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Don't Torture a Duckling

Italien, 1972

  • Originaltitel: Non si sevizia un paperino
  • Alternativtitel:

    Angustia de silencio (ESP)

    La longue nuit de l'exorcisme (FRA)

  • Regisseur: Lucio Fulci
  • Kamera: Sergio D'Offizi
  • Musik: Riz Ortolani
  • Drehbuch: Gianfranco Clerici, Lucio Fulci, Roberto Gianviti
  • Inhalt:

    In einem kleinen italienischen Bergdorf verschwindet ein Junge spurlos, ebenfalls bringen die Recherchen der Polizei, sowie des angereisten Reporters Martelli (Tomas Milian) nichts, bis sich ein anonymer Erpresser mit einer lächerlichen Lösegeldforderung meldet. Dieser wird als der stadtbekannte Dorftrottel entlarvt und geht den ermittelnden Beamten nach misslungener Geldübergabe ins Netz, führt diese zur Leiche und wird in Untersuchungshaft gesteckt. Denn mit dem Tod des Jungen, so beteuert er, hätte er nichts mit zu tun - lediglich die gefundene Leiche wurde von ihm begraben und aus dieser Situation, wollte er Kapital schlagen. Als sich aber weitere Kindermorde ereignen, stehen die Polizei und Martelli wieder am Anfang ihrer Untersuchungen. Wer ist dieser geheimnisvolle Meuchler und warum hat er es auf die Knaben abgesehen?

  • Autor: Tobias Reitmann
  • Review:

    Da hat Altmeister Lucio Fulci mal wieder voll ins Schwarze getroffen - denn sein Entwurf dieses Kriminalfilms, geht weit mehr über die üblichen Genre-Grenzen hinaus und überrascht mit einem gar nicht so versteckten Nihilismus. Denn die Verlagerung in das abgelegene Bergdorf, läßt auch die Uhren der damaligen Gesellschaft zurückdrehen. Und genau da setzt Fulci an, denn die Brisanz des Plots ist unmittelbar mit der Dynamik seiner hervorgerufenen Gesellschaftskritik verbunden und rückt damit die archetypischen Genre-Merkmale arg in den Hintergrund.

     

    Ebenfalls kann ein ordentlicher Cast überzeugen, wobei Florinda Bolkan als Dorfhexe wohl allen die Show stehlen dürfte und auch wenn sie einen von der Gesellschaft verachteten und missverstandenen Charakter spielt, so fühlt man als Zuschauer wohl am ehesten mit ihr mit. Mit Tomas Milian als Reporter Martelli wurde auch ein alter Bekannter von Fulci ins Boot geholt, schliesslich arbeiteten beide schon zusammen an "Die Nackte und der Kardinal". Allerdings bleibt seine Rolle bewusst blass, nur gegen Ende wird ihm mehr Screentime eingeräumt, aber durch seine Unscheinbarkeit, trotz des Herzens am rechten Fleck, wird er kein uneingeschränkter Sympathieträger und das scheint mir auch so beabsichtigt zu sein, denn Milian mimte zwar schon oft zuvor die Rolle des Helden, allerdings tritt an dieser Stelle aber wieder Fulci's Idee in den Vordergrund, keinen offensichtlichen Protagonisten für Wohlbehagen zu etablieren, selbst die betroffenen Kinder, welche im Film ein bedauernswertes Schicksaal ereilt, werden nicht als makellos dargestellt - es wird geraucht, gespannt, geflucht, gelogen und auch vor Tierquälerei scheint es keine Zurückschreckung ihrerseits zu geben. Zum restlichen Cast gesellen sich noch die wunderschöne Barbara Bouchet als undurchsichtige Lebedame, Marc Porel als junger Dorfpfarrer, sowie Irene Papas als seine Mutter. Aber auch die restlichen Nebendarsteller hauchen diesem Film ein gewisses Leben ein, denn die Dorfbewohner agieren weitab von Modernität und tragen somit zur Authenzität erheblich bei.

