Suchen

Die entfesselte Silvesternacht

Italien, 1998

  • Originaltitel: L'ultimo capodanno
  • Regisseur: Marco Risi
  • Kamera: Maurizio Calvesi
  • Musik: Andrea Rocca
  • Drehbuch: Niccolò Ammaniti, Marco Risi
  • Inhalt:

    Silvesterabend in dem römischen Condominium „Le Isola“:

     

    Giulia (Monica Bellucci) erfährt, dass ihr Ehemann sie mit ihrer besten Freundin betrügt, da er während einer Nachricht auf ihren Anrufbeantworter vergessen hat aufzulegen. Sie schwört Rache.

     

    Enzo erhält Besuch von seinem Kifferfreund Fishbone. Der hat Gras und Dynamit dabei.

     

    Der Gigolo Gaetano will mit der alternden Contessa (Maria Monti) und einigen Freunden feiern. Doch die Party wird von seinem ehemaligen Fußballcoach aus seiner Heimat und dem gesamten ehemaligen Team gecrasht.

     

    Gegenüber der Wohnsiedlung bereitet sich eine Familie auf eine Fahrt in einem Dodge-Klassiker vor, nachdem der Vater von seinem Sohn ein paar Originalscheinwerfer geschenkt bekommen hat.

     

    Anwalt Rimaldi (Alessandro Haber) hat Frau und Kinder in Urlaub geschickt und bereitet sich in arschbackenfreien Lederhosen, Lederweste und mit Nippelclips auf den Besuch der Prostituierten Sukia vor. Doch auch dieses Treffen wird gecrasht – von drei Einbrechern.

     

    Und dann wäre da noch die vereinsamte Nachbarin, deren Mann seit 10 Jahren in Kambodscha vermisst wird. Vor dem Fernseher sitzend hat sie eine Überdosis Tabletten und Alkohol zu sich genommen und wartet auf den Tod. Da steckt ein Bote einen Brief unter ihrer Tür durch. Ihr vermisster Mann teilt ihr mit, dass er endlich freigekommen ist und morgen bei ihr eintreffen wird. Verzweifelt sucht sie bei ihren Nachbarn Hilfe.

     

    Doch schließlich treffen diese Geschichten aufeinander, und je näher Mitternacht rückt kommt es zu Gewaltausbrüchen, die schließlich mit dem Neujahrscountdown zu einem finalen Crescendo führen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Ab und zu sollte man im Auge behalten, was die Sprösslinge einstiger Regiegrößen so treiben. Ein gutes Beispiel dafür ist Stefano Sollima - Sohn von Sergio Sollima – der uns immerhin „Romanzo Criminale – Der Pate von Rom“, „Gomorrha“ und „Suburra“ bescherte.

     

    Der Regisseur von „Die entfesselte Silvesternacht“ Marco Risi – Sohn von Dino Risi – ist natürlich kein Unbekannter, denn einige werden sich vielleicht an den 1989 entstandenen „Marco Terzi gibt nicht auf“ mit Michele Placido oder den ein Jahr später gedrehten „In den Straßen von Palermo“ erinnern. Insgesamt ist Marco Risi eher im Bereich des Dramas zuhause, doch hier versucht er sich am Erbe seines Vaters, der neben dem Drama noch das Gebiet der Komödie beherrschte, und manches Mal beides miteinander verknüpfte.

     

    Zwischenspiel: Giulia (Monica Bellucci) bereitet sich gerade auf die bevorstehende Silvesterfeier vor als sie auf dem Anrufbeantworter die verräterische Nachricht ihres Ehemannes hört. Gerade will sie von schwarzer Unterwäsche in Rote wechseln, den BH schafft sie gerade noch, ein Höschen trägt sie noch nicht, da kann sie das Liebesgeflüster ihres Mannes an ihre beste Freundin hören. Sie weint, wirft sich aufs Bett, strampelt mit den Beinen, kotzt in eine Schublade, zündet Fotos an, und als ein Feuer auszubrechen droht, pinkelt sie die Flammen aus, beobachtet von Großvater und Enkel der Familie gegenüber. Wer diesen Film jetzt noch nicht sehen will, dem ist nicht zu helfen.

     

    „L’Ultimo Capodanno“ (in den englischen Untertiteln übersetzt als „Kaputt Mundi“, da muss man wohl noch dran arbeiten) entstand nach einem Drehbuch von Marco Risi und Niccolò Ammaniti nach dessen Romanvorlage. Niccolò Ammanati ist ebenfalls kein Unbekannter. Nach seinen Romanvorlagen entstanden beispielsweise auch Gabriele Salvatores „Ich habe keine Angst“ (Io non ho paura, 2003) und Bernardo Bertoluccis „Ich und Du“ (Io e te, 2012). Es fällt einem allerdings sehr schwer, sich den völlig durchgeknallten „Die entfesselte Silvesternacht“ als Roman vorzustellen.

     

    Noch ein Zwischenspiel: Anwalt Grimaldi trägt bereits seine Lederkluft und wartet auf seine Peinigerin Sukia. Schnell telefoniert er noch mit seiner Frau und seinen Kindern, um ihnen ein schönes neues Jahr zu wünschen. Schon kurze Zeit später jagt ihn Sukia als Lara Croft-Verschnitt mit einer Pfeilpistole durchs Haus, bis sie schließlich mit einem Geschoss seinen Hintern perforiert. Während sie ihm gerade mit einem Epilierer das Brusthaar peinigt, klopft die sterbende Nachbarin mit der Überdosis an seine Tür. Naturgemäß nicht der rechte Augenblick, um die Tür zu öffnen. Als er gefesselt und mit Strapsgürtel auf einem Tisch liegt, während Sukia ihm einen Goldregen beschert, betreten drei Einbrecher das Zimmer. Sukia zieht sich diskret zurück, und die Einbrecher fassen den Plan, kompromittierende Fotos zu schießen. Leider ist die Prostituierte schon weg – aber da wäre ja noch die sterbende Nachbarin...

     

    So, mehr Einzelheiten gibt es nicht, die Screenshots sind da schon aussagekräftig genug. „Die entfesselte Silvesternacht“ ist eine geniale und abgedrehte Komödie, die mit einigen Überraschungen aufwarten kann. Zum Beispiel mit dem Wechsel vom hysterischen Schenkelklopfer zum Makabren und Gewalttätigen, mit dem sich der Film nach ca. sechzig Minuten seine Freigabe ab 16 redlich und reichlich erwirtschaftet. Von da an sind manche Szenen weiterhin komisch, andere geschmacklos erschütternd, und besonders ein Erzählstrang schwenkt zu markerschütternder Tragik. Die ganze Gefühls-Palette wird bedient, es kommt sogar zu einem kleinen Klassenkampf.

     

    Leider hat es „L’Ultimo Capodanno“ – wohl aufgrund von Verleiher-Taktik, links-kreatives Kino abseits vom Hollywood-Mainstream aus den Kinosälen fernzuhalten – nicht in deutsche Lichtspielhäuser geschafft. Ein großer Verlust. Vor gut zehn Jahren gab es lediglich eine DVD-Veröffentlichung von e-m-s und die sollte man sich unbedingt zulegen. Nicht weil die Veröffentlichung so toll ist, aber diesen Film, den sollte man keinesfalls verpassen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb

    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.