Die Eingeschlossenen

Frankreich | Italien, 1962

  • Originaltitel: I sequestrati di Altona
  • Alternativtitel:

    O Condenado de Altona (BRA)

    Los condenados de Altona (ESP)

    Les séquestrés d'Altona (FRA)

    Los condenados de Altona (MEX)

    Os Sequestrados de Altona (POR)

    The Condemned of Altona (Int.)

    Die Eingeschlossenen von Altona

  • Deutsche Erstaufführung: 06. September 1963
  • Regisseur: Vittorio De Sica
  • Kamera: Roberto Gerardi
  • Musik: Nino Rota
  • Drehbuch: Abby Mann, Cesare Zavattini
  • Inhalt:

    Deutschland, zum Ende der fünfziger Jahre: Oberhaupt der Hamburger Reeder-Familie von Gerlach, das ist der Patriarch Alfred von Gerlach (Fredric March), ein Mann, der während der Nazi-Zeit durch den Einsatz von Zwangsarbeiten, die aus einem hinter seinem Haus befindlichen Lager rekrutiert wurden, zu Reichtum gelangte und auch in der Gegenwart gehört er zu den ganz großen Industriellen des Landes. Sohn Werner von Gerlach (Robert Wagner) hat zu seiner Familie kaum noch Kontakt und ist mit der Bühnendarstellerin Johanna (Sophia Loren) verheiratet. Als Alfred von Gerlach an Kehlkopfkrebs erkrankt und erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, beschließt er, nach 6 Monaten in den Freitod zu gehen, braucht aber einen Erben für sein Imperium. Das soll Sohn Werner werden, der mit Johanna in das Familiendomizil in der Elbchaussee zurückkehrt.

     

    Und dort erfährt Johanna vom zweiten Sohn Franz- Franz von Gerlach (Maximilian Schell), in Abwesenheit vom Nürnberger Tribunal als „Schinder von Smolensk“ zum Tode verurteilt, angeblich nach Argentinien geflüchtet und dort verstorben, lebt tatsächlich auf dem Dachboden in einem selbstauferlegten Exil. Hinter zugemauerten Fenstern, ohne Wahrnehmung von Tag und Nacht, Zeit oder der Realität, ernährt er sich von Muscheln, Champagner, Schokolade und Benzedrin. Seine Schwester Leni (Francoise Prévost), die anscheinend auch für seine sexuellen Bedürfnisse zuständig ist, versorgt ihn mit Lügen über ein verfallenes, sterbendes Deutschland und ist obendrein sein einziger menschlicher Kontakt.

     

    Johanna ist neugierig und will mehr über Franz erfahren, der von seiner Familie als geisteskrank eingestuft wird. Sie erfährt, dass Franz der Humanist der Familie war, keineswegs ein Nazi und mit der Zeit führt sie ihn an die Realität des im Wirtschaftswunder erblühenden Deutschlands heran. Franz scheint ihr so gar nicht der Charakter zu sein, der gnadenlos Menschen zu Tode gefoltert haben soll. Doch – wozu dann seine Selbstbestrafung?

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Nach einem Theaterstück von Jean-Paul Sartre entstand diese wirklich schwere Kost von Vittorio De Sica. Und schwere Kost meine ich hier in wirklich positivem Sinne, denn De Sica ist hier ein sehr düsteres, aber wirklich unterhaltsames Psychodrama mit ein paar „netten“ Anspielungen auf Deutschlands Gegenwart der Nachkriegszeit geglückt.

     

    Natürlich geht es auch um die Schuldfrage der Deutschen im Gesamten, was sicher einige Zuschauer verschrecken wird. Dabei geht De Sica durchaus subtiler vor als das Originalstück, z. B. auch in der Beziehung zwischen Franz und seiner Schwester Leni. So wird man Franz‘ Dialog "Der Inzest ist meine Art, die Familienbande zu stärken" nicht im Film wiederfinden. Auch das Ende wurde von De Sica drastisch verändert, aber dazu unten mehr.

     

    Die Anspielungen, die „Die Eingeschlossenen von Altona“ bringt, sind natürlich die: die Profiteure aus dem Dritten Reich dominieren nach wie vor die Wirtschaft. Man hat Einfluss auf die Berichterstattung der Presse (Beispiel im Film ausgerechnet „Der Spiegel“, da hätte es damals andere Kandidaten gegeben). Schulbücher verharmlosen (noch) die Taten des dritten Reiches. Und natürlich fürchtet die Familie von Gerlach auch nicht die Gerichtsbarkeit, denn Richter und Staatsanwälte seien natürlich auch noch die Gleichen, die nur 15 Jahre zuvor Menschen wegen Gesinnung oder Rasse zum Tode verurteilt haben. Franz‘ selbstauferlegtes Gefängnis, wo er sich unter Benzedrin-Einfluss auf ein Gerichtsverfahren vorbereitet, das nach seiner Vorstellung außerirdische Krabbenwesen im 30. Jahrhundert über die Menschheit abhalten werden, unter dem Motto: „Entweder alle schuldig oder alle unschuldig!“ ist ein düsteres, mit beinahe expressionistischen Zeichnungen versehenes Selbst-Martyrium.

     

    Dabei ist Franz ein netter Kerl, nicht wenig verwirrt, aber noch vor dem Krieg versuchte er einen jungen, jüdischen Rabbi aus dem beim Haus gelegenen Lager zu retten, indem er ihn bei sich versteckte. Sein eigener Vater rief die SS, und der Entflohene wurde vor Franz Augen erschossen. Franz ist auch kein überzeugter Nazi gewesen. So fällt es dem Zuschauer leicht, zunächst Johannas Sichtweise zu folgen, die in Franz den guten Menschen sieht, der leidet.

     

    Interessant sind alle der Hauptcharaktere, und alle brillant gespielt. Hier sei die Beziehung zwischen Gerlach-Sohn Werner und Ehefrau Johanna erwähnt. Bühnendarstellerin Johanna und Werner führen fast eine Art von „linker“ Lebensführung, doch Leni warnt Johanna: sie würde Werner erst richtig kennen, wenn sie ihn in seinem Zuhause erlebt hätte, und so kommt es dann auch. Nur allzu schnell wird Werner zum Emporkömmling, der seinem Vater nacheifern will.

     

    Eine Szene gibt mir Rätsel auf: als Franz schließlich zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren den Dachboden verlässt und ziellos (in seiner Wehrmachtsuniform!) durch die Hamburger Innenstadt streunt, sieht man auf einem TV-Gerät in einem Lokalfenster Franz-Josef Strauß‘ Ansprache zur Gründung der Bundeswehr. Schön und gut, aber wie hat man in diesen 1960 gedrehten Film, anschließend Bilder vom Mauerbau (1961) reinbekommen? Möglicherweise ein Fassungs-Rätsel, denn die italienische TV-Version, die ich hier gesehen habe, scheint ohnehin etwas anders, vor allem 10 Minuten kürzer als die deutsche Kinofassung. Überhaupt könnte man dem Film von De Sica allenfalls vorwerfen, zu kurz zu sein und somit viele der provokativen Einzelheiten von Sartres Stück geschönt oder ganz weggelassen zu haben. Doch wie gesagt, das Ganze ist heftige Kost, Sartres Stück endlos, 5 Akten glaube ich, und De Sica hat das eben fürs Kino etwas kompakter aufbereitet.

     

    Das Ende des Films verrate ich nicht, denn auch wenn lange keine deutschsprachige Fassung mehr veröffentlicht wurde, wer Englisch kann, sollte sich unbedingt die Originalfassung mit englischen Untertiteln besorgen, findet man derzeit ausschließlich im Internet. Aber das Ende des Stückes verrate ich, denn das unterscheidet sich vom Film, und meiner Ansicht nach wäre es das Bessere gewesen: Vater Gerlach und Sohn Franz begehen gemeinschaftlichen Selbstmord, Schwester Leni bezieht danach selbst Franz‘ ehemaliges Dachboden-Gefängnis.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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