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Django

Italien | Spanien, 1966

  • Alternativtitel:

    A Fistful of Dollars Part 2 (JAP)

    Jango (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 02. November 1966
  • Regisseur: Sergio Corbucci
  • Kamera: Enzo Barboni
  • Musik: Luis Bacalov
  • Drehbuch: Sergio Corbucci, Bruno Corbucci, Franco Rossetti, José Gutiérrez Maesso, Piero Vivarelli
  • Inhalt:

    Ein kleines mieses Nest an der mexikanischen Grenze, irgendwo im Niemandsland zwischen Arsch und Eimer, wird von 2 Banden terrorisiert. Da ist einmal die Bande des Colonel Jackson, die Ku-Klux-Clan-mäßig mit roten Tüchern vermummt Mexikaner zum Scheibenschießen hernimmt, und zum anderen die Mexikaner um General Hugo, die alles hassen was wie ein Gringo aussieht. In diese herzige Welt kommt ein Fremder der sich Django nennt. Django zieht einen Sarg hinter sich her. Er redet nicht viel. Und er zieht verdammt schnell.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Manchmal gibt es Filme die Grenzen verschieben. Diese Filme sind relativ selten, vor allem weil es nicht einfach zu definieren ist ob und wann ein Film erfolgreich(!) eine Grenze verschoben hat. IN DER HITZE DER NACHT ist sicher so ein Film, da hier der Rassenhass zwar nicht zum ersten Mal thematisiert wurde, das Sujet durch den Erfolg des Films aber eine breitere Öffentlichkeit erreicht und eine Diskussion losgetreten hat. Fortan konnten Schwarze im Film endlich andere Rollen darstellen als die üblichen Hausangestellten oder Jazzmusiker. Dann gab es DIRTY HARRY, der durch die Ambivalenz des Hauptcharakters eine Grenze in der Darstellung weißer Polizeiarbeit verschoben hat, vor allem im Hinblick auf das Nichteinhalten der für die Anderen gültigen Gesetze. Und in Deutschland dürfte auch der erste SCHULMÄDCHENREPORT dazugehören, der für die mehr oder weniger erotische Darstellung nackter Menschen Pionierarbeit geleistet hat.

     

    Und dann war da noch DJANGO. Im Jahr 1966 hatte sich der (Euro-) Western durch Sergio Leones Vorarbeit schon einigermaßen von den US-amerikanischen Vorbildern lösen können, aber die Grundprägung war im cineastischen Sinne immer noch konservativ. Zwar hat Clint Eastwood in FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR auch schon mal einen Verletzten erschossen (und zwar ohne das Gesicht zu verziehen und ohne zu zögern), aber immerhin es ging ja um die Befreiung einer Frau. Auch hat er in letzter Konsequenz Geld dafür genommen die Stadt zu befrieden, was ihn zumindest moralisch ein wenig in die Nähe eines Sheriffs brachte.

    Doch dann kam Django. Django ist nicht mehr leicht und ironisch wie der Leone’sche Held, er ist abgrundtief schwarz und hasserfüllt. Er ist der personifizierte Tod, und wenn er sein Maschinengewehr auf die Leute von Jackson richtet kann man tatsächlich so etwas wie Befriedigung auf seinem Gesicht sehen. So einen Helden hatte es bis dato noch nicht gegeben, und man kann durchaus die Frage in den Raum stellen, ob es im Mainstream bis zu Hannibal Lector jemals wieder so einen Helden gab. DJANGO machte aus dem Western, der mit amerikanischen Wurzeln in Italien produziert wurde, erst den eigentlichen Italo-Western. Erst jetzt wurden die Protagonisten fies und abgründig, erst jetzt wurden die Stories zunehmend nicht nur um Geld sondern auch um Rache gesponnen, und die Rache selber wurde immer bitterer, finsterer und schmutziger.

    Auch in der Darstellung von Gewalt war DJANGO ein Meilenstein. Da wird einem Mann ein Ohr abgeschnitten das er dann essen muss bevor er erschossen wird. Eine Frau wird lang und genüsslich ausgepeitscht, bevor ihre Folterknechte ebenfalls in Großaufnahme erschossen werden. Und wenn gegen Ende Djangos Hände im Breitwandformat und ohne Abblende zu Brei zerschlagen werden, dann scheint sich dem Zuschauer ein Blick in die Hölle aufzutun.

     

    Anders als manche andere Filme genügt sich DJANGO aber nicht in der Aneinanderreihung von Gräueltaten. Im Gegenteil, jede Brutalität wird in den Zusammenhang mit der Handlung gestellt und so mit einem Kontext versehen. Nicht nur mit einem handlungsbezogenen und damit vordergründigen Kontext, sondern auch mit einem sehr deutlichen und unübersehbarem Kommentar in Richtung der Tagespolitik, der herrschenden Klasse und der Kirche. Das heißt der Zuschauer muss sich nicht einmal schäbig fühlen und sich diese Bilder mit einem schlechten Gewissen antun, sondern er bleibt durch eine gut erzählte, oftmals schwarzhumorige und spannende Handlung gefesselt, er will wissen wie es weitergeht, und gleichzeitig wird dabei noch sein Intellekt angesprochen. Und das alles so ganz ohne das Gefühl des Schmutzes. Hier zeigt sich dann die wahre Meisterschaft des Films: DJANGO unterhält spannend, bitterböse und zynisch, gibt durch den Rassismus der Jackson-Leute sowie die fast industrialisierte und entmenschlichte Art des Tötens fast im Vorbeigehen ein Statement zur Lage der Welt ab, verschiebt die Grenzen des Mainstream-Kinos, löst durch seinen immensen Erfolg eine unendlich erscheinende Welle von Nachzüglern aus (bis hin zu einem wirklich komischen Sketch in der 70-er Jahre Comedy-Show Klimbim), und sorgt innerhalb des eigenen Filmgenres für eine klare Ansage: Ab sofort ist Schluss mit Lustig, jetzt zieht die dreckige Realität in den Western ein.

     

    Oder anders ausgedrückt: Wenn es ein Wildwestfilm aus dem Jahr 1966 schafft in Großbritannien für 25 Jahre verboten zu bleiben, dass heißt das schon einiges. Nicht nur in Bezug auf die Gewaltdarstellung, sondern eben und gerade auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

     

    Trotzdem, und das ist für den immensen Erfolg des Filmes ausschlaggebend, trotzdem ist DJANGO in erster Linie ein Genrefilm, der spannend und ansprechend unterhält. Vergnügt sehen wir einem harten Loner mit zynischem Humor dabei zu wie er eine Rache ausführt. In allen erzählenden Kunstformen ist dies eine alte und immer gerne genossene Geschichte, gleich ob es dabei um die Nibelungen geht, um den Grafen von Monte Christo oder um ein Duell um 12 Uhr Mittags. Egal ob die Erzählung am Kaminfeuer geschildert, in einem Buch geschmökert oder auf einer Leinwand gesehen wird, der Ablauf einer Rache fasziniert uns bis heute. Und mal ganz ehrlich, in Bezug auf den Bodycount hinkt Django den Nibelungen um einiges hinterher. Aber so weit ich weiß sind die Nibelungen in Großbritannien nie verboten worden …

     

    Über DJANGO ist sehr vieles geschrieben worden, und es sollte ein leichtes sein mit den Texten über DJANGO ein ganzes Buch zu füllen, welches ganz bestimmt auch hochinteressant und spannend zu lesen wäre. Aber irgendwo frage ich mich da, warum man eigentlich über einen Film wie DJANGO nicht einfach nur schreiben kann: “Gigantisch! Absolute Pflicht für jeden Filmfreund im Allgemeinen und für jeden Western-Fan im Besonderen!“ Warum muss sich jeder Text über DJANGO absatzweise in Erläuterungen über Hintergründe, Kontexte, Subtexte und zeitgenössische Querverweise verlieren? Hängt das vielleicht damit zusammen, dass in diesem Film eben so viel mehr drinsteckt als nur der besagte harte Loner mit zynischem Humor? Dass der riesige Erfolg eines vordergründig gesehen dreckigen Baller-und Metzelfilms eben auch irgendwie begründet werden muss? Oder dass das Verschieben von filmischen Grenzen ein so seltener Vorgang ist, der unbedingt erforscht werden muss?

     

    Ich bin kein Filmwissenschaftler, ich bin nur ein filmbegeisterter Maulwurf, der das Glück hatte DJANGO bereits im Kino sehen zu können, und der den Bildern und der Geschichte dieses Films rettungslos verfallen ist. Und der versucht, seine Begeisterung in Worte zu fassen in der Hoffnung, den ein oder anderen vielleicht damit anstecken zu können.

     

    Wenn ich auf eine einsame Insel nur 10 Filme mitnehmen dürfte, DJANGO wäre auf jeden Fall dabei.

  • Autor: Maulwurf
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