richie Pistilli
  • Veröffentlichungen:

    Am 20. September 2017 veröffentlichen wir in Zusammenarbeit mit Forgotten Film Entertainment "Escalation" als Nr. 1 der Italo-Cinema Collection weltweit erstmals in HD. Die Abtastung erfolgte in 2K, im Bonusmaterial finden sich u.a. exklusive Interview-Features mit Regisseur Roberto Faenza und Hauptdarsteller Lino Capolicchio, ein Audiokommentar von Leonhard Elias Lemke und Robert Wagner sowie das Drehort-Feature "Spiagge Bianche - Die weißen Strände von Rosignano Solvay". Das umfangreiche 56-seitige Booklet beinhaltet Texte von Thomas Hübner, Endre Udvari, Sebastian Schwittay, Gerald Kuklinski und Richie Pistilli. Wie gehabt kommt die Blu-ray in klassischer Softbox (im DVD-Format) im Forgotten Film Deluxe-Schuber.

     

    Vorbestellen kann man u.a. bereits bei der OFDb, BMV-Medien, DTM, Beyond Media, Medienversand und natürlich im FFE-Labelshop!

     

    Die Screenshots stammen aus dem finalen Blu-ray Encode.

  • Autor: Andreas Rick
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