Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger

Italien, 1970

  • Originaltitel: Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto
  • Alternativtitel:

    Investigación sobre un ciudadano libre de toda sospecha (ESP)

    Enquête sur un citoyen au-dessus de tout soupçon (FRA)

    Inquérito a Um Cidadão Acima de Qualquer Suspeita (POR)

    Investigation of a Citizen Above Suspicion

  • Deutsche Erstaufführung: 13. November 1970
  • Regisseur: Elio Petri
  • Kamera: Luigi Kuveiller
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Elio Petri, Ugo Pirro
  • Inhalt:

    Der „Dottore“ (Gian Maria Volonté) - bisher Chef der Mordkommission - steht kurz vor seiner Beförderung in eine hohe Position ins Ermittlerteam für Politische Affären, und seine Geliebte Augusta Terzi (Florinda Bolkan) bringt ihn  auf eine kuriose Idee: sie meint, er wäre inzwischen zu mächtig als dass man ihn noch mit einem Verbrechen belasten könnte, selbst mit einem Mord käme er mit Sicherheit davon.

     

    Und der Dottore will diese Theorie testen. Er tötet Augusta, hinterlässt Spuren, die unweigerlich zu ihm selbst führen müssen und beobachtet sowohl zynisch als auch amüsiert, wie Untergebene und Mächtigere als er selbst nach Wegen suchen, diese Spuren wegzuerklären und ihn zu entlasten. Die Abteilung für Politische Affären ist eine ultrarechte Organisation, die sich negative Publicity nicht leisten kann.

     

    So erscheint es doppelt ironisch, dass sich der Dottore für seinen Mord als einzigen Zeugen den linken Studenten Antonio Pace (Sergio Tramonti) ausgesucht hat. In  einem Verhör will der Dottore ihn dazu bringen, gegen ihn  auszusagen, doch Pace hat keineswegs die Absicht, er ist der Meinung, zu einer faschistischen Behörde passe es wie die Faust aufs Auge, dass dieser ein Schwein vorsteht.

     

    Schließlich liefert sich der Dottore selbst mit einem schriftlichen Geständnis der Mordkommission aus. Doch werden die Behörden das zulassen, ein über jeden Verdacht erhabener Bürger sei ein Mörder?

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „Uns wurde gesagt, dass wir alle im Gefängnis enden würden
    (Drehbuchautor Ugo Pirro)

     

    Elio Petri ist ein Meister. Während in seinen früheren Filmen wie „Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?“ (L’Assassino, 1961), „Il maestro di Vigevano“ (1963) oder „Das 10. Opfer“ („La decima vittima“, 1965) noch eine gewisse charmante Leichtigkeit in ihrer gesellschaftskritischen Ironie zu spüren ist, ist „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ ein bitterböses, zynisches Meisterstück.

     

    Erste Erfahrungen mit Hauptdarsteller Gian Maria Volonté sammelte Petri bereits in der Mafia-Satire „Zwei Särge auf Bestellung“ (A ciascuno il suo, 1967), und nach seinem – ich nenne es mal Petris Ausnahmefilm, mit dem ich (man möge mir vergeben) so gar nichts anfangen kann – „Das verfluchte Haus“ (Un tranquillo posto di campagna, 1968) begannen im Jahr 1969 die Dreharbeiten für „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger.“ Dieser stellte zugleich den Beginn der sogenannten „Trilogie der Neurosen“ (Sascha Nolte) dar, welche mit „Die Arbeiterklasse kommt ins Paradies“ (La classe operaia va in paradiso, 1971) und La proprietà non è più un furto (1973) fortgesetzt wurde. Zu allen drei Filmen verfasste Petri gemeinsam mit Ugo Pirro das Drehbuch, und in den ersten beiden spielt Volonté die Hauptrolle, in Letzterem Flavio Bucci.

     

    Worum geht es? Italien befindet sich mitten in einem Kampf zwischen Ultrarechten und Linken, Verhaftungen von Kommunisten und Studenten, großangelegte Abhörmaßnahmen durch den Staat, Terroranschläge von Linken und Rechten gleichermaßen, als Petri und Pirro diese Geschichte schreiben, die eine eindringliche Warnung davor darstellt, dem Staat und der Obrigkeit blind zu vertrauen. Denn letztendlich sind es Menschen, Einzelcharaktere, die diese Obrigkeit repräsentieren und vollstrecken, und wir wissen nicht, was in ihren Köpfen vorgeht. So scheint es kein Zufall, dass der Zuschauer im Unklaren gelassen wird, was für ein Mensch dieser Dottore eigentlich wirklich ist. Denn er lügt. Er trägt eine Maske, sucht sein Inneres zu verbergen, und nachdem er vor Kollegen eine ultrarechte Rede mit mussolinihafter Gestik und Rhetorik gehalten hat, winkt er anschließend beim Applaus ab, „ach, vergesst das, das bin nicht ich.“ Je mehr wir über die Person dieses Dottore erfahren desto mehr entsteht der Eindruck, dass sich im Innern dieses knallharten, zynischen Polemikers ein kleiner Mann, ein infantiler und sexuell impotenter Gernegroß verbirgt, der geradezu erschreckt darüber scheint, dass man jemandem wie ihm so viel Macht einräumt. Über die Figur des Dottore erläutert uns Petri auch eindrücklich die Natur des Verhörs, wie man Menschen dazu bringt, Dinge zu sagen oder zu gestehen, die sie gar nicht getan haben. Und man kann „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ – der voll von Referenzen an große Autoren wie Kafka oder Brecht ist – zugleich als Gegenstück zu Dostojewskis „Schuld und Sühne“ betrachten: während Dostojewskis (ebenfalls namenloser) Protagonist von seiner Schuld innerlich zerfressen wird, wird der Dottore am Ende zerfressen von seiner Fassungslosigkeit darüber, dass jemand ihn als Schuldigen akzeptieren will.

     

    Seine italienische Kinopremiere erlebte „Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto“ im Februar 1970 nahe der Piazza Fontana in Mailand, wo im Dezember zuvor ein großer Bombenanschlag stattfand und der Beschuldigte (und unschuldige) Giuseppe Pinelli während eines Verhörs aus dem Fenster des Polizeipräsidiums sprang und dabei zu Tode kam (jener Fenstersprung wurde von Giuseppe Ferrara 1975 in „Faccia di Spía“ interpretiert). Entgegen aller Erwartungen wurden von Seiten der Zensur trotz des angespannten politischen Klimas keinerlei Maßnahmen gegen Elio Petris Film ergriffen, der ein großer kommerzieller Erfolg für das „linke“ italienische Kino wurde. Die internationale Kritik fiel auch damals weitgehend positiv aus, und es folgte u. a. 1970 der Große Preis der Jury in Cannes und 1971 ein Academy Award als Bester Ausländischer Film.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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