     

    Ein weiter Pluspunkt ist der hervorragende Score von Riz Ortolani, welcher mit einer Geschmeidigkeit ins Ohr dudelt und gleichermaßen schwelgend, wie melancholisch klingt und auch wenn Fulci in zwei Szenen die Gewaltschraube etwas anzieht, so wird die graphische Härte, welche sich zwar in den Köpfen der Zuschauer einprägt - aber zu keinem Zeitpunkt den Selbstzweck überschreitet, sofort von ihr gedämpft, während der Dramatik dadurch freien Lauf gelassen werden kann. Definitiv eine der schönsten Klanguntermalungen für einen italienischen Genrefilm.

     

    Für die wunderschönen Landschaftsaufnahmen zeichnet sich übrigens Kameramann Sergio D'Offizi verantwortlich, welcher später noch unzählige Werke (darunter auch Ruggero Deodato's "Cannibal Holocaust") mit seiner Präzision und dem Gespühr für schöne Bilder veredelte. Aber ganz besonders hier wird der Gewinn seines Könnens sichtbar, denn das Dorf und die umliegende Bergwelt ist mit solch einer Unschuldigkeit eingefangen worden, welche total konträr zum eigentlichen Plot steht und auch hier kann man sich als Zuschauer in einige Aufnahmen bedingungslos verlieben und dadurch in die damalige Zeit zurückversetzen lassen.

     

    Bleibt meinerseits zum Abschluss nur noch festzustellen, das mir dieser Film aus Fulci's Oeuvre wohl am besten gefällt und ich ihn, trotz großer Liebe und Hingabe zu seinen früheren/späteren Werken, definitiv auf eine Sonderposition verweise. Zu sehr konnte "Don't Torture A Duckling" Sichtung für Sichtung an Klasse dazugewinnen und reifen. Das schönste Geschenk an mich wurde allerdings von den Nürnberger Filmbuben gemacht, welche diesen (hierzulande leider noch etwas unbekannten) Klassiker von einer strahlenden 35mm-Kopie, zum Opening des 2. Terza Visione-Festivals, über den grossen Screen flimmern ließen - vielen Dank für dieses Erlebnis!

  • Autor: Tobias Reitmann
  • Review:

    Einige Jahre bevor Lucio Fulci 1979 mit „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ den bombastischen Paukenschlag der italienischen Zombiewelle lostrat, schuf er mit „Don´t Torture a Duckling“ ein Sittengemälde voller sexueller Frustration, Ausweglosigkeit und Isolation. Eine Parabel voller unterdrückter Gewalt und angestauter Aggressionen.

    Inmitten der niemandsländischen Idylle voller geheucheltem Katholizismus (was man gegen Ende des Films sehen wird) und Scheinmoral geht das Grauen um. Die Dorfbewohner werden durch das Unheil der toten Knaben, welches über sie hereinbricht, aus ihrem monotonen Alltag herausgerissen. Falsche Verdächtigungen treffen natürlich nur die Schwachen und Ungeliebten, wie den zurückgebliebenen Guiseppe oder die aussetzige „Hexe“ Maciara. Dieses Maß an Heuchelei und Spießbürgertum lässt die sogenannten Gutbürger ihre eigene Dekadenz den sprichwörtlichen Spiegel vorhalten. Denn wie kann es sein, dass das „normal“ hart arbeitende Volk mit „normalen“ gesellschaftlichen und sozialen Konfessionen solch Greueltaten an ihren eigenen Kindern begehen könnte. Nein! Es müssen die Anderen, die Ausgestossenen oder Zurückgebliebenen sein, weil sie asozial scheinen und somit nicht ins Dorfleben passen. Diesen zusammengepferchten, beschnittenen Gedanken aus Scheinheiligkeit und Misstrauen ist es zu verdanken, dass in der Hälfte des Films die angestaute Wut eskaliert. In einem beispiellosen Akt der Gewalt wird die „Hexe“ sterben, als Opferlamm, als ein weiblicher Jesus Christus, für die Sünden der Dorfgemeinschaft. Die Täter foltern zu schnittiger Popmusik aus dem Autoradio. Sie zelebrieren den Gewaltakt als eine Art Befreiung und peinigen ihr Opfer, um sich selbst reinzuwaschen. Mit jedem Schlag verschwindet eine weitere Sünde. Voller Genuss rast die Eisenkette auf das Opfer nieder, zerschneidet das Fleisch. Zurück bleibt eine klaffende Wunde. Es scheint als empfange die geschändete Maciara die Folter voller Wohlwollen. Sie weiß, dass sie sterben wird, nimmt es hin und akzeptiert es. Sterbend schleppt sich Maciara, nachdem die Täter verschwunden sind, an den Rand einer Schnellstraße, die über das Dorf führt. Diese ist Sinnbild der Zivilisation. Sie markiert die Grenze zwischen Abgeschiedenheit und Rückständigkeit des Dorfes hin zur Weltoffenheit der Moderne. Autos fahren an der sterbenden Maciara vorbei, beachten sie nicht. Sehen sie nicht. Wollen sie nicht sehen. Die Ignoranz der fortschrittlichen Welt läßt sie qualvoll sterbend zurück.

