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Einer gegen das Imperium

Italien | Türkei, 1983

  • Originaltitel: Il mondo di Yor
  • Alternativtitel:

    Yor - O Caçador do Futuro (BRA)

    Yor, el cazador que vino del futuro (ESP)

    Yor, le chasseur du futur (FRA)

    El mundo de Yor, el cazador del futuro (MEX)

    Yor, the Hunter from the Future (USA)

    The World of Yor

  • Deutsche Erstaufführung: 16. März 1984
  • Regisseur: Antonio Margheriti
  • Kamera: Marcello Masciocchi
  • Musik: Guido De Angelis, Maurizio de Angelis, John Scott
  • Drehbuch: Antonio Margheriti, Robert D. Bailey
  • Review:

    Margheriti beginnt Il Mondo di Yor mit einer kleinen Kamerafahrt, einen felsigen Geröllhügel hinauf, von dem Reb Brown als "Yor" auf die Kamera zugesprungen kommt. Yors Blick schweift in die Ferne, von Ost nach West, zum Horizont und zurück und erzählt dem Zuschauer schon in dieser frühen Einstellung von dem Glück ein Kind der Natur zu sein. Ein Mann, sein Fellkleid und seine Keule, das Leben kann einem so unendlich viel bieten. Yor oder Reb Brown, Reb Brown oder Yor, stets macht diese Figur den Eindruck als wäre sie gerade eben erst aus dem Ei geschlüpft und entdeckt die Welt in all ihrer Schönheit und Farbenfülle zum aller ersten Mal. Dann begleitet die Kamera unseren unerschütterlichen Recken bei einem Dauerlauf durch die Felsenlandschaft Südanatoliens. Auch hier ist schon allein das Laufen für unseren Helden ein höchst befriedigender Moment. Die fröhliche poppende 80er Musik der De Angelis- Brüder passt sich dem glücklichen Gesichtsausdruck Yors entschlossen an. Danach bedient sich der nach einer Novelle entstandene Film bei der deutschen Heldensage Siegfried und lässt Reb Brown in einer begrenzten wie kuscheligen Studio-Kulisse ein knuffiges Urzeit- Monster verkloppen. Alan Collins aka Luciano Pigozzi als Pag wird kurzer Hand zur Seite gemobbt, der Hauptakteur braucht einen großen Wirkungsradius. Die bewegungseingeschränkte Großechse bekommt schließlich die Keule Yors so lange auf ihre Nase gehämmert, bis sie sich tot zur Seite auf den Studio-Boden kippen lässt. Ich würde es mal so beschreiben: Eine Sternstunde des modernen Experimentalfilms und einer von vielen Höhepunkten dieses Werkes. Gerade weil es dieser Szene an ganz viel fehlt, insbesondere am Feinschliff. Die Aufmerksamkeit der leicht bekleideten Kalaa (Corinne Clery) war Yor bereits gewiss, weshalb er sie nun direkt zu einem Becher warmen Drachenblutes einlädt: "Trink! Das gibt Kraft". Kalaas Stamm, welcher sich von weit her aufgemacht hatte um genau hier anzukommen, wollte eigentlich seine Ankunft auf diesem besonders fruchtbaren und "ruhigen" Fleckchen Erde mit einigen ausgelassenen Feierlichkeiten krönen. Doch leider hat man auch hier wieder einmal die Rechnung ohne die Impulsivität einiger unberechenbar und düster ausschauender Urzeitschläger gemacht. Ihr Anführer Ukan verliert ständig die Fassung und ist wahrscheinlich auch genau aus diesem Grund in seiner Horde gefürchtet. Außerdem verliert er nicht gerne Zeit und attackiert die friedliebenden Neuankömmlinge schon ab Minute 11, mit einer, sagen wir mal stark freudianisch geprägten Aussage: "Ich will ihre Frauen!"