    Diese Szene hat mich nachhaltig beeindruckt. Einmal gesehen, bleibt sie haften. Man kann Fulci vieles vorwerfen, aber nicht, dass er es nicht schafft, jemanden nachhaltig in seinen Bann zu ziehen. Das Interessante an Fulci ist, dass jeder seine eigene kleine Geschichte zu oder über ihn erzählen kann. Denn Fulci prägt sich ein und verändert die Sehgewohnheiten. So geht es mir und so werden es wahrscheinlich die meisten empfinden, wenn sie Fulci genauso schätzen wie ich. Ich will nicht viel über den „Meister“ schreiben, denn ich glaube, über ihn wurde schon alles gesagt, was es zu sagen gibt.

     

    Florinda Bolkan spielt die Rolle der „Hexe“ Maciara nahezu perfekt. Diese Frau hat, meines Erachtens, eine schier unglaubliche Leinwandpräsenz. Sie spielt dezent, mit einer zarten Melancholie und besitzt trotzdem eine hypnotische Wucht, dass es mir Freudentaumel bereitet, sie auf dem Bildschirm zu sehen. Sei es „A Lizard in a Womans Skin“, wo sie eine reiche, sexuell frustrierte Frau spielt. Auch hier führte Lucio Fulci Regie, und zwar ein Jahr vor „Don´t Torture a Duckling“. Dieser zählt, wie der hier vorliegende, zu seinen frühen Meisterwerken seiner mittleren Schaffensphase. Leider gibt es diesen Film noch nicht in Deutschland auf DVD oder Blu Ray. Eine vernünftige Edition hierzulande wäre mal lobenswert. Verdient hätte es der Film allemal! Oder „ Flavia – Leidensweg einer Nonne“ unterstreicht einmal mehr ihre immense Leinwandpräsenz. Meines Erachtens der beste Nunploitationfilm, den ich kenne. Der deutsche Titel nimmt die Story des Films vorweg. Dieser Streifen ist gespickt mit punktuell eingewobenen, surrealistischen Momenten, die sehr ungewohnt sind für einen Exploitationfilm. Florinda Bolkan wurde in Brasilien geboren und wurde 1967 von Luchino Visconti zur Schauspielerei gebracht. Er hat sie dann ein Jahr später in „Die Verdammten“, an der Seite von Helmut Berger, dem ersten Teil der „Deutschentrilogie“ besetzt. Unter anderem hat sie ein Kochbuch gechrieben und eine Hilfsorganisation für Kinder geleitet.

    Die Rolle des Reporters übernahm Tomas Milian, vielen bekannt aus diversen Italowestern und Polizeifilmen. Er spielte unter anderem für Lina Wertmüller und Michelangelo Antonioni. Seine Rolle als Andrea Martelli leistet er souverän und solide ab und hat entweder immer eine Kippe zwischen seinen Lippen, über die ein prächtiger Pornobalken trohnt, oder eine Zigarettenschachtel in seiner Brusttasche, wo sie jederzeit zur Suchtbefriedigung parat liegt. Milian spielte bereits 1969 unter Fulci in „Die Nackte und der Kardinal“ den heimlichen Geliebten der Beatrice Cenci, die gefoltert wird und letztendlich einer Hinrichtung zum Opfer fällt.

    Marc Porel spielt die Rolle des Priesters Alberto Avallone. Dieser ist in „Don't Torture a Duckling“ der Inbegriff der Kirchenkritik. Mit seinem milchbübischen Gesicht täuscht der Priester die gesamte Dorfgemeinschaft. Das hingebungsvolle Vertrauen, dass die heranwachsenden Kinder ihm geben wird in einem Disaster enden. Marc Porel war ein französischer Schauspieler, der wegen seines smarten, unschuldigen Aussehens oft in Rollen des Schönlings besetzt wurde. Er spielte zum Beispiel neben Jean Gabin und Alain Delon in „Der Clan der Sizilianer“ und in Lucio Fulcis „Sieben schwarze Noten“.

    Zu erwähnen bleibt noch Barbara Bouchet , die die verführerische Patrizia spielt,eine Femme Fatale,die offenkundig pädophile Neigungen gegenüber den heranwachsenden Jungen zeigt und mit dem Spiel des Verbotenen selbst in den Verdacht gerät, die Mörderin zu sein. Für eine großartige Sequenz,in der sie nackt einem Jungen sexuelle Avancen macht, musste Fulci sich in einer Anklage vor Gericht verantworten, die sich aber als haltlos herausstellte, da die Szenen mit ihr und dem Jungen getrennt gefilmt und danach zusammengeschnitten wurden. Sie spielte die Tochter der Miss Moneypenny in der James Bond Persiflage „Casino Royale“.

    Die Musik stammt von Riz Ortolani, der von Ruggero Deodato für seinen „Cannibal Holocaust“ engagiert wurde und in diesem Film einen echten Ohrwurm schuf. Sein Titelsong „More“ aus der Pseudodoku „Mondo Cane“ wurde 1964 für den Oscar nominiert. Ortolanis Markenzeichen, eruptive, harte Gewaltakte mit zarter, feiner und melodiöser Musik zu unterlegen, ist legendär. Dies hat den Effekt von Gegensätzlichkeit und wirkt sehr verstörend auf den Zuschauer, sodass er sich besonders mit den Opfern identifizieren kann.

    Ein großer Glücksgriff Fulcis war es, den Film in den meisten Nebenrollen mit Laiendarstellern zu besetzen. Ob das aus künstlerischen Aspekten oder aus Geldnot geschah, sei dahingestellt. Fest steht, dass es dem Film ein authentisches Flair gibt. Pasolini lässt grüßen!

     

    Eigenartigerweise wird der Film zum Genre des Giallo gezählt, was ich persönlich nicht verstehe, da die typischen Ingredenzien fehlen, die einen Giallo ausmachen. „Don't Torture a Duckling“ ist eher ein Sittengemälde, als ein Giallo, voller Andeutungen und unterschwelligen, unterdrückten Aggressionen, die explosionsartig hervorbrechen und den Zuschauer schockieren. Ein Film voller Scheinheiligkeit und sozialer Inkompetenz. „Don't Torture a Duckling“ ist ein Meisterwerk, gar keine Frage! Fernab seiner berüchtigten „Unholy Five“, die mit „Woodoo-Die Schreckensinsel der Zombies“ 1979 begannen und mit „Der New York Ripper“ 1982 das Schlusslicht bildeten, fristete dieser Film völlig zu Unrecht seine Daseinsberechtigung im Untergrund. In gewissen Kreisen hatte er Kultstatus. Dies natürlich völlig zu Recht!

    Eines noch zum Abschluss! Im besagten „New York Ripper“ gibt es einen Querverweiß auf Donald Duck, der in „Don't Torture a Duckling“eine kleine, aber gewichtige, Rolle spielt. Zuviel verraten wird aber nicht. Spoilern würde diesem Streifen einiges vorwegnehmen!

    Mein Fazit: Ein wahrhaftes Meisterwerk, das sich zu entdecken lohnt.

  • Autor: Jan Tempelhof
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