     

    Il Mondo di Yor ist eine schräge, um nicht zu sagen kühne Mischung aus Barbarenabenteuer und Sci-Fi- Film und zugleich eine vergnügliche Prüfung für seine Zuschauer. Wenn man denn dem poetischen Zauber Antonio Margheritis aufgeschlossen gegenüber steht. Denn hier verlässt der versierte Meister einmal seine bewerten Söldner-Baustellen und gibt auf einem ungewohnt naiven Conan-Trashspielplatz rücksichtslos Vollgas. Yor ist sein Beitrag zum Schwarzenegger-Franchise und besitzt eine ganz entzückend unverbraucht majestätische Monumentalität. Marhgeriti lässt die Kulissen aus Die dunkle Macht des Sonnengottes dieses Mal von stark behaarten Riesen- Hühnchenkeulen verzerrenden Neandertalern bevölkern. Wie man sich denken kann haben diese Primaten viele schlechte Angewohnheiten. U. a. die Unsitte sich nicht die Hände zu waschen bevor man sich dem weiblichen Geschlecht nähert. Das sie jedes nicht zu ihrem Stamm gehörende männliche Lebewesen umgehend mit Keule oder Streitaxt totschlagen, erklärt sich wohl von selbst, gehört es schließlich zur dramaturgischen Grundausstattung des modernen und unmodernen Genrekinos. Reb Brown, welcher durch sein nicht müde werdendes Grinsen sowie sein falsches blondes Haarteil und seinen Lendenschutz permanent ein paarungsbereites Rieseneichhörnchen in der Brumpft nachahmt, ist ständig herausgefordert den brachialen Methoden von Ukans Heerscharen entgegenzuwirken. Dazu legte er seine Rolle so an, als wäre Einer gegen das Imperium eine Komödie. Womit er eigentlich auch goldrichtig liegt. Eigentlich, denn auch diese Komödie ist eine todernste Angelegenheit.

     

    Yor, über dessen Personalie ein um seinen Hals hängendes Amulett mehr verdunkelt als Aufschluss zu geben, wurde wohl als Kind im Wald ausgesetzt und war gezwungen sich alle lebensnotwendigen Dinge selbst beizubringen. Wie z. B. Jagen, Kämpfen, Mathe, Englisch, rückwärts Einparken usw. Und so plagen ihn Identitätskrisen, die er mit der Suche nach seiner Herkunft zu kompensieren versucht. Das Yor auf diesem Selbstfindungstrip irgendwann einen Heizungskeller entdeckt, in dem ein despotischer John Steiner (der sich buchstäblich in Luft auflösen kann) sein sinisteres Unwesen treibt, macht diesen Film natürlich zu etwas sehr Besonderem. Wie so unendlich viele weitere Ideen die man über Il Mondo di Yor verraten kann. Z. B. mit welchem unbekümmerten Selbstverständnis die bezaubernde Corinne Clery aus Carlo Lizzanis Kleinhoff Hotel durch dieses filmische Experiment wandelt, oder das die Außerirdischen alle aussehen wie Helmut Berger mit 29, und die wunderbare Synchro, welche solch gestaltende Ideen wie "...Vorsicht, der tödliche Nachtvogel!" zum Besten gibt. Die Beispiele würden zwei Filme füllen können.

     

    Wehmut: Dieser Film (glaubt es oder lasst es) hatte 1984 einen deutschen Kinostart. Ein besonderes Lob an den Alemannia Filmverleih, welcher hoffentlich schon bald vom Papst heilig gesprochen werden wird. Was für eine wundervoll entspanntes Zeitalter die 80er gewesen sein mögen? Eine kulturelle Hochphase menschlichen Schaffens.

     

    Wer von sich behauptet Kino zu lieben, muss Il Mondo di Yor gesehen haben, sonst hat er eigentlich gar nichts gesehen! Und wer nach diesem Fest der Sinne dieses Medium noch genauso liebt, hat die Prüfung bestanden und ist bereit für ein höheres Level, z.B. einen Luigi Batzella-Film. Aber Vorsicht, es kann auch schief gehen... Man sollte es drauf ankommen lassen.

  • Autor: Michael Cholewa